Blutsfreunde

Thriller
 
 
Limes Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. September 2020
  • |
  • 496 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26169-6 (ISBN)
 

Ein Antiquitätengeschäft voller Kostbarkeiten. Ein toter Freund mit einem fragwürdigen Testament. Und eine Ermittlung, die sich gewaschen hat ... Martin Benners neuer Fall!

Anwalt Martin Benner liebt Kostbarkeiten, allen voran Frauen, Wein und Antiquitäten. Als sein Freund Henry stirbt, hinterlässt er Martin eine Überraschung - seinen Anteil an Henrys Antiquitätengeschäft in New York. Doch Martins Freude ist kurzlebig: Ein Mann sucht ihn auf, der behauptet, Henry sei nicht an einer Krankheit gestorben, sondern wurde Opfer eines Mordes. Bald wird Martin in eine fiebrige Jagd verwickelt, in der es die Wahrheit zu finden gilt. Wer war Henry Schiller? Und was ist an dem Tag geschehen, als er starb?

Alle Bücher der Serie:

  • Schwesterherz. Martin Benner 1
  • Bruderlüge. Martin Benner 2
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Limes
  • 1,01 MB
978-3-641-26169-6 (9783641261696)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kristina Ohlsson, Jahrgang 1979, arbeitete im schwedischen Außen- und Verteidigungsministerium als Expertin für EU-Außenpolitik und Nahostfragen, bei der nationalen schwedischen Polizeibehörde in Stockholm und als Terrorismusexpertin bei der OSZE in Wien.

Mit ihrem Debütroman "Aschenputtel" gelang ihr der internationale Durchbruch als Thrillerautorin, gefolgt von "Tausendschön", "Sterntaler", "Himmelschlüssel", "Papierjunge" und "Sündengräber" - allesamt Fälle des bewährten Ermittlerteams Fredrika Bergmann und Alex Recht. Mit dem eigenwilligen Anwalt Martin Benner schuf Ohlsson einen unvergleichlichen neuen Protagonisten, der in ihren internationalen Bestsellern "Schwesterherz", "Bruderlüge" und zuletzt "Blutsfreunde" ermittelt.

1


Der Schnee war es, der den Tod mit sich brachte. Pflaumengroße Schneeflocken fielen über Stockholm, und es sah herrlich winterlich aus. Seit Neujahr war es ununterbrochen kalt gewesen und hatte geschneit; inzwischen hatten wir Ende April. Sämtliche Züge des öffentlichen Nahverkehrs, die eine noch so kurze Fahrtstrecke überirdisch fuhren, standen stunden-, ja tagelang still. Die Fernzüge sowieso. Draußen in den Schären war das Eis so dick, dass die Inselbewohner der Inseln vom Festland abgeschnitten waren. Zu allem Übel zog ein Schneesturm über die Hauptstadt und brachte den Flugverkehr in Arlanda zum Erliegen.

Der Mensch braucht seine Prüfungen und Widerstände, doch auf ebendiesen Schneesturm hätte ich gut verzichten können. Ich erwartete nämlich Besuch aus New York, und jetzt sah es ganz so aus, als würden meine Besucher nicht wie geplant in Stockholm landen können. Das war ungeschickt; wir sollten einer Trauerfeier beiwohnen, und dergleichen Veranstaltungen kann man nun mal nicht verschieben. Das sagte die Frau zu mir, die die Feier ausrichten sollte, die Bestatterin, wie sie sich offiziell nannte. Ich fand, sie klang gelangweilt und teilnahmslos.

»Natürlich ist es schade, wenn nicht alle dabei sein können«, sagte sie. »Aber so ein Termin lässt sich nicht einfach kurzfristig verlegen.«

»Gilt das auch, wenn einer von denen, die nicht erscheinen können, der Verstorbene ist?«, fragte ich.

»Wie bitte?«

Ich konnte ihre Verwunderung nachvollziehen. Es ist eher selten, dass Verstorbene per Flugzeug zu ihrer eigenen Beerdigung anreisen. Aber Henry Schiller war nicht wie andere, das war er schon im Leben nicht gewesen. Das kann ich, ebenso wie seine Ehefrau Magda, bestätigen.

