Endlich Stille

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 206 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81165-0 (ISBN)
 
»Von Tag zu Tag wuchs mein Wille, ihn nicht nur loszuwerden, sondern zu vernichten.«
Otts zweiter Roman »Endlich Stille« ist zupackend, redegewaltig, irrwitzig und ebenso virtuos. In Straßburg steht am Bahnhofsausgang plötzlich dieser Mensch neben dem Erzähler (»Suchen Sie auch ein Hotel?«) und will ihm nicht mehr von der Seite weichen. Von Stund an wird der Basler Philosoph (Spinoza-Spezialist) von diesem Schwadroneur und angeblichen Musiker (wankelmütiger Schubert-Verehrer) so lange belagert, tyrannisiert, unter den Tisch getrunken und an die Wand geredet, bis es nur noch einen schrecklichen Ausweg gibt . . . »Endlich Stille« handelt von den verheerenden Konsequenzen, die sich ergeben können, wenn man einen Fremden nicht im entscheidenden Augenblick wieder loswird. Er erzählt davon, wie sich der Alltag eines Menschen in kürzester Zeit fatal verändern kann. Ohne dass die Beteiligten spüren, auf welches Verhängnis sie sich zubewegen, nehmen die Dinge ihren Lauf. Ein wunderbar abgründiger Roman, dessen Komik aus dem Schrecken stammt und dessen Musikalität die Ereignisse bis zuletzt in der Schwebe hält.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,91 MB
978-3-455-81165-0 (9783455811650)
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Karl-Heinz Ott wurde 1957 in Ehingen an der Donau geboren. 1998 erschien sein Romandebüt Ins Offene, das mit dem Hölderlin-Förderpreis und dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnet wurde. Für seinen Roman Endlich Stille (2005) erhielt er den Alemannischen Literaturpreis, den Candide-Preis sowie den Preis der LiteraTour Nord. 2008 erschien sein dritter Roman Ob wir wollen oder nicht. Außerdem veröffentlichte er Baden (2007) und Tumult und Grazie. Über Georg Friedrich Händel (2008) und der Roman Wintzenried (2011). Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg

Endlich Stille


Endlich Stille. Nur Bussarde über mir. Beim Hinabsteigen das Geräusch von Geröll. Es klang, als möchte es ihm nachfolgen.

 

Er redete an diesem Abend so viel davon, wie es nicht mehr weitergehen und wie es nicht mehr sein soll, und dieses viele Nicht fiel mir vermutlich mehr als sonst auf, weil ich morgens, vor der Abfahrt, in Amsterdam ein Buch mit dem Titel Zestien manieren het neen te vermijden – Sechzehn Wege das Nein zu vermeiden gekauft hatte, obwohl ich kaum Holländisch und das wenige vermutlich noch falsch verstehe. Soweit ich den Klappentext begreife, richtet sich der aus dem Japanischen übersetzte Ratgeber vor allem an Wirtschaftskräfte und Diplomaten, aber auch an alle, die sich höflicher durchs Leben bewegen und ihre Neins aus dem Reden und Denken tilgen wollen. Eine Puppenspielerin, die auf eine Japan-Tournee eingeladen worden war, erzählte mir einmal, ihr Stück mit dem Titel Nirgendwo ist alles anders sei dort als Überall ist alles gleich angekündigt worden, und als sie sich gegen diesen Widersinn gewehrt und eine genaue Übersetzung eingefordert habe, sei ihr von allen Seiten bestätigt worden, eine solche Verneinung, zumal sie auf verquere Weise eine doppelte sei, könne im Japanischen nur umständlich umschrieben werden und man fahre, wie ein dortiger Theaterleiter vorgeschlagen habe, überhaupt am besten damit, das Stück mit der Überschrift Überall ist Zuckerland anzupreisen. Daran erinnerte ich mich an diesem Abend und ich fragte mich, wie es möglich sein soll, ein Nein zu meinen, ohne es in den Mund zu nehmen und so lange um es herumzuspielen, bis deutlich wird, worauf man hinauswill. Obwohl mir Seminardiskussionen in meiner Lage längst nichts mehr nützen, geht mir seither Spinozas Satz wie nie zuvor im Kopf herum: omnis determinatio est negatio, was heißt, daß alles, was wir begehren oder begreifen, sich einer Welt von Ausschließungen und Verwerfungen verdankt, ob es uns gefällt oder nicht, ob einer eher das Ja als das Nein bevorzugt, ob es laut oder leise, entschieden oder heimlich, zielstrebig oder absichtslos geschieht.

An all das dachte ich, während dieser andere über Schubert, über eine in Zürich lebende Prostituierte aus Kamerun, über den Berg Athos und seine Sehnsucht nach einem klösterlichen Leben und über Selbstmordphantasien redete. Oft sehnte ich mich an diesem Abend in das weiträumige American Café am Amsterdamer Leidseplein zurück, in dem ich die Tage zuvor stundenlang allein unter Leuten saß. Von meinem Platz am Fenster schaute ich vorbeischlendernden Frauen nach und stellte mir vor, wie mit dieser oder jener, die da auftauchte und gleich wieder aus dem Gesichtsfeld verschwand, mein Leben hätte endlich gelingen können. Mit solchen Wachträumen konnten halbe Tage vergehen und ich vermißte nichts dabei, obwohl die herbeigerufenen Bilder nur von verpaßten Gelegenheiten handelten. Jene Schattenlichtspiele an den Fassaden, die den aufgewühlten Aprilhimmel spiegelten, das Auf und Ab am Kiosk und an der Straßenbahnstation, die Möwen, die gewölbte Brücke über die Gracht und die Vorstellung, mit einem Schiff noch am frühen Abend das Meer erreichen zu können, all das genügte, und ich war in diesen Stunden mitten unter Leuten, ohne irgendwem eine Verbindlichkeit erweisen zu müssen.

Aber dann war ich diesem Menschen am Ausgang des Straßburger Bahnhofs begegnet, genauer gesagt, wir waren bereits auf dem Bahnsteig nebeneinander hergegangen, die Treppen hinab, die Treppen hinauf und durch die Eingangshalle immer noch nebeneinanderher, als gehörten wir zusammen, und als wir am Portal vor dem weiten, kahlen, von keinem Baum gesäumten Platz standen und wie auf eine choreografische Anweisung hin die Koffer im gleichen Augenblick abstellten und geradeaus starrten, als müßte jeder von uns einen Plan fassen, fragte er mich: »Suchen Sie auch ein Hotel?« Jetzt, vier Monate danach, werde ich damit leben müssen, daß diese Begegnung sich als weitreichender als alle bisherigen in meinem Leben erweisen sollte und dieser Mensch sich weniger als jeder andere aus meinem Gedächtnis je ausradieren lassen wird. Niemandem, so nahe er mir auch sein mag, werde ich diese Geschichte je mitteilen können, doch die Last dieses Geheimnisses gibt mir vielleicht zum ersten Mal im Leben das Gefühl, erwachsen zu sein. Lange glaubte ich, nur Geständnisse und Beichten könnten mich vor einem unerträglichen Alleinsein bewahren, aber bereits jetzt, auf dem Rückweg, beim Blick auf das eindunkelnde Rheintal hinab, läßt mich der Gedanke, daß diese Ereignisse bis an mein Ende nur mir allein gehören dürfen, beinahe jauchzen.

Damals, an jenem Abend, färbte der Himmel über Straßburg die pastellfarbenen Prachtfassaden samtig ein, und es sah aus, als leuchteten sie von innen heraus und strahlten die tagsüber gesammelte Wärme zurück. Bis kurz vor Ostern hatte der Winter sich immer wieder mit Schneestürmen zurückgemeldet, aber dann war über Nacht ein bereits sommerlich wirkender Frühling eingekehrt, so daß die Leute, was tags zuvor noch undenkbar gewesen wäre, jetzt bereits in den Straßencafés saßen. Kurz vor der Ankunft hatte die Sonne den Himmel vom Horizont her lodernd erhellt und die Baumkronen und Dächer des auf der anderen Seite gewitterig bewölkten, in ein violettes Dunkel getauchten Landes mit einem so feurigen Licht überstrahlt, wie man es nur aus Altorfers Alexanderschlacht kennt. Drüben, über dem Rhein, schien die Welt unterzugehen und im Westen kurz vor der Dämmerung noch ein Schöpfungstag anzubrechen.

Ich wolle hier nur zwei Tage bleiben, sozusagen auf dem Heimweg von Amsterdam nach Basel, um die Ankunft dort noch ein wenig hinauszuzögern. Das erklärte ich auf seine Frage, ob auch ich ein Hotel suche, und wunderte mich, warum ich das diesem Fremden überhaupt erzähle. Vielleicht lag es an seinem Lächeln, aus dem man einen Zug von Herablassung, aber auch eine Spur von Hilflosigkeit herauslesen konnte, und an seinem Blick, der etwas Taxierendes und Irritiertes zugleich ausdrückte. »Ich war noch nie hier«, sagte er mit einem verwunderten, wie über sich selbst staunenden Kopfschütteln, als wisse er in diesem Augenblick überhaupt nicht, was ihn an diesen Ort getrieben hat. Er müsse das Münster besichtigen, empfahl ich ihm und fand meinen Rat fast peinlich, aber vielleicht, so kommt es mir im nachhinein vor, wollte ich ihn mit dieser Bemerkung verabschieden. Doch dann überquerten wir im Gleichschritt den Paradeplatz, während unsere Koffer auf dem Kopfsteinpflaster klackten. Uns kam eine Handvoll Musikanten, denen die Hemden aus den Hosen hingen, mit zerdellten Blechinstrumenten entgegen, die plötzlich, mitten auf dem Platz, mit jäher Energie einen wilden, orientalisch angehauchten Marsch zu blasen anfingen, der ständig aus den Fugen zu geraten schien und aufjauchzend und traurig zugleich klang. Ich blieb stehen, um ihnen zuzuhören, aber mein Begleiter zerrte mich mit einem abschätzigen »Das sind Zigeuner aus Bulgarien« weiter. Anders als sonst, wenn mich eine Musik unwillkürlich zum Gleichschritt zwingt, schien diese mich aus dem Tritt zu bringen. »Es ist ein merkwürdiger Rhythmus«, rief ich meinem Begleiter zu, als wir an diesen ärmlich aussehenden Gestalten vorbeispazierten, aber als sei es der Rede nicht wert, schrie er mit einer wegwerfenden Handbewegung: »Fünfer- und Siebenermetren, das ist bei denen so üblich.« – »Sind Sie Musiker?« fragte ich, und er stöhnte: »Ja, aber vielleicht nicht mehr lange.« Es klang, als sage er es nur zu sich selbst, obwohl wir fast brüllen mußten, um die Musik zu übertönen. »Warum nicht mehr lange?« wollte ich wissen, aber er schien die Frage überhören zu wollen. Als die Kapelle nach einem einzigen Stück ebenso abrupt, wie sie angefangen hatte, wieder zu spielen aufhörte, wirkte der Platz trotz der Passanten wie verödet. Stumm gingen wir weiter und bogen in eine von arabischen Imbißbuden gesäumte Straße ein, als steuerten wir auf ein gemeinsames Ziel zu. »Endlich kommt der Frühling«, unterbrach ich nach einer Weile unser Schweigen, nur um etwas zu sagen. Vielleicht lag es an seinem mächtigen schwarzen Hut und seinem strikt geradeaus gerichteten Blick, daß ich mir neben ihm klein und sogar ein wenig ergeben vorkam und das Gefühl hatte, ihm hinterherzuhinken, obwohl unsere Ärmel sich auf dem schmalen Gehsteig immer wieder berührten.

Am Kanal angelangt, entschied er: »Am besten, wir nehmen das nächstbeste Hotel.« Er zeigte auf ein Eckhaus, dessen Fenster seit langem nicht mehr geputzt worden waren, dessen Verputz abgeblättert war und in dessen Aufschrift »Hotel« die mittlere Letter fehlte. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, im Gerberviertel oder in der Nähe des Münsters ein Zimmer zu suchen, aber diesen Vorschlag wischte er mit der Bemerkung weg: »Bett ist Bett, und zum Schlafen werden wir heute nacht eh nicht viel kommen.« Als die Frau an der Rezeption fragte, ob wir zusammengehören, und ich mich zu betonen beeilte: »Nein, zwei Einzelzimmer bitte«, empfand ich ihm gegenüber beinahe ein schlechtes Gewissen.

Mein schwefelgelbes, seit Jahren nicht mehr gestrichenes Eckzimmer stank nach abgestandenem Rauch, und das Fenster ging auf einen Hinterhofschacht hinaus, in dem Mülleimer standen. Wir hatten verabredet, daß wir uns in einer halben Stunde wieder treffen, aber als ich mich, kaum den Mantel abgelegt und den Waschbeutel ausgepackt, gerade hinlegen wollte, klopfte es bereits, und er rief: »Ich bin soweit!« Auf den knarrenden Dielen schlich ich mich zum Bad, ließ die Dusche laufen und betätigte die Klospülung, um ihn glauben zu machen, man könne ihn von hier drinnen nicht hören.

 

Ich hatte in Straßburg Halt...

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