Den Himmel im Herzen

Australienroman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Juni 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10314-9 (ISBN)
 
Unter der Sonne Australiens kämpft eine junge Frau für ihr Glück

Cathy Wisharts Job in einem Schafschur-Team ist hart, ihr Familienleben eine Katastrophe, und nach zu vielen Enttäuschungen hat sie den Männern vorerst abgeschworen. Bis der attraktive Lindsay in ihr Leben tritt, der nicht nur Cathys Herz gewinnt, sondern auch ihr Talent als Schererin erkennt. Als Lindsay einen schweren Unfall erleidet, zerbricht das Glück der beiden. Doch Cathy beschließt, um ihren Traum von einem besseren Leben zu kämpfen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,75 MB
978-3-641-10314-9 (9783641103149)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kapitel 1

Die Sonne stand erst eine Handbreit über dem Horizont. Der blassblaue Himmel war wolkenlos. Wieder einer dieser klaren Sommermorgen, dachte Cathy, klappte die Tür ihres Pick-ups zu und ging zum Scherstall. Gewöhnlich war um diese Zeit alles ruhig, nur die rosa und grau gefiederten Kakadus kreischten in der kühlen Morgenluft in den Eukalyptusbäumen. An diesem Morgen jedoch bellte ein Hund in der Nähe, und Cathy hörte das Getrappel von Schafen auf staubiger Erde, begleitet von protestierendem Blöken. Die Luft schwirrte schon von Fliegen und erwärmte sich schnell.

Fast jede Farm besaß einen solchen Scherstall - rechteckig und aus silberfarbenem Wellblech. Wie ein großes, glänzendes Raumschiff auf Stelzen. Schafpferche auf der einen und ein Dixi-Klo neben einem fünfzig Meter entfernten Eukalyptusbaum auf der anderen Seite. Cathy wandte sich in Richtung Schafpferche und ließ im Gehen die Hand über die oberste Stange des Gatters gleiten. Das Metallgeländer unter ihren Fingern war noch kühl.

Catherine Jean Wishart erweckte ganz den Eindruck einer vor Energie sprühenden Sechsundzwanzigjährigen und war dennoch tief im Inneren müde und zerrissen. Sie hob reflexhaft die Hand und berührte den schmerzenden Bluterguss in ihrem Gesicht, der unter der Schwellung vom Vorabend noch leicht pochte. An diesem Morgen hatte sie jeden Blick in den Spiegel vermieden. Sie nicht zu sehen machte die wunde Stelle allerdings nicht ungeschehen. Verletzungen dieser Art waren nicht damit zu erklären, man sei gestolpert und gefallen. Und doch hatte sie diese Ausrede schon zigmal benutzt, oder wahlweise: gegen die Tür gerannt, Tritt von einem Schaf abbekommen, Bekanntschaft mit dem Ellbogen eines Scherers gemacht. Sich immer neue Geschichten auszudenken, war für eine Weile fast zu einer Art Zeitvertreib geworden. Inzwischen machte sie sich nicht mehr die Mühe. Was die Leute dachten, war ihr mittlerweile egal.

Cathy winkte Jim zu. Er war der Besitzer der Clearview Farm, der die eben eingetroffene Nachhut seiner Herde in die Sammelpferche scheuchte.

»Morgen, Jim!«, rief sie ihm im Vorbeigehen zu. Cathys Jeans umfingen ihre langen Beine wie ein zweite Haut, sie saßen einfach perfekt. Ihre Arme waren schmal und doch muskulös, die Haut gebräunt.

»Wie geht's . so?« Jim geriet ins Stottern, als sein Blick auf den großen, runden Bluterguss fiel. Es sah aus, als habe jemand ihr eine Scheibe Rote Bete ins Gesicht geklatscht. Er schüttelte den Kopf. »Wird wieder ein heißer Tag heute«, fuhr er fort, lüftete seine speckige John-Deere-Schirmmütze und kratzte sich den schütter werdenden Haaransatz.

