Im Namen der Freiheit

Leben und Philosophie des Albert Camus
 
 
Albrecht Knaus Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2013
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10797-0 (ISBN)
 
Michel Onfray feiert Albert Camus als hochaktuellen Denker und Freiheitskämpfer

An seinem 100. Geburtstag ist Albert Camus' Denken aktueller denn je: Mut, Mäßigung, Ehrlichkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit. Michel Onfray porträtiert ihn als Vorbild gerade für schwierige Zeiten. Immer stand Camus an der Seite der einfachen Menschen seiner Herkunft und beharrte darauf, Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten und Freiheit auch als Verpflichtung zu begreifen. Wenn es ein Buch braucht, um Camus neu zu entdecken, dann dieses.



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Knaus
  • 0,61 MB
978-3-641-10797-0 (9783641107970)
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1 - Genealogie eines Philosophen

Wie wird man, was man ist?

»Welch ein Mann wäre ich, wenn ich nicht

das Kind gewesen wäre, das ich war!«

Camus, Tagebücher 1935 - 1951

Die Idiosynkrasie des Libertärs

Camus spürte eine »beinahe organische Intoleranz« (Der Künstler und seine Zeit) gegenüber der Ungerechtigkeit. Er wusste nicht weshalb und fand sich so de facto an der Seite der Armen, Erniedrigten und Misshandelten wieder. Er sah sich angesichts des Elends der Hilflosen außerstande, den Schlaf des Gerechten zu schlafen. Die Formulierung »organisch« riecht nach Nietzsche, genauer nach dessen Theorie der Idiosynkrasie, welche das Denken und den dieses Denken hervorbringenden Körper ins Auge fasst sowie die Philosophie und die Biographie des Philosophen, seine Sicht auf die Welt und seine Situation in der Welt.

Für Camus ist der Autor der Fröhlichen Wissenschaft lebenslang ein positiver Bezugspunkt, eine Art Vorbild, an dem man sich schulen kann, ohne dass es selbst zum Lehrer würde. Bekanntlich beschäftigte Nietzsche sich mit einer Physik der Metaphysik, mit einer empirischen Genealogie dessen, was die offizielle institutionelle Philosophie als transzendental bezeichnete. Ohne explizit auf diese ihm natürlich bekannte Theorie Bezug zu nehmen, weist Camus in Hochzeit des Lichts die schöne, aber falsche Vorstellung zurück, ein Autor spreche nur von sich, und seine Gedanken entsprängen seiner Geschichte. Camus zufolge ist dies eine irrige, kindische Vorstellung.

Dennoch ist es nicht denkbar, dass die Intoleranz gegenüber jeder Form von Ungerechtigkeit - Camus' existentielles Erkennungszeichen - einfach vom Ideenhimmel herabgefallen ist, an den er ohnehin nicht glaubte. Wieder und wieder bekräftigte er, kein Philosoph zu sein. (Interview mit Servir, II, S. 659; Tagebücher 1942 - 194S. 241; Entretien sur la révolte, Gespräch über die Revolte, III, S. 402; Révolte et romantisme, Revolte und Romantik, III, S. 411) Die Philosophie erschien ihm meistens wie eine Art Theologie ohne Gott, ein folgenloses Spiel mit Begriffen, eine Sophisterei ohne Ziel, eine durch die Berufsphilosophen zusätzlich verkomplizierte Fachrhetorik. In der Geschichte der Philosophie erstrahlt Camus als Denker der radikalen Immanenz. Kein anderer im 20. Jahrhundert ging der konkreten Materie der Welt, der greifbaren Prosa der Wirklichkeit derart auf den Grund, kein anderer war wie er zugleich frei von den Macken der Philosophenzunft und griff auch noch zur Dichterfeder. Außer Camus. Wie vor ihm Nietzsche.

