Schadenersatz

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98371-6 (ISBN)
 

Der erste Einsatz für Powerfrau Vic Warshawski! Die Kultreihe um die toughe Detektivin jetzt im E-book

Ein Bilderbuchfall für Privatdetektivin Vic Warshawski: ein mysteriöser Klient, ein spurlos verschwundes Mädchen und ein toter Student am Küchentisch. Die Drahtzieher des gigantisch angelegten Versicherungsbetrugs sitzen in den Chefetagen mächtiger Konzerne. Und sie verstehen keinen Spaß, als Vic sich in ihre lukrativen, aber schmutzigen Geschäfte einmischt. Aber Vic ist nun einmal nicht so leicht aufs Kreuz zu legen...

»Ein vielschichtig konzipierter Roman, in dem alles stimmt: Timing, Tempo, Plot, Dialoge und Charaktere« Frankfurter Rundschau

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  • 4,44 MB
978-3-492-98371-6 (9783492983716)
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Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Sommer


Die Nachtluft war drückend und schwül. Während ich den Michigansee entlang nach Süden fuhr, stieg mir der Geruch verwesender Maifische in die Nase, der wie ein zartes Parfüm in der schweren Luft hing. Hier und da leuchteten in den Parks nächtliche Barbecuefeuer. Auf dem Wasser suchten im Schein grüner und roter Lichterketten die Leute der Schwüle zu entgehen. Am Ufer herrschte lebhafter Verkehr; die Stadt befand sich in rastloser Bewegung - jeder wollte Atem schöpfen. Es war Juli in Chicago.

Ich verließ die Uferstraße in Höhe der Randolph Street und bog unter den Eisenträgern der Hochbahn in die Wabash Avenue ein. In der Monroe Street hielt ich an und stieg aus.

In dieser Entfernung vom See war die Stadt ruhiger. Das South Loop, wo es außer einigen Peep-Shows und dem Stadtgefängnis keine Vergnügungsmöglichkeiten gab, war menschenleer; ein Betrunkener, der auf unsicheren Beinen die Straße hinuntertorkelte, war meine einzige Gesellschaft. Ich überquerte die Wabash Avenue und betrat das Pulteney-Gebäude neben dem Tabakwarenladen in der Monroe Street. Bei Nacht wirkte es für ein Bürogebäude ziemlich scheußlich. Die Mosaikwände in der Eingangshalle waren beschädigt und schmutzig. Ich fragte mich, ob der abgetretene Linoleumfußboden jemals gereinigt wurde. Die Halle mußte auf potentielle Kunden einen äußerst vertrauenswürdigen Eindruck machen.

Ich drückte auf den Knopf für den Aufzug. Ohne Erfolg. Ich versuchte es noch einmal. Wieder umsonst. Dann schob ich die schwere Tür zum Treppenhaus auf und stieg langsam hinauf zum vierten Stock. Es war kühl im Treppenhaus, und ich trödelte einige Minuten, bevor ich den schlecht beleuchteten Gang betrat, der in den östlichen Trakt führte, in dem die Mieten günstiger sind, weil alle Fenster auf die Wabash-Hochbahn hinausgehen. In dem trüben Licht konnte ich das Türschild erkennen: »V. I. Warshawski. Privatdetektiv«.

Ich hatte den telefonischen Auftragsdienst von einer Tankstelle im Norden aus angerufen - eine reine Routineangelegenheit auf dem Weg nach Hause, wo mich eine Dusche, eine Klimaanlage und ein verspätetes Abendessen erwarteten. Ich war überrascht, als man mir sagte, es sei ein Anruf für mich gekommen, und verärgert, als ich hörte, daß der Betroffene seinen Namen nicht hatte nennen wollen. Anonyme Anrufer sind mir ein Greuel. Sie haben gewöhnlich etwas zu verbergen, häufig etwas Kriminelles, und sie hinterlassen keinen Namen, damit man nicht vorzeitig dahinterkommt.