Ich hatte Magda und Henry einige Jahre zuvor auf einer Auktion in London kennengelernt. Es war meine allererste gewesen, und ich war dort, um ein Puppenhaus für meine Tochter Belle zu kaufen. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir ins Gespräch kamen, aber das Ehepaar Schiller war es, das mich zu der nachfolgenden Weinauktion mitnahm, und ohne die beiden hätte ich nie ernsthaft angefangen, mich für Antiquitäten zu interessieren. Die Begegnung mit Magda und Henry sollte mein Leben verändern.

Und jetzt war Henry tot.

Kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag war er in einem Krankenhaus in New York gestorben. Er und Magda hatten seit Jahrzehnten in New York ihr gemeinsames Zuhause gehabt. Beide stammten ursprünglich aus Europa, aber das war wie ausradiert. Magda erwähnte ihre Kindheit in Spanien nur in Ausnahmefällen, und noch viel seltener sprach Henry von seiner französischen Mutter und dem schwedischen Vater. Das meiste war wie ausgelöscht, in ihrem Leben zählte nur noch, was ihnen als Erwachsenen widerfahren war. Doch dann starb Henry, und es veränderte sich etwas. Magda beschloss, sämtliche Freunde zu einer weltlichen Trauerfeier in Schweden einzuladen und ihren Mann dort kremieren zu lassen. Ich war erstaunt. Warum nicht in New York?

»Das wollte Henry nicht«, erklärte Magda, als ich sie fragte. »Und ich wollte seinen Tod nicht erst bekannt machen, wenn er schon begraben worden wäre. Besser, wir tun so, als wären Henrys Wurzeln in Schweden tiefer gewesen, als man es sich vorstellen kann. Ich meine, es werden doch sowieso nur wenige wegen einer Trauerfeier nach Stockholm reisen.«

Grundsätzlich ein kluger Plan, allerdings hatte sie nicht die heftigen Schneestürme in Betracht gezogen.

»Es wird schon gut gehen, Martin«, sagte Magda, als sie mich vom Flughafen in New York anrief.

Und das tat es auch - in gewisser Weise. Der Schneesturm zog weiter, Arlanda öffnete wieder. Magdas und Henrys Flugzeug landete bloß mit acht Stunden Verspätung.

»Das hätte ins Auge gehen können«, sagte Magda, als ich sie in Arlanda abholte.

Wir sprechen Englisch miteinander, so ist es schon seit unserer ersten Begegnung. Magda hat zwar mal in Schweden gearbeitet, aber ihr Schwedisch ist schlecht, und das Gleiche gilt für mein Spanisch.

»Aber ihr habt es geschafft«, erwiderte ich. »Das ist die Hauptsache.«

Ich möchte nicht verschweigen, dass Henrys Tod auch eine gute Seite hatte. Magda würde endlich aus dem Schatten ihres Mannes heraustreten können. Und ich selbst hätte die Möglichkeit, mir einen Traum zu erfüllen: Ich sollte Teilhaber ihres Antiquitätengeschäfts werden. Es war Henrys ausdrücklicher Wunsch gewesen, dass ich seinen Anteil übernehmen sollte, wenn er gestorben wäre, und Magda hatte dem Arrangement ihren Segen erteilt. Es gab keine direkten Erben, und Magda wollte das Unternehmen nicht allein führen. Außerdem brauchte sie das Geld, und da war es besser, Henrys Anteil an jemanden zu verkaufen, den sie beide gekannt und gemocht hatten, als an einen Fremden.

Selbstverständlich erwähnten wir weder ihre nicht sonderlich gute Ehe noch das Geschäftliche, als wir zur Trauerfeier fuhren. Der Raum - einer der Ausstellungsräume der Auktionsfirma Bukowskis - war halb voll. Magda und ich setzten uns in die erste Reihe. Ich warf einen Blick über die Schulter. Ein paar vereinzelte Freunde aus New York waren nach Stockholm geflogen, um der Feier beizuwohnen, doch insgesamt kannte ich nur wenige.

Ein grauhaariger Mann weckte meine Aufmerksamkeit. Er saß auf einem Platz am Gang und starrte vor sich hin. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, nickte er kurz. Ich erwiderte das Nicken.

Ich kannte ihn nicht, aber offenbar wusste er, wer ich war.

Als Henry starb, hatte ich Magda und ihn seit zwei Jahren gekannt. Doch erst als ich erfahren hatte, dass Henry unheilbar an Krebs erkrankt war, dämmerte mir, wie ihrer beider Leben in Wahrheit aussah. Ich erinnere mich noch gut daran: an jenes Gespräch mit Henry, die kurzen Sätze, die Unmissverständlichkeit.

