Fermer

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Februar 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10870-0 (ISBN)
 
"Fermer" ist der Debütroman von Hanns-Josef Ortheil. Er erschien 1979 und wurde nach seinem Erscheinen sehr schnell zu einem Kultbuch der jungen Generation, die sich mit dem jungen Fermer auf eine weit ausschwingende, Motiven der Romantik nachspürende Deutschland-Reise begab. Untergründig geht es dabei um die Rückgewinnung eines poetischen Heimatempfindens, das sich weder in der Idylle einrichten, noch an früheren Heimat-Traditionen orientieren kann. Radikal subjektiv, "eigensinnig" und doch emphatisch ist Fermers Reise, die von Liebe, Freundschaft, "poetischer Geselligkeit" und dem Glauben an die Möglichkeit des Glücks getragen wird.
"Fermer" wurde mit dem ersten "Aspekte"-Literaturpreis des ZDF für den besten deutschsprachigen Debütroman des Jahres ausgezeichnet.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 0,55 MB
978-3-641-10870-0 (9783641108700)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

1


An einem Vorfrühlingsabend kehrte der junge Fermer nicht mehr in die Kaserne zurück. Es war noch recht kühl, doch waren die ersten Anzeichen des nahenden Frühlings zu bemerken. »Es tut sich etwas«, dachte Fermer, »scheint nicht alles aufspringen zu wollen?«

Um den Vollmond flogen eilend Wolkenfetzen, die sich sofort wieder zerstreuten; die sonst fahle Himmelsdecke war an einigen Stellen weit aufgerissen, und Fermer konnte die leuchtenden Sterne erkennen. Auch die Lastschiffe, die den Fluß hinauffuhren, schienen schneller zu fahren. Auf einem Schiff flatterten Wäschestücke an einer Leine, und eine Tür war so weit geöffnet, daß der Lichtschein auf ein neben der Wäsche stehendes Fahrrad fiel.

»Warum nicht sofort aufbrechen?« dachte Fermer und ging schneller voran. Das Neonlicht zwischen den Platanen am Ufer schien so hell auf die Knospen der Sträucher, daß sie künstlich zu sein schienen. Doch als Fermer plötzlich den noch schwachen Gesang eines Vogels hörte, war auch diese Künstlichkeit so unwichtig geworden wie die anderen verstummten Geräusche. Er wechselte singend den Schritt, begann zu laufen und hielt eine Zeitlang das Tempo eines Schiffes mit.

Schließlich erreichte er die Brücke, die aus der Stadt zu den Vororten führte, und als er sich auf ihrer Mitte umdrehte, sah er die Silhouette der Stadt wie ein eben fertig gewordenes Bild vor sich liegen.

Auf einigen Hochhäusern wechselte die Leuchtschrift. Manche Gebäude waren in gelbes Licht getaucht und erschienen wie Ton, der eben zu erstarren begann. Von den dunklen Häuserreihen hoben sich die langen Antennen ab, die in den erleuchteten Horizont ragten. Fermer erkannte die Hotelfassaden am Ufer. In den hell erleuchteten Rechtecken der Fenster bewegten sich Menschen; manche hatten sich auch hinausgelehnt und schauten auf den Fluß. In einem Fenster sah Fermer eine Frau, die sich vor einem Spiegel hin und her zu bewegen schien.

Das Hupen eines Lastschiffes weckte ihn aus seiner Vertiefung, und er ging schneller voran.

Der Fluß war an dieser Stelle sehr breit. Er teilte sich vor einer Insel, floß wieder zusammen und verschwand zwischen den an beiden Ufern sich erstreckenden Hügelketten. In der Nähe der Stadt war er noch von Fabriken und Schornsteinen eingefaßt; doch am Horizont wurde er immer mehr zu einer kaum noch gekrümmten Linie, die sich in die Linien der bewaldeten Hügel einordnete. Dort in der Ferne zitterten kleine Lichter in der allmählich immer stärker hereinbrechenden Dunkelheit.

Fermer verließ die Brücke über einen schmalen Steg, der zu einer Ulmenallee am Ufer führte. Er wußte seine Unruhe kaum zu beherrschen. Eingefaßt von den Bäumen, ging er im schwachen Wind. Hier bewegte sich alles, und laut wie nie erschien ihm das Rauschen des Wassers.

