Blacklist

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98381-5 (ISBN)
 

Der elfte Fall für die »Detektivin mit Seidenstrümpfen«

Eines Tages erhält die Privatdetektivin Vic Warshawski einen ungewöhnlichen Auftrag: Sie soll ein altes, verlassenes Herrenhaus observieren, in dem nachts ungebetene Gäste ihr Unwesen treiben. Tatsächlich stößt Vic auf einen mysteriösen Eindringling - und wenig später auf die Leiche eines Mannes, die im Gartenteich versenkt wurde. Vic ahnt, dass sie in ein Wespennest gestochen hat - und es scheint, als stehe das nächste Opfer bereits auf der schwarzen Liste des Täters.

  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 5,18 MB
978-3-492-98381-5 (9783492983815)
Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Gratwanderung


Wolken hatten sich vor den Mond geschoben, sodass ich fast nichts mehr sah. Ich war tags zuvor schon auf dem Grundstück gewesen, aber im Dunkeln wirkt alles anders. Ständig stolperte ich über Baumwurzeln und Ziegelstücke auf den verwahrlosten Wegen.

Ich bemühte mich, keinen Krach zu machen, falls wirklich irgendwo jemand lauerte, aber in erster Linie lag mir meine Gesundheit am Herzen: Ich hatte keine Lust, mit verstauchtem Knöchel die weite Strecke zurück zur Straße zu kriechen. An einer Stelle stolperte ich über einen losen Ziegelstein und landete mit Karacho auf dem Steißbein. Tränen schossen mir in die Augen; ich atmete hastig ein, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Als ich die malträtierte Stelle rieb, fragte ich mich, ob Geraldine Graham meinen Sturz beobachtet hatte. Ihre Augen waren nicht mehr gut, aber sie benutzte ein Fernglas mit Bild- und Restlichtverstärker.

Ich war so müde, dass es mir schwer fiel, die nötige Konzentration aufzubringen. Es war Mitternacht, eigentlich keine ungewöhnliche Arbeitszeit für mich, aber seit einer Weile schlief ich schlecht - Angst plagte mich und das Gefühl, damit alleine zu sein.

In den ersten Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center war ich so verstört und verängstigt wie jeder in Amerika. Dann, nachdem wir die Taliban in den Untergrund gescheucht hatten und das Anthrax sich als Werk eines einheimischen Irren erwies, schienen sich die meisten Leute in Rot-Weiß-Blau zu hüllen und zum Alltag zurückzukehren. Doch mir blieb das versagt, solange Morrell sich in Afghanistan aufhielt - auch wenn es ihm Spaß machte, auf der Jagd nach irgendwelchen Warlords, die sich zwischendurch mal in Diplomaten verwandelt hatten, in Höhlen zu übernachten.

Als die Ärzteorganisation Humane Medicine im Sommer 2001 nach Kabul reiste, schloss Morrell sich an, in der Tasche einen Buchvertrag zum Thema »Alltag bei den Taliban«. Ich hab schon Schlimmeres überstanden, sagte er, als ich meiner Sorge über Probleme mit den berüchtigten Sittenwächtern der Taliban Ausdruck gab.

Das war vor dem 11. September. Danach blieb Morrell zehn Tage lang verschwunden. Damals fing das mit der Schlaflosigkeit an, obwohl mich jemand von den Humane-Medicine-Leuten aus Peshawar anrief und mir ausrichtete, Morrell halte sich in einer Gegend auf, in der es keine Telefone gab. Die meisten Leute aus der Gruppe flohen gleich nach dem Terrorakt nach Pakistan, aber Morrell konnte mit einem alten Freund nach Usbekistan fahren und so über den Flüchtlingstreck nach Norden berichten. Die Chance meines Lebens, hatte Morrell laut Bericht meines Anrufers gesagt - das hatte ich auch schon bei seinem Ausflug in den Kosovo zu hören gekriegt. Vielleicht war das die Chance eines anderen Lebens gewesen.