Der Typ wollte um 21 Uhr 15 kommen, so daß mir nicht einmal Zeit blieb zum Essen. Ich hatte einen frustrierenden Nachmittag in der ozonreichen Bruthitze hinter mir, weil ich einen Druckereibesitzer ausfindig machen wollte, der mir fünfzehnhundert Dollar schuldete. Im letzten Frühjahr hatte ich sein Unternehmen davor bewahrt, von einem landesweit operierenden Unternehmensverband geschluckt zu werden, und nun bereute ich, daß ich es getan hatte. Hätte mein Konto nicht einen so verdammt schwindsüchtigen Eindruck gemacht, so hätte ich mich um den Anruf überhaupt nicht gekümmert. Aber wie die Dinge lagen, straffte ich die Schultern und schloß die Tür auf.

Im Lampenlicht sah mein Büro zwar spartanisch aus, aber keineswegs häßlich, was mich ein bißchen aufmunterte. Im Gegensatz zu meiner Wohnung, die sich stets im Zustand leichter Unordnung befindet, ist mein Büro im allgemeinen aufgeräumt. Den wuchtigen Schreibtisch aus Holz hatte ich bei einer Polizeiauktion erstanden. Die kleine Olivetti-Kofferschreibmaschine war Eigentum meiner Mutter gewesen, ebenso der Druck über meinem grünen Aktenschrank, der die Uffizien darstellte. Beides sollte meinen Besuchern den Eindruck vermitteln, daß sie bei mir in erstklassigen Händen waren. Zwei Stühle mit geraden Rückenlehnen für meine Kunden vervollständigten die Ausstattung. Da ich hier nicht sehr viel Zeit verbrachte, brauchte ich keinen weiteren Komfort.

Ich war ein paar Tage lang nicht im Büro gewesen und mußte einen ganzen Stapel Rechnungen und Reklamesendungen durchsehen. Eine Computerfirma wollte mir demonstrieren, welch enorme Hilfe mir ihre Geräte sein konnten. Ich fragte mich, ob mir ein handlicher kleiner Computer auf meinem Schreibtisch wohl lukrative Kunden besorgen würde.

Das Zimmer war stickig. Ich blätterte die Rechnungen durch, um zu sehen, ob etwas Dringendes dabei war. Autoversicherung - die müßte bezahlt werden. Die anderen sortierte ich aus; es handelte sich zumeist um Originalrechnungen, vermischt mit ein paar ersten Mahnungen. Im Regelfall zahle ich erst, wenn eine Rechnung zum drittenmal präsentiert wird. Wenn jemand mein Geld dringend braucht, wird er mich kaum vergessen. Ich stopfte die Beitragsrechnung der Versicherung in meine Umhängetasche und trat dann zum Fenster, um die Klimaanlage auf die höchste Stufe zu stellen. Im Zimmer wurde es dunkel. Durch mein Verschulden war im anfälligen elektrischen Versorgungssystem des Pulteney-Gebäudes eine Sicherung durchgebrannt. Zu dumm! In einer solchen Bruchbude konnte man eben die Klimaanlage nicht plötzlich auf »Maximum« stellen. Ich verwünschte mich und die Hausverwaltung und überlegte, ob der Kellerraum mit den Sicherungskästen wohl nachts zugänglich war. Im Laufe der Jahre hatte ich mir ohnehin angewöhnt, das meiste selbst zu reparieren - auch die regelmäßig einmal im Monat verstopfte Toilette im Bad des siebenten Stocks.

Ich tastete mich durch die Halle und die Treppe hinunter. Eine einzelne nackte Glühbirne erhellte das Untergeschoß. In ihrem Licht sah ich ein Vorhängeschloß an der Tür, hinter der sich die Sicherungskästen befanden. Tom Czarnik, der mürrische Hausmeister, traute niemandem über den Weg. Zwar kann ich Schlösser in der Regel knacken, aber für ein amerikanisches Vorhängeschloß fehlte mir jetzt die Zeit. Vielleicht ein andermal. Ich zählte auf italienisch bis zehn, bevor ich mich wieder auf den Weg nach oben machte; mein Enthusiasmus hatte inzwischen noch weiter abgenommen.

Vor mir hörte ich schwere Tritte - vermutlich mein anonymer Besucher. Als ich oben ankam, öffnete ich leise die Tür zum Treppenhaus und beobachtete ihn in dem schwachen Licht. Er klopfte an meine Bürotür. Ich konnte ihn nicht besonders gut erkennen, doch es schien sich um einen kleinen, untersetzten Mann zu handeln. Er wirkte sehr entschlossen. Als auf sein Klopfen keine Antwort erfolgte, öffnete er ohne Zögern die Tür und ging hinein. Ich ging den Flur entlang und trat nach ihm ein.