Er blickte zu der Reihe der alten Häuser hinüber, die nahe am Weg lagen. Einige hatten noch kleine Erker im ersten Stockwerk, von denen man über den Fluß auf die gegenüberliegende Stadt blicken konnte. Hier und da war auch eine Tür zum Balkon leicht geöffnet; ein Vorhang wehte nach draußen, oder ein schwaches Licht fiel auf die Efeuranken, die sich um die Vorbauten schlossen.

Lange blieb sein Blick an diesen Häusern hängen; er spürte die Ruhe, die sich in ihrem Inneren ausgebreitet hatte. Vögel kreisten über dem Fluß und flogen kreischend hinter den Schiffen. Im Geäst der Bäume hielten Krähen ein, der Wind war stärker geworden. Die Wolken schienen sich der Erde zu nähern, und über ihnen klaffte der dunkle Himmel, dessen Mitte der Mond noch hielt.

Er wollte weitergehen und steckte die Hände in die Taschen des Mantels, nach Wärme suchend. Im letzten Aufblicken bemerkte er eine Gestalt, die eine der schon geöffneten Türen weiter aufsperrte und auf den kleinen Vorbau hinaustrat. Sie lehnte sich auf die Brüstung und blickte in die Ferne. Sah er nicht deutlich eine Hand, die über dem Geländer lehnte, und flatterten nicht die Haare im Wind?

Fermer hielt wie erstarrt inne und glaubte, lange nichts Schöneres gesehen zu haben. Langsam trat er zurück ins Dunkel der Bäume, ängstlich schon, die Schöne könne in jedem Moment verschwinden und er allein zurückbleiben. Doch zugleich fühlte er auch schon, wie weit er von ihr entfernt war; ruhig schauend stand sie lange und schien den Wind nicht zu bemerken, während es um Fermer lauter wurde. Er wußte nicht, ob es das Rauschen des Flusses war, und drehte sich zum Wasser um. Das Ufer lief in langen Steinbänken aus, und zwischen den aufgeschichteten Steinen lagen Autoreifen und Abfall. Dort schlugen die Wellen mit dumpfem Geräusch an, während die Möwen noch niederfielen, um den angetriebenen Unrat aufzunehmen.

Als er sich wieder umdrehte, war die Gestalt verschwunden. Die Tür stand noch einen Spalt offen, und der schwere Vorhang wehte nach draußen. Inzwischen aber war auch das gedämpfte Licht im Inneren des Zimmers verloschen. Fermer ging langsam am Fluß entlang und redete sich zu, nicht in Traurigkeit zu verfallen. Er spürte eine milde Schwäche, die sich während des Gehens nicht aufhob, und atmete kräftiger durch. Ihm gerade gegenüber lag die Insel, die den Fluß teilte. Ihre dunklen Baumreihen hoben sich vom hell beschienenen Wasser ab. Bis auf das Klatschen der Wellen am Ufer und das ferne Summen der Autos war nichts zu hören.

Er wußte nicht, wohin der Weg führte, und blickte zur Insel, als habe er ein Ziel gefunden. Nur wenig bewegten sich dort die schweren Bäume hin und her; dunkel und still lag das Land in der erregten Umgebung.

Nicht weit entfernt sah er einen Bootssteg; dort hoffte er zu finden, was er brauchte. Das Bootshaus war abgeschlossen, aber am Ende des Steges war ein Kahn an einen hölzernen Pfeiler gekettet. Er ging auf ihn zu über den schwachen, knarrenden Steg und sah sein zitterndes Spiegelbild in den Wellen. Die Kette war leicht zu lösen; neben den Ruderbänken lagen die Ruder auf dem Boden des Bootes. Der Lack glänzte im Mondschein. Er setzte sich auf das Ende des Steges; seine Beine hingen über dem Wasser. Die Strömung war nicht stark, der Mond beschien die Strecke. Er glaubte, es sei einfach hinüberzukommen.

Die Erinnerung an die verschwundene Gestalt aber ließ ihn nicht los. Er beugte sich über das Wasser, als könne er so leichter vergessen. Die Arme erschienen ihm seltsam schwer, die Luft war knapp geworden, sein Atem ging rasch.

