Blood Shot

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98375-4 (ISBN)
 

Schauplatz Chicago: Vic Warshawski in ihrem fünften Fall bei der Arbeit, ihr Markenzeichen: Allein gegen den Rest der Welt mit einer scharfen Zunge.

Die Privatdetektivin Vic Warshawski ermittelt in einem privaten Routinefall. Die Nachbarstochter Caroline bittet sie um Nachforschungen. Sie will endlich wissen, wer ihr Vater ist. Doch Vic stößt auf undurchdringliches Schweigen. Gleichzeitig wird eine Freundin tot im Sumpf aufgefunden. Als auch Vic im Sumpf landet und sich retten kann, muss sie feststellen, dass hinter dem Rätsel dieser Vaterschaft eine ganz andere, wesentlich brisantere Affäre steckt.

»Ein Spitzenkrimi: Mit scharfem Schritt, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, geht Vic ran an die Sache und riskiert dabei Kopf und Kragen« Brigitte

  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 4,66 MB
978-3-492-98375-4 (9783492983754)
Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Wiedersehen mit Highway 41


Der Geruch. Ich hatte den Geruch vergessen. Obwohl die South Works bestreikt wurden und Wisconsin Steel geschlossen war und vor sich hin rostete, strömte ein beißender Chemikaliengeruch in das Innere des Chevy. Ich schaltete die Heizung ab, aber der Gestank - Luft konnte man das nicht nennen - drang durch alle Ritzen und brannte mir in Augen und Nase.

Ich fuhr auf dem Highway 41 in Richtung Süden. Ein paar Meilen weiter nördlich, wo linker Hand der Michigansee gegen die Felsen anbrandet und auf der rechten Seite kostspielige Wolkenkratzer hochmütig auf einen herabsehen, heißt er Lake Shore Drive. In Höhe der Neunundsiebzigsten Straße verschwindet der See plötzlich. Zwischen Straße und Wasser erstreckt sich das Gelände der riesigen USX South Works ungefähr eine Meile nach Osten. In der Ferne ragten Stahlmasten, Kräne und Schornsteine in die rauchverhangene Februarluft. Dies hier war nicht mehr das Land der Wolkenkratzer und Strände, sondern das der Müllhalden und heruntergekommenen Fabriken.

Den South Works gegenüber auf der rechten Straßenseite standen kleine, verfallende Häuser. Bei manchen fehlten Teile der Verschalung, andere wandten schamvoll Fassaden, deren Verputz abblätterte, oder gesprungene und abgesackte Vordertreppen aus Beton der Straße zu. Aber nirgendwo war eine kaputte Scheibe in den fest verschlossenen Fenstern oder Abfall im Garten zu sehen. Die Armut mochte in dieser Gegend Einzug gehalten haben, aber meine alten Nachbarn weigerten sich tapfer, vor ihr zu kapitulieren.

Ich konnte mich noch an die Zeit erinnern, als tagtäglich achtzehntausend Männer aus diesen Häuschen in die South Works strömten, zu Wisconsin Steel, an die Fließbänder von Ford oder in die Xerxes-Fabrik. Ich konnte mich noch an die Zeit erinnern, als hier jedes zweite Frühjahr frisch gestrichen wurde und neue Buicks oder Oldsmobiles herbstliche Selbstverständlichkeiten waren. Aber das war in einem anderen Leben gewesen, von dem ich ebensoweit entfernt war wie South Chicago.

An der Neunundachtzigsten Straße bog ich nach Westen ab und klappte die Sonnenblende herunter, um meine Augen vor der bleichen Wintersonne zu schützen. Jenseits des Durcheinanders von toten Bäumen, rostigen Autos und Hausruinen zu meiner Linken lag der Calumet River. Meine Freundinnen und ich setzten uns als Kinder regelmäßig über das Verbot unserer Eltern hinweg und badeten darin; bei dem Gedanken, heutzutage auch nur den großen Zeh in dieses Dreckwasser zu stecken, drehte sich mir der Magen um.