Die zwei Meter hohe Leuchtschrift von Arnie's Steak Joynt auf der anderen Straßenseite leuchtete abwechselnd rot und gelb auf und erfüllte mein Büro mit zuckenden Lichtreflexen. Ich sah, wie es meinen Besucher beim Aufgehen der Tür herumriß. »Ich suche V. I. Warshawski«, erklärte er mit heiserer, aber selbstsicherer Stimme - der Stimme eines Mannes, der es gewohnt war, seinen Kopf durchzusetzen.

»Ja«, sagte ich, ging an ihm vorbei und ließ mich hinter meinem Schreibtisch nieder.

»Was - ja?« fragte er.

»Ja, ich bin V. I. Warshawski. Haben Sie bei meinem Auftragsdienst den Termin vereinbart?«

»Stimmt. Ich wußte allerdings nicht, daß ich vier Stockwerke bis zu einem finsteren Büro hochsteigen muß. Warum, zum Teufel, funktioniert der Aufzug nicht?«

»Die Mieter in diesem Haus sind alle sportliche Typen. Wir haben beschlossen, den Aufzug abzuschaffen; Treppensteigen ist eine anerkannte Vorbeugungsmaßnahme gegen Herzinfarkt.«

Im Neonblitz von Arnies Reklame konnte ich sehen, daß er eine ärgerliche Handbewegung machte. »Ich bin nicht hergekommen, um mir Ihre Scherze anzuhören«, sagte er mit gepreßter Stimme. »Wenn ich eine Frage stelle, erwarte ich eine vernünftige Antwort.«

»Dann stellen Sie am besten vernünftige Fragen. Also, möchten Sie mir nun erzählen, weshalb Sie einen Privatdetektiv brauchen?«

»Ich weiß nicht recht. Ich brauche zwar Hilfe, aber diese Bude hier - guter Gott! Warum ist es hier eigentlich so finster?«

»Das Licht brennt nicht«, sagte ich ärgerlich. »Wenn Ihnen meine Nase nicht gefällt, können Sie ja gehen. Im übrigen kann ich anonyme Anrufer nicht ausstehen.«

»Schon gut, schon gut«, sagte er besänftigend. »Sie brauchen nicht gleich so wütend zu werden. Aber müssen wir unbedingt im Dunkeln sitzen?«

Ich mußte lachen. »Ein paar Minuten vor Ihrem Eintreffen ist eine Sicherung durchgebrannt. Wir können ja rübergehen in Arnie's Steak Joynt, wenn Sie's hell haben wollen.« Ich hätte ihn mir auch ganz gern mal näher angesehen.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, bleiben wir hier.« Er machte noch ein paar fahrige Bewegungen, bevor er sich auf einem der Besucherstühle niederließ.

»Haben Sie auch einen Namen?« fragte ich, um die Pause zu überbrücken, bis er zur Sache kam.

»O natürlich, Verzeihung.« Er fummelte in seiner Brieftasche herum, zog eine Karte hervor und schob sie über den Schreibtisch. Ich hielt sie hoch, um sie im Lichtschein von Arnie's Steak Joynt zu entziffern. »John L. Thayer. Stellvertretender Generaldirektor, Ft. Dearborn Bank and Trust, Treuhandgesellschaft«. Ich spitzte die Lippen. Es geschieht nicht oft, daß ich in die Gegend von La Salle Street komme, doch John Thayer war unbestreitbar ein sehr einflußreicher Mann in Chicagos größter Bank. Heiliges Kanonenrohr, dachte ich. Laß diesen Fisch bloß nicht durch die Maschen schlüpfen, Vic. Hier kamen die Kohlen!

Ich steckte die Karte in die Tasche meiner Jeans. »Ja, Mr. Thayer. Wo liegt nun das Problem?«

»Es handelt sich um meinen Sohn. Das heißt, um seine Freundin. Jedenfalls ist sie diejenige, die -« Er hielt inne. Eine Menge Leute, insbesondere Männer, haben Schwierigkeiten, über ihre Probleme zu sprechen, und sie brauchen ein Weilchen, bis sie in Schwung kommen....

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