Stranger than Fiction

Wahre Geschichten
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. November 2013
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-04019-2 (ISBN)
 
Chuck Palahniuks Welt war schon immer anders als die anderer Menschen. Die Geschichten in "Stranger than Fiction" zeigen das mal auf komische und sehr unterhaltsame, mal aber auch auf verstörende Weise. Denn hier tummeln sich Helden jenseits des Mainstream wie Marilyn Manson und Juliette Lewis; es geht um Palahniuks Erfahrungen als Montagearbeiter am Fließband tagsüber und als Fahrer für ein Hospiz die Nacht hindurch; Und auch die Geschichte der Kontaktanzeige, die zum Mord an seinem Vater führte, spart er nicht aus.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 0,43 MB
978-3-641-04019-2 (9783641040192)
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Fakten und Fiktionen: Eine Einführung


Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: In allen meinen Büchern geht es um einsame Menschen, die auf der Suche nach Gemeinschaft mit anderen Menschen sind.

Das ist in gewisser Weise das Gegenteil des amerikanischen Traums: so reich zu werden, dass man sich über den Pöbel erheben kann, über alle diese Leute auf den gebührenfreien Autobahnen oder, schlimmer noch, im Bus. Nein, der Traum ist ein großes Haus, möglichst abseits von den anderen. Ein Penthouse wie das von Howard Hughes. Oder ein Schloss auf einem Berg wie das von William Randolph Hearst. Irgendein schönes, abgelegenes Nest, wohin man nur den Pöbel einlädt, der einem zusagt. Eine Umgebung, die man unter Kontrolle hat, frei von Zwist und Schmerz. Wo man der Herrscher ist.

Ob das eine Ranch in Montana oder eine Souterrainwohnung mit zehntausend DVDs und Highspeed-Internetzugang ist, spielt keine Rolle. Leben wir dort, sind wir allein. Und einsam.

Sind wir dann unglücklich genug – wie der Erzähler von Fight Club in seiner Eigentumswohnung oder die durch ihr schönes Gesicht isolierte Erzählerin in Invisible Monsters –, zerstören wir unser schönes Nest und bequemen uns wieder in die weite Welt hinaus. Wenn man einen Roman schreibt, tut man ungefähr das Gleiche. Man plant und recherchiert. Man verbringt viel Zeit allein, erbaut sich eine schöne Welt, in der man ganz allein der Herrscher ist. Man lässt das Telefon klingeln. Die E-Mails stapeln sich. Man bleibt in seiner erfundenen Welt, bis man sie zerstört. Dann mischt man sich wieder unter die Leute.

Wenn die erfundene Welt sich gut verkauft, geht man auf Lesereise. Man gibt Interviews. Kommt mit echten Menschen in Kontakt. Mit vielen Menschen. Sehr vielen. Bis man das satt hat. Bis man nur noch an Flucht denkt, an …

An die nächste schöne erfundene Welt.

Und so weiter. Allein. Nicht allein. Allein. Nicht allein.

Wahrscheinlich kennen Sie diesen Kreislauf selbst. Ein Buch lesen ist keine Gruppenaktivität. Anders als der Besuch eines Films oder eines Konzerts. Lesen liegt am einsamen Ende des Spektrums.

Jede Geschichte in diesem Buch handelt von Begegnungen mit anderen Menschen. Ich mit anderen. Andere unter sich.

Den Erbauern von Schlössern geht es darum, ein Monument aus Stein zu errichten, das so großartig ist, dass Leute, die denselben Traum haben, es bewundernswert finden.

Den Leuten von den Demolition Derbys geht es darum, mit anderen zusammenzukommen, ein Gemeinwesen zu bilden mit festen Regeln, Zielen und Aufgabenverteilungen, und dieses Gemeinwesen konstituiert sie immer wieder aufs Neue, indem sie landwirtschaftliche Maschinen zu Schrott fahren.

Marilyn Manson geht es um einen Jungen aus dem Mittleren Westen, der nicht schwimmen kann und plötzlich nach Florida umziehen muss, wo das gesellschaftliche Leben sich im Ozean abspielt. Auch dieser Junge versucht, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen.

Ich habe diese nicht erfundenen Geschichten zwischen meinen Romanen geschrieben. So sieht mein Kreislauf aus: Fakten. Fiktionen. Fakten. Fiktionen.