Nun, da Camus sich als organisch gegen Ungerechtigkeit, Elend, Armut und Erniedrigung gerichteter Mensch konstituiert hat, können wir uns der historischen Entstehung dieses Wesens zuwenden. Schrieb er doch: »Eine gewisse Zahl an elendig zugebrachten Jahren genügt, um Empfindsamkeit hervorzurufen.« (II, S. 795)

Dieses Eingeständnis legt den Gedanken nahe, Camus' Sensibilität sei in seiner Kindheit entstanden - eine Annahme, der man sich wohl nur schwer entziehen kann. Man wird nicht als das geboren, was man ist, sondern entwickelt sich dazu. Wie wurde Camus zu jenem radikal gegen die Ungerechtigkeit aufbegehrenden Philosophen? In anderen Worten: Was führte dazu, dass dieses Kind, als es zum Mann herangewachsen war, schließlich libertäre Tendenzen entwickelte?

Eine Psychographie ohne Freud

Methodologische Vorsichtsmaßnahme: Die Suche nach einer Identität und die Beschäftigung mit der Kindheit stammen nicht aus der Psychoanalyse, sondern aus der Psychologie. Jeder weiß inzwischen, dass letztere längst die Waffen strecken musste angesichts der freudschen Bataillone, die seit hundert Jahren jede Psychographie kontaminieren. Die Psychographie stammt als Methode von Nietzsche und ist in Die fröhliche Wissenschaft und Jenseits von Gut und Böse niedergelegt - ein halbes Jahrhundert vor den freudschen Erfindungen.

Sich mit Vater, Mutter, dem familiären Umfeld und der Kindheit zu beschäftigen, um die Entwicklung der Psyche zu verstehen, macht einen nicht gleich zum Anhänger der Theorien von Ödipus, vom phylogenetisch vererbten Unbewussten, vom Vatermord, vom kannibalistischen Festessen oder anderen Wiener Fantasien, die großen Schaden angerichtet haben.

Ein Mann der Künste hat bereits eine Psychoanalyse Albert Camus' vorgelegt und in einem vorgeblich seriösen Verlag in der Reihe »Wissenschaftliche Bibliothek« veröffentlicht. Das Buch verrät mehr über den Autor als über dessen Thema. Über Camus erfahren wir unter anderem: Weil er durch den Tod des Vaters schon früh Halbwaise wurde, habe er die väterlichen Anteile in der Mutter gesucht (Costes, S. 22), was natürlich das ödipale Spiel durcheinandergebracht habe. Mit seinem einbeinigen Onkel habe er sich nicht identifizieren können, weil der Verlust eines Beines vom Unbewussten mit einer Kastration gleichgesetzt werde (Costes, S. 23). Indem Camus die Texte anderer für das Theater adaptierte und später auch selbst als Schauspieler wirkte, habe er an der Wiederauferstehung des Vaters gearbeitet (Costes, S. 27). Sein Engagement in der Résistance sei einfach zu erklären, schließlich habe er sich dem Widerstand nach der Lektüre eines Zeitungsartikels angeschlossen, der die Hinrichtung von Gabriel Péri verkündete - und »Péri« verweise natürlich auf »Père« (Vater) und »Périer« (umkommen) (Costes, S. 29). Camus' Einsatz während des Kriegs habe nichts mit seinem bereits seit 1933 andauerndem Engagement für die antifaschistische Bewegung Amsterdam-Pleyel zu tun, sondern mit dem Bedürfnis, den von den Deutschen getöteten Vater zu »rächen« (Costes, S. 29). Die Figur des Meursault sei ein »väterliches Substitut«, sei doch der Vater Feldarbeiter auf einem Weingut gewesen (Costes, S. 30), wo allerdings kein Burgunder hergestellt worden sei. Die Großmutter habe Camus durch ihren übermäßigen Gebrauch der Reitgerte in die phallische Klemme getrieben (Costes, S. 38). Als er wegen seiner Tuberkulose das philosophische Staatsexamen nicht ablegen konnte, habe ihm »die phallische Mutter-Krankheit den Weg zur väterlichen Identifikation verstellt« (Costes, S. 40), nämlich mit Jean Grenier. »In seiner Vorstellung kam es zur Identität von Mutter, Meer und Tod (mère = mer = mort)« (Costes, S. 43), die im gesamten Werk zu finden sei. Seine »inzestuösen Begierden, die ihn zur stummen Mutter trieben, ließen ihn auch auf einen Abgrund aus Schweigen zu driften« (Costes, S. 129) - und dies, obwohl der angebliche Schweiger, der schon mit sechsundvierzig Jahren starb, Theater spielte und es in der Pléiade-Gesamtausgabe auf fast fünftausend Seiten bringt. Die Pest entspreche »einem analen Phallus« (Costes, S. 146), was auch auf Der Mythos des Sisyphos zutreffe, während der einzige Existenzgrund von Der Mensch in der Revolte natürlich der ödipale Mord am bereits toten Vater sei.

