Fromme Wünsche

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 227 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98373-0 (ISBN)
 

»Vic ist die coole, starke Frau, von der wir alle ein bisschen träumen« Brigitte - Vic Warshawskis dritter Fall!

Die Privatdetektivin Vic Warshawski erhält einen überraschenden Anruf von ihrer Tante Rosa: Im Kloster St. Alban in Chicago sind Aktien im Wert von fünf Millionen Dollar als Fälschungen aufgedeckt worden. Die ungeliebte Tante, verantwortliche Buchhalterin, wird verdächtigt. Vic wittert einen größeren Skandal und hat Recht. Als Vics Freundin, eine Aktienexpertin, erschossen wird, steht für die Privatdetektivin fest, dass die Schuldigen nicht nur bei den Vertretern der Stadt zu suchen sind, sondern auch ganz oben in kirchlichen Kreisen.

»Mit Scharfsinn und hervorragenden Kenntnissen in der Wirtschaftskriminalität rollt Sara Paretsky den schmutzigen Chicagoer Aktienskandal auf« Der Spiegel

  • Deutsch
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 4,81 MB
978-3-492-98373-0 (9783492983730)
Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Alte Wunden


Mein Magen zog sich zusammen, als ich die Wagentür abschloß. Vor zehn Jahren war ich zuletzt in dem Haus in Melrose Park zu Besuch gewesen, doch ich hatte das Gefühl, es sei erst gestern gewesen. Auf dem schmalen gepflasterten Weg, der zum Seiteneingang führte, beschlich mich das gleiche Unbehagen, das ich schon als Kind empfunden hatte, und das Herz schlug mir bis zum Hals.

Der Januarwind wirbelte dürre Blätter um meine Füße. In diesem Winter war nur wenig Schnee gefallen, aber die Luft war schneidend kalt. Ich drückte auf den Klingelknopf, vergrub die Hände tief in den Taschen meines marineblauen Dufflecoats und versuchte mir einzureden, daß ich ja gar nicht nervös sei. Schließlich hatten sie mich angerufen, mich um Hilfe gebeten. Es nützte nichts. Als ich ihre Bitte erfüllte, hatte ich bereits die erste Schlacht verloren.

Ich stampfte auf den Boden, um meine in den leichten Slippers steifgefrorenen Zehen wieder beweglich zu machen. Endlich summte der Türöffner. Die blaugestrichene Tür führte in einen düsteren Vorraum. Hinter dem Fliegengitter erkannte ich meinen Vetter Albert. Er war in den letzten Jahren ziemlich dick geworden. Das Gitter und der dunkle Hintergrund sorgten jedoch dafür, daß man seinen Schmerbauch nicht so genau sah.

»Komm rein, Victoria. Mutter wartet schon.«

Ich verzichtete absichtlich auf eine Entschuldigung wegen meiner Verspätung und machte eine nichtssagende Bemerkung über das Wetter. Mit einiger Schadenfreude stellte ich fest, daß Albert schon fast eine Vollglatze hatte. Er nahm mir unbeholfen den Mantel ab und legte ihn über das Geländer der schmalen Holztreppe.

Eine tiefe Stimme fragte barsch: »Albert, ist es Victoria?«

»Ja, Mama«, brummte er.

Licht bekam die Diele nur durch ein winziges rundes Fenster gegenüber der Treppe, so daß sich das Tapetenmuster im Halbdunkel nicht erkennen ließ. Doch als ich Albert durch den Flur folgte, sah ich: es war noch das gleiche wie früher - weiße Kreise auf grauem Untergrund, häßlich und kalt. Als Kind hatte ich immer das Gefühl, von diesem Muster gehe etwas Böses aus. Auch diesmal, Alberts schwabbelnde Oberschenkel vor Augen, überfiel mich wieder diese Kälte, und ich fröstelte. Als ich noch klein war, hatte ich meine Mutter Gabriella oft genug angefleht, mich nicht mehr in dieses Haus mitzunehmen. Was sollten wir auch dort? Rosa haßte sie und mich, und nach der langen Heimfahrt mit der Hochbahn weinte meine Mutter jedesmal. Doch auf meine Bitten hatte sie stets nur verkrampft gelächelt und wiederholt: »Es ist meine Pflicht, cara. Ich muß sie manchmal besuchen.«

Albert führte mich ins Wohnzimmer. Die Polstersessel waren mir so vertraut wie meine eigenen vier Wände. In meinen Alpträumen sah ich mich gefangen in diesem Raum mit den klobigen Möbeln, den eisblauen Vorhängen, Onkel Carls trübseligem Bild über dem imitierten Kamin und mittendrin Rosa mit ihrer Habichtsnase, dürr, stirnrunzelnd und stocksteif auf einem dünnbeinigen Stuhl thronend.

