George Orwell: 1984

Neuübersetzung
 
 
Nikol (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Februar 2021
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86820-895-5 (ISBN)
 
Im April des Jahres 1984 führt Winston Smith ein ödes und tristes Leben in London, einer düsteren Stadt im totalitären Staate Ozeanien, in der alle permanent vom Großen Bruder beobachtet und jeder Schritt und jedes Wort von der Gedankenpolizei überwacht werden. Winston, ein Mitglied der äußeren Partei, verbringt seine Tage damit, im Ministerium für Wahrheit die Geschichte so umzuschreiben, wie es die Regierung verfügt. Äußerlich angepasst, brodelt in ihm ein tiefer Hass gegen die Partei und das Regime, weil die Kluft zwischen der Propaganda, die er tagtäglich verfassen muss, und Realität, die er erlebt, zu groß ist. Ist er der einzige Mensch in diesem Staat, dessen Gedächtnis noch funktioniert und der bemerkt, dass die Partei alles zu ihren Gunsten manipuliert? Als er in Julia nicht nur seine große Liebe, sondern auch eine Gleichgesinnte findet, fasst er den Mut, mit ihr gemeinsam der geheimen Organisation der Bruderschaft beizutreten, die sich der Zerstörung der Partei verschrieben hat. Aber das stets wachsame System duldet keine Opposition, und auch an vermeintlich sicheren Orten lauert die totale Überwachung. Wird ihm die Gehirnwäsche oder gar die Vaporisierung drohen, die der Große Bruder für Andersdenkende und Regimegegner bereithält?
George Orwells Dystopie 1984 hat auch über 70 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung nichts von ihrer Brisanz und Aktualität verloren. Seine albtraumhafte Vision des totalitären Überwachungsstaats Ozeanien, in dem die Menschen unter ständiger Überwachung durch eine allwissende Regierung leben, ist heute relevanter denn eh und je.
  • Deutsch
  • 1,65 MB
978-3-86820-895-5 (9783868208955)
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TEIL I

KAPITEL 1


Es war ein strahlend kalter Tag im April, und die Uhren schlugen dreizehn. Winston Smith, sein Kinn an die Brust gedrückt, um dem scheußlichen Wind zu entkommen, schlüpfte schnell durch die Glastüren des Victory-Wohnblocks, wenn auch nicht schnell genug, um zu verhindern, dass ein sandiger Staubwirbel mit ihm hereinkam.

Der Flur roch nach gekochtem Kohl und alten Flickenteppichen. An einem Ende war ein farbiges Plakat an die Wand geheftet worden, das für drinnen eigentlich zu groß war. Es zeigte lediglich ein riesiges, mehr als einen Meter breites Gesicht: das Gesicht eines Mannes von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einem kräftigen schwarzen Schnurrbart und kernigen, jedoch gut aussehenden Gesichtszügen. Winston ging zur Treppe. Es war zwecklos, es mit dem Aufzug zu versuchen. Selbst zu den besten Zeiten funktionierte er nur selten, und gegenwärtig war der Strom tagsüber abgestellt. Dies war Teil der Sparmaßnahmen in Vorbereitung auf die Hasswoche. Die Wohnung lag im siebten Stock, und Winston, der neununddreißig Jahre alt war und ein Krampfadergeschwür über dem rechten Knöchel hatte, ging langsam und ruhte sich unterwegs mehrmals aus. Auf jedem Treppenabsatz starrte ihn von der Wand gegenüber dem Liftschacht das Plakat mit dem riesigen Gesicht an. Es war eines dieser Bilder, die so entworfen sind, dass die Augen einem bei jeder Bewegung folgen. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH lautete die Beschriftung darunter.

In der Wohnung verlas eine melodiöse Stimme eine Liste von Zahlen, die irgendetwas mit der Herstellung von Roheisen zu tun hatten. Die Stimme kam aus einer länglichen Metallplatte, die wie ein blinder Spiegel in der rechten Wand eingebaut war. Winston drehte einen Schalter, woraufhin die Stimme etwas leiser wurde, die Worte aber noch deutlich zu verstehen waren. Das Gerät (der sogenannte Teleschirm) konnte zwar heruntergedimmt werden, es gab jedoch keine Möglichkeit, es vollständig abzuschalten. Er trat ans Fenster: eine schmächtige, gebrechliche Gestalt, deren magerer Körper durch den blauen Overall der Parteiuniform noch betont wurde. Sein Haar war sehr hell, sein Gesicht von Natur aus gerötet, seine Haut rau von der groben Seife, den stumpfen Rasierklingen und der Kälte des gerade zu Ende gegangenen Winters.