Er hatte Krebs.

Er würde sterben.

Und er hoffte, dass ich Magda eine Stütze wäre, sobald er nicht mehr da wäre.

Fassungslos hatte ich mit dem Hörer in der Hand dagesessen.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, hatte ich erwidert. »Tut mir sehr leid, dass du so krank bist, Henry.«

»Ich bin wie alle anderen«, hatte er bloß gesagt. »Ich bekomme, was ich verdient habe.«

Ich bekomme, was ich verdient habe.

Irgendwas an seinem Tonfall machte mich hellhörig. Wie viele Menschen glaubten bitte, dass sie es verdient hatten, einen ebenso schrecklichen wie zu frühen Tod zu sterben?

Nicht viele. Aber Henry schon.

»Was redest du für einen Blödsinn«, entgegnete ich, hauptsächlich weil es in der Leitung so still geworden war. »Warum solltest du das hier verdient haben?«

»Weil ich ihr ein Kind verweigert habe«, antwortete Henry. »Das tut man Frauen nicht an, die nie die Hoffnung aufgeben.«

Dann beendete er das Gespräch, indem er mir ein schönes Wochenende wünschte und seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass wir uns bald wiedersehen würden.

Wir schafften es nur noch bei zwei Gelegenheiten, beide Male in New York. Als er letztmals nach Schweden reiste, war er bereits tot. Und da waren wir nun.

Ein Cellist begann, eins der bekannteren Stücke von Bach zu spielen - eines, das alle wiedererkennen, ohne genau zu wissen, wie es heißt. Magdas Schultern sackten nach unten, als die Musik durch den Raum wehte. Sie wirkte müde, aber gefasst, ungefähr so wie ich selbst. Leute wie ich passen nicht in religiöse Zusammenhänge, deshalb war ich froh über Magdas Entscheidung für eine weltliche Trauerfeier. Ich liebe alles, was die Kirche im Lauf der Jahrhunderte verachtet und verdammt hat. Sex ohne den Gedanken an Ehe. Teure Weine. Teure Gewohnheiten überhaupt.

Trägheit.

Völlerei.

Neid.

Nenn mir eine Todsünde, und ich zelebriere sie.

Ich drehte mich erneut nach hinten und versuchte daraufzukommen, wer der Grauhaarige war. Zu meinem Erstaunen war er verschwunden. Sein Platz war leer.

Seltsam.

Der Cellist hörte auf zu spielen. Ein Chor sang Näher, mein Gott, zu dir. Magda war es gelungen, eine Orgel zu beschaffen - so weltlich war sie nun wieder nicht, dass nicht doch ein Kirchenlied und eine Orgel Platz gefunden hätten -, und darauf spielte ein betagter Kantor. Und wie er spielte! Ein unerwartet agiler Senior, der mit solcher Kraft in die Pedale trat, dass man fast den Eindruck hatte, er versuchte, Strom für ein ganzes Stadtviertel zu erzeugen. Bis die Bestatterin mit ihrer Grabrede begann, hatte ich den Grauhaarigen vergessen.

Als wir Bukowskis verließen, lag im Berzeliipark glitzernd und weiß der Schnee. Diskret angelte ich mein Handy hervor. Keine neuen Nachrichten. Nicht von Lucy, nicht von Belle.

Dann hörte ich Magdas Stimme.

»Jetzt sag ich auch mal was!«

Hinter all den breiten Rücken und Wintermänteln konnte ich sie zwar nicht sehen, aber sie klang erregt. Das hörten die anderen auch, woraufhin die Gruppe sich zerstreute und ich Magda mit dem Grauhaarigen sprechen sehen konnte. Was wollte er denn? Als ihr dämmerte, dass alle anderen sie gehört hatten, lächelte sie betreten und machte ein paar diskrete Schritte zur Seite. Der Mann folgte ihr.

Eilig pflügte ich zwischen den verunsicherten anderen Trauergästen hindurch. Niemand sah aus, als hätte er geweint; aber so war das wohl bei solchen Trauerfeiern, auf denen niemand den Toten richtig gut gekannt hatte.

Bis ich bei Magda ankam, war sie aschfahl im Gesicht. Der Mann war verschwunden.

»Wo ist er hin?«, fragte ich. »Und was wollte er?«

»Das war ein sehr verirrter...

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