Der einzige Nachteil beim Schreiben ist die Einsamkeit. Das Schreiben. Allein im stillen Kämmerlein. Nach allgemeiner Vorstellung macht das den Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem Journalisten aus. Der Journalist, der Zeitungsreporter, ist immer unterwegs, auf der Jagd, auf der Suche nach Menschen und Fakten. Auf der Suche nach der guten Story. Der Journalist schreibt in Gegenwart anderer und immer unter Zeitdruck. Er wird bedrängt und gehetzt. Ein aufregender Job, der viel Spaß macht.

Was der Journalist schreibt, verbindet die anderen mit der weiten Welt. Er ist ein Vermittler.

Ein Schriftsteller aber ist etwas anderes. Wer Romane schreibt – so stellen es sich die Leute vor –, ist allein. Vielleicht deshalb, weil eine erfundene Geschichte einen nur mit der Stimme eines einzigen anderen verbindet. Oder weil das Lesen etwas ist, das wir allein tun. Ein Zeitvertreib, der uns von anderen trennt.

Der Journalist recherchiert eine Geschichte. Der Romanautor denkt sie sich aus.

Dabei würden Sie staunen, wie viel Zeit ein Romanautor mit anderen Menschen verbringen muss, um diese eine einsame Stimme erschaffen zu können. Diese scheinbar isolierte Welt.

Es ist schwer, irgendeinen meiner Romane als »Fiktion« zu bezeichnen.

Man könnte sagen, ich schreibe, weil das Schreiben mich einmal wöchentlich mit anderen Leuten zusammengebracht hat. Es gab da einen Workshop, zu dem wir uns an Donnerstagabenden um den Küchentisch von Tom Spanbauer versammelten, einem Autor, der schon einiges veröffentlicht hatte. Damals waren meine Freunde fast alles enge Freunde: Nachbarn oder Kollegen. Solche Leute kennt man nur, weil man, nun ja, Tag für Tag mit ihnen eng aufeinanderhockt.

Der komischste Mensch, den ich kenne, Ina Gebert, nennt Kollegen »eine flüchtige Familie«.

Das Problem bei dieser Art von Freunden ist: Sie ziehen weg. Sie kündigen oder werden entlassen.

Erst als ich diese Schreibwerkstatt besuchte, kam ich dahinter, dass es auch Freundschaften gibt, deren Fundament eine gemeinsame Leidenschaft ist. Schreiben. Oder Theater. Oder Musik. Irgendein gemeinsamer Traum. Ein vereintes Streben, das einen mit anderen Leuten verbindet, denen diese schwer definierbare, immaterielle Beschäftigung genauso viel wert ist wie einem selbst. Solche Freundschaften überdauern Arbeitsverhältnisse und Zwangsräumungen. In den Jahren, als das Schreiben mir noch keinen Cent einbrachte, waren diese regelmäßigen donnerstäglichen Plauderabende für mich der einzige Ansporn, mit dem Schreiben weiterzumachen. Tom und Suzy und Monica und Steven und Bill und Cory und Rick. Wir beharkten und lobten uns. Und das war genug.

Meine Lieblingserklärung für den Erfolg von Fight Club ist die, dass die Geschichte den Leuten eine Spielregel fürs Zusammensein gibt. Die Leute sind auf der Suche nach neuen Wegen, Anschluss zu finden. Man denke an Bücher wie Patchwork-Decken selbstgemacht oder Die Göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern oder Töchter des Himmels. Alle diese Bücher geben Regeln – wie man Decken macht, wie man Mahjongg spielt –, die es den Leuten ermöglichen, zusammenzusein und sich auszutauschen. Alle diese Bücher enthalten kurze Geschichten, die von einer gemeinsamen Aktivität zusammengehalten werden. Zumeist sind es »Frauengeschichten«. Neue Modelle für die gesellschaftliche Interaktion von Männern findet man selten. Ein bisschen Sport. Ein bisschen Nachbarschaftshilfe beim Hausbau. Und das wär’s dann auch schon.

Und jetzt gibt es Fight Clubs. Was auch immer man davon halten mag.

Bevor ich mit meinem Fight Club anfing, arbeitete ich als Freiwilliger in einer Sterbeklinik. Ich hatte die Aufgabe, Leute zum Arzt oder zu Selbsthilfegruppen zu fahren. Dort saßen sie zusammen mit anderen im Keller einer Kirche, verglichen ihre Symptome miteinander und machten irgendwelche New-Age-Sachen. Ich habe mich bei diesen Sitzungen nicht wohl gefühlt, weil die Leute, auch wenn ich mich noch so sehr im Hintergrund hielt, immer davon ausgingen, dass ich dieselbe Krankheit hatte wie sie. Es gab keine Möglichkeit, ihnen schonend beizubringen, dass ich nur als Beobachter da war, ein Tourist, der darauf wartete, seinen Schutzbefohlenen in die Klinik zurückzubringen. Also begann ich mir selbst eine Geschichte von einem Mann zu erzählen, der diverse Selbsthilfegruppen für Todkranke besucht, um sich in seinem sinnlosen Leben ein wenig besser zu fühlen.