Die High-School stand auf der anderen Seite des Flusses. Es war ein riesiger dunkelroter Ziegelbau, der anheimelnd wirkte wie ein Mädchenpensionat aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die von der Sonne angestrahlten Fenster und die vielen jungen Leute, die durch die breite Flügeltür des Westeingangs gingen, verstärkten den malerischen Eindruck. Ich parkte den Wagen, griff nach meiner Tasche und mischte mich unter die Menge.

Die hohen, gewölbten Räume waren erbaut worden, als das Heizen noch billig war und das Erziehungswesen den Menschen noch so sehr achtete, daß es ihm Schulhäuser errichtete, die Kathedralen glichen. Von Decken, Wänden und Metallspinden in den geräumigen Korridoren hallten Gelächter und Geschrei wider. Ich fragte mich, warum mir als Schülerin der Krach nie aufgefallen war.

Es wird behauptet, man würde nie vergessen, was man als Kind gelernt hat. Vor zwanzig Jahren war ich das letzte Mal hier gewesen, aber am Eingang zur Turnhalle wandte ich mich, ohne nachzudenken, nach links und ging den Flur entlang zum Umkleideraum der Mädchen. Caroline Djiak stand an der Tür, Klemmbrett in der Hand.

»Vic! Ich hab' schon geglaubt, du würdest kneifen. Alle anderen sind seit einer halben Stunde hier und haben sich schon umgezogen - zumindest die, die noch in ihr Trikot passen. Hast du deins dabei? Joan Lacey vom Herald-Star ist auch da. Sie will mit dir sprechen. Schließlich und endlich warst du unsere beste Turnierspielerin, oder etwa nicht?«

Caroline hatte sich nicht verändert. Der einzige Unterschied zu früher schien die Frisur zu sein, keine Zöpfe mehr, sondern ein kupferroter Heiligenschein, der ihr sommersprossiges Gesicht umrahmte. Sie war noch immer klein, ein Energiebündel und taktlos. Ich folgte ihr in den Umkleideraum, in dem der Geräuschpegel durchaus mit dem Lärm im Korridor konkurrieren konnte. Zehn junge, mehr oder weniger angezogene Frauen riefen durcheinander - wer hat eine Nagelfeile, ein Tampon, mein verdammtes Deospray? In BH und Slip sahen sie muskulös und fit aus, wesentlich besser in Form als meine Freundinnen und ich in ihrem Alter. Und mit Sicherheit fitter, als wir es jetzt waren.

Sieben der zehn Lady Tigers, mit denen ich vor zwanzig Jahren die Meisterschaft in der A-Liga des Staates Illinois gewonnen hatte, standen in einer Ecke und machten kaum weniger Lärm. Fünf von ihnen hatten bereits das schwarzgoldene Trikot an. Bei einigen spannte das T-Shirt über den Brüsten, und die Shorts sahen aus, als würden bei einer heftigen Bewegung die Nähte platzen. Die dort, die ihr Trikot nahezu sprengte, konnte Lily Goldring sein, unsere Freiwurfspezialistin, aber wegen des dauergewellten Haars und des Doppelkinns war ich mir nicht sicher. Die Schwarze, die das Fassungsvermögen ihres Trikots weit überschritt und deren breite Schultern qualvoll in das enge Oberteil gezwängt waren, war möglicherweise Alma Lowell. Nur Diane Logan und Nancy Cleghorn erkannte ich mit Bestimmtheit. Dianes Beine waren noch immer wohlgeformt und schlank genug für ein Vogue-Titelbild. Sie war Starstürmerin, zweiter Mannschaftskapitän und Klassenbeste gewesen. Caroline hatte mir erzählt, daß Diane jetzt eine PR-Agentur auf dem Loop leitete, mit Firmen von Schwarzen als Hauptkunden.

Mit Nancy Cleghorn hatte ich auch noch während der Collegezeit Kontakt gehalten; aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich ihr unverändert ausdrucksstarkes, eckiges Gesicht und das blonde Kraushaar sofort wiedererkannt. Sie hatte mich dazu überredet, heute abend hierherzukommen. Nancy war verantwortlich für die Umweltabteilung von SCRAP - des South-Chicago-Reaktivierungs-Projekts, dessen stellvertretende Direktorin Caroline Djiak war. Als die beiden erfuhren, daß die Lady Tigers zum erstenmal seit zwanzig Jahren wieder bei den Regionalmeisterschaften mitmischten, beschlossen sie, die alte Mannschaft für einen Auftritt vor dem eigentlichen Spiel zusammenzutrommeln. Publicity für die Gegend, Publicity für SCRAP, Unterstützung für die Mannschaft - alle profitierten davon.