»Keine Frage«, antwortete Cathy und ließ Jim bei seinen Schafen zurück. Der besorgte Ausdruck in seinem altersweisen Gesicht war nicht zu übersehen. Sie war froh, dass er so viel Feingefühl besaß, keine Fragen zu stellen.

Noch vier Schritte und sie war im Scherstall. Drinnen umfingen sie kühle Dunkelheit und der Geruch nach Wolle und Maschinenöl. Linker Hand führte ein breites Podest über die Länge der Scherhalle. Ein Segen für die Rousies, die Hilfskräfte, die sich beim Aufsammeln der Vliese und Aussortieren der unerwünschten Wollpartien nicht den Rücken krumm machen mussten. Oben auf dem Podest gab es sechs Scherplätze, und dahinter lagen die Wartepferche für die Schafe. Das hallenartige Gebäude war ein Highlight unter den Scherställen. Die meisten kleineren Scherschuppen hatten nur vier Scherplätze zu bieten.

Die Schafe schnaubten und scharrten dicht zusammengedrängt in ihren kleinen Pferchen, bereit für die Schur. Vor Cathy standen der Wolltisch mit Lattenrost und etwas weiter rechts davon die Sortierbehälter und die Hydraulikpresse für die Wollballen. Die fertigen Ballen des Vortags waren an der Rückseite des Schuppens gestapelt. Hier befand sich auch ein breites Tor, durch das der Farmer seine Ballen auf den Laster verladen konnte.

Cathy zog das karierte Hemd aus, das sie über ihrem Unterhemd trug, warf es auf den Sortiertisch und ging zu dem Stapel qualitativ hochwertiger Vliese hinüber, während sie ihr braunes, lockiges Haar zu einem Pferdeschwanz hochband. Sie hob schwungvoll einen Armvoll Vliese auf und trug sie zur Wollpresse. Der Wollgeruch, beißend vom Lanolinfett, mit einem Schuss Maschinenöl, stieg ihr in die Nase. Cathy sog ihn genüsslich in sich auf. Sie liebte Wolle. Sie war so weich, besonders im Unterfell schneeweiß und rein. Die kleinen Kringellocken erinnerten sie an das Haar ihrer Schwester Emily, das sie für eine Kinderdisco mit dem Lockenstab eingedreht hatte, als sie noch klein gewesen waren.

Das Pressen der Wollballen war eigentlich nicht ihr Job, aber der Wollpresser war krank. Cathy machte das nichts aus - sie liebte die Arbeit im morgendlich ruhigen Scherstall. Sie war der Wollklassierer des Teams. Ihre Aufgabe war es, die Qualität eines jeden Vlieses zu begutachten, es für die Wollpresse zu separieren und die Ballen anschließend mit ihrem Gütestempel und dem Namen des Farmbetriebs zu versehen. Fand man daher beim Öffnen des Ballens falsch klassierte Wolle vor oder enthielt die Wolle Verunreinigungen, fiel das auf sie zurück. Aber so weit hatte sie es bisher nie kommen lassen.

Das Morgenlicht fiel schimmernd durch die Löcher in den Wellblechwänden, und das Schmatzen der Hydraulikpresse beim Pressen der Ballen hallte durch den leeren Raum. Die Arbeit in einem Scherschuppen war nicht unbedingt jedermanns Traumjob. An manchen Tagen war es hier so unerträglich heiß, dass man sich schon Mitte des Vormittags nach einem eiskalten Bier verzehrte und Knochen, Gelenke und Muskeln bei der Arbeit wie Feuer brannten. Zu Anfang war es für Cathy nur eine Möglichkeit gewesen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mittlerweile konnte sie sich nichts Schöneres vorstellen. In den Scherställen fühlte sie sich zu Hause. Sie waren ihre Zuflucht, gaben ihr Halt und Sicherheit.

