Tage in Burma

Roman
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. März 2021
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-980-5 (ISBN)
 
In seinem Debütroman Tage in Burma zeichnet George Orwell ein verheerendes Bild der britischen Kolonialherrschaft. Er beschreibt Korruption und imperiale Bigotterie in einer Gesellschaft, in der "immerhin Eingeborene Eingeborene waren - interessant, kein Zweifel, aber schließlich . ein minderwertiges Volk".

Als John Flory, ein weißer Teakholzhändler, sich mit dem Inder Dr. Veraswami anfreundet, widersetzt er sich dieser Doktrin. Der Arzt ist in Gefahr: U Po Kyin, ein korrupter Magistrat, plant seinen Untergang. Das Einzige, was ihn retten kann, ist die Mitgliedschaft im Europäischen Club, und Flory kann ihm dabei helfen. Die Begegnung mit der schönen Elizabeth Lackersteen verändert Florys Leben grundlegend. Sie zeigt ihm einen Ausweg aus der Einsamkeit und der "Lüge" des Koloniallebens.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,56 MB
978-3-03820-980-5 (9783038209805)
weitere Ausgaben werden ermittelt
GEORGE ORWELL, eigentlich Eric Arthur Blair, geboren 1903 in Motihari (Indien) als Sohn eines britischen Kolonialbeamten. Nach seiner Schulzeit in Eton und Wellington trat er 1922 in den burmesischen Polizeidienst ein. 1927 zog er zurück nach Europa und arbeitete in London sowie in Paris als Journalist, Tellerwäscher und Lehrer. Auf seinen Debütroman Tage in Burma folgten neben weiteren Büchern zwei Klassiker der Weltliteratur, Farm der Tiere und 1984. George Orwell starb am 21. Januar 1950 in London.

MANFRED ALLIÉ, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit über 30 Jahren Literatur, u. a. Edith Wharton, Scott Bradfield, Ralph Ellison, Richard Powers, Yann Martel, Michael Innes und Patrick Leigh Fermor, den er "kongenial übersetzt" hat (Hardy Ruoss, Literaturclub). Für seine Übersetzung von Patrick Leigh Fermors Die Zeit der Gaben erhielt er 2006 den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis. In seiner Übersetzung erschienen zudem Zwischen Wäldern und Wassern sowie Der Baum des Reisenden, Mani und Flugs in die Post! (alle vier zusammen mit Gabriele Kempf-Allié), Drei Briefe aus den Anden, Die Violinen von Saint-Jacques und Rumeli von Patrick Leigh Fermor sowie Der Prüfstein von Edith Wharton und Der verschwundene Kater von Mary Gaitskill.

II


Ungefähr zu der Zeit, zu der U Po Kyin seine vormittäglichen Geschäfte aufnahm, verließ »Mr Porley«, der Holzhändler und Freund von Dr. Veraswami, sein Haus und ging zum Club.

Flory war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mittelgroß, von guter Statur. Er hatte pechschwarzes, borstiges Haar mit tiefem Ansatz, trug einen kurz geschnittenen schwarzen Schnurrbart, und seine Haut, von Natur aus fahl, war dunkel von der Sonne. Weder fett noch kahlköpfig geworden, wirkte er noch jung für sein Alter, aber sein Gesicht sah, obwohl sonnenverbrannt, sehr abgezehrt aus, die Wangen eingefallen, mit dunklen Ringen unter den Augen. Es war nicht zu übersehen, dass er sich an diesem Morgen nicht rasiert hatte. Er hatte wie die meisten ein weißes Hemd an, kurze Hosen aus Drillich mit Kniestrümpfen dazu, aber statt Tropenhelm trug er einen zerbeulten breitkrempigen Filzhut, ein wenig schräg auf dem Kopf. In der Hand, mit einem Riemen fixiert, hielt er einen Bambusstock, und ein schwarzer Cockerspaniel namens Flo trottete hinter ihm her.

All das blieb jedoch von untergeordneter Bedeutung. Das Erste, was einem an Flory auffiel, war ein hässliches Muttermal, das sich in einem gezackten Halbmond die linke Wange hinunterzog, vom Auge bis zum Mundwinkel. Von links gesehen hatte sein Gesicht etwas Geschundenes, Gramgezeichnetes, als habe er sich geprügelt - denn die Farbe des Mals war dunkelblau. Er wusste, wie hässlich es aussah. Und immer wenn er in der Öffentlichkeit war, gingen seine Bewegungen ein wenig seitwärts, denn er war stets bemüht, sich so zu halten, dass die anderen seinen Makel nicht sahen.

