Red Metal

Die Heavy-Metal-Subkultur der DDR
 
 
Christoph Links Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. November 2021
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86284-507-1 (ISBN)
 

Heavy-Metal-Fans waren in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre die vermutlich größte jugendliche Subkultur in der DDR. Sie gingen arbeiten, denn Schallplatten, ihr Outfit und Shopping-Fahrten nach Budapest waren teuer. Für Politik interessierten sie sich jedoch kaum. Die SED war deshalb verunsichert, wie sie mit der Jugendkultur umgehen sollte, und bemühte sich letztlich erfolglos, die Metal-Szene für ihre Ziele einzuspannen.
Nikolai Okunew erzählt auf der Basis umfassender Archivrecherchen, dutzender Interviews und der breiten Szene-Überlieferung die Geschichte der Heavy-Metal-Szene in der DDR. Er zeigt, wie sich ihre Bands entwickelten und die Fans an den Wochenenden scharenweise in alle Ecken des Landes fuhren, um dort zu feiern, zu trinken und zu headbangen. Konflikte mit der Polizei und der Stasi werden dabei ebenso deutlich wie die Rolle des Radios, das den Heavy Metal ins Land trug.

1. Auflage
  • Deutsch
117 Abbildungen
  • 30,67 MB
978-3-86284-507-1 (9783862845071)

Nikolai Okunew, 1987 geboren in Berlin-Mitte, studierte nach dem Zivildienst in Brest (Frankreich) Geschichts- und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Als assoziierter Doktorand am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) promovierte er 2020 an der Universität Potsdam und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZZF im BMBF-Projekt »Das mediale Erbe der DDR«.

Heavy Metal auf der Prager Straße. Einleitung


I've listened to preachers

I've listened to fools

I've watched all the dropouts

Who make their own rules

Ozzy Osbourne

Aus nur einem Grund reiste Holger Welsch im Mai 1986 von einem Ende der DDR ans andere: Er wollte die Ost-Berliner Band Formel 1 live in der Dresdener Freilichtbühne Junge Garde sehen. Heavy-Metal-Bands verschlug es nur selten in Welschs Heimat im Norden, weshalb er diesen Termin, den er dem staatlichen Jugendradio DT 64 entnommen hatte, unbedingt wahrnehmen wollte. Die mehr als 400 Kilometer von seiner Heimatstadt Boizenburg im Westen des Bezirks Schwerin bis in die sächsische Großstadt bewältigte er zwar, zum Konzert sollte er es allerdings nicht schaffen. Mit langen Haaren und in ärmelloser Wrangler-Jeansjacke saß er - nach der langen Zugfahrt bereits alkoholisiert - mit Bekannten in der Dresdner Fußgängerzone »da ganz friedlich auffe Bank und hab mein Bier getrunken«, als ein Volkspolizist Anstoß an seinem Auftreten nahm: »hab dann 'nen Gummiknüppel an Kopp gekriegt. Hab dann geblutet. Da bin ich aufgestanden und hab gesagt: >Ey Bulle, du dreckiger Hund! Verpiss dich!<, habe ich gesagt. Natürlich sozusagen das Todesurteil [lacht] - so für die Freiheit [lacht].«1 Die folgenden fast sechs Monate verbrachte Welsch in Haft.

Vorfälle dieser Art häuften sich in der DDR der 1980er-Jahre. Die Konfliktlinien verliefen nicht nur zwischen staatlichen Organen und weit reisenden Heavy-Metalaffinen Jugendlichen, sondern auch innerhalb des Herrschaftsapparats selbst. Dieser fand ohne zentrale Weisung der SED nicht zu einer klaren Linie im Umgang mit Heavy Metal: Im Mai 1986 war es deswegen der staatliche Rundfunk, der Welsch auf das Konzert einer immerhin offiziell zugelassenen Band aufmerksam gemacht hatte. Gleichwohl war ein Auftreten wie seines - lange Haare, Denimweste und Bierflasche - auf der Einkaufsmeile Prager Straße eine Provokation für die Volkspolizei: »Die haben alles eingefangen, was nicht niet- und nagelfest war.«2

