Stalins Vermächtnis

True Crime Thriller um Stalins Nachfolge
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Februar 2018
  • |
  • 204 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-4261-9 (ISBN)
 
True Crime Taschenbuchausgabe des preisgekrönten BoD Titels "Der Kampf um Stalins Erbe" und dessen Hardcoverversion "Aequilibrium".
Rasanter Thriller um Stalins Tod, den Kampf um seine Nachfolge und den Wendepunkt der Sowjetgeschichte: den 17. Juni 1953. Schnell geschnittene und neu zusammengestellte Ausgabe des Originaltitels.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,59 MB
978-3-7460-4261-9 (9783746042619)
3746042615 (3746042615)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Lars Oermann wurde 1971 in Bielefeld geboren. Derzeit lebt und arbeitet er in Wiesbaden, Frankfurt, Berlin, Tiflis und Nowgorod. Er hat für den Originaltitel jahrelang in Russland und Deutschland recherchiert.

Prolog


Moskau war erstarrt. Nirgendwo das Surren der O-Bus Leitungen, keine Straßenbahngeräusche, keine Menschen in den Metrostationen des Moskauer Rings. Lediglich ab und an ein Militärfahrzeug oder ein Mannschaftswagen des Innenministeriums. Wenn die großen Boulevards nicht gewesen wären und die Häuserblöcke ringsum, man wäre sich vorgekommen wie in der alkoholtriefenden Stimmung eines Provinznests am Neujahrsmorgen. So einen Stillstand hatte die Stadt schon über dreißig Jahre nicht mehr erlebt. Sie war wie durch den Schlag getroffen, überall gelähmt außer in ihrem unmittelbaren Zentrum, in das die Menschen von überall her strömten.

Die Ereignisse waren zwar unerwartet über Moskau gekommen, zeichneten sich jedoch für jeden nachvollziehbar ab. Seit Tagen bereits war das gewohnte Radioprogramm alle paar Stunden verändert worden. Seit gestern Abend dann spielte man nur noch klassische Musik, allerdings kaum russische. Etwas Sowjetisches schien auch unpassend mit Ausnahme der Nationalhymne.

Der staatliche Rundfunk setzte ganz auf die bewährten Dirigenten des Todes: die Deutschen. So wurden Händels Largo, die Mondscheinsonate von Beethoven und immer wieder Schumanns Träumerei gespielt. Liszts Trauermarsch und Mozarts Requiem beherrschten den Äther und hatten dem aufmerksamen Hörer noch vor der offiziellen Bekanntgabe in den Nachrichtensendungen zu verstehen gegeben, was geschehen war. Stalin lebte nicht mehr.

"Wir sind schon so lange gegangen und kalt ist mir auch. Aber mir bleibt ja nichts anderes übrig. Mamusja hat nämlich gesagt: 'Heute ist ein großer Tag. An so einem Tag müssen wir dabei sein.'

Mama, ich und natürlich auch Andreij, mein jüngerer Bruder. Ich bin sieben und gehe schon in die Schule. Schule Nummer 20 im Baumann Viertel.

Mein Lehrer, Anton Semjonowitsch, hat ebenfalls gesagt: 'Heute ist ein großer Tag.' Auch Papa hat das gesagt. Nur warum er nicht mitgegangen ist, hat er nicht gesagt.

'Geht ihr mit Mama, ich habe zu tun.' Aber was hat er zu tun? Nicht mal Anton Semjonowitsch muß heute arbeiten. Wir haben nämlich keine Schule.

'An so einem Tag kann man nicht zur Schule gehen', hat Anton Semjonowitsch gesagt, 'da müßt ihr alle zum Roten Platz. Ein jeder sowjetischer Bürger muß zum Roten Platz.' Scheinen ja auch alle da zu sein. So eng ist das hier. Nur Papa nicht.

"Andrjuscha, laß uns Steine und Ritzen spielen. Wer auf die Ritzen zwischen den Steinen tritt, verbrennt. Einverstanden? Du hast keine Lust? Na gut, dann habe ich eben gewonnen."

Ich muß aufpassen, daß ich keine Ritze treffe. Vor allen Dingen heute nicht. Wir sollen doch alle zur Beerdigung unseres geliebten Führers, hat Anton Semjonowitsch gesagt. Genosse Stalin wird beerdigt, hat Mama gesagt und dabei geweint. Das macht sie häufiger.

'Beerdigt?' habe ich Mamusja gefragt. 'Wieso beerdigt? Papa hat doch gesagt, Stalin wird bei Lenin im Mausoleum liegen. Wieso soll der dann in die Erde kommen?'

Wir waren schon mit Papa bei Lenin. Papa muß es wissen, wieso ist er heute bloß nicht dabei?

Ich werde auf keine Ritze treten. Das wird Stalin gefallen. Wahrscheinlich sitzt er irgendwo mit seiner Pfeife und sieht uns alle und auch mich.

Er sieht mich doch dort oben im Himmel. Da muß er ja sein. Ist ja schließlich unser Vater, hat Anton Semjonowitsch gesagt und der Vater ist im Himmel. So sagt meine Oma, meine liebe Babulja, bei der wir im letzten Frühling im Dorf waren.

'Auferstanden ist Christus', hat sie gesagt und der Nachbarin ein Ei gereicht.

'Wirklich auferstanden ist er', hat die geantwortet.

Und Papa hat auf einmal angefangen zu schimpfen.

'Babulja schäm dich was.'

Und als ich gefragt habe, wer Christus ist, hat er auch mich angeschrien.

'Den gibt es nicht', hat er gebrüllt.

'Natürlich gibt es den, der sitzt oben im Himmel beim Vater', hat Babulja gesagt, bevor Papa mich und Andrej nach draußen geschickt hat.