Nachdem die freudsche Messe hier ein für alle Mal gelesen wurde, erlaube man mir, nun die Entstehung von Albert Camus' Libertarismus aus einer nietzscheanischen Perspektive zu betrachten. Dabei wird es nicht um den Phallus, um Kastrationen, Vatermorde, Inzest- und Analgelüste oder Wortspiele gehen. Stattdessen bringe ich individuelle, subjektive Geschichte mit der allgemeinen Geschichte (einer sozialen Klasse, eines Milieus, einer Epoche, eines Gebiets oder Landes, einer Stadt, eines Viertels) zusammen. Ich werde aber auch besondere Ereignisse beleuchten, etwa Kränkungen in der Kindheit, Demütigungen in jungen Jahren, aber auch Begegnungen, die auf ein Kind, für das die Sterne gesellschaftlich schlecht standen, das zu werden, was es wurde, wie heidnische Momente der Erlösung wirken mussten.

Wie man ein treuer Sohn wird

1945 lieferte Camus einen Schlüssel zu seiner Psyche: »Welch ein Mann wäre ich, wenn ich nicht das Kind gewesen wäre, das ich war!« (Tagebücher 1935 - 1951, S. 306) Tatsächlich birgt seine Kindheit das Geheimnis der organischen Entstehung seiner Sensibilität, seines anarchistischen Wesens - wobei der Begriff die Weigerung meint zu folgen oder zu führen. Es geht um jene vaterlose Kindheit, die doch von bedeutsamen, vom Vater überlieferten Erinnerungen geprägt war. Jene in gewisser Weise auch mutterlose Kindheit, denn die Mutter war taub und nahezu stumm, doch zugleich äußerst präsent in ihrer Festung des Schweigens. Jene Kindheit, in der die ungerechte, gewalttätige, brutale und böse Großmutter herrschte. Aber auch jene Kindheit, die auf heidnische Art vom Mittelmeer und der Sonne, von Stränden, Schwimmen, Sand, Freundschaften, Lachen, Mädchen, Natur, Licht, Sport und Theater geprägt war. Jene Kindheit, die gerettet wurde durch Bildung, Kultur, Lesen, Bücher und später durch Schreiben und Veröffentlichungen - zunächst mit dem Lehrer Louis Germain, dann mit dem Philosophieprofessor Jean Grenier.

Die Psyche konstituiert sich durch...

"Durch die 570 Seiten dieses Anti-Sartre weht der Geruch der intellektuellen Grabenkämpfe, es ist trotz der Länge eine rasante Lektüre mit vielen kurzen, polemisch zugespitzten Kapiteln."
 
"Die beste Einführung bietet aber das Buch von Michel Onfray. Er verbindet in 'Im Namen der Freiheit' Leben und Philosophie des Albert Camus zu einem Sonnendenken."
 
"Onfray, einer der führenden Intellektuellen Frankreichs, hat mit seiner Biographie großes Aufsehen erregt. Er ordnet Camus in der europäischen Philosophie-Geschichte ein und scheut auch große Worte nicht."

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