Erste Heavy-Metal-Fans in der DDR lassen sich seit den frühen 1980er-Jahren nachweisen. Als wichtiger Katalysator und »das historischste Datum aller Daten«3 für die Szene gilt der 4. Februar 1984. Auf einem Großkonzert in der Dortmunder Westfalenhalle hatten kurz vor Weihnachten 1983 Iron Maiden, Def Leppard, die Michael Schenker Group, Ozzy Osbourne, Quiet Riot, Scorpions, Krokus und Judas Priest gespielt, das wenige Wochen später in der Reihe RockPop: In concert im ZDF ausgestrahlt wurde.4 Da Westfernsehen auch in großen Teilen der DDR empfangen werden konnte, hatten zahlreiche Jugendliche der Übertragung des Konzerts entgegengefiebert und es mit ihren eher bescheidenen Möglichkeiten mitgeschnitten.5

Das Dortmunder Großkonzert ließ - wie der Einfluss westlicher Medien häufig6 - den Eindruck von Mangel wachsen: Mangel an Tonträgern, Mangel an Szenekleidung und Mangel an Information zu den Idolen. Ein bedeutender Teil der in diesem Buch behandelten aktenkundigen Vorgänge fällt daher in den Bereich der Beschaffung dessen, was fehlte. Gleichzeitig war das Dortmunder Konzert eine emotionale Reise in die englischsprachigen Zentren der Heavy-Metal-Kultur. Der Blick nach Dortmund war auch ein Blick über den Atlantik. Diese Sehnsucht hatte in der DDR mitunter paradoxe Resultate: Sie führte, wie Welschs tatsächliche Reise nach Sachsen zeigt, sowohl zu staatlich geduldeten Radiosendungen und offiziellen Konzerten als auch zu polizeistaatlicher Unterdrückung.

Im Fokus dieses Buches stehen die mit der Musik verbundenen Praktiken, Kleidung und nichtsprachliche Äußerungen, welche die spezifische »Kulturwelt«7 von Heavy Metal bilden. Es geraten Menschen in den Fokus, die bislang sowohl in den Geschichtswissenschaften als auch im Aufarbeitungsdiskurs zur DDR-Geschichte meist nur am Rand auftauchen. Sie trugen ihre Konflikte eher alltäglich am Arbeitsplatz oder im Elternhaus aus, denn es waren überwiegend junge, männliche Arbeiter, die sich in der DDR am intensivsten in der Kultur des Heavy Metal zusammenfanden. Dieses Buch soll dazu beitragen, »das Verhalten der Menschen in der DDR in seiner Vielseitigkeit und seinen Ambivalenzen zu verstehen« und die »unterste Ebene diktatorischer Herrschaft zu rekonstruieren«.8 Diese Ebene umfasste auch den Bereich der Wirkung von Popmusik, den die Herrschaftspartei unter Kontrolle haben wollte.

Der hier für die Handelnden gewählte Begriff »Heavy« taucht, nicht ohne Konkurrenz, in den DDR-Quellen sowohl als Fremd- wie auch als Selbstbezeichnung auf.9 Obwohl er mitunter auch im Westen verwendet wurde, bezeichnet er im Folgenden die Heavy-Metal-Fans in der DDR. 1989 zählte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) im Bezirk Halle 350 Heavys, 1988 im Bezirk Suhl 110 und im Kreis Leipzig Stadt 60.10 Auch wenn die Zahlen der Stasi nicht unbedingt zuverlässig sind, bildeten Heavy-Metal-Fans in der DDR Ende der 1980er-Jahre die wohl größte - oder nach den Skinheads zweitgrößte - jugendliche Subkultur. Darauf deuten auch Zahlen der zeitgenössischen Jugendforschung und der Geschichtswissenschaft hin.11 Dennoch blieb ihr Anteil an DDR-Jugendlichen - von denen die allermeisten nicht subkulturell verortet werden können und musikalisch auf die westdeutschen Charts orientiert waren - im einstelligen Prozentbereich.

