Tödliche Therapie

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98374-7 (ISBN)
 

Der vierte Fall für Vic Warshawski - ihr ausgeprägtes soziales Gewissen und ihre Allergie gegen Ungerechtigkeit lassen sie nicht ruhen

Notaufnahme - Vics Freundin stirbt! Kurze Zeit später wird ein Krankenhausarzt ermordet aufgefunden. Krankenhausunterlagen verschwinden auf mysteriöse Weise und vor dem Haus einer Ärztin finden seltsame Demonstrationen statt, die mit brutalen Ausschreitungen enden. Vic Warshawski muss ermitteln. Als ihr eigener Freundeskreis zunehmend in Gefahr gerät, greift Vic beherzt zur Pistole ...

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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 4,97 MB
978-3-492-98374-7 (9783492983747)
Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Jenseits von O'Hare


Die Hitze und die grelle Eintönigkeit der Straße brachte alle zum Schweigen. Die Julisonne flimmerte über McDonalds, Video King, Computerland, Burger King, einer Autohandlung und dem nächsten McDonalds. Ich hatte Kopfweh vom Verkehrslärm, von der Hitze und der Eintönigkeit. Keine Ahnung, wie es Consuelo ging. Als wir aus der Praxis kamen, war sie völlig überdreht gewesen, hatte andauernd geplappert über Fabianos Job, über das Geld, über die Ausstattung für das Baby.

»Jetzt wird Mama mich zu dir ziehen lassen«, hatte sie frohlockt und sich verliebt bei Fabiano untergehakt.

Bei einem Blick in den Rückspiegel konnte ich keinerlei Anzeichen von Freude auf seinem Gesicht erkennen. Fabiano war sauer. »Eine Flasche«, nannte ihn Mrs. Alvarado, die wütend war auf Consuelo, den Liebling der Familie, der sich ausgerechnet in so einen verliebt hatte, sich von ihm hatte schwängern lassen. Und sich entschieden hatte, das Kind zu bekommen . Consuelo, die immer streng beaufsichtigt worden war (aber man konnte sie schließlich nicht jeden Tag von der Schule nach Hause bringen), stand jetzt faktisch unter Hausarrest.

Nachdem Consuelo ein für allemal klargestellt hatte, daß sie das Kind auf die Welt bringen würde, hatte Mrs. Alvarado auf einer Hochzeit bestanden (in Weiß, in der Kirche zum Heiligen Grab). Aber sie hatte, nachdem der Ehre Genüge getan war, ihre Tochter bei sich zu Hause behalten: Fabiano lebte bei seiner Mutter. Es hätte alles ziemlich absurd gewirkt, hätte Consuelos Leben nicht eine gewisse Tragik aufgewiesen. Und um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, Mrs. Alvarado wollte weiteres Unglück vermeiden. Consuelo sollte sich nicht versklaven lassen von einem Kind und einem Mann, der nicht einmal versuchte, Arbeit zu finden.

Consuelo war vor kurzem mit der High-School fertig geworden - ein Jahr früher als üblich aufgrund ihrer hervorragenden Leistungen -, aber sie hatte keine echte Begabung. Trotzdem hatte Mrs. Alvarado darauf bestanden, daß sie studieren sollte. Als Klassenbeste, Schulball-Königin, Gewinnerin zahlreicher Stipendien sollte Consuelo ihre Möglichkeiten nicht für ein Leben in Knechtschaft und Ausbeutung wegwerfen. Mrs. Alvarado wußte, worauf es im Leben ankam. Sie hatte sechs Kinder großgezogen und zeit ihres Lebens als Kellnerin in der Cafeteria einer der großen Banken gearbeitet. Ihre Tochter, so hatte sie beschlossen, sollte Ärztin oder Rechtsanwältin oder Geschäftsführerin werden und die Alvarados zu Ruhm und Reichtum führen. Dieser maleante, dieser gamberro würde ihre glorreiche Zukunft nicht zerstören.