Also sitzen sie jetzt zusammen da oben, dieser Christus und sein Vater, unser Vater - Stalin.

Auch wenn es den Anschein haben mochte, nicht alle waren auf dem Weg zum Roten Platz. Denn während die Stadt dort weinte, hatte sie den Tod eines anderen in ihrer Erstarrung vergessen. Die paar Menschen, die sich dem zweiten Trauerzug angeschlossen hatten, gingen den Trauernden des großen ersten entgegen zum Nowodewitscher Friedhof. Ein schlichter Sarg von einer Decke umhüllt, wurde von sechs Männern getragen. Die Prozession wurde angeführt von der Witwe des Verstorbenen, die in einen dicken Mantel gehüllt gegen den Schnee und die Trauer in sich kämpfte. Zu plötzlich war alles für sie gekommen, als daß sie jetzt schon in der Lage gewesen wäre, zu begreifen, daß sie ihren Mann auf seinem letzten Weg begleitete. Wahrscheinlich hätte der sich sogar eine solche Beisetzung gewünscht, auch wenn diese unter normalen Umständen so nicht für ihn vorgesehen war. Repräsentativ hätte diese sein müssen, staatstragend. Vergessen mancher Zwist in den letzten Jahren, der Staat hätte schon gewußt, wie er sich durch seinen Tod in Szene gesetzt hätte. Aber all das war jetzt nur noch Spekulation. Der Verstorbene hatte ohnehin nicht mehr die Zeit gehabt, sich zu seiner eigenen Beerdigung zu äußern.

Am Morgen seines Todestages hatte er über Kopfschmerzen und Unwohlsein geklagt, sich hingelegt, um sich ein bißchen auszuruhen. Vielleicht hatte ihn die Arbeit an seiner neuen Komposition in den letzten Tagen ein wenig zu sehr in Anspruch genommen. Vielleicht auch die Bulletins über Stalins Gesundheitszustand, die die Zeitungen vermeldeten und die das ganze Land in Unruhe zu versetzen schienen. Auf jeden Fall dachte er bei sich an nichts Ernstes, obwohl er sehr gut wußte, daß seine Gesundheit angeschlagen war und das seit Jahren schon.

Ein bißchen Ruhe würde es schon richten, dachte er. Dann jedoch ging alles sehr schnell. Die Kopfschmerzen waren kein Zeichen von Überarbeitung, sondern ein Schlaganfall.

Sergej Prokofjew starb noch am gleichen Tag. Allerdings ein paar Stunden danach auch Stalin und, wie es der Zufall so wollte, ebenfalls an einem Schlaganfall. Und so war kein Platz mehr für den Komponisten in den Zeitungen und im Radio kein "Peter und der Wolf" oder eine "Symphonie Classique". Auch nicht am nächsten Tag oder am Tag seiner Beerdigung. Sein Tod hatte einfach nicht stattgefunden. Es schien, als hätten die paar Trauernden unter diesen Umständen schon zufrieden sein müssen, daß so schnell überhaupt ein Grab zugewiesen worden war und daß man den armen Prokofjew nicht auf seiner Datsche in Nikolinoe Gore hatte begraben müssen. An Mussorgsky hatte auch keiner gedacht, als der im Delirium gestorben war und Mozart hatte man anonym in einem Armengrab verscharrt. Warum sollte es Prokofjew besser gehen?

Alle hielten inne, einige beteten, als sie am offenen Grab Lebewohl sagten, und warfen ein paar Blümchen auf den Sarg, die so aussahen, als wären sie zu Hause von den Fensterbänken weggeschnitten worden. Alle anderen Blumen nämlich, die Rosen, Sträuße, Kränze und was sonst noch ein festliches Begräbnis hätte ausmachen können, waren nirgendwo aufzutreiben gewesen. All die prachtvollen Blumen mußten ihren Dienst auf dem Roten Platz, im Kreml und im Säulensaal des Dom Sojusow verrichten, in dem Stalin aufgebahrt lag.

Auch andere hatten ihre Gründe nicht zur Beerdigung Stalins zu gehen. Im Haus an der Moskwa saß so ein jemand, der nicht gekommen war. Dunkle Ränder umgaben Arkadij Belajews Augen. Aber diese waren keineswegs Zeichen einfacher Müdigkeit oder Erschöpfung. Froh wäre er gewesen, hätte er diese wohltuende Schwere empfinden dürfen. In ihm aber war alles in Aufruhr. Wie ein Tier fühlte er sich, das nicht wußte, ob es zum Sprung ansetzen oder sich zurückziehen sollte.

Diese nicht nachlassende Anspannung, die alle Müdigkeit in ihm übertünchte, stach glühend aus seinen Augen hervor. Seine Hände, die unruhig über den Tisch fuhren, und seine Finger, die immer wieder an seinen Augenbrauen zupften und durch sein Haar glitten, das schon völlig durcheinandergeraten war und seinen sonst so akkuraten Scheitel nur schemenhaft erahnen ließ, verstärkten diesen Eindruck.

Zum Glück waren seine Frau und seine Kinder bereits nach den ersten Bulletins über Stalins Gesundheitszustand zu seinen Eltern nach Kursk aufs Land gefahren. Das heißt, er hatte sie geschickt, denn er wollte seiner bereits aufkeimenden Angst keine offene Flanke bieten.

Und wenn einer Angst haben mußte, dann er. Er wußte einfach zu viel.

An einer anderen Stelle in Moskau, genauer gesagt in der Sadowaja - falls man in diesem Fall überhaupt von genauer sprechen kann, denn die Sadowaja ist die riesige Moskauer Ringstraße - war noch jemand dem Ruf zum Roten Platz nicht gefolgt. Die Nachricht vom Gesundheitszustand des Woschd, des Führers, hatte ihn wie alle anderen...

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