Sie hatte bereits einen Ballen gepresst und markiert, als der weiße Minibus draußen vorfuhr. Das restliche Team ergoss sich aus der seitlichen Schiebetür wie Fische aus einem leckgeschlagenen Wassertank. Die Hälfte der Teammitglieder waren Kiwis. Immer mehr Neuseeländer kamen auf der Suche nach Arbeit nach Australien. Die hoch bezahlten Jobs in den Minen hatten ganz offenbar Bewegung in den australischen Arbeitsmarkt gebracht. Cathys Boss, Doug, verlor aufgrund des Bergwerkbooms ständig Scherer an die Minen. Mit den Löhnen dort konnte er nicht mithalten.

Cathy nickte, als das Team an ihr vorbei in die Scherhalle strömte, Handtücher über den Schultern, Wasserflaschen in der Hand. Sie packte einen Handhaken und schlug ihn kräftig in den fertig gepackten Ballen. Ihre Armmuskeln zuckten unter der Haut angesichts des Gewichts.

»Bin froh, dass ich nicht an deinem Haken hänge.«

Sie drehte sich um. Marty stand hinter dem Ballen und schob angestrengt. Er grinste, und ihr Magen rebellierte. Marty war so grundverdorben wie das Hinterteil eines von Fliegenmaden befallenen Schafs. Mit einem Meter achtzig hatte er Cathys Größe, und seine Augen waren so schwarz wie sein Haar. Ein schmieriger Zeitgenosse, der ihr geradezu körperlich zuwider war. In seinem düsteren, fast finsteren Blick lag die Begehrlichkeit einer Raubkatze auf dem Sprung.

Cathy fühlte sich unvermittelt an die Zeit erinnert, als sie Sam, ihren geliebten Hund, bekommen hatte. Sams Vater hatte jahrelang unter Misshandlungen gelitten und nach einem Fußtritt schließlich seinen Herrn angefallen. Der Farmer hatte daraufhin zum Gewehr gegriffen und gedroht, ihn zu erschießen, im letzten Moment jedoch davon abgesehen. Der Border Collie war immerhin sein bester Zuchtrüde. Cathy, die lediglich ihren Welpen hatte abholen wollen, war unfreiwillig Zeuge des Vorfalls geworden und versucht gewesen, den Hundebesitzer seinerseits an die Kette zu legen und ihn daran verrotten zu lassen. Stattdessen jedoch kaufte sie die letzten, übrig gebliebenen drei Welpen, um ihnen weitere Qualen zu ersparen. Zwei der Welpen hatte sie weiterverkauft und Sam behalten. Sam, ihren prächtigen, schwarz-weißen Collie.

Sie fragte sich, ob Marty möglicherweise eine schlimme Kindheit gehabt hatte. Es gab Gerüchte, dass sein alter Herr immer wieder im Gefängnis gelandet war. Über die Gründe kursierten etliche Versionen. Einmal hatte er jemanden umgebracht, dann wieder war er ein Dieb oder Drogenkurier gewesen. Niemand wusste, was schiefgelaufen oder ob an den Geschichten überhaupt etwas dran war.

Es war so ziemlich das einzige Mal, dass sie einen mitfühlenden Gedanken an Marty verschwendete. Sie versuchte seit Wochen vergeblich, sich seiner Annäherungsversuche zu erwehren. Allmählich ging er ihr auf die Nerven.

»Danke«, sagte Cathy und versuchte, dabei nicht den falschen Eindruck zu erwecken.

Martys Blick glitt über ihren Körper und verharrte viel zu lange bei ihren Brüsten. »Stets zu Diensten, meine Schöne.«

Cathy verfluchte stumm die von ihrer Mutter geerbte Oberweite. Am liebsten wäre sie jetzt flach wie ein Brett gewesen.

Martys Blick war mittlerweile zu dem Bluterguss in ihrem Gesicht weitergewandert. Sein Grinsen verschwand, und er schien unwillkürlich zusammenzuzucken. Flammte so etwas wie Mitleid oder gar Verständnis in seinen Augen auf? Jedenfalls blinzelte er kurz, und der Eindruck war vorüber.

Cathy schüttelte sich vor Ekel und wäre am liebsten in einem Ballensack verschwunden. Sie war nicht interessiert. So viel...

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