Ihr schwarzes Haar war nun stahlgrau, doch hatte sie noch immer den strengen, mißbilligenden Blick. Einige tiefe Atemzüge sollten mir helfen, den Aufruhr in meinem Inneren zu bezähmen. Sie hat dich um den Besuch gebeten, rief ich mir ins Gedächtnis.

Sie begrüßte mich im Sitzen und verzog dabei keine Miene. Soweit ich mich entsinnen konnte, hatte ich sie noch niemals lächeln sehen. »Nett, daß du gekommen bist, Victoria.« Ihr Ton verriet, daß es besser gewesen wäre, pünktlich zu erscheinen. »Wenn man alt wird, fährt man nicht mehr so gern herum. Und in den letzten Tagen bin ich wirklich alt geworden.«

»Ach«, sagte ich unbestimmt. Ich setzte mich auf einen Stuhl, der etwas bequemer aussah als die übrigen. Rosa war ungefähr fünfundsiebzig. Bei der Autopsie stellte man eines Tages wahrscheinlich fest, daß ihre Knochen aus Gußeisen bestanden. Mir kam sie noch nicht alt vor, zumindest hatte sie noch keinen Rost angesetzt.

»Albert, gieße Victoria Kaffee ein.«

Rosas einzige Tugend war ihre Kochkunst. Den starken italienischen Kaffee nahm ich dankbar an, doch das Tablett mit den Leckereien, das Albert mir reichte, übersah ich - aus Angst, meinen schwarzen Wollrock mit Schlagsahne zu bekleckern und mir nicht nur verkrampft, sondern auch wie ein Trampel vorzukommen.

Albert saß mit einem Stück Königskuchen auf dem kleinen Sofa. Offensichtlich fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut. Wenn er gekrümelt hatte, sah er verstohlen auf den Fußboden und schielte dann zu Rosa hinüber, um festzustellen, ob sie es bemerkt hatte.

»Dir geht's gut, Victoria? Bist du glücklich?«

»Ja«, erwiderte ich ruhig.

»Aber du hast nicht wieder geheiratet?«

Bei unserem letzten ungemütlichen Zusammentreffen hatte ich ihr den Mann vorgestellt, mit dem ich eine kurze Ehe geführt hatte. »Man kann auch ohne Ehepartner glücklich sein, wie Albert dir zweifellos bestätigen wird - und wie du ja auch selbst weißt.« Das war eine recht taktlose Bemerkung, denn Onkel Carl hatte sich kurz nach Alberts Geburt das Leben genommen. Nachdem ich meine Rachsucht befriedigt hatte, bekam ich Gewissensbisse. Schließlich war ich inzwischen alt genug, um nicht auf so schäbige Weise zurückschlagen zu müssen. Doch irgendwie brachte es Rosa immer fertig, mir das Gefühl zu vermitteln, ich sei erst acht Jahre alt.

Verächtlich hob Rosa die knochigen Schultern. »Du hast sicher recht. Allerdings bleibt mir die Freude versagt, Enkelkinder um mich zu haben.«

Albert wurde ein bißchen unruhig. Ganz offensichtlich bekam er diese Klage häufiger zu hören.