Draußen sah die Welt selbst durch das geschlossene Fenster kalt aus. Unten auf der Straße wirbelten kleine Windstrudel Staub und Papierfetzen in Spiralen auf, und obwohl die Sonne schien und der Himmel grellblau war, erschien doch alles farblos, bis auf die Plakate, die überall angebracht waren. Das Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart blickte aus jeder bedeutenden Ecke herab. Eines hing an der Hausfront direkt gegenüber. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH, verkündete der Text darunter, während die dunklen Augen tief in Winstons eigene blickten. Unten flatterte auf der Höhe der Straße ein weiteres Plakat, das an einer Ecke zerrissen war, unruhig im Wind und verdeckte und enthüllte abwechselnd das einzelne Wort ENGSOZ. In der Ferne huschte ein Hubschrauber zwischen den Dächern hinunter, schwebte einen Augenblick wie eine Schmeißfliege in der Luft und brauste dann in einem Bogen wieder davon. Es war die Polizeistreife, die an den Fenstern der Menschen schnüffelte. Die Patrouillen waren jedoch nicht weiter tragisch. Nur vor der Gedankenpolizei musste man sich fürchten.

Hinter Winstons Rücken plapperte die Stimme aus dem Teleschirm immer noch über Roheisen und die Übererfüllung des neunten Dreijahresplans. Der Teleschirm war gleichzeitig Sende- und Empfangsgerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein sehr leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert; und solange sich Winston innerhalb des von der Metallplatte kontrollierten Sichtfeldes befand, konnte er nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden. Man wusste natürlich grundsätzlich nicht, ob man gerade beobachtet wurde. Wie oft oder nach welchem System die Gedankenpolizei sich an eine Privatleitung anschloss, war reine Spekulation. Es war sogar denkbar, dass sie jeden Einzelnen permanent überwachte. Aber auf jeden Fall konnte sie sich jederzeit, wann immer sie wollte, in jede Leitung einschalten. Man musste daher in der Annahme leben - was man aus einer Gewohnheit, die zum Instinkt geworden war, auch tat -, dass jedes Geräusch, das man machte, belauscht wurde und dass, außer in der Dunkelheit, jede Bewegung genau beobachtet wurde.

Winston kehrte dem Teleschirm weiterhin den Rücken zu. Dies war sicherer, obwohl, wie er sehr wohl wusste, selbst ein Rücken verräterisch sein konnte. Einen Kilometer entfernt ragte das Ministerium für Wahrheit, sein Arbeitsplatz, gewaltig und weiß über die düstere Landschaft auf. Dies also, dachte er mit einer Art unbestimmter Abneigung, war London, Hauptstadt von Stützpunkt Eins, der am drittstärksten bevölkerten Provinz Ozeaniens. Er versuchte, sich eine Kindheitserinnerung ins Gedächtnis zu rufen, die ihm die Frage beantworten sollte, ob London schon immer so ausgesehen hatte. Hatte es immer schon diese Aussichten auf verrottende Häuser aus dem 19. Jahrhundert, deren Mauern mit Holzbalken abgestützt, deren Fenster mit Pappe geflickt, deren Dächer mit Wellblech gedeckt waren und deren morsche Gartenmauern nach allen Seiten hin absackten, gegeben? Und diese zerbombten Ruinen, an denen der Gipsstaub in der Luft wirbelte und wo Weidenröschen die Trümmerhaufen überwucherten? Und die Stellen, an denen die Bombeneinschläge größere Lücken gerissen hatten, wo dann schäbige Siedlungen aus Holzbehausungen entstanden waren, die wie Hühnerställe aussahen? Doch es war sinnlos, er konnte sich nicht erinnern: Von seiner Kindheit war ihm nichts geblieben außer einer Reihe greller Bilder ohne jeglichen Hintergrund, die meist unverständlich waren.