Als wir im Oktober mit den Bomben loslegten, blieb Morrell zunächst in Afghanistan, um direkt von der Front zu berichten, und dann, um über das neue Regierungsbündnis zu schreiben. Margent.Online, die Web-Version der alten Monatszeitschrift Margent, bezahlte ihn für Auslandsreportagen, die er zu einem Buch verarbeiten wollte. Auch der Guardian nahm die eine oder andere Story ab. Manchmal hatte ich ihn sogar auf CNN gesehen. Sonderbar, das Gesicht des Liebsten zu sehen, obwohl er zwanzigtausend Kilometer entfernt ist, sonderbar zu wissen, dass hundert Millionen Menschen der Stimme zuhören, die mir Zärtlichkeiten ins Haar raunt. Oder vielmehr raunte.

Als er in Kandahar wieder auftauchte, heulte ich erst vor Erleichterung und schrie ihn dann per Satellit an. »Aber, Süße«, protestierte er, »ich bin in einem Kriegsgebiet ohne Strom und Mobilfunksender. Hat Rudy dich nicht aus Peshawar angerufen?«

In den nächsten Monaten reiste er so viel durch die Gegend, dass ich nie wusste, wo er sich aufhielt. Aber er meldete sich wenigstens regelmäßig, vor allem wenn er Infos brauchte: (V.l., kannst du checken, warum Ahmed Hazziz in Coolis in Isolationshaft gesteckt wurde? V.l., kannst du nachprüfen, ob das FBI Hazziz' Familie davon in Kenntnis gesetzt hat? Ich muss los - wichtiges Interview mit dem ältesten Sohn der dritten Frau des Stammeshäuptlings hier. Rest folgt später.)

Ich war etwas verschnupft darüber, dass er mich wie ein kostenloses Recherchebüro behandelte. Ich hatte Morrell nie für einen Adrenalin-Junkie gehalten - diese Journalisten, die immer mitten in der Katastrophe sein müssen -, aber ich schickte ihm eine grantige E-Mail, in der ich ihn fragte, was er wohl beweisen wolle.

»Seit Kriegsbeginn sind mehr als zehn westliche Journalisten ermordet worden«, schrieb ich an einer Stelle. «Wenn ich den Fernseher einschalte, rechne ich jedes Mal mit dem Schlimmsten.«

Binnen Minuten hatte ich seine Antwort per E-Mail: »Victoria, geliebte Detektivin, wenn ich morgen nach Hause komme, versprichst du mir dann, künftig von jedem Fall Abstand zu nehmen, bei dem ich mir Sorgen um dich mache?«

Was mich noch mehr auf die Palme brachte, weil ich wusste, dass er recht hatte - ich war manipulativ und unfair. Aber ich brauchte ihn, ich wollte ihn sehen, spüren, hören - und zwar live, nicht im Cyberspace.

Ich ging dazu über, mich müde zu laufen. Jedenfalls schaffte ich es, die beiden Hunde müde zu laufen, die meinem Nachbarn von unten und mir gehören: Sie verkrochen sich jetzt immer in Mr. Contreras' Schlafzimmer, sobald sie mich im Joggingzeug sichteten.

Trotz meiner Mammuttouren - ich lief zur Zeit fünfzehn Kilometer statt acht oder neun wie sonst - war ich nicht erledigt genug, um zu schlafen. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center hatte ich fünf Kilo abgenommen, was Mr. Contreras beunruhigend fand: Er setzte mir Toast und gebratenen Speck vor, sobald ich vom Laufen kam, und bearbeitete mich so lange, bis ich zum Durchchecken zu Lotty Herschel ging. Lotty meinte, ich sei körperlich völlig in Ordnung, nur psychisch überanstrengt, wie so viele.

Wie man es auch nennen wollte, ich war jedenfalls zurzeit nicht wirklich bei der Sache, wenn es um meine Arbeit ging. Ich bin auf Wirtschafts- und Industriekriminalität spezialisiert. Früher war ich häufig zu Fuß unterwegs, marschierte zu Verwaltungsgebäuden, um etwas in Akten nachzuschlagen, machte Beschattungen und so fort. Seit es das Internet gibt, tappt man nur noch von Website zu Website. Wenn man stundenlang vor einem Computer sitzt, muss man sich konzentrieren können, und das fiel mir zurzeit schwer.