»Wie schade«, entgegnete ich. »Ich weiß, daß Enkel für dich die Krönung eines glücklichen und tugendsamen Lebens wären.«

Albert verschluckte sich beinahe, während Rosa ärgerlich die Brauen zusammenzog. »Gerade du solltest eigentlich wissen, weshalb ich kein glückliches Leben hatte.«

Der Zorn ging mit mir durch. »Rosa, du bist anscheinend der Meinung, daß Gabriella dein Glück zerstört hat. Ich kann mir nicht vorstellen, welches rätselhafte Leid dir ein achtzehnjähriges Mädchen zugefügt haben könnte. Du hast sie jedenfalls rausgeworfen und in der Großstadt sich selbst überlassen. Sie sprach kein Englisch - sie hätte umkommen können. Was sie dir auch getan haben mag: Es kann nicht so schlimm gewesen sein wie das, was du dir geleistet hast. Du weißt, daß ich nur gekommen bin, weil ich Gabriella versprechen mußte, dir im Notfall beizustehen. Das hat mir zwar niemals gepaßt, aber du siehst, ich bin hier. Lassen wir die Vergangenheit ruhen! Ich mache keine bösartigen Bemerkungen mehr, und du hörst auf, meine Mutter zu beleidigen. Sag mir lieber, wo dich der Schuh drückt.«

Rosa kniff die Lippen zusammen. »Noch nie ist mir etwas so schwergefallen, wie dich anzurufen. Ich hätte darauf verzichten sollen.« Ruckartig stand sie auf und verließ das Zimmer. Ihr wütender Schritt war auf dem blanken Dielenboden und auf der Treppe zu hören. Dann knallte eine Tür.

Ich setzte die Kaffeetasse ab und sah Albert an. Die Sache war ihm so peinlich, daß er knallrot anlief. Aber er wirkte nicht mehr so verschlafen wie in Rosas Gegenwart.

»Hat sie große Scherereien?«

Er wischte sich die Finger an der Serviette ab und faltete sie säuberlich. »Es reicht«, brummelte er. »Warum hast du sie auch so wütend gemacht?«

»Sie ärgert sich ja schon, wenn sie mich nur sieht. Am liebsten wär's ihr, ich läge auf dem Grund des Michigansees. Schon seit Gabriellas Tod ist sie so feindselig. Wenn ich ihr helfen soll, interessieren mich nur Fakten. Alles übrige soll sie sich für ihren Psychiater aufsparen. Der kriegt auch mehr dafür bezahlt.« Ich griff nach meiner Umhängetasche und stand auf. An der Tür drehte ich mich noch einmal um. »Denk bloß nicht, daß ich zur zweiten Runde wieder nach Melrose Park komme. Wenn du mir die Geschichte erzählen willst - gut. Aber wenn ich jetzt gehe, ist der Fall für mich erledigt. Rosa braucht in Zukunft auch die Familienbande nicht mehr zu bemühen. Und bevor ich's vergesse: Falls ihr mich engagieren wollt - ich arbeite nicht umsonst.«

Er starrte an die Decke, als erhoffe er sich eine Eingebung von oben - oder aus einem der hinteren Zimmer. Aber es blieb alles ruhig. Schließlich stand er verlegen auf. »Äh, hör mal. Am besten, ich erzähl's dir.«

»Gut. Können wir dazu in ein gemütlicheres Zimmer gehen?«

»Ja, sicher.« Zum ersten Mal an diesem Nachmittag lächelte er ein wenig. Ich folgte ihm über den Gang in ein winziges Zimmerchen auf der linken Seite. Es wurde fast ausschließlich von einer riesigen Stereoanlage und einer umfangreichen Platten- und Kassettensammlung eingenommen. Außer kaufmännischer Fachliteratur sah ich keine Bücher, dafür aber Erinnerungsstücke aus seiner High-School-Zeit und zwei oder drei Flaschen. Das Ganze war unschwer als sein eigenes Reich zu erkennen.

Er nahm in dem großen Schreibtischsessel aus Leder Platz und schob mir das danebenliegende marokkanische Sitzkissen zu. Hier in seinem Refugium wirkte er gelöster, sein Gesicht nahm einen beinahe entschlossenen Ausdruck an. Ich entsann mich, daß er Wirtschaftsprüfer war mit einem eigenen Büro. Wenn man ihn zusammen mit Rosa sah, konnte man sich kaum vorstellen, daß er ein paar Angestellte unter sich hatte, doch im Moment erschien das nicht mehr ganz so abwegig.

Er griff nach seiner Pfeife, und das übliche Ritual aller Pfeifenraucher begann. Wenn ich etwas Glück hatte, war ich schon weg, bevor sie endlich brannte. Rauchen macht mich krank, und bei leerem Magen - ich war zu aufgeregt gewesen, um zu Mittag zu essen - konnten die Folgen katastrophal sein.

»Wie lange bist du schon...

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