Florys Haus stand am Oberende des Maidan, fast schon am Rande des Dschungels. Der Maidan, ein großer, leerer Platz, verlief vom Tor aus steil bergabwärts, ausgedorrt und khakifarben, von einem halben Dutzend strahlend weißer Bungalows umrahmt. Alles flirrte, flimmerte in der heißen Luft. Es gab einen englischen Friedhof auf halbem Wege hügelabwärts, mit einer weißen Mauer abgeschirmt und einer winzigen, blechgedeckten Kirche daneben. Jenseits der Kirche kam der Europäische Club, und wenn man den Club erblickte - einen unförmigen einstöckigen Holzbau -, dann erblickte man den wahren Mittelpunkt der Stadt. In jeder Stadt in Indien ist der Europäische Club das spirituelle Bollwerk, der wahre Sitz britischer Macht, das Nirwana, nach dem sich die einheimischen Beamten und Millionäre vergebens verzehren. Hier sogar aussichtsloser als anderswo, denn der Club von Kyauktada hielt sich besonders viel darauf zugute, dass er, beinahe als einziger in Burma, noch nie einen Orientalen aufgenommen hatte. Jenseits des Clubs floss lehmgelb und gewaltig der Irrawaddy, glitzerte diamanten, da wo die Sonne sich darin spiegelte; und wiederum jenseits dessen erstreckten sich riesige Reisfelder, reichten bis an den Horizont, wo eine dunkle Bergkette sie begrenzte.

Die Stadt der Einheimischen, das Gerichtsgebäude und das Gefängnis, lagen zur Rechten, größtenteils verborgen in einem grünen Hain aus Pepulbäumen. Zwischen den Bäumen ragte die Pagode auf wie eine vergoldete Speerspitze. Kyauktada war eine recht typische Stadt für Oberburma, wo sich von den Tagen Marco Polos bis zum Zweiten Anglo-Burmesischen Krieg kaum etwas verändert hatte, und vielleicht hätte es noch ein weiteres Jahrhundert im Mittelalter geschlummert, hätte es sich nicht als günstiger Ort für eine Bahnstation erwiesen. 1910 machte die Regierung es zur Bezirkshauptstadt und damit zu einem Ort des Fortschritts - erkennbar an einem großen Gerichtshaus mit seiner Armee aus fetten, doch trotzdem gefräßigen Advokaten, einem Krankenhaus, einer Schule und einem jener gewaltigen, für die Ewigkeit gebauten Gefängnisse, die die Engländer überall errichtet haben, von Gibraltar bis Hongkong. An Einwohnern hatte die Stadt ungefähr viertausend, darunter einige hundert Inder, ein paar Dutzend Chinesen und sieben Europäer. Außerdem gab es zwei Eurasier, Mr Francis und Mr Samuel, der eine der Sohn eines amerikanischen Baptistenmissionars, der andere der eines römisch-katholischen. In der Stadt fanden sich keinerlei Sehenswürdigkeiten, abgesehen von einem indischen Fakir, der schon seit zwanzig Jahren auf einem Baum nicht weit vom Basar lebte und jeden Morgen sein Essen in einem Korb hinaufzog.

Flory gähnte, als er nun aus dem Tor trat. Er hatte sich am Vorabend ziemlich betrunken, und das gleißende Licht tat ihm in den Augen weh. »Was für ein verfluchtes Scheißloch!«, dachte er beim Blick hügelabwärts. Und da außer dem Hund niemand in der Nähe war, sang er laut »Scheißloch, Scheißloch, Scheißloch, Scheißloch ist das hier« zur Melodie von »Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr«, schritt dazu die glühheiße Straße hinunter und schlug mit dem Stock nach dem verdorrten Gras. Es war kurz vor neun, und die Sonne brannte von Minute zu Minute unbarmherziger. Die Hitze hämmerte einem auf den Schädel, ein gleichmäßiges, rhythmisches Pochen wie Schläge mit einem riesigen Polsterkissen. Am Clubtor hielt Flory inne und überlegte, ob er die Straße noch ein Stück weitergehen und Dr. Veraswami besuchen sollte. Dann fiel ihm wieder ein, dass heute »England-Posttag« war und vermutlich die Zeitungen gekommen waren. Er ging durchs Tor, vorbei am Tennisplatz, abgeschirmt mit einem Spalier, an dem eine Kletterpflanze mit sternförmigen lila Blüten wuchs.