Schließlich löste er die Kette, die ins Boot rasselte, sprang hinter ihr her, balancierte den Kahn aus, setzte die Ruder ein und fuhr mit einigen kraftvollen Stößen los. Als er die Bewegung des Kahnes wahrnahm und sah, daß er langsam vorwärts kam, während das Wasser leicht an die Ränder klatschte, wuchs mit jedem Stoß sein Vertrauen zu sich selbst. Er atmete tiefer ein und bemerkte die Rinne, die der Kahn in die Wellen zog. Vom Ende des Bootes reichten die beiden Linien bis ans Ufer und hielten eine still gewordene Fläche. Die Möwen flogen flach hinter ihm; es schien beinahe zu stürmen, und doch wußte er, daß er es sich nur einbildete. Die Wellen gingen so hoch wie zuvor, und die Ulmen am allmählich verschwindenden Ufer bewegten sich nur schwach. Einmal mußte er vor Erschöpfung die Ruder loslassen, und der Kahn trieb ein wenig in der Strömung. Als Fermer sich umwandte, erkannte er schon die wild ineinandergewachsenen Baumgruppen, kleinere Büsche am Ufer und den schmalen Sandstreifen davor; mit jedem Ruderstoß näherte er sich einer Stille, die ihm groß und schwer erschien. Der Wind schwächer, nur die langsame Bewegung der Bäume, das Rascheln der Büsche in der Dunkelheit. Das Boot lief auf den Sandstreifen, und Fermer sprang heraus, um es vom Wasser wegzuziehen. Als er aufblickte, lag ihm gegenüber die Allee der Ulmen, hinter denen sich die alten Häuser verbargen, wie ein längst verlassenes Land, das er anschaute wie ein Fremder.

Er zwängte sich zwischen den Büschen hindurch und erreichte einen schmalen Pfad, der ins Dunkel führte. Durch die Baumreihen gelangte er in freieres Gelände. Er stolperte gegen die harte Erde eines Ackers und erkannte eine Wiese, die von Pappeln eingesäumt war. So war er an der anderen Seite der Insel angekommen und stand jetzt der Stadt gegen über, deren Bild grell aufleuchtete, flackernd wie ein Feuer, das noch im Wasser zu glühen schien. Es leuchtete stärker als zuvor und hob sich wie ein unruhig zitterndes Relief von der dunklen Umgebung ab.

Dahinter aber brodelte es; manchmal flogen Lichtfetzen hinaus über die Häuserfassaden im Vordergrund und verglühten wie Sternschnuppen im Dunkel. Auch war es lauter geworden - im fernen Dröhnen hörte er Autohupen und ein sich regelmäßig wiederholendes Zischen.

Er sah zum Bootshafen, erkannte die dunklen Lagerschuppen und die Schienen, auf denen im Sommer die Boote ins Wasser gelassen wurden. Zwischen den hohen Hotelfassaden riß es manchmal hell auf, und auf der breiten Uferstraße bildete der unablässige Strom der vorüberfahrenden Wagen ein helles Band, von dem sich die verblichenen Stämme der Straßenbäume abhoben. Flußabwärts die weißen Rückseiten der Wohnwagen in der Nähe der Schrebergärten; dort führte die Eisenbahnbrücke über den Fluß, über die die Züge glitten, in der Ferne flimmernde Ketten erleuchteter Fenster, die aufzuckten und verbrannten.

Er saß jetzt ruhiger, an eine Pappel gelehnt und fühlte, daß der innere Druck nachließ. Er schaute zum Mond, der zwischen den schnell ziehenden Wolken immer wieder hervortrat, und konnte sich wortlos nicht mehr an das erinnern, was vorgefallen war. Er wußte, daß etwas in ihm aufgebrochen war, und einmal nahm er den Kopf zwischen die erkalteten Hände.

So blieb er sitzen, bis die ersten Lichter verloschen und der Verkehr verebbte; längst waren die meisten Hotelfenster...

"Der Roman dokumentiert nicht nur eine verlorene Generation, sondern er ist diese Verlorenheit selber."
 
"Ein Buch der Flucht."

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