Das alles hatte ich schon zigmal gehört. Carol Alvarado, Consuelos ältere Schwester, arbeitete als Krankenschwester bei Lotty Herschel. Sie hatte Consuelo auf Knien angefleht, doch abzutreiben. Consuelos Gesundheitszustand war nicht gut; mit vierzehn hatte man ihr eine Gebärmutterzyste entfernt, und sie war zuckerkrank. Sowohl Carol als auch Lotty hatten versucht, Consuelo beizubringen, daß sie unter diesen Umständen mit einer Risikoschwangerschaft rechnen müßte, aber Consuelo war nicht zu überzeugen gewesen. Sechzehn, zuckerkrank und schwanger - das ist kein sehr erfreulicher Zustand. Ende Juli und in einem Auto ohne Klimaanlage nahezu unerträglich. Aber Consuelo, mager und krank, war glücklich. Sie hatte einen idealen Ausweg gefunden, um dem Druck und den maßlosen Erwartungen zu entkommen, die der Rest der Familie seit ihrer Geburt auf ihr ablud.

Jeder wußte, daß Fabiano nur deshalb Arbeit suchte, weil er Angst vor Consuelos Brüdern hatte. Seine Mutter schien absolut willens, ihn auf unbegrenzte Zeit zu unterstützen. Offenbar dachte er, wenn er die Dinge nur lange genug schleifen ließe, könnte er sich irgendwann aus Consuelos Leben davonstehlen. Aber Paul, Herman und Diego waren ihm den ganzen Sommer über im Nacken gesessen. Einmal hatten sie ihn verprügelt, wie mir Carol erzählt hatte, etwas besorgt, weil Fabiano lockere Verbindungen zu einer der Straßenbanden unterhielt, aber die Prügel hatten ihn immerhin dazu gebracht, Arbeit zu suchen. Und jetzt war Fabiano an was Brandheißem. Eine Fabrik in der Nähe von Schaumburg stellte ungelernte Arbeiter ein. Carol hatte einen Freund, dessen Onkel dort Manager war; er hatte zugestimmt, Fabiano zu helfen, wenn er zu einem Vorstellungsgespräch hinauskäme.

Carol hatte mich heute morgen um acht aufgeweckt. Es war ihr furchtbar unangenehm, mich zu belästigen, aber alles hing davon ab, daß Fabiano zu diesem Gespräch erschien. Sein Auto hatte den Geist aufgegeben - »dieser Mistkerl, wahrscheinlich hat er ihn selbst kaputtgemacht, nur damit er nicht fahren muß!« -, Lotty war zu beschäftigt, Mama hatte keinen Führerschein, Diego, Paul und Herman mußten arbeiten. »V. I., ich weiß, daß es eine Zumutung ist. Aber du gehörst fast zur Familie, und ich kann keine Fremden in Consuelos Geschichten hineinziehen.«

Ich hatte die Zähne zusammengebissen. Fabiano war einer dieser halb trüben, halb arroganten Typen, mit denen ich ständig als Pflichtverteidigerin konfrontiert gewesen war. Vor acht Jahren, als ich auf Privatdetektiv umsattelte, hatte ich gehofft, sie endgültig hinter mir zu lassen. Aber die Alvarados waren immer so überaus hilfsbereit - letztes Jahr an Weihnachten opferte Carol einen ganzen Tag und kümmerte sich um mich, nachdem ich ein unfreiwilliges Bad im Michigansee genommen hatte. Nicht zu vergessen, daß Paul Alvarado auf Jill Thayers Baby aufpaßte, als sie selbst in Lebensgefahr schwebte. Ich erinnerte mich an unzählige andere Gelegenheiten, wichtige und unwichtige - mit blieb nichts anderes übrig. Ich versprach also, sie mittags von Lottys Praxis abzuholen.

Die Praxis lag so nahe am See, daß eine Brise die unerträgliche Sommerhitze linderte. Aber als wir die Schnellstraße erreichten und auf die im Nordwesten gelegenen Vororte zufuhren, schlug uns schwüle Luft entgegen. Mein kleiner Wagen hatte keine Klimaanlage, und der heiße Wind, der durch die offenen Fenster hereinblies, dämpfte sogar Consuelos Begeisterung. Im Spiegel sah sie bleich und schlapp aus. Fabiano hatte sich in die andere Ecke des Rücksitzes verzogen mit der mürrischen Begründung, daß es zu heiß sei, um nahe beieinander zu sitzen. Wir kamen zu einer Kreuzung mit der Route 58.