In mancher Hinsicht haben diese Institutionen – Selbsthilfegruppen, Zwölf-Schritte-Programme für Süchtige, Demolition Derbys – die Rolle übernommen, die früher die großen Religionen hatten. Wir sind zur Kirche gegangen, um unsere schlechtesten Seiten, unsere Sünden zu offenbaren. Um unsere Geschichten zu erzählen. Um Anerkennung zu finden. Um Vergebung zu erlangen. Und um erlöst zu werden, in unserer Gemeinschaft wieder akzeptiert zu werden. Mit diesem Ritual haben wir den Kontakt zu anderen Leuten aufrechterhalten und unsere Ängste beschwichtigt, bevor diese Ängste uns ins gesellschaftliche Aus manövrieren konnten.

Dort habe ich die wahrsten Geschichten gefunden. In Selbsthilfegruppen. In Krankenhäusern. Überall, wo die Leute nichts mehr zu verlieren hatten, haben sie am ehrlichsten die Wahrheit erzählt.

Als ich Invisible Monsters schrieb, rief ich Sexnummern an und bat die Leute, mir ihre schmutzigsten Geschichten zu erzählen. Man ruft da einfach an und sagt: »Hey, Leute, ich suche echt scharfe Inzestgeschichten, Bruder mit Schwester. Erzählt doch mal!« Oder: »Erzähl mir von deinem schmutzigsten, versautesten Transvestitentraum!« Und schon kann man stundenlang Notizen machen. Da man nur den Ton hört, kommt es einem wie eine schlüpfrige Sendung im Radio vor. Manche Leute sind schreckliche Schauspieler, aber manche brechen einem das Herz.

Bei einem dieser Telefonate erzählte mir ein junger Mann, ein Polizist habe ihn zum Sex gezwungen mit der Drohung, seine Eltern wegen Missbrauchs und Vernachlässigung anzuzeigen. Der Polizist steckte den Jungen mit Tripper an, und die Eltern, die er doch nur hatte schützen wollen … warfen ihn aus dem Haus, und jetzt lebte er auf der Straße. Gegen Ende seiner Erzählung begann er zu weinen. Falls er die Geschichte erfunden hatte, war es jedenfalls eine exzellente Vorstellung. Ein schönes kleines Einmannstück. Wenn die Geschichte stimmte, war sie immer noch großartig.

Und so habe ich sie natürlich in dem Buch verwendet.

Die Welt besteht aus Leuten, die...

»Voller wundervoller Momente . Palahniuks Erzählton ist unverwechselbar und wirkt vertraut - er schreibt, als würde er einem Freund eine tolle Geschichte erzählen.«
 
»Nur selten ist eine Sammlung von Geschichten von einem solchen Format, dass man sie als großartig bezeichnen würde. Aber >Stranger than Fiction< ist wirklich absolut großartig.«
 
»Palahniuk ist ein Genie!«
 
»Eine der skurrilsten und auf ungewöhnliche Weise fesselndsten Sammlungen von Geschichten, seit langem.«
 
»Exzentrisch, eigenwillig und unterhaltsam.«
 
»In Chuck Palahnikus Welt ist das Tempo schnell, oft verstörend und es gibt kein Zurück.«
 
»Palahniuk hat mit seinem scharfen Erzählton zweifellos einen Nerv getroffen, der nicht mehr nur eine kultische Subkultur-Fraktion begeistert.«
 
»Ein lobenswert unbarmherziger Autor, der Inhalt wie Form nicht nur beherrscht, sondern jedes Mal neu für sich selbst erschafft.«
 
"Eine Hetz das Ganze, eine absurde Anekdote, hinter der sich allerdings - wie immer bei Palahniuk - ein melancholisch stimmendes Porträt der Gesellschaft verbirgt."
 
»Palahniuk ist ein Könner auch der leisen Töne, weiß zuweilen mit einer fast minimalistischen Prosa zu überzeugen.«
 
»Unbezahlbare Beobachtungen von einem außergewöhnlich witzigen und scharfsichtigen Autor.«
 
»Der große Reiz an Palahniuks Geschichten liegt darin, dass er uns seine Geheimnisse verrät. Die sind nämlich das Rohmaterial für viele seiner Stories.«

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