Mords Kunst

Krimi-Anthologie
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2020
  • |
  • 180 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7526-7538-2 (ISBN)
 
Die 30 bestbewerteten Kurzbeiträge des Erwachsenen- und die jeweiligen Siegerbeiträge der drei Alterskategorien des Jugend-Krimi-Schreibwettbewerbs des Odenwaldkreises zum Thema "Mörderische Kunst" beinhaltet diese 10. Jubiläumsanthologie des überregionalen Literaturprojektes.

Kunst und ihre Kunstschaffenden im mörderischen Blickwinkel.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,37 MB
978-3-7526-7538-2 (9783752675382)
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Der Freundschaft zuliebe


Dirk-Uwe Becker (Linden/Schleswig-Holstein)

"Würdest Du das für mich tun?" Franks Stimme klang nicht nur bittend, sie klang beinahe schon ängstlich. Klar - klar würde ich das für ihn tun. Was für eine Frage! Frank und ich waren Freunde, seit wir zusammen im Sandkasten des Kindergartens einen Regenwurm in der Mitte zerrissen und jeder dann ein Ende hinuntergeschluckt hatten. Unsere Freundschaft überdauerte Schulwechsel, Pubertät, erste Freundinnen, das Studium, sogar wechselnde Arbeitsstellen und Wohnorte. Wir waren nun beide knapp fünfzig, also fast auf halber Höhe der Lebensleiter. "Sicher, Frank", antworte ich ihm. "Ist klar; ich mache das. Sag mir nur, wann."

"Hier." Ich schob Frank die schmale Stiege empor, lotste ihn durch einen mit Staffage vollgestellten Flur, bugsierte ihn in einen dunklen Raum und drückte auf den Lichtschalter. Eine nackte Glühbirne erleuchtete spärlich die Umgebung. Wir befanden uns in einem eher breiten Raum mit ziemlich geringer Tiefe. Die gesamte Stirnseite nahm ein von der Decke bis zum Boden reichender Vorhang ein. Dicker Stoff. "Schallschutz", sagte ich. "Der Verkehr von der Hauptstraße käme sonst ungebremst durch, deshalb . aber er stört doch nicht, oder?" Frank schüttelte den Kopf. "Nein, nein. Ganz und gar nicht." In der Mitte des Raumes stand ein Himmelbett. Gusseisen. Mit Messingknöpfen und Verzierungen an Kopf- und Fußende. Der Baldachin aus rotem Satin. Zwischen Wand und Bett eine alte Kommode. Die Füße geschwungen. Löwentatzen. Darauf eine Waschschüssel und ein Krug. Beide leer. Fast wie im Film. Am Bettende ein reich geschnitzter Stuhl, Rokoko. "Da könnt Ihr Eure Sachen drüber legen", meinte ich und wies dann auf die hinter uns befindliche Wand. "War nicht leicht zu finden!" Der Tanz der Elfen um eine Quelle. Heliogravüre vom Ende des 19. Jahrhunderts. Franks Augen glänzten. "Alles . alles ist so wunderbar und toll und . ich weiß gar nicht, wie ich Dir dafür überhaupt danken soll!" "Ach was", wehrte ich ab. "Dafür sind wir doch Freunde, oder?"

Vorsichtig tasteten sie sich an der Wand entlang. "Es ist hier gleich." Franks Stimme klang entschlossen und voller Vorfreude. Susann hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Was wollte Frank mit ihr zwischen all dem Gerümpel? Da war sie anderes gewohnt. Aber gut, er wollte ihr unbedingt etwas ganz Spezielles bieten. Mal sehen, was er sich für sie ausgedacht hatte. "Voila!" Frank drückte auf den Lichtschalter. "Uih!" Susanns Augen glänzten. "Was ist denn das?!" Mit einem breiten Grinsen trat Frank vor das Bett, ließ sich hinein fallen. "Für uns, Liebling. Ganz allein für uns. Komm her!" Mit einem vor Staunen immer noch offenen Mund trat Susann näher, umrundete das Himmelbett, strich mit den Fingern über die Kommode, ließ sich kurz auf dem Rokoko-Stuhl nieder und warf sich dann mit voller Wucht aufs Bett, in Franks Arme. "Du bist ein Schatz, weißt Du das? Ich liebe Dich!" Frank drückte ihren Kopf an seine Brust. "Ich liebe Dich auch. Wenn Du nur wüsstest, wie!" Hinter dem dicken Vorhang, der die Wand auf der gesamten Längsseite des Raumes bedeckte, erklang ein Geräusch wie ein kaum wahrnehmbares Murmeln. Susann horchte auf. "Mach Dir nichts draus", sagte Frank. "Der Vorhang dämpft den Straßenlärm. Wir sind hier ungestört. Die ganze Nacht lang. Ist das nicht schön?" "Ja, wunderschön!", hauchte Susann und ließ ihren Kopf wieder in Franks Arme sinken.

"Einen Augenblick, meine Damen und Herren!" Der Conférencier auf der Bühne hob beschwichtigend seine Hände. "Lassen Sie mich bitte vorher noch unseren Ehrengast begrüßen, Leonhard Borowski, den Polizeipräsidenten." Beifall brandete auf. "Sehr geehrter Herr Borowski, ich bin erfreut, dass Sie als engagierter Ehrenmann und oberster Schützer von Recht und Ordnung unserer Stadt uns heute die Ehre geben, unser Gast zu sein!" Wieder Beifall, diesmal etwas verhaltener. Von der anderen Seite der Bühne näherte sich eine junge Frau. "Meine Damen und Herren", begann sie. "Heute Abend präsentieren wir Ihnen zum Auftakt unserer großen Tombola das Stück 'Romeo und Julia', in einer gestrafften Inszenierung für die Bühne von Konrad de Baer, unserem Theaterintendanten." Diesmal tosender Beifall. Ich erhob mich von meinem Platz, verneigte mich kurz in alle Richtungen. Kultur ist in dieser Provinz doch verschwendet, dachte ich und setzte mich wieder. Als ob man 'Romeo und Julia' auf einen Akt kürzen könnte. Das reißt dem Stück doch das Herz aus der Brust. Aber was soll's? Theater. Alles in dieser Welt ist nur Theater.

Susann hatte ihr Kleid ausgezogen und über den Stuhl geworfen. Es hing, etwas in sich verdreht, wie ein Fledermausflügel über der Lehne. Frank hatte sich ebenfalls seiner Jeans, der Schuhe und Strümpfe sowie des Hemdes entledigt und lag nun, im Slip, ausgