Weichselkirschen

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2015
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97208-6 (ISBN)
 
Die Journalistin Anna besucht nach dreißig Jahren das kleine, ehemals deutsche Dorf in Polen, in dem sie aufgewachsen ist. Die Fahrt nach Niederschlesien führt sie in ein fremdes Land und auch in ihre eigene Vergangenheit. Anna begegnet vertrauten Menschen aus ihrer Kindheit, ihrer alten Liebe Ludwik, dem Vater ihrer Tochter, und der neuen politischen Wirklichkeit.
Ein bewegender, poetischer Roman über die jüngere deutsche Geschichte.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 1,74 MB
978-3-492-97208-6 (9783492972086)
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Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, ist Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen als »Dichterin der Menschlichkeit« einen Namen gemacht. Seit 1980 lebt Leonie Ossowski in Berlin.

Am nächsten Tag geht Anna nicht zu Jula. Auch für Jolka hat sie wenig Zeit, und ein Angebot von Pani Pawlakowa, unter der Leitung des Gewerkschaftssekretärs eine Besichtigung des Kombinats vorzunehmen, lehnt Anna ab. Statt dessen borgt sie sich vom Nachtwächter Fratczak ein Fahrrad, um, wie sie sagt, in den Wald zu radeln.

Sie will mit sich allein sein, zwischen den Feldern in die vertraute Stille fahren. Und später vielleicht zur Napoleonspappel!

Gleißendes Licht über den Kornfeldern. Am himmelblauen Himmel Grünlinge, Sperlinge, segelnde Schwalben. Klatschmohn in den Weizen- und Haferfeldern, in Gerste und Roggen. Klatschmohn, der Anna Gefahr signalisiert, ihr den Weg durch das Korn sperrt und ihre Kinderängste wieder aufleben läßt. Die Roggenmuhme!

Zwischen den Halmen hockt sie, nicht jung, nicht alt, mit Kornblumen im blondwilden Haar. Mit spindeldürren, langen Armen greift sie nach jedem, der es wagt, ein Kornfeld zu durchstreifen. Ihre Beine sind geschwinder als hundert Hasenpfoten. Ihre Röcke verheddern sich nie im Getreide, und ihre Schritte hinterlassen nirgendwo Spuren. Wen sie im Korn erwischt, wer ihr schreckliches Gelächter vernimmt und ihr nicht rechtzeitig entkommt, den verwandelt sie in eine Glocke, die für ewig im Gebälk hängt, um den Morgen, Mittag und Abend einzuläuten. So erzählte es Jula winters Anna und Lora, wenn sie den Weibern beim Federnschleißen halfen.

Anna fährt den Feldrain entlang dem Akazienweg zu. Unter bizarren Stämmen wuchs dort das Gras hauchdünn und steppdeckenhoch, verbarg Birkenpilze und Schirmlinge, und die Äste der Baumkronen schoben sich in einen grünschimmernden Tunnel zusammen. Ich werde einen Zweig abbrechen, denkt Anna, und die Blüten zupfen .

Kein Akazienwald am Ende der Felder. Statt dessen eine haushohe Kiefernschonung. Wie alt bin ich?

Die Bäume wachsen Anna über den Kopf in den Himmel hinein. Nur der Boden bleibt ihr vertraut. Sandig und nadelbedeckt schluckt er jedes Geräusch, Kilometer um Kilometer.

Anna hat keine Ahnung, wo sie ist. Aus ist es mit der Vertrautheit des eigenen Grund und Bodens. Zwischen den fremden Kahlschlägen in den Wäldern ihrer Väter hat sie sich prompt verfahren.

Plötzlich ist da ein Haus. Vor dem Haus sitzt ein Mann im Gras und hält eine magere Kuh am Strick. Sein Blick streift Anna gleichgültig, ohne Erwartung.

Das Haus ist ihr nicht bekannt. Es ist alt wie der Mann, der davor sitzt. Anna fragt nach dem Weg ins Dorf und bekommt ein hundertjähriges Lächeln zur Antwort. Der Alte weiß es nicht!

Ich will nach Ujazd, wiederholt sie.

Ujazd? sagt der Alte und schüttelt den Kopf, das muß weit weg sein!

Anna wird nervös. Was ist das hier für ein Haus, was für ein verrückter Alter?

Das Zollhaus, sagt der Alte, ohne sich zu rühren, das Zollhaus nach Gola hin!

Jetzt dämmert es Anna. Das Zollhaus im sogenannten Polnischen.

Dort fuhr man als Deutsche nicht hin. Selbst der Wald hinter der Grenze war damals ein anderer und für sie nicht der Rede wert.

Ujazd ist nicht weit weg, sagt sie freundlich, ich bin ja von dort hergekommen!

So? Dem Alten scheint das egal zu sein. Unbeweglich sitzt er im Gras, die Beine wie Stöcke ausgestreckt, den Kopf unter einem grau verwitterten Hut versteckt, die gichtigen Hände am Kuhstrick hängend, als wäre das schlaffeutrige, leblos erscheinende Tier ein Halt, ohne den er nicht auskommen könnte. Sein Vogelgesicht ist Anna starr zugewandt. Selbst die Augen bewegen sich nicht. Sie betrachten Anna, als wäre sie Tag um Tag wie ein Fliegenpilz als Zeitvertreib für den Alten aus dem Boden gewachsen.

Verstehen Sie mich überhaupt?

Annas Ungeduld amüsiert den Alten. Ein Lächeln kriecht über sein Gesicht. Langsam kommen die Worte aus ihm heraus, mal deutsch, mal polnisch, wobei das Knacken seiner Kiefer zu hören ist.

Der spinnt, denkt Anna. Längst wäre sie weg, wüßte sie die Richtung.

Früher habe ich den Weg nach Ujazd oder Rohrdorf gekannt, sagt der Alte verschmitzt, aber heute - heute hab ich ihn vergessen!

Gehen Sie denn nie ins Dorf?

Der Alte dreht mehrmals den Kopf hin und her.

Nein, sagt er, ich war schon achtundfünfzig Jahre nicht mehr in Ujazd!

Wie bitte?

1917 bin ich hierhergekommen und seitdem nicht mehr fortgegangen!

Nirgendwohin?

Nein, die Menschen sind zu schlecht. Ich hab den Weg ins Dorf und in die Stadt vergessen!

Du lieber Gott! Anna bleibt respektvoll vor dem Mann mit der Kuh stehen und gibt die Hoffnung nicht auf, wenigstens die Himmelsrichtung zu erfahren, nach der sie sich richten kann. Ja, ja, sagt der Alte jetzt schon schneller und nicht mehr im deutsch-polnischen Mischmasch, die Menschen sind schlecht! Das habe ich 1914 im Krieg gelernt!

Und wo waren Sie im Zweiten Weltkrieg?

Der Wald ist groß, und das Zollhaus hier, kichert er, das hat niemanden interessiert!

Der Alte macht Anstalten, mehr von der Schlechtigkeit der Menschen zu erzählen, aber Anna möchte nach Ujazd und vorher zur Napoleonspappel.

Jetzt ist es vier Uhr, Vesperzeit. Früher war das die einzige Möglichkeit, sich mit Ludwik am Tag zu treffen. Nämlich dann, wenn sich die Männer und Frauen kurz in den Schatten der Sträucher legten, ihre müden Knochen ausstreckten, Schnaps oder Essigwasser tranken, um den Durst zu löschen, und sich nicht dafür interessierten, was der andere machte.

Ich muß nach Hause, sagt Anna nervös, helfen Sie mir!

Sie weiß, daß ein Fremder hier an die fünfzig Kilometer und weiter durch den Wald immer an den Dörfern vorbeifährt, wenn er die Wege nicht kennt.

Da fällt dem Alten etwas ein. Er bindet die Kuh an den Zaun und winkt Anna ins Haus.

Eine Küche wie alle Küchen, nur ist die hier sauber mit Sand ausgestreut, und an der Wand hängen Bilder, Bilder, nicht etwa mit Stift oder Farbe gemalt, sondern aus Moos, Blättchen, Tannennadeln und winzigen Zweigen zu Bäumen, Häusern und Brunnen aneinandergeklebt. Hasen, Rehe, Kühe, Gänse, Vögel und Blumen aus Holz, Moos und getrockneten Blättern geben nur Landschaft und Getier wieder. Keinen Mann, keine Frau, kein Kind!

In einer menschenlosen Welt hat er sich mit den Überbleibseln des Waldbodens seine eigene Geborgenheit zusammengeklebt und an die Wand gehängt.

In der Schlafkammer sind die Wände blank. In der Ecke ein Kreuz, darunter ein Vertiko.

Umständlich zieht der Alte die oberste Schublade auf. Sie klemmt, und die Gegenstände auf dem Schränkchen kommen ins Rutschen.

Verflucht, sagt der Alte und fängt sein Gebiß auf, das dort neben Rosenkranz und Bibel seinen Platz hat.

Hier, sagt er und faltet eine uralte Waldkarte, in den Kniffen brüchig, auseinander. Ein einziges Haus zwischen eingezeichneten Waldwegen, Schneisen und Lichtungen, die es längst nicht mehr gibt. Sein dünner Finger legt sich auf einen rotumrandeten Kreis. Das ist mein Haus!

Also geht es hier nach Gola und hier nach Ujazd. Anna atmet auf. Sie besinnt sich, daß sie vorhin an der Hirschgrube vorbeigekommen ist.

Der Alte nickt ein Vielleicht. Ihn gehen die Wege in die Dörfer nichts mehr an.

Warum haben die Polen den halben Wald abgehackt, das ist Wahnsinn!

Die Polen? Der Alte lächelt, schiebt die Karte zurück in die Schublade und ordnet Rosenkranz, Bibel und Gebiß auf dem Vertiko, das waren die Russen, Pani!

Dann wünscht er Anna ein hundertjähriges Leben und schlurft zu seiner Kuh. Dort läßt er sich ins Gras fallen, streckt seine Beine weit von sich und schaut am Kopf der Kuh vorbei in den Wald hinein, als wäre Anna schon weg.

Froh, die Räder unter sich zu spüren, legt sich Anna in die Pedale. Bis zur Napoleonspappel ist es noch weit!

Es sieht aus, als käme sie geradewegs aus dem Horizont herausgeradelt. Erst nur als bunter, auf dem Weg vorwärtsrollender Punkt. Ludwik weiß, daß es Anna ist. Auch früher hatte sie stets diesen Weg gewählt. Absichtlich kam sie von drüben, aus dem Polnischen, wo sie als Gutsbesitzerstochter nichts zu suchen hatte und es keine Arbeit auf den väterlichen Feldern zu kontrollieren gab. Auf dem Fahrrad flitzte sie den Grenzweg entlang, geschickt um Steine und Löcher herum, immer schön die Balance auf der höchstens zwanzig Zentimeter breiten Spur haltend, so schnell wie möglich, um keine kostbare Minute zu verlieren. So schnell fährt sie nicht mehr! Langsam kommt sie auf Ludwik zu, vorsichtig und auf der Radspur des Weges wohl nicht mehr so sicher. Auch an den Weichselkirschen nach der kleinen Biegung, von wo aus sie ihn bereits sehen kann, hebt sie nicht die Hand, winkt nicht! Das ist gut, denn mit dieser Anna, die hier auf ihn zukommt, hat Ludwik nichts mehr zu schaffen.

Genau nach der kleinen Biegung in Höhe der Weichselkirschen sieht sie ihn an der Napoleonspappel stehen.

Beinahe hätte sie gewunken. Aus Gewohnheit und nur so! Aber sie läßt es bleiben und findet sich selbst ein wenig sentimental. Nur gegen ihr Herzklopfen kann sie nichts machen, nichts gegen ihre Neugierde und nichts gegen den versteckten Wunsch, ihn zu beeindrucken!

Gut sieht er aus, in keinem Fall wie ein Traktorfahrer, auch nicht wie ein ehemaliger. Das gefällt Anna und löst eine Spannung in ihr aus, die nichts mehr mit der bedrückenden Atmosphäre am Mittagstisch zu tun hat.

Guten Tag!

Guten Tag!

Mehr fällt keinem von beiden ein, kein Wort, kein Satz. Alles, was Ludwik sich vorgenommen hat zu sagen, ist wie weggewischt. Er sieht sie an und sucht nach einem guten Anfang, distanziert und...

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