Der Holocaust

Neue Studien zu Tathergängen, Reaktionen und Aufarbeitungen
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2017
  • |
  • 259 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-43730-9 (ISBN)
 
Die Geschichte und die Wirkung des Holocaust werden nicht nur von Historikern erforscht, sondern unter anderem auch von Literatur und Sprachwissenschaftlern sowie von Film und Fotowissenschaftlern. Stellvertretend für zahlreiche neue Studien stehen die zwölf in diesem Band versammelten Beiträge, die im interdisziplinären Doktorandenkolloquium des Fritz Bauer Instituts diskutiert worden sind. Viele verfolgen einen transnationalen Ansatz und gehen - im Sinne Saul Friedländers - über die Perspektive reiner Opfer bzw. Tätergeschichtsschreibungen hinaus. So gelangen Uneindeutigkeiten, Wechselwirkungen und Gleichzeitigkeiten in den Blick.

Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jörg Osterloh, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main. Katharina Rauschenberger, Dr. phil., ist dort wissenschaftliche Mitarbeiterin und Programmkoordinatorin.
Inhalt

Einleitung 7

Frank Görlich
Fluchtpunkt Transnistrien
Grenzüberschreitende Biographien und historische Kontinuitäten
zwischen Erster Globalisierung, Erstem Weltkrieg
und nationalsozialistischer Ostexpansion 23

Andrea Kirchner
Wie Noah auf dem Berg Ararat
Richard Lichtheim in Genf, 1939-1946 41

Birte Meinschien
Writing History with an Accent
Emigrierte deutschsprachige Historikerinnen und Historiker
in Großbritannien und ihre Forschungen zur deutsch-jüdischen
Geschichte 61

Christine Kausch
"Viel früher als die niederländischen Juden müssen sie sich vogelfrei
gefühlt haben"
Jüdische Flüchtlinge in den Niederlanden 1940-1942 79

Agnieszka Wierzcholska
Besatzungsgesellschaften und Mikrohistorie
Alltagspraxen der polnisch-jüdischen Beziehungen
im Generalgouvernement 99

Niklas Krawinkel
Rassismus und Gemeinschaftserfahrung
Biographische Einblicke in die Juden- und Volkstumspolitik
in der Slowakei 1941-1945 121

Margaretha Franziska Bauer
Justice for the Enemy?
Britische Offiziere als Verteidiger deutscher Kriegsverbrecher
1945-1949 141

Jasmin Söhner
"Der heiligen Rache darf nicht ein Auschwitz-Henker entgehen!"
Die erste sowjetische Zeugenaussage in Westdeutschland zwischen
Propaganda und Vergeltung 157

Anna Pollmann
Dialog ohne Welt
Täterschaft und moralische Erziehung in Günther Anders'
unveröffentlichtem Holocaust-Fragment "SS-Mann Kohn.
Gespräch 1947" 173

Julia Menzel
"Von jetzt an also ist keine Zeit"
Zeitordnungen und Zeitbrüche in H. G. Adlers wissenschaftlicher
und literarischer Auseinandersetzung mit der Shoah 191

Raphael Rauch
Die TV-Verfilmung Ein Stück Himmel
Janina David - die Anne Frank, die überlebte 209

Anja Horstmann
Das Nachleben der Bilder
Farbfilmmaterial aus dem Warschauer Ghetto von 1942
in Fernsehdokumentarfilmen 227

Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Doktorandenseminars
(2009-2016) 243

Dank 251

Autorinnen und Autoren 253
Einleitung
Jörg Osterloh, Katharina Rauschenberger
Das vorliegende Jahrbuch gibt einen Einblick in zwölf Promotionsvorhaben, die in den vergangenen Jahren in einem vom Fritz Bauer Institut und der Evangelischen Akademie Frankfurt jährlich gemeinsam ausgerichteten interdisziplinären Doktorandenseminar in Arnoldshain präsentiert wurden. Seit 2009 konnten dort jeweils zehn Doktorandinnen und Doktoranden ihre laufenden Forschungsvorhaben in einem geschlossenen Kreis vorstellen und ausführlich diskutieren. Neben Historikerinnen und Historikern waren regelmäßig Forschende verschiedener Nachbardisziplinen vertreten, da die Holocaustforschung mittlerweile weit über die Geschichtswissenschaft hinaus in zahlreichen Fachrichtungen wie etwa der Literaturwissenschaft, den Film- und Medienwissenschaften, den Erziehungs- und Kulturwissenschaften eine wichtige Rolle spielt.
Das Seminar ermöglichte es den Teilnehmenden, sich über theoretische, methodische und darstellerische Fragen, die alle gleichermaßen betreffen, auszutauschen und durch den interdisziplinären Ansatz auch über den Tellerrand der jeweiligen Fragestellung hinauszuschauen. Auf diesem Wege trug die Veranstaltung dazu bei, einer Verinselung der Forschung der Doktorandinnen und Doktoranden entgegenzuwirken, und bot ihnen eine Plattform, auf der Kontakte geknüpft werden konnten.
Die bis 2016 in Arnoldshain vorgestellten 77 Dissertationsvorhaben sind vor allem an deutschen und österreichischen Universitäten entstanden. Thematische Schwerpunkte waren unter anderem Forschungen zu den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern, Ghettos und anderen Tatorten des Massenmords (17 Projekte), biographische Studien sowohl zu den Tätern als auch zu den Opfern des Holocaust (10), sprach- und literaturwissenschaftliche Analysen (9), film- und fotohistorische Arbeiten (8), Studien zu den Nachwirkungen des Nationalsozialismus und des Holocaust in der Bundesrepublik und in der DDR (7) sowie Untersuchungen zu Gedenkstätten und Museen (5).
Die von uns für das Jahrbuch 2017 des Fritz Bauer Instituts ausgewählten zwölf Projekte zeigen eindrucksvoll die thematische Bandbreite, die die Forschung zur Geschichte der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und anderer Opfergruppen sowie zur Vorgeschichte und zu den Nachwirkungen der NS-Massenverbrechen heute erreicht hat.
Seit Anfang der 1990er Jahre ist das Wissen über die Ursachen, die Organisation und den Ablauf wie auch die Folgen des Genozids an den europäischen Juden erheblich angewachsen. Die Geschichtswissenschaft hat sich seither in einem zuvor nicht gekannten Maße mit der Erforschung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen befasst. Die folgende historiographische Skizze konzentriert sich auf die Entwicklung der Fragestellungen und Prioritäten der Holocaustforschung im deutschsprachigen Raum, weil die im Folgenden vorgestellten Dissertationsprojekte im Kontext dieser Schwerpunkte entwickelt worden sind.
Die Entwicklung der Holocaustforschung in Deutschland
seit 1990
Das Ende des Kalten Krieges und die Ablösung der staatssozialistischen Regierungen in Mittel- und Osteuropa bedeuteten eine Zäsur auch für die internationale Wissenschaftslandschaft. Nun standen die bisher nur schwer oder gar nicht zugänglichen Archive offen, wodurch die unmittelbaren Tatorte des deutschen Genozids an den europäischen Juden in den Fokus der historischen Forschung gerieten. Hinzu kam, dass bereits 1992 die Existenz deutscher Akten in Russland bekannt wurde. Diese waren nicht, wie man jahrzehntelang angenommen hatte, im Zweiten Weltkrieg vernichtet worden, sondern lagerten als Kriegsbeute im sogenannten Sonderarchiv in Moskau und standen nach dem Ende der Sowjetunion der Forschung zur Verfügung. In den 1990er Jahren liefen zudem die Sperrfristen für die Ermittlungsakten der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg nach und nach aus, so dass diese nun ebenfalls wissenschaftlich genutzt werden konnten.
An mehreren deutschen Universitäten wurden jetzt Schwerpunkte in der Holocaustforschung gesetzt. Eine nicht zu überschätzende Rolle spielte Wolfgang Scheffler, seit 1986 Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, der bereits seit den frühen 1960er Jahren mit Justizakten arbeitete, die im Zusammenhang mit der Strafverfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen (sogenannten NSG-Verfahren) angelegt worden waren. Scheffler richtete sein Interesse auf das Tatgeschehen in Mittel- und Osteuropa und betonte die Bedeutung der Akten aus Ermittlungsverfahren gegen NS-Verbrecher. Einen weiteren Akzent setzte das von Norbert Frei zunächst am Institut für Zeitgeschichte in München und später an seinem Bochumer Lehrstuhl geleitete Projekt, welches einen Zusammenhang zwischen den NS-Massenverbrechen in Auschwitz und der Entwicklung des Krieges, der Besatzungspolitik, aber auch der Wirtschaft und Gesellschaft herstellte. An der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg brachte seit 1992 Ulrich Herbert zahlreiche Studien auf den Weg. Er selbst leistete einen wichtigen Beitrag mit einer Monographie über den Organisator des Reichssicherheitshauptamtes, Werner Best. Im Rahmen des Forschungsprojekts "Weltanschauung und Diktatur" entstanden an der Forschungsstelle wegweisende Arbeiten, wie etwa die von Michael Wildt zum Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Und Götz Aly regte mit seinen zumeist überaus pointiert und durchaus gewollt provokativ vorgetragenen Thesen viele Male zu einem veränderten Nachdenken über die Ursachen und den Verlauf der Judenverfolgung und -vernichtung sowie die Rolle der deutschen Akteure dabei an.
In einer neuen Generation junger deutscher Historikerinnen und Historiker verfügten einige zudem über die notwendigen Sprachkenntnisse, um vor allem die Ereignisse in Polen und in den Ländern der früheren Sowjetunion auch mithilfe von Quellen in den jeweiligen Landessprachen analysieren zu können. Ab Mitte der 1990er Jahre lagen erste Dissertationen zur deutschen Besatzungsherrschaft sowie zum Judenmord in Polen und in den besetzten Gebieten der Sowjetunion vor. Paradigmatisch waren insbesondere die Regionalstudien von Dieter Pohl und Thomas Sandkühler zum Distrikt Galizien sowie von Christian Gerlach zu Weißrussland. In diesen und weiteren grundlegenden Untersuchungen zu Osteuropa wurden die nationalsozialistische Judenverfolgung, die Rolle der Besatzungsverwaltung hierbei und die Zusammenhänge des Holocaust mit anderen (Massen-)Verbrechen der deutschen Besatzer und der einheimischen Kollaborateure immer deutlicher herausgearbeitet.
Zugleich eröffneten die "neuen" Quellenbestände in Mittel- und Osteuropa auch neue Einblicke in die Verfolgung und Ermordung der Juden im Deutschen Reich sowie in den zwischen 1938 und 1945 annektierten Gebieten. Michael Alberti befasste sich mit dem Reichsgau Wartheland, und Jörg Osterloh untersuchte die nationalsozialistische Judenverfolgung im Sudetenland. Wolf Gruner brachte mit seinen Studien zum Zwangsarbeitseinsatz von Juden und zur dynamisierenden Wirkung kommunaler antijüdischer Maßnahmen auf die staatliche Judenpolitik wichtige Themen in die Diskussion ein, an die zahlreiche weitere Arbeiten anknüpften.
Mitte der 1990er Jahre führten die erregte Debatte um die deutschsprachige Ausgabe von Daniel J. Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust und insbesondere die Kritik an seiner Hauptthese, dass der Genozid an den europäischen Juden ein "nationales Projekt" der Deutschen gewesen sei, dazu, dass die Frage "nach Ausmaß und Verbreitung des Judenhasses in der deutschen Bevölkerung und nach der Bedeutung, die ihm für den millionenfachen Mord zukommt", wieder diskutiert und das Wissen der Deutschen um den Genozid thematisiert wurde.
Die 1995 in Hamburg eröffnete Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung konfrontierte die Deutschen mit dem Ausmaß der Verbrechen in der Sowjetunion sowie mit der Rolle der Wehrmacht beim Judenmord und regte dazu an, in Einzeldarstellungen die Zusammenhänge genauer zu betrachten. Vor allem am Lehrstuhl von Hans-Ulrich Thamer in Münster entstanden mehrere Doktorarbeiten, die die Besatzungspolitik und die Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion beleuchteten. An der Universität Mainz wiederum stand die ideologische Haltung von Wehrmachtsangehörigen im Mittelpunkt des Interesses. Anhand von Abhörprotokollen wurde in mehreren Studien die Einstellung deutscher Soldaten und ihr Fortwirken in der Kriegsgefangenschaft untersucht. Auch das Institut für Zeitgeschichte reagierte auf die erregten Debatten um die Wehrmachtsausstellung und brachte das Projekt "Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur" auf den Weg, das sich im Kern mit dem deutsch-sowjetischen Krieg in den Jahren 1941 bis 1944 befasste: Während Johannes Hürter sich mit der obersten Truppenführung beschäftigte, betrachtete Christian Hartmann die Praxis
des Truppenalltags, und Dieter Pohl arbeitete zur Besatzungspolitik in den rückwärtigen Militärverwaltungsgebieten. Die Erforschung der Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener - darunter aller jüdischen Kriegsgefangenen - aufgrund des sogenannten Kommissarbefehls sowohl für das Frontgebiet wie auch für das Deutsche Reich gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang.
Die 2001 gegründete Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart ist bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen angesiedelt. Sie stellt ebenfalls den Judenmord in Polen und in den besetzten Gebieten der Sowjetunion ins Zentrum ihrer Arbeit. In den vergangenen Jahren wandte sich die Forschung in Deutschland indes auch verstärkt dem Schicksal der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ländern in Westeuropa zu.
Der Blick auf den Holocaust veränderte sich 1998 durch den ersten Band von Saul Friedländers meisterhafter Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Friedländer, selbst Holocaustüberlebender, verknüpfte hierin paradigmatisch die Perspektive der Verfolgten mit jener der Täter und Tatbeteiligten zu einer "integrierten" Geschichte. Zunehmend vollzog sich in der Forschung ein Perspektivwechsel: Standen zuvor insbesondere in Deutschland die Täter im Mittelpunkt des Interesses, fanden nun die jüdischen Opfer und andere Opfergruppen der NS-Verbrechen mehr Beachtung, wie etwa sowjetische Kriegsgefangene; auch Nachkriegsschicksale wurden in den Blick gerückt, wie jene der jüdischen Displaced Persons.
2004 begann die Arbeit an dem Großprojekt "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945". Unter der Federführung des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin sowie des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg erscheinen 16 Quellenbände, die die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden nach Ländern und chronologisch geordnet dokumentieren und sowohl die Täter- als auch die Opferperspektive einschließen.
Ökonomische Aspekte der Vernichtungspolitik hatte die Berliner Politologin und Historikerin Susanne Heim bereits Anfang der 1990er Jahre in die Forschung eingebracht. Ab Mitte der 1990er Jahre wurden die wirtschaftlichen Faktoren der NS-Judenpolitik - sowohl im Deutschen Reich als auch in den annektierten und besetzten Gebieten - intensiv von Zeithistorikern sowie Wirtschafts- und Unternehmenshistorikern untersucht. Ein Meilenstein war die Studie von Frank Bajohr über die Verdrängung der jüdischen Unternehmer in Hamburg, die eine ganze Welle von Untersuchungen zur Ausschaltung von Juden aus dem Wirtschaftsleben und zum legalistisch kaschierten Raub jüdischen Eigentums in Deutschland, der sogenannten Arisierung, auslöste. Ab den 2000er Jahren entstanden auch grundlegende Arbeiten zur Rückerstattung des im "Dritten Reich" "arisierten" Besitzes von Juden.
Eine wichtige Rolle spielten die Historikerkommissionen, die die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Commerzbank, aber auch zahlreiche deutsche Großunternehmen wie etwa die im "Dritten Reich" gegründete Volkswagen AG oder die Chemiekonzerne BASF und Hoechst, von 1926 bis 1945 Teil der I.G. Farbenindustrie, zur Untersuchung ihrer eigenen NS-Vergangenheit einsetzten. Sie konnten die Beteiligung der Großbanken unter anderem an der Ausplünderung der Juden und der besetzten Gebiete sowie an der Finanzierung des Krieges belegen, ebenso die erhebliche Verstrickung deutscher Unternehmen und Unternehmer in die NS-Gewaltverbrechen. Die deutsche Wirtschaft hatte sich keineswegs freiwillig, sondern wegen des zunehmenden öffentlichen Drucks, vor allem wegen drohender juristischer Auseinandersetzungen und Entschädigungszahlungen an Holocaustüberlebende und ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Ausland, dazu gezwungen gesehen, sich ihrer Geschichte im "Dritten Reich" zu stellen. Zugleich wurde die Aufmerksamkeit auf die Funktion der deutschen Finanzverwaltung bei der Ausplünderung der Juden gelenkt. Mittlerweile sind die Entschädigungsdebatten selbst Thema der Forschung geworden.
Ein besonderes Augenmerk richtet die historische Forschung in Deutschland seit den 1990er Jahren zudem auf die juristische Ahndung von nationalsozialistischen Massenverbrechen sowie auf die damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Zugleich führten die erinnerungs- und gedenkpolitischen Diskussionen in Deutschland in den 1990er Jahren etwa um die Gründung des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., die Neugestaltung der KZ-Gedenkstätten in den neuen Bundesländern und die damit teilweise verbundenen Debatten über die "doppelte Vergangenheit" der Verfolgungsorte, die - wie beispielsweise die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen - nach 1945 als sogenannte Speziallager von der sowjetischen Besatzungsmacht genutzt worden waren, sowie vor allem um das nach jahrelangen Auseinandersetzungen 2005 eröffnete Holocaust-Mahnmal in Berlin dazu, dass das öffentliche Ringen um die angemessene Erinnerung an den Holocaust zunehmend das Interesse der Geschichtswissenschaft weckte.
Etwa seit der Jahrtausendwende lässt sich dabei eine zunehmende Transnationalisierung der Holocaustforschung konstatieren. Ulrich Herbert benannte 2013 auf einer Konferenz des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte sechs Themenfelder, auf denen sie derzeit vor allem tätig ist: die regionale Ausrichtung zahlreicher Studien, die stärkere Berücksichtigung der Perspektive der Opfer, die Verbindung zwischen dem Holocaust und anderen Massenverbrechen des NS-Regimes, die wirtschaftliche Dimension der Judenvernichtung, die Rolle der deutschen Bevölkerung bei den Massenverbrechen und die Geschichte der Überlebenden. Frank Bajohr und Andrea Löw betonten zudem, dass sich die Forschung von der durch Raul Hilberg geprägten Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Bystandern langsam löse. Zunehmend gehe man davon aus, dass der Begriff des Bystanders als unbeteiligter Zuschauer nicht haltbar ist, da dynamische Prozesse eine klare Zuordnung nicht möglich machen und die Grenzen zu den Tätern verschwimmen. So trete die Beschreibung des Holocaust als sozialer Prozess verstärkt in den Blick. Sie wiesen auch auf die wachsende Forschung zu den osteuropäischen Schauplätzen des Holocaust hin.
Zu den Beiträgen dieses Bandes
Die immense thematische Verbreiterung, Ausdifferenzierung und zunehmende inter- und transnationale Verknüpfung der Themen innerhalb des Forschungsfeldes zeigt sich auch in den für diesen Band ausgewählten Beiträgen.
Frank Görlich fragt nach den Besonderheiten des nationalsozialistischen "Lebensraum"-Expansionismus und verfolgt, ausgehend von der Situation im Oktober 1941 im rumänischen Besatzungsgebiet Transnistrien, wo im Großraum Odessa mehr als 100.000 Nachfahren von im 19. Jahrhundert aus Deutschland zugewanderten Kolonisten lebten, einzelne Biographien bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück. Er rekonstruiert auf diese Weise die Kontinuität von Traditionen und Denkmustern und versteht Transnistrien dabei als "Fluchtpunkt" unterschiedlicher Vorgeschichten.
Richard Lichtheim (1885-1963), jahrzehntelang an wichtiger Stelle in verschiedenen zionistischen Institutionen tätig, beobachtete die nationalsozialistische Judenverfolgung sehr genau aus der Schweiz. Andrea Kirchner beleuchtet, wie Lichtheims zunehmendes Wissen um den Holocaust seine Konzeption des Zionismus beeinflusste und welche Rolle er und das von ihm geleitete Büro der Jewish Agency unter den in der Schweiz agierenden jüdischen Organisationen einnahmen.
Mit 66 aus Deutschland nach Großbritannien emigrierten Historikerinnen und Historikern befasst sich Birte Meinschien in ihrem Dissertationsprojekt. 35 von ihnen waren als ausgebildete Historikerinnen und Historiker emigriert, da sie nach der Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten entlassen und verfolgt worden waren. 22 der untersuchten Personen waren bereits als Kinder oder Jugendliche aus Deutschland geflohen und hatten in Großbritannien ihre universitäre Ausbildung erhalten. Weitere neun hatten ihr Studium im deutschsprachigen Raum begonnen und später in der Emigration fortgesetzt. Meinschien nimmt eine Auswahl von Mitgliedern aller drei Gruppen in den Blick und betrachtet die Folgen des Bruchs in deren Lebens- und Karriereweg für die von ihnen gewählten Forschungsthemen und die Bildung von Netzwerken, etwa im Umfeld des Leo Baeck Institute in London.
Das Schicksal jüdischer Emigranten aus Deutschland, die zwischen 1933 und 1945 in den Niederlanden Zuflucht gesucht hatten, ist das Thema der Doktorarbeit von Christine Kausch. In ihrem Beitrag konzentriert sie sich auf die Situation der über 15.000 deutsch-jüdischen Flüchtlinge in den Jahren 1940 bis 1942, die nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande erneut der Verfolgung ausgesetzt waren. Sie vergleicht die nationalsozialistische Judenpolitik gegenüber den geflohenen deutschen Juden mit jener gegenüber den einheimischen Juden und fragt, wie konsistent diese Politik von Beginn an war.
Agnieszka Wierzcholska untersucht die Alltagspraxen polnisch-jüdischer Beziehungen im Generalgouvernement am Beispiel der Kleinstadt Tarnów im Distrikt Krakau, wo die jüdische Bevölkerung zum Zeitpunkt des Einmarschs der Wehrmacht im September 1939 fast die Hälfte der Einwohner ausmachte. Bereits in den Jahren zuvor hatte der Antisemitismus in der katholischen Bevölkerung spürbar zugenommen. Wierzcholska recherchiert, was mit den Lokalgesellschaften, die von jahrhundertelanger Multiethnizität und Multikonfessionalität geprägt gewesen waren, nach dem deutschen Einmarsch und unter den Rahmenbedingungen eines vor allem für die Juden mörderischen Besatzungsregimes passierte.
Der Jurist Hans Gmelin (1911-1991), hochrangiger SA-Führer und 1938 Kommandeur einer Einheit des Sudetendeutschen Freikorps, war ab 1941 in der deutschen Gesandtschaft in Bratislava tätig. Niklas Krawinkel beschäftigt sich in seinem Beitrag mit Gmelins Aktivitäten in der Slowakei und erkundet die Rolle der Gesandtschaft und der "volksdeutschen" Minderheit in der Judenpolitik in dem vom Deutschen Reich abhängigen Satellitenstaat. Dort waren die "Arisierung" jüdischen Vermögens und die Deportation der Juden im Jahr 1942 eng mit Integrations- und Ausgrenzungspraktiken in der deutschen Minderheit verknüpft.
Margaretha Franziska Bauer geht mit ihrem Untersuchungsgegenstand in die deutsche Nachkriegsgeschichte. Anhand des Agierens der englischen Verteidiger deutscher Kriegsverbrecher in britischen Militärgerichtsprozessen zeichnet sie den Versuch der britischen Besatzungsmacht nach, die Prozesse zu Vorbildern für eine unabhängige, demokratisch legitimierte Justiz zu machen. Sie diskutiert dieses weithin unbekannte Phänomen als einen Baustein im Theorem der Transitional Justice.

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