In den Rabatten beiderseits des Wegs wucherten die englischen Blumen - Phlox und Rittersporn, Stockrosen und Petunien - kräftig und üppig und noch nicht von der Sonne versengt. Die Petunien waren riesig, Bäume beinahe. Es gab keinen Rasen, dafür aber einen Garten mit einheimischen Bäumen und Büschen - Flammenbäume wie gewaltige Sonnenschirme aus blutroten Blüten, Frangipani mit ihren cremefarbenen Blüten direkt an den Ästen, leuchtend violette Bougainvilleen, scharlachroter Hibiskus und rosafarbene chinesische Rosen, giftgrüner Kroton, Tamarinden mit ihren Federwedeln. Eine Pracht so reich und bunt, dass es bei der Helligkeit in den Augen schmerzte. Ein fast nackter Mali zog mit der Gießkanne in der Hand durch diesen Blütendschungel wie ein überdimensionaler Kolibri.

Auf den Stufen des Clubhauses stand ein rotblonder Engländer mit struppigem Schnurrbart, hellgrauen, zu weit auseinanderliegenden Augen und unverhältnismäßig dünnen Waden, die Hände in die Taschen seiner kurzen Hosen gesteckt. Dies war Mr Westfield, der örtliche Polizeichef. Mit ausgesprochen gelangweilter Miene wiegte er sich auf den Fersen und hatte die Oberlippe so hoch geschürzt, dass sein Schnurrbart ihn an der Nase kitzelte. Er begrüßte Flory mit einer leichten Seitwärtsbewegung des Kopfes. Er sprach forsch und abgehackt, ließ jedes Wort aus, das man überhaupt auslassen konnte. Praktisch alles, was er sagte, war als Witz gemeint, aber er sprach es in einem finsteren, melancholischen Ton.

»Hallo Flory, mein Junge. Ziemlich schrecklicher Morgen, was?«

»Um diese Jahreszeit nicht anders zu erwarten, nehme ich an«, entgegnete Flory. Er drehte den Kopf ein wenig zur Seite, damit sein Muttermal von Westfield abgewandt war.

»Stimmt, 'flucht noch mal. Dauert noch Monate. Letztes Jahr kein Tropfen Regen bis Juni. Sehen Sie sich den 'fluchten Himmel an, kein Wölkchen. Wie so ein 'scheuerter Kochtopf aus blauer Emaille. Gott! Was wäre das schön, jetzt auf der Piccadilly, was?«

»Sind die englischen Zeitungen gekommen?«

»Ja. Gute alte Punch, Pink'un und Vie Parisienne. Kriegt man Heimweh, wenn man die sieht, was? Kommen Sie, wir gehen rein und trinken was, bevor das ganze Eis weg ist. Der alte Lackersteen schwimmt regelrecht in dem Zeug. Schon halb blau.«

Sie gingen hinein, wozu Westfield mit seiner Grabesstimme »Auf, auf, Macduff« raunte. Drinnen waren die Wände aus Teakholz, es roch nach Petroleum, und insgesamt gab es nur vier Räume, von denen einer die triste »Bibliothek« aus fünfhundert stockfleckigen Romanen enthielt, ein zweiter einen alten, schäbigen Billardtisch - der allerdings nur selten benutzt wurde, denn einen Großteil des Jahres umsummten Scharen von Käfern die Lampen und landeten dann auf dem Tuch. Es gab auch ein Kartenspielzimmer und einen »Salon« mit Blick auf den Fluss, über eine große Veranda hinweg; aber um diese Tageszeit waren sämtliche Veranden mit grünen Bambusjalousien verschlossen. Der Salon war ein nicht gerade anheimelnder Raum mit Kokosmatten auf dem Fußboden, möbliert mit Korbsesseln und Tischen, auf denen überall Illustrierte lagen. Als Schmuck gab es eine Reihe Bilder mit Bonzo dem Hund sowie verstaubte Sambar-Geweihe. Ein Pankha schwang träge auf und ab und wedelte Staub in die schwüle Luft.

Es waren drei Männer im Zimmer. Unter dem Pankha saß über den Tisch gebeugt ein rotgesichtiger, kräftiger, ein wenig aufgeschwemmter Mann von vierzig Jahren; er hielt sich den Kopf und stöhnte vor Schmerz. Dies war Mr Lackersteen, der hiesige Agent einer Holzfirma. Er hatte sich am Vorabend schwer betrunken, und jetzt litt er unter den Folgen. Ellis, hiesiger Agent einer weiteren Firma, stand am schwarzen Brett und las etwas dort Angeschlagenes mit grimmig konzentrierter Miene. Er war ein winziger Bursche mit drahtigen Haaren, blassem Teint, scharfen Zügen, ein Mann, der immer in Bewegung war. Maxwell, der diensttuende Forstaufseher des Bezirks, hatte sich auf einem der Chaiselongues ausgestreckt und las Field, das Magazin für Landleben und Jagd; man sah nur seine kräftigen Beine und die dicken, behaarten Unterarme.

»Jetzt seh sich einer diesen alten Wüstling an«, sagte Westfield, packte Mr Lackersteen halb...

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