Geisterland

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 457 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98383-9 (ISBN)
 

Facettenreich erzählt Sara Paretsky von den Machtstrukturen der amerikanischen Gesellschaft, gegen die ihre eigenwilligen Frauenfiguren mutig und respektlos aufbegehren

Mara und Harriet sind die Enkelinnen des berühmten Neurochirurgen Dr. Stonds. Mara ist das schwarze Schaf der Familie. Sie spürt, dass sie anders ist als ihre erfolgreiche Schwester, eine Rechtsanwältin. Im Kampf einer Obdachlosen gegen die Manager eines Luxushotels stehen die Schwestern auf verschiedenen Seiten, bis sie beide von der dunklen Vergangenheit ihrer Familie eingeholt werden.

»Sara Paretsky verbindet Spannung mit farbigen Schilderungen der Großstadt Chicago. Die Geschichte der Tochter aus gutem Haus und der Obdachlosen verleiht diesem Kriminalroman vor dem Hintergrund eines Familiendramas ungewohnte und unterhaltsame Aspekte« Norddeutscher Rundfunk

  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,91 MB
978-3-492-98383-9 (9783492983839)
Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Die Diva wärmt sich auf


Irgendwo in der Ferne brummte ein Cello. Sie versuchte mit aller Macht, sich zu erinnern, was das bedeutete: ein wütender Mensch, der kam, um ihr weh zu tun. Sie bemühte sich, auf die Beine zu kommen, aber sie hatte das Gefühl, irgend etwas ziehe sie nach unten. Vielleicht hatte auch jemand Gewichte an ihren Beinen befestigt, als sie vor der Madonna kniete. Das Cello wurde lauter, und sie geriet in Panik. Sie kämpfte mit ihrem Nachthemd, das sich um ihre Taille bauschte. Dann sah sie den Mann, der sich über sie beugte, das Gesicht rot-schwarz vor Zorn.

»Nein, bringen Sie mich nicht um! Ich war's nicht, es war jemand anders! Die haben Gewichte an meinen Beinen befestigt!« Sie hörte sich selbst lachen, völlig nackt unter seinem Blick, und ihre Stimme hallte von Decke und Wänden wider. »Schauen Sie: Ich verberge nichts!«

»Verdammtes Miststück!« zischte er. »Ich wünschte, ich könnte dich umbringen!«

Er packte ein Kissen und drückte es ihr aufs Gesicht. Jemand anders packte ihre Arme und Beine, mit denen sie wild um sich schlug, wickelte sie in Laken und band sie fest um ihren Körper. Sie hustete, würgte, betete um Luft, und plötzlich war sie wach.

Sie tastete ihren Hals ab. Die Muskeln waren so angespannt, daß ihr diese Berührung weh tat. Sie erinnerte sich jetzt nicht mehr an den Traum und auch nicht an die Vorfälle der vergangenen Nacht, aber ein unheilverkündender Schatten lag über ihrem Bewußtsein. Sie streckte die Hand nach ihrem Morgenrock aus, doch ihre Finger griffen ins Leere. Angst schnürte ihr die Kehle zu: Sie lag in einem Doppelbett, nicht ihrem eigenen Himmelbett, und sie hatte sich schlafen gelegt - oder hatte jemand anders sie ins Bett gebracht? -, ohne sich auszuziehen. Ihre Seidenbluse hatte sich nach oben geschoben, als sie schlief, und formte jetzt einen unbequemen Wulst um ihre Taille.

Sie schlug die Decke zurück und sprang auf, viel zu schnell: Das Zimmer begann sich zu drehen, und ihre bestrumpften Füße rutschten auf den Dielen weg. Ihr Magen rebellierte. Gerade noch rechtzeitig fand sie einen Papierkorb. Sie hatte in den letzten Stunden nicht viel gegessen; aus ihrem Magen kam nur saure grüne Flüssigkeit.

Kniend suchte sie auf dem Nachttischchen nach Papiertüchern. Dann fiel ihr Blick auf einen Radiowecker. Ein Uhr. Konnte das stimmen? Die Jalousien waren heruntergelassen, aber an den Rändern drang Sonnenlicht herein. Also konnte es nicht ein Uhr morgens sein - aber was tat sie am hellichten Tag in einem fremden Bett? Es sei denn, die Uhr ging nicht richtig.