Deshalb strich ich nun im Dunkeln um Larchmont Hall herum. Als mein wichtigster Klient mich bat, nach Einbrechern Ausschau zu halten, die sich nachts in dem Haus herumtrieben, war ich so scharf auf Arbeit mit Körpereinsatz, dass ich auch die zerbröselnden Steinbänke am Rand des Zierteichs dort geschrubbt hätte.

Darraugh Graham war schon Klient von mir, als ich die Detektei gerade eröffnet hatte. Der New Yorker Ableger seines Unternehmens, Continental United, hatte drei Mitarbeiter im World Trade Center verloren. Darraugh setzte das schwer zu, aber er trauerte mit eiserner Miene und kalkweißem Gesicht, was anrührender war als manches Gezeter, das man dieser Tage zu hören bekommt. Er wollte nicht über den Verlust und die persönlichen Folgen für ihn sprechen, sondern ging mit mir in seinen Sitzungsraum, wo er eine Detailkarte von den Vorstädten im Westen aufrollte.

»Ich habe Sie aus persönlichen Gründen hergebeten, nicht aus geschäftlichen.« Er wies mit dem Mittelfinger auf einen grünen Fleck nordwestlich von Naperville in New Solway, das noch nicht zu Chicago gehört. »Das ist alles Privatbesitz hier. Große Villen von alten Familien, Sie wissen schon, die Ebbersleys, Felittis und so fort. Es ist ihnen gelungen, das Land zu erhalten wie eine Art privates Naturschutzgebiet. Auf diesem braunen Streifen hier hat Taverner '72 knapp sechzigtausend Quadratmeter an einen Makler verkauft. Es gab ein großes Geschrei damals, aber er war im Recht. Musste wahrscheinlich irgendwelche Steuern zahlen.« Mein Blick folgte Darraughs langem Zeigefinger einem braunen Streifen entlang, der sich in dem ganzen Grün wie eine Möhre ausnahm.

»Auf der Ostseite liegt ein Golfplatz. Im Süden der Gebäudekomplex, in dem meine Mutter lebt.« Darraugh ist ein kühler, distanzierter Mann - wenn er umgänglicher Stimmung ist. Es fällt schwer, sich ihn in normalen Lebenslagen vorzustellen, wie zum Beispiel beim Geborenwerden.

»Mutter ist einundneunzig. Sie kommt alleine zurecht, und außerdem will ich nicht - sie will nicht mit mir zusammenleben. Sie wohnt dort in einer Siedlung - Anodyne Park. Reihenhäuser, Apartments, ein kleines Einkaufszentrum, ein Pflegeheim, falls sie Hilfe braucht. Ihr scheint es zu gefallen. Sie ist ein geselliger Mensch. Wie mein Sohn - das scheint nicht jedem in der Familie gegeben zu sein.« Sein frostiges Lächeln zeigte sich flüchtig.

»Alberner Name für eine Siedlung, Anodyne Park, und geradezu geschmacklos, wenn man an die Alzheimer-Station im Pflegeheim denkt - Mutter behauptet, es heißt so etwas wie >Lindern< oder >Heilen<. Sie kann von ihrer Wohnung aus Larchmont Hall sehen, eines der großen Anwesen dort. Es steht seit einem Jahr leer - früher gehörte es der Familie Drummond. Die Erben haben es vor drei Jahren verkauft, aber die neuen Besitzer gingen bankrott. Felitti hat verlauten lassen, er wolle es kaufen, um die Makler aus der Gegend rauszuhalten, aber daraus ist bislang nichts geworden.«

Er verfiel in Schweigen. Ich wartete, dass er zur Sache kam, wofür er sonst nicht lange braucht, aber nachdem eine Minute verstrichen war, sagte ich: »Und nun wollen Sie, dass ich einen Krösus auftreibe, damit es nicht an ordinäre Reiche verschachert wird?«

Er blickte finster. »Ich habe Sie nicht hergebeten, damit...

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