»Hier in der Nähe müssen wir abbiegen«, sagte ich über die Schulter. »Nach rechts oder nach links?«

»Links«, brummte Fabiano.

»Nein«, sagte Consuelo. »Nach rechts. Carol sagte, vom Highway aus nach Norden.«

»Vielleicht solltest du mit dem Manager reden«, entgegnete Fabiano wütend auf spanisch. »Du hast den Termin für das Gespräch ausgemacht, du weißt den Weg. Traust du mir zu, daß ich allein reden kann oder willst du das auch noch übernehmen?«

»Tut mir leid, Fabiano. Bitte, entschuldige. Ich kümmere mich doch nur wegen dem Baby um alles. Ich weiß, daß du damit allein fertig wirst.« Er stieß ihre ausgestreckte Hand zurück.

Wir erreichten den Osage Way. Ich bog nach Norden ab und fuhr noch ungefähr zwei Meilen. Consuelo hatte recht gehabt: die Canary and Bidwell Farbenwerke lagen an dieser Straße in einem modernen Industriegebiet. Das niedere weiße Gebäude stand auf einer Grünfläche, zu der ein künstlicher See gehörte, sogar mit Enten drauf.

Bei diesem Anblick erwachte Consuelo zu neuem Leben. »Wie hübsch. Wie angenehm wird es für dich sein, hier zu arbeiten, mit den Enten und den Bäumen draußen.«

»Wie hübsch«, stimmte Fabiano sarkastisch zu. »Nach dreißig Meilen Fahrt in der Gluthitze bin ich unheimlich geil auf die Enten.«

Ich fuhr auf den Besucherparkplatz. »Wir werden zum See gehen während deiner Unterredung. Viel Glück!« Ich legte soviel Begeisterung wie möglich in diesen Wunsch. Falls er keine Arbeit fand, bevor das Baby kam, zog sich Consuelo möglicherweise von ihm zurück, ließ sich scheiden oder die Ehe annullieren. Trotz ihrer strengen moralischen Grundsätze würde sich Mrs. Alvarado um ihr Enkelkind kümmern. Vielleicht befreite die Geburt Consuelo von ihren Ängsten und verhalf ihr zu einem neuen Leben.

Sie wollte Fabiano zum Abschied küssen, aber er wandte sich ab. Sie folgte mir den Weg hinunter zum Wasser, ihr Siebenmonatsbauch machte sie schwerfällig und langsam. Wir setzten uns in den mickrigen Schatten der jungen Bäume und beobachteten schweigend die Enten. Daran gewöhnt, von Besuchern gefüttert zu werden, schwammen sie zu uns her und schnatterten hoffnungsvoll.

»Wenn es ein Mädchen wird, müßt ihr, du und Lotty, die Taufpaten sein, V. I.«

»Charlotte Victoria? Mit diesem Namen wird es das Kind nicht leicht haben. Du solltest deine Mutter fragen, Consuelo, das würde sie versöhnlicher stimmen.«

»Versöhnlicher? Sie glaubt, ich bin schlecht und vergeude mein Leben. Carol auch. Nur Paul ist nicht so . Was denkst du, V. I.? Glaubst du auch, daß ich schlecht bin?«

»Nein, cara. Ich glaube, du hast Angst. Sie wollten dich mutterseelenallein hinaus ins Leben schicken, damit du die Lorbeeren für sie gewinnst. Das ist schwer für einen allein.«

Sie hielt meine Hand wie ein kleines Mädchen. »Also, wirst du Taufpatin?«

Mir gefiel nicht, wie sie aussah - zu blaß, mit roten Flecken im Gesicht. »Ich bin nicht in der Kirche. Der Pfarrer wird da auch noch ein Wörtchen mitreden wollen. Ruh dich hier ein bißchen aus, ich fahre schnell zu einer Imbißbude und hol uns was Kaltes zu trinken.«

»Ich - bitte, bleib hier, V. I. Mit ist komisch, meine Beine sind so schwer . Ich glaube, das Baby kommt.«

»Das ist unmöglich. Du bist erst am Ende des siebten Monats!« Ohne zu wissen, worauf ich achten sollte, legte ich die Hand auf ihren...

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