Das Ministerium für Wahrheit - Minwahr in Neusprech1 - unterschied sich verblüffend von jedem anderen Objekt in Sichtweite. Es war ein riesiger, pyramidenartiger, weiß schimmernder Bau aus Beton, der sich Terrasse um Terrasse dreihundert Meter hoch in die Luft reckte. Von Winstons Standpunkt aus war es gerade noch möglich, die drei Parteiparolen zu lesen, die in eleganter Schrift auf seiner weißen Front prangten:

KRIEG IST FRIEDEN
FREIHEIT IST SKLAVEREI
UNWISSENHEIT IST STÄRKE

Das Ministerium für Wahrheit enthielt angeblich dreitausend oberirdische Räume und eine entsprechende Anzahl unterirdischer Räumlichkeiten. Über ganz London verstreut gab es nur drei weitere Gebäude von ähnlichem Aussehen und ähnlicher Größe. Sie übertrafen die sie umgebende Architektur so vollständig, dass man vom Dach des Victory-Wohnblocks aus alle vier gleichzeitig sehen konnte. Es handelte sich um die Gebäude der vier Ministerien, unter denen der gesamte Regierungsapparat aufgeteilt war. Das Ministerium für Wahrheit, das sich mit Nachrichten, Unterhaltung, Bildung und den schönen Künsten befasste. Das Ministerium für Frieden, das sich mit dem Krieg befasste. Das Ministerium für Liebe, das für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung zuständig war. Und das Ministerium für Fülle, das für wirtschaftliche Angelegenheiten zuständig war. Ihre Namen in Neusprech: Minwahr, Minfried, Minlieb und Minfüll.

Das Ministerium für Liebe war zweifellos das furchterregendste von allen. Es hatte überhaupt keine Fenster. Winston war noch nie im Ministerium für Liebe gewesen, und er war auch niemals näher als einen halben Kilometer herangegangen. Es war ein Ort, den man nur aus dienstlichen Gründen betreten konnte, und auch dann musste man durch ein Labyrinth aus Stacheldrahtverhauen, Stahltüren und versteckten Maschinengewehrnestern hindurch. Sogar die Straßen, die zu seinen äußeren Absperrungen führten, wurden von gorillagesichtigen Wachen in schwarzen Uniformen, die mit schweren Schlagstöcken bewaffnet waren, gesichert.

Winston drehte sich abrupt um. Er hatte die ruhige, optimistische Miene aufgesetzt, die man vor dem Teleschirm besser zur Schau stellen sollte. Er ging quer durch den Raum in die winzige Küche. Als er das Ministerium zu dieser Tageszeit verlassen hatte, hatte er damit auch sein Mittagessen in der Kantine geopfert, und er war sich bewusst, dass es in der Küche nichts zu essen gab, außer einem Stück dunklem Brot, das für das morgige Frühstück aufgehoben werden musste. Er nahm eine Flasche mit einer farblosen Flüssigkeit aus dem Regal, deren schlichtes weißes Etikett die Aufschrift VICTORY GIN trug. Sie verströmte einen widerlichen, öligen Geruch, wie nach chinesischem Reisschnaps. Winston goss sich fast eine Teetasse davon ein, rüstete sich für den Schock und würgte sie schnell wie eine Dosis Medizin hinunter.

Sofort lief sein Gesicht scharlachrot an, und Tränen schossen ihm in die Augen. Das Zeug war wie Salpetersäure, und man hatte beim Schlucken das Gefühl, mit einem Gummiknüppel auf den Hinterkopf geschlagen zu werden. Im nächsten Moment jedoch ließ das Brennen in seinem Bauch nach, und die Welt sah direkt fröhlicher aus. Er nahm eine Zigarette aus einer zerknitterten Schachtel mit der Aufschrift VICTORY ZIGARETTEN und hielt sie unvorsichtigerweise senkrecht, woraufhin der Tabak auf den Boden krümelte. Mit der nächsten hatte er mehr Erfolg. Er ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich an einen kleinen Tisch, der links neben dem Teleschirm stand. Aus der Tischschublade holte er einen Federhalter, ein Tintenfass und ein dickes, quartformatiges, leeres Buch mit rotem Rücken und marmoriertem Einband heraus.

Aus irgendeinem Grund war der Teleschirm in seinem Wohnzimmer an einer ungewöhnlichen Stelle angebracht worden. Statt wie üblich an der Stirnwand, von wo aus er den ganzen Raum kontrollieren konnte, befand er sich an der Längswand gegenüber dem Fenster. Auf...

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