Sehnsucht

Drei Erzählungen
 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 254 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-75372-9 (ISBN)
 
Der Alptraum ist die Kehrseite des Traumes, sein schmerzhafter Preis. Dies haben auch jene erfahren müssen, die in den dreißiger und vierziger Jahren auf der Flucht vor dem Holocaust nach Palästina gelangt sind; gestrandet in einer unwirtlichen Landschaft unter britischer Mandatsverwaltung, in der sich die Träume vom jüdischen Staat nur zögernd verwirklichten. 1974/75 hat Amos Oz drei Erzählungen über die Erfahrungen dieser jüdischen Einwanderer verfaßt.
Die erste Erzählung, »Der Berg des bösen Rates«, spielt im Mai 1946 und schildert, wie Palästina für Dr. Kipnis und seine Frau aus unterschiedlichen Gründen zur geliebten oder erzwungenen Endstation einer Flucht wird. In »Herr Levi« ist es Spätsommer 1947, und Amos Oz erzählt vom jüdischen Widerstand gegen die englische Verwaltung. Unmittelbar daran schließt sich »Sehnsucht« an, doch die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Nunmehr ist der Abzug der Engländer gewiß, und die Zionisten rüsten sich für Konflikte mit den arabischen Nachbarn.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 1,41 MB
978-3-518-75372-9 (9783518753729)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Amos Oz wurde am 4. Mai 1939 in Jerusalem geboren und starb am 28. Dezember 2018 in Tel Aviv. 1954 trat er dem Kibbuz Chulda bei und nahm den Namen Oz an, der auf Hebräisch Kraft, Stärke bedeutet. Amos Oz war Mitbegründer und herausragender Vertreter der seit 1977 bestehenden Friedensbewegung Schalom achschaw (Peace now) und befürwortete eine Zwei-Staaten-Bildung im israelisch-palästinensichen Konflikt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1992, dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main 2005 und dem Siegfried Lenz Preis 2014. Sein bekanntestes Werk Eine Geschichte von Liebe und Finsternis wurde in alle Weltsprachen übersetzt und 2016 als Film adaptiert.

Ruth Achlama, geboren 1945 in Quedlinburg, studierte Rechtswissenschaft in Heidelberg und Bibliothekswissenschaft in Jerusalem. Heute ist sie hauptberuflich als freie Übersetzerin tätig und lebt in Tel Aviv.

Der Berg des bösen Rates


1.

Es war dunkel. Im Dunkeln sagte eine Frau: Ich fürchte mich nicht. Ein Mann erwiderte: Du fürchtest dich sogar sehr. Und ein anderer sagte: Ruhe!

Dann gingen schwache Lichter zu beiden Seiten der Bühne an, der Vorhang hob sich, und es war plötzlich still.

Im Mai 1946, ein Jahr nach dem Sieg der Alliierten, veranstaltete der Nationalrat eine große Feier im Edison-Kino. Die Wände waren mit den Flaggen Großbritanniens und der zionistischen Bewegung geschmückt. Vorn auf der Bühne standen Vasen mit Gladiolen. Und hoch darüber prangte ein biblisches Motto: »Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit.«

Der Gouverneur von Jerusalem bestieg militärisch stramm die Bühne und hielt eine kurze Ansprache, in die er einen subtilen Witz und ein paar Zeilen von Byron einflocht. Danach erhob sich Mosche Schertok, um auf englisch und hebräisch den Empfindungen des jüdischen Jischuw Ausdruck zu verleihen. In den Ecken des Saales wie an den Türen und zu beiden Seiten der Bühne waren englische Soldaten mit roten Baretts und Maschinenpistolen postiert als Schutz vor Anschlägen des Untergrunds. Aufrecht stehend inmitten einer kleinen Schar von Damen und Offizieren, blickte der britische Hochkommissar, Sir Alan Cunningham, von der Loge herab. Die Damen hielten Operngläser. Ein Chor der Pioniere in blauen Hemden sang Arbeiterlieder, deren russische Melodien - ebenso wie das Publikum - keine heitere, sondern eine sehnsüchtige Stimmung ausstrahlten.

Auf den Chor folgte ein Film über Montgomerys Panzervorsturm durch die westliche Wüste. Die Panzer wirbelten Staubsäulen auf, walzten mit ihren Ketten Schützengräben und Stacheldrahtzäune nieder, bohrten ihre Antennenspitzen in den grauen Wüstenhimmel. Der Saal füllte sich mit Geschützdonner und schmetternder Marschmusik.

Mitten im Film entstand ein kleiner Tumult in der Ehrenloge.

Abrupt wurde die Vorführung unterbrochen. Im Saal gingen sämtliche Lichter an. Jemand hob die Stimme zu einem knappen Tadel oder Befehl: Es werde dringend ein Arzt gebraucht.

In der 29. Reihe kam Vater augenblicklich auf die Beine. Er schloß den obersten Knopf seines weißen Hemdes, flüsterte Hillel zu, auf Mutter aufzupassen und sie zu beruhigen, bis die Lage geklärt sei, wandte sich dann - als stürme er todesmutig in ein brennendes Haus - ruckartig ab, um sich einen Weg zum Logenaufgang zu bahnen.

Wie sich herausstellte, hatte Lady Bromley, die Schwägerin des Hochkommissars, einen Schwächeanfall erlitten. Sie trug ein langes weißes Kleid und war auch ganz weiß im Gesicht. Vater stellte sich kurz und knapp den Spitzen der Verwaltung vor, schlang sich danach den schlaffen Arm der Dame um die Schulter. Wie ein galanter Kavalier, der ein schlummerndes Dornröschen davonführt, geleitete Vater Lady Bromley nun zur Damengarderobe. Dort setzte er sie auf einen Polsterhocker und brachte ihr ein Glas kaltes Wasser. Drei hohe englische Beamte in Abendanzügen eilten ihm nach, nahmen rechts, links und hinter der Patientin Aufstellung und stützten ihr den Kopf, als sie mühsam einen Schluck Wasser trank. Ein ältlicher Colonel in Luftwaffenuniform entnahm ihrer weißen Handtasche einen Fächer, entfaltete ihn behutsam und fächelte ihr Luft zu.

Die Lady schlug müde die Augen auf und musterte einen Moment leicht ironisch all die Männer, die sich um sie bemühten. Sie war sehr alt und wirkte mit ihrer hageren, knochigen Figur, der schmalen Spitznase und dem boshaften, höhnischen Ausdruck um den verkniffenen Mund wie ein durstiger Vogel.

»Also, Doktor«, wandte sich der Colonel in scharfem Ton an Vater, »was jetzt?«

Vater zögerte ein wenig, bat zweimal um Entschuldigung und faßte dann einen jähen Entschluß. Er beugte sich nieder und löste mit seinen hübschen schmalen Fingern die Schnüre ihres engen Korsetts. Da wurde es der Lady Bromley besser. Mit runzliger Hand, die an eine Hühnerkralle erinnerte, strich sie ihren Kleidersaum wieder glatt. Zwischen den verkniffenen Lippen tat sich ein Spalt auf, der ein schiefes Lächeln andeutete. Dann schlug sie die alten Beine übereinander und bemerkte mit ihrer blechernen Stimme in spitzem feindseligen Ton: »Es ist nur das Klima.«

Einer der hohen Beamten begann höflich: »Madam -«

Aber Lady Bromley ignorierte ihn. Sie wandte sich ungeduldig an Vater: »Würden Sie bitte so gut sein, junger Mann, sämtliche Fenster zu öffnen. Auch das dort. Ich möchte ein wenig Luft haben. Well, that's a good boy

Sie sprach Vater auf diese Weise an, weil sie ihn in seinen Khakihosen, dem schlipslosen weißen Hemd und den Ledersandalen eher für einen Dienstboy denn für einen Arzt hielt. Immerhin hatte sie ihre Jugend zwischen den Affen, Parks und Springbrunnen von Bombay verbracht.

Vater gehorchte schweigend und öffnete ein Fenster nach dem anderen.

Die Jerusalemer Abendluft drang herein und mit ihr ein Hauch von Kohl, Pinien und Unrat.

Vater zog eine der von den Krankenkassen ausgegebenen Pillenschachteln aus der Tasche, öffnete behutsam den fein gestrichelten Deckel und reichte der Lady eine Aspirin-Tablette. Das englische Wort für »Migräne« wußte er nicht, und so sagte er es in deutsch. Dabei glänzten seine blauen Augen gewiß herzlich und optimistisch hinter den runden Brillengläsern.

Zehn Minuten später wünschte die Lady an ihren Platz in der Ehrenloge zurückgebracht zu werden. Einer der hohen Beamten notierte sich Vaters Namen und Anschrift und dankte ihm reserviert. Man lächelte. Momentanes Zögern auf beiden Seiten. Plötzlich streckte der Beamte die Rechte aus. Sie tauschten einen Händedruck.

Vater kehrte an seinen Platz in der 29. Reihe zwischen Frau und Sohn zurück. »Nichts passiert«, sagte er, »es ist nur das Klima.«

Die Lichter im Saal verloschen. Wieder sah man General Montgomery General Rommel erbarmungslos durch die ganze Wüste hetzen. Feuer und Staubsäulen füllten die Leinwand, Rommel - in Großaufnahme - biß sich mächtig die Lippen, und im Hintergrund pfiffen fast schon ekstatisch die Dudelsäcke.

Zum Schluß wurden die britische und die zionistische Hymne gespielt. Die Feier war vorüber. Die Leute verließen das Edison und strebten nach Hause. Über Jerusalem brach plötzlich die Abenddämmerung herein. In der Ferne ragten kahle Berge auf, hier und da mit einem einsamen Turm besetzt. Auf den fernen Hängen standen verstreute Hütten. Raschelnde Schatten regten sich in den Gassen. Die ganze Stadt wurde von schwermütigem Sehnen erfaßt. Hinter den Fenstern gingen erste elektrische Lichter an. Es herrschte angespannte Stille, als werde jeden Augenblick ein neuer Laut aufklingen. Aber nur die alten Töne waren ringsum zu hören - eine tadelnde Frauenstimme, das Knarren eines Fensterladens, das Kreischen einer rolligen Katze zwischen den Mülltonnen auf einem Hof. Und eine sehr ferne Glocke.

Vor dem Fenster seines leeren Ladens stand ein gutaussehender bucharischer Friseur im weißen Kittel ganz allein und rasierte sich singend das Kinn. Im selben Moment überquerte ein englischer Jeep auf Patrouille die Straßenkreuzung, bestückt mit einem Maschinengewehr, dessen Munitionsgürtel kupfern glänzte.

Eine alte Frau saß allein auf einem Holzschemel vor ihrem winzigen Schreibwarenladen. Ihre Hände, zerfurcht wie die eines Gipsers, ruhten schwerfällig auf den Knien. Letztes Abendlicht umgab ihren Kopf, und ihre Lippen bewegten sich lautlos. Aus der Ladennische heraus sagte eine andere Frau: »S'is a pschutte (einfache) Sach, s'is a schlechte Sach

Die Alte gab keine Antwort. Rührte sich überhaupt nicht.

Vor der Bügelei Ehrenpreis trat ein frommer Bettler auf Vater zu, erbat und bekam ein Zweimilstück, dankte Gott wütend, verfluchte zweimal die Jewish Agency und verjagte mit seiner Stockspitze eine Straßenkatze.

Von Osten her schwoll das Glockengeläut an - hohe und tiefe, russisch-orthodoxe, anglikanische, griechische, abessinische, römische und armenische Glocken, als werde die Stadt von einer Pestilenz oder Feuersbrunst heimgesucht. Aber all diese Glocken sollten nur die Nacht Nacht nennen. Auch eine leichte Brise wehte aus Nordwest, vielleicht vom Meer her, bewegte leicht die Kronen der bleichen Zierbäume, die die Jerusalemer Stadtverwaltung oben an der Maleachi-Straße gepflanzt hatte, und spielte sanft mit den Locken des Jungen. Abend war's. Ein unsichtbarer Vogel zeterte stur und eigenartig. In den Mauerritzen sprossen Gräser. Rost breitete sich auf den alten Eisenläden und Balkongittern aus. Jerusalem stand sehr still im letzten Licht.

In der Nacht wachte der Junge wieder von einem Asthmaanfall auf. Vater kam barfuß herein, um ihm ein Trostlied zu singen:

Lamm und Zicklein schlafen wieder,

Schließ auch du jetzt fest die Lider.

Legt der Wind sich dann zu Bette,

Schläft ganz...

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