Als Nancy mich sah, grinste sie. »He, Warshawski, mach mal 'n bißchen Tempo. In zehn Minuten sind wir dran.«

»Hallo, Nancy. Ich könnt' mich in den Hintern beißen, daß ich mich von dir habe hierher locken lassen. Ist dir immer noch nicht klar, daß du keinen Treffer mehr landen wirst?« Ich fand ein paar Quadratzentimeter leere Bank, auf die ich meine Tasche stellte, zog mich schnell aus, stopfte die Jeans in die Tasche und streifte das ausgebleichte Trikot über. Dann zog ich Socken und Schuhe an.

Diane legte einen Arm um meine Schulter. »Siehst gut aus, Weiße, als ob du dich noch bewegen könntest, wenn's unbedingt sein muß.« Wir sahen in den Spiegel. Einige der derzeitigen Tigerinnen maßen sicher ein Meter achtzig; vor zwanzig Jahren war ich mit ein Meter siebzig die größte in unserer Mannschaft gewesen. Dianes Afro-Frisur reichte mir bis zur Nase. Wir beide, die eine schwarz, die andere weiß, wollten damals Basketball spielen, obwohl Rassenkonflikte auch in der Halle und im Umkleideraum ausgetragen wurden. Wir hatten uns nicht besonders gemocht, aber im vorletzten Schuljahr zwangen wir dem Rest der Mannschaft einen Waffenstillstand auf, und im nächsten Jahr nahmen wir an der Landesmeisterschaft der Mädchen teil.

An ihrem Grinsen merkte ich, daß sie dasselbe dachte. »Der ganze Schrott, durch den wir damals durch sind, kommt mir heute ziemlich belanglos vor, Warshawski. Komm mit zu der Frau von der Zeitung. Sag irgendwas Nettes über die Gegend.«

Joan Lacey vom Herald-Star war die einzige Sportreporterin in der ganzen Stadt. Als ich ihr erzählte, daß ich ihre Artikel regelmäßig las, strahlte sie vor Freude. »Sagen Sie das meinem Chef, oder besser noch, schreiben Sie einen Brief. Und wie fühlen Sie sich nach so vielen Jahren wieder in Ihrem Trikot?«

»Saublöd. Ich hab' keinen Basketball mehr in der Hand gehabt, seit ich aus dem College bin.« Dank eines Stipendiums für besonders sportliche Mädchen, das die Universität von Chicago anbot, lang bevor der Rest des Landes wußte, daß auch Frauen Sport treiben konnten, hatte ich damals studieren können.

Wir unterhielten uns eine Zeitlang, sprachen über die Vergangenheit, über alternde Sportler, über die fünfzig Prozent Arbeitslosen in der Gegend, über die Aussichten der derzeitigen Mannschaft. »Wir machen Stimmung für sie, klar«, sagte ich. »Ich bin sehr gespannt auf die Mädchen. Im Umkleideraum hatte ich den Eindruck, daß sie die Sache ernster nehmen als wir vor zwanzig Jahren.«

»Ja, sie hoffen, daß die Damen-Profiliga wieder ins Leben gerufen wird. Es gibt ein paar Superspielerinnen in der High-School und im College, die nicht wissen, wohin.«

Joan steckte ihren Notizblock weg und winkte einem Fotografen, damit er ein paar Bilder von uns machte. Wir acht Veteraninnen zottelten auf das Spielfeld, Caroline hüpfte um uns herum wie ein wildgewordener Terrier. Diane hob den Ball auf, dribbelte damit herum und warf ihn mir zu. Ich drehte mich um und zielte auf den Korb. Der Ball prallte ab, ich rannte, um ihn zu erwischen, und traf in den Korb. Meine alten Mannschaftskameradinnen drückten mir flüchtig die...

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