Die Heavys, jung und subkulturell, waren demnach doppelt minoritär und werden erst durch zwei Einordnungen in den größeren gesellschaftlichen Kontext relevant: Erstens stellte Heavy Metal ein Sinn- und Lebensstilangebot dar, welches im Gegensatz zu dem offiziellen der DDR stand. Die Bands des Westens konkurrierten mit der SED um die Aufmerksamkeit von genau jenen Menschen - jungen und meist männlichen Arbeitern -, die im Zentrum der Politik und Propaganda der Partei standen und an denen sich die staatstragenden Mythen vom jugendlichen und tatkräftigen Sozialismus maßgeblich orientierten. Zweitens zeigt der Blick auf die Heavy-Metal-Subkultur, wie schwierig es war, sich der Tiefenwirkung der Parteiherrschaft zu entziehen: Wie am Gummiband nahm bei Entfernung die Spannung zu, und der potenziell gefährliche Sog zurück ins Zentrum der Ideologie blieb immer bestehen. Der gesellschaftliche Umgang mit den neuen durch Heavy Metal motivierten Verhaltensweisen und Subjektformen erlaubt einen Blick auf die gesellschaftlichen Normen im realsozialistischen Deutschland, die nicht selten schon Jahrzehnte zuvor zu staatlichen Strukturen geronnen waren, aber in den 1980er-Jahren aufzubrechen begannen. Die Minderheit der Heavys, die auch in den kleinsten Dörfern Thüringens anzutreffen waren,12 wird so zu einer Sonde, die Einblicke in die Lebensformen der Jugend im letzten Jahrzehnt der DDR gibt. So ist auch der Begriff Red Metal zu erklären, der nicht aus den Quellen stammt. Er ist eine thesenhafte Behauptung und soll eine Verwobenheit eines globalen Popphänomens mit den Bedingungen des historischen Staatssozialismus anzeigen sowie die Heavys im konkreten spätsozialistischen Kontext platzieren. Die wiederkehrenden Leitfragen lauten, wie sich der Red Metal in der DDR ausbildete und welche Folgen die staatssozialistische Umgebung für ihn hatte.13

Die Magdeburger Band Asathor gab am 1. Mai 1988 im Weißen Haus, dem Jugendklub der Bauarbeiter in ihrer Heimatstadt, ein Open-Air-Konzert. Schon die Kleidung, Metal-Shirts und die US-Flagge auf dem Shirt des Sängers stellten einen Bruch mit der Umgebung dar.

Für die Recherche konnte ich auf vielfältige Quellen zurückgreifen. Dazu gehörten, neben musikjournalistischen Schriften, Booklets von Schallplatten und CDs sowie Band- und Labelbiografien, auch die außerakademische Historisierung von Pop. Vor 1990 existierten zwar keine ostdeutschen Fanzines, doch finden sich in westdeutschen Magazinen und der grauen Literatur zu Heavy Metal vereinzelt Artikel und Leserbriefe mit DDR-Bezug. Besonders ergiebig waren die zeitgenössischen Texte über die DDR »von drüben« bzw. solche, die direkt nach 1990 geschrieben wurden und die Zeiten vor und nach 1990 kontrastieren. Ähnliches gilt für das Eisenblatt. Das von Hendrik Rosenberg und Patrick W. Engel verantwortete Fanzine widmet sich seit 2008 in unregelmäßigen Abständen der ostdeutschen Heavy-Metal-Szene. Ein bedeutender Teil des in kleiner Auflage erscheinenden Periodikums gleicht gewissermaßen das Fehlen unabhängiger Publikationen zum Thema vor 1990 aus und arbeitet die Geschichte von Heavy Metal in der DDR auf. Ergänzend führte ich 25 Einzel- und Gruppeninterviews mit 29 Zeitzeugen und drei Zeitzeuginnen.

Die Headhunters aus Ost-Berlin in Ledermontur auf Konzertreise in Thüringen, unten liegend Peter »Brutus« Habermann

Ein Großteil der für diese Arbeit relevanten Quellen stammt aus den Beständen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Selbstredend ist bei vielen Berichten die Warnung vor einem »Aktenpositivismus«14, einem blinden Vertrauen in die Arbeit des MfS, angebracht. Allerdings steigerten sich die Berichte des MfS in ihrer Genauigkeit nach dem öffentlichkeitswirksamen Angriff auf die Berliner Zionskirche durch eine Gruppe Skinheads Ende 1987, wohl, weil die Partei realistischere Angaben wünschte. Außerdem erlaubt es die serielle Analyse, bestimmte MfS-interne Erzählmuster zu identifizieren und durch Vergleiche Allgemeines und Spezielles herauszufiltern. Bei der Überprüfung und Einordnung der Akten des MfS half die breite Quellenbasis dieser Studie, die weit über die...

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