Sie war in La Bohème gewesen. Möglicherweise ist es ganz amüsant zu sehen, was eine kleine Truppe daraus macht, hatte sie gedacht. Deshalb also trug sie ihren Rock aus schwarzer Shantungseide. Sie erinnerte sich noch daran, sich angezogen zu haben, und wenn sie sich sehr konzentrierte, sogar daran, daß sie zusammen mit ihrem Begleiter einen Drink genommen hatte, bevor sie sich auf den Weg machten. Das war so gegen sechs gewesen. Sie waren in einem Restaurant gewesen; der Kellner war ziemlich unhöflich zu ihr; aber von der Aufführung wußte sie nichts mehr. Vielleicht hatten sie sie gar nicht besucht. Wie hatte ihr Begleiter überhaupt geheißen? Ein Bewunderer - von denen gab es zu viele, als daß sie sich an jeden einzelnen erinnerte. Dieser Mann hatte ihr in den letzten sechs Wochen sogar seine Wohnung zur Verfügung gestellt, aber er trank beim Abendessen oft so viel, daß er im Theater einschlief.

Neben dem Radiowecker befand sich ein Familienfoto - Becca, verkleidet als Esther für eine Aufführung der Sonntagsschule, dunkle, borstige Korkenzieherlocken umrahmten ihr Gesicht, und Harry, der sie anschmachtete. Becca war das genaue Ebenbild von Harry mit ihrem runden Gesicht und den Grübchen in den Wangen - aber sie war hübsch, und Harry sah aus wie ein Frosch. Sie selbst hatte immer Vasti, die sich gegen die sinnlosen Befehle des Königs wehrte, interessanter gefunden als die hirnlose Esther.

Also war sie in Harrys und Karens Gästezimmer - wie dumm von ihr, es nicht zu erkennen, obwohl sie es schon so lange kannte. Harry hatte sie gezwungen, Italien zu verlassen, wie immer mit einer Klage über ihre Verschwendungssucht. Wenn sie zu Hause wäre - in ihrem wirklichen Zuhause in New York, nicht in der Wohnung, in der sie die letzten Wochen verbracht hatte -, würde sie sich einen Tee und eine Masseurin kommen lassen.

Wenigstens konnte sie duschen. Sie zog ihre Strumpfhose aus und ließ sie zu Boden gleiten. Das Gästebad befand sich am anderen Ende des Flurs, also konnte sie sich nicht hier ausziehen, aber wenigstens würde sie sich ihres Büstenhalters entledigen. Er hatte sich in der Nacht nach oben verschoben und schnitt ihr nun in die Brust. Sie hatte das Gefühl, als wolle sie jemand erwürgen.

Vorne auf ihrer Bluse war ein großer Fleck. War der schon drauf gewesen, als sie sie angezogen hatte? Hoffentlich war sie nicht so ins Restaurant gegangen.

Sie hängte die Bluse um die Schultern, die Seide kühl auf ihren Brustwarzen. Vielleicht war sie lang genug, um sie als Morgenmantel verwenden zu können. Gerade als sie die Blusenzipfel bis zu ihren Oberschenkeln herunterzog, hörte sie Harry brüllen: »Will sie den ganzen Tag verschlafen? Was denkt sie eigentlich, wo sie ist? In New York, im verdammten Plaza Hotel vielleicht?«

Dann eine Frauenstimme, zu leise, als daß sie beurteilen konnte, ob sie Karen oder Becca gehörte, und wieder Harry, der brüllte: »Geh rauf und weck sie. Sie schläft seit vier, schon viel länger als ich. Ich will mit Ihrer Hoheit sprechen.«

Dann ein zaghaftes Klopfen, und Becca streckte den Kopf zur Tür herein. »Ach, du bist wach. Daddy möchte mit dir sprechen.«

Sie deutete auf ihren Hals und schüttelte den Kopf.

»Du hast die Stimme verloren?« fragte Becca und kam ganz ins Zimmer. Sie war vierzehn, die Zähne weiß hinter ihrer Spange, die Haare aber immer noch ziemlich widerspenstig. Sie trug jetzt nicht die fließende blaue Robe von Esther, sondern Pullunder, Shorts und Springerstiefel.

»Janice? Bist du wach? Wir müssen uns unterhalten!« Harrys laute Stimme ließ sie zusammenzucken.

»Sie hat die Stimme verloren!« rief Becca zurück, die offenbar ihre Freude an der Dramatik des Augenblicks hatte.

»Dann soll sie sie verdammt noch mal suchen!«

Harry stürmte ins Zimmer, doch als er ihre Brüste unter der Seidenbluse sah, wurde er rot und wandte den Blick ab. Er packte Becca und versuchte, sie aus dem Zimmer zu schieben.

Doch Becca befreite sich aus seinem Griff. »Mein Gott, Daddy, du tust gerade so, wie wenn die Leute, die ich kenne, keine Brüste hätten. Wir sehen uns nach dem Fußballspielen immer nackt. Und meinen eigenen Busen kann ich mir doch auch anschauen.«

»Red nicht so mit mir, ich bin keiner von deinen Schulkameraden.« Das kam ganz automatisch und klang nicht sonderlich überzeugend. »Janice, knöpf deine verdammte Bluse zu und kommt mit in die Küche. Wir müssen miteinander reden.«

Jemand hatte ihre Jacke und ihre Handtasche neben der Frisierkommode auf den Boden fallen lassen. Sie hob die Jacke auf, hängte sie mit großer Geste ordentlich über einen Stuhlrücken und zupfte die Ärmel zurecht, während Harry sie hilflos von hinten anfauchte. Dann suchte sie ebenso theatralisch in ihrer Handtasche nach einem Stift. HEISSER TEE schrieb sie in Großbuchstaben auf die Rückseite eines Umschlags, den sie auf der Frisierkommode fand, und dann DUSCHE. Sie reichte Becca das Kuvert und ging den Flur entlang zum Bad, wo sie die Wasserhähne aufdrehte, um Harrys Proteste zu ertränken.

Als der Wasserdampf sich im Bad ausbreitete, trat sie in die Dusche und begann die Muskeln in ihren Schultern zu kneten.

Sie hielt den Wasserstrahl in ihren Mund, so daß er ihren Hals von innen massieren konnte, gurgelte ein bißchen und wandte dann den Rücken dem Wasser zu. Sanft ließ sie ihre Zunge über die Schneidezähne rollen. Mit leisen Trillern bewegte sie sich im mittleren Bereich ihres Stimmumfangs auf und ab, kaum, daß etwas zu hören war. Als ihre Nackenmuskeln sich zu entspannen begannen, versuchte sie es mit ein paar Vokalübungen, immer noch im mittleren Bereich, doch diesmal ein bißchen lauter.

Nach ungefähr zwanzigminütigen Vokalübungen hämmerte jemand an die Badezimmertür, doch sie reagierte nicht, weil sie wußte, daß es Harry war. Sie konnte sich nicht nur denken, was er zu sagen hatte, sondern würde sich obendrein erkälten und müßte mit ihren Übungen noch einmal von vorne anfangen, wenn sie jetzt damit aufhörte. Also lockerte sie noch weitere zehn Minuten lang ihre Stimme mit Hilfe des Dampfes, bis sie glaubte, aus der Dusche steigen und ihre Übungen im Musikzimmer fortsetzen zu können.

Sorgfältig legte sie ein Handtuch um ihren Hals, bevor sie die Duschkabine verließ, und nahm es erst wieder weg, als sie sich abgetrocknet hatte. Dann kickte sie die benutzten Handtücher hinüber in Richtung des Korbes für die schmutzige Wäsche.

An der Tür hing ein Morgenmantel aus Baumwolle. Der gehörte sicher Karen, denn er hatte ein tiefrotes Blumenmuster und mehrere Schichten Spitze an den Ärmeln, aber niemand würde sie darin sehen, und das Ding war immer noch besser als ihre schmutzige Bluse.

Der Morgenmantel wurde durch ein kompliziertes System von Bändern zusammengehalten; sie versuchte, den Mantel so hoch wie möglich um ihren Hals zu schließen, um diesen vor der Luft aus der Klimaanlage zu schützen. Um sicherzugehen, nahm sie noch ein Handtuch aus dem Schrank und legte es sich um den Hals. Sie hielt ihre Seidenbluse über den Berg von feuchten Handtüchern: Karen würde doch sicher daran denken, sie reinigen zu lassen, und sie nicht einfach in die Waschmaschine...

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