Windy City Blues

Vic Warshawski Kriminalgeschichten
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 287 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98384-6 (ISBN)
 

Neunmal Vic Warshawski in Hochform!

Neun Kriminalgeschichten aus Chicago: eine Stadtbesichtigung der eher mörderischen Art an der Seite von Vic Warshawski, die mit den Haien schwimmt, nichts mehr liebt als die Gerechtigkeit und die sich gnadenlos der Wahrheit opfert.

»Zuallererst und vor allem bin ich eine Geschichtenerzählerin. Bücher, die ihren Gegenstand erst erklären müssen, sind langweilig und reizlos.« Sara Paretsky

  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 4,19 MB
978-3-492-98384-6 (9783492983846)
Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Noten


I


Gabriella Sestieri aus Pitigliano.

Bitte setzen Sie sich mit dem Büro von Malcolm Ranier in Verbindung, wenn Sie etwas über ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort wissen.

 

Ich las beim Frühstück den Herald-Star, als mir die Anzeige ins Auge sprang. Ganz vorsichtig stellte ich meinen Kaffee auf den Tisch, langsam wie in einem Traum. Ich machte die Zeitung zu, ebenfalls ganz langsam, dann schlug ich sie wieder auf. Die Anzeige war immer noch da. Ich buchstabierte die Überschrift für den Fall, daß ich unbewußt einen anderen Namen gelesen hatte, aber der Text blieb derselbe. Mehr als eine Gabriella Sestieri aus Pitigliano konnte es nicht geben - meine Mutter, die im Alter von sechsundvierzig Jahren 1968 an Krebs gestorben war.

»Wer könnte sie nach all den Jahren noch suchen?« dachte ich laut.

Peppy, die Golden-Retriever-Hündin, die ich mir mit meinem unteren Nachbarn teilte, hob mitfühlend eine Augenbraue. Wir waren an jenem trüben Novembermorgen gerade vom Joggen zurückgekommen, und Peppy wartete auf ihr Fressen.

»Ihr Vater kann's nicht sein.« Er hatte nach sechs Monaten in einem deutschen Konzentrationslager den Verstand verloren und weigerte sich zu glauben, daß Gabriella tatsächlich gestorben war, als mein Vater ihm dies schriftlich mitteilte. Ich hatte den Brief übersetzen müssen, in dem es hieß, er selbst sei zu alt zum Wegfahren, wünsche aber Gabriella alles Gute für ihre Konzertreise. Wenn er noch lebte, war er mittlerweile fast schon hundert.

Vielleicht suchte Gabriellas Bruder Italo nach ihr; er war in den Kriegswirren verschwunden, aber Gabriella hatte immer gehofft, daß er überlebt hatte. Oder ihre erste Gesangslehrerin Francesca Salvini, die Gabriella so gern wiedergesehen hätte, um ihr zu erklären, warum sie nie das geworden war, was diese sich von ihr erhofft hatte. Als Gabriella mit allen möglichen Kanülen an ihrem ausgezehrten Körper im Jackson Park Hospital lag, hatte sie nur noch eine letzte Botschaft für mich und Francesca Salvini. Heute morgen wurde mir zum erstenmal klar, wie sehr das meinen Vater verletzt haben mußte. Er liebte meine Mutter abgöttisch, doch sie hatte ihn nur gern wie einen alten Freund.

Jetzt merkte ich, daß meine Hände schweißnaß waren und daß die Zeitung feucht an meinen Handflächen klebte. Mit einem verlegenen Lächeln legte ich das Blatt weg und wusch mir die Druckerschwärze an der Küchenspüle von den Fingern. Wie lächerlich, Mutmaßungen anzustellen, wenn ich bloß Malcolm Ranier anzurufen brauchte. Ich ging ins Wohnzimmer und suchte unter den Papieren auf dem Klavier nach dem Telefonbuch. Offenbar war Ranier Anwalt und hatte seine Kanzlei in der La Salle Street, am nördlichen Ende, wo sich die teueren neuen Gebäude befanden.

Anscheinend hatte er keine Partner. Die Frau, die sich am Telefon meldete, erklärte mir, sie sei die Assistentin von Mr. Ranier und mit all seinen Akten vertraut. Mr. Ranier könne im Augenblick nicht selbst mit mir reden, weil er in einer Besprechung sei. Oder vor Gericht. Oder auf dem Klo.

»Ich rufe wegen der Anzeige in der heutigen Zeitung an. Sie wollen wissen, wo Gabriella Sestieri sich im Moment aufhält.«

»Würden Sie mir bitte sagen, wie Sie heißen und in welchem Verhältnis Sie zu Mrs. Sestieri stehen?«

»Das sage ich Ihnen gern, wenn Sie mir sagen, wieso Sie sie suchen.«

»Es tut mir leid, aber ich darf telefonisch keine Auskunft geben. Wenn Sie mir mitteilen, wie Sie heißen und was Sie über Mrs. Sestieri wissen, melden wir uns jedoch wieder bei Ihnen, nachdem wir die Angelegenheit mit unserem Mandanten besprochen haben.«

Dieses Gespräch hätte gut und gerne den ganzen Tag so weitergehen können. »Möglicherweise ist die Person, nach der Sie suchen, nicht mit der identisch, die ich kenne, und ich möchte den Privatbereich ihrer Familie nicht verletzen. Ich habe heute morgen einen Termin in der La Salle Street; ich könnte bei Ihnen vorbeikommen und die Sache mit Mr. Ranier besprechen.«

Schließlich erklärte mir die Frau, Mr. Ranier habe um halb eins zehn Minuten Zeit. Ich gab ihr meinen Namen und legte auf. Danach hämmerte ich auf mein Klavier ein, als könnten die Töne meine aufgewühlten Gefühle besänftigen. Ich konnte nicht genau sagen, ob ich gewußt hatte, wie krank meine Mutter in den letzten sechs Monaten ihres Lebens gewesen war. Hatte sie es mir gesagt, und ich konnte - oder wollte - es nicht verstehen? Oder hatte sie beschlossen, mich vor diesem Wissen zu schützen? Normalerweise enthielt mir Gabriella schlechte Neuigkeiten nicht vor, aber vielleicht hatte sie mir die schlimmste aller Nachrichten, die von unserer baldigen Trennung, doch verschwiegen.

Warum hatte ich das Singen nie geübt? Zumindest das hätte ich für sie tun können. Ich hatte eine ganz brauchbare Altstimme - nach Gabriellas hohen Maßstäben nichts Besonderes -, und meine Mutter bestand natürlich darauf, daß ich mir musikalische Kenntnisse aneignete. Ich erhob mich und begann mit ein paar Stimmübungen, dann plötzlich verspürte ich den heftigen Wunsch, die Noten meiner Mutter zu finden, die alten Hefte, aus denen ich immer hatte üben müssen.

Ich suchte im Flurschrank nach dem Schrankkoffer, im dem sich ihre Bücher und Hefte befanden. Endlich entdeckte ich ihn im hintersten Winkel unter einem Karton mit alten Aktenordnern, einem Baseballschläger und einer Schachtel mit Kleidungsstücken, die ich nicht mehr anzog, aber auch noch nicht weggeben wollte. Ich setzte mich traurig auf den Boden, mit einem Gefühl, als hätte ich Gabriella so tief begraben, daß ich sie nicht mehr wiederfinden konnte.

Peppys Jammern holte mich in die Gegenwart zurück. Sie war mir zum Flurschrank gefolgt und stupste mich mit der Nase am Arm. Ich streichelte ihre Ohren.

Irgendwann wurde mir klar, daß ich die Beziehung zu meiner Mutter mit Dokumenten belegen mußte, wenn jemand tatsächlich nach ihr suchte. Ich stand vom Boden auf und zerrte den Schrankkoffer in den Flur. Ganz obenauf lag das schwarze Abendkleid aus Seide, das sie immer zu ihren Auftritten getragen hatte: Ich hatte vergessen, es in Seidenpapier einzuwickeln und ordentlich zu lagern. Schließlich fand ich die Heiratsurkunde meiner Eltern und Gabriellas Sterbeurkunde in der Partitur von Don Giovanni.

Als ich die Partitur wieder in den Schrankkoffer zurücklegte, flatterte ein weiteres altes Kuvert heraus. Ich nahm es in die Hand und erkannte Mr. Fortieris steile Handschrift. Carlo Fortieri reparierte Musikinstrumente und hatte früher Noten verkauft. Wenn Gabriella italienisch reden, sich über Musik unterhalten oder Rat einholen wollte, ging sie zu ihm. Aus Zuneigung zu ihr stimmte er noch immer manchmal mein Klavier.

Als Gabriella ihn kennenlernte, war er schon seit Jahren Witwer und hatte genau wie sie eine Tochter. Gabriella meinte, ich solle mit ihr spielen, während sie selbst sang oder sich mit Mr. Fortieri über Musik unterhielt, aber Barbara war mindestens zehn Jahre älter als ich, und wir hatten uns nie viel zu sagen.

Ich holte das vergilbte Papier aus dem Umschlag. Die Worte darauf waren italienisch, und es fiel mir schwer, sie zu entziffern, aber offenbar stammte der Brief von 1965.

Mr. Fortieri redete meine Mutter als »Cara signora Warshawski« an und sprach sein Bedauern darüber aus, daß sie ihr Konzert vom 14. Mai absagen mußte. »Natürlich werde ich Ihre Wünsche respektieren und niemandem den wahren Grund Ihrer Indisposition verraten. Und, cara signora, Sie sollten mittlerweile wissen, daß ich vertrauliche Mitteilungen von Ihnen als heilig erachte: Sie brauchen keine Angst vor einer Indiskretion meinerseits zu haben.« Er hatte mit seinem vollen Namen unterschrieben.

Ich machte mir Gedanken darüber, ob er der Liebhaber meiner Mutter gewesen war. Mein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken daran, daß sie die Grenzen ihrer Mutterrolle überschritten haben könnte, und ich steckte den Brief wieder ins Kuvert, nachdem ich ihn gefaltet hatte. Wahrscheinlich hatte mich vor fünfzehn Jahren dasselbe Gefühl dazu veranlaßt, die Notiz in die Partitur von Don Giovanni zu stecken. Da mir nichts Besseres einfiel, legte ich sie zurück in die Partitur und räumte alles wieder in den Schrankkoffer. Meine eigene Geburtsurkunde fand ich in einem anderen Karton. Inzwischen war es zu spät, um mich noch weiter meinen nostalgischen Gefühlen hinzugeben.

II


Malcolm Raniers Büro ging auf den Chicago River und die neuen Glas- und Marmorgebäude an seinem Ufer. Es war ein spektakulärer Blick - vorausgesetzt, man ignorierte den verbrannten Müll der Chicagoer West Side, die dahinter lag. Ich kam um Punkt halb eins an, bekleidet mit meinem guten schwarzen Kostüm und der weißen Crêpe-de-Chine-Bluse. Ich sah feminin, aber auch streng aus. Jedenfalls hatte ich das vor.

Raniers Assistentin/Empfangsdame war in Danielle Steel vertieft. Als ich ihr meine Visitenkarte reichte, merkte sie ohne allzugroße Eile ihr Buch ein und brachte meine Karte ins Büro ihres Chefs. Nach ungefähr zehn Minuten, die mir zeigen sollten, wie wichtig er war, kam Ranier höchstpersönlich heraus, um mich zu begrüßen. Er war rundlich und schwabbelig, vielleicht sechzig, und hatte graue Augen, die wie Kiesel über seinem angestrengt leutseligen Lächeln lagen.

»Ms. Warshawski. Wie schön, daß Sie hergekommen sind. Sie wollen uns also bei unserer Suche nach Mrs. Sestieri helfen.« Er sprach den Namen meiner Mutter italienisch aus, aber seine Stimme war genauso hart wie sein Blick.

»Ich möchte nicht gestört werden, Cindy«, sagte er und legte mir die Hand in den Nacken, um mich in sein Büro zu dirigieren.

Wir hatten noch nicht mal die Tür geschlossen, als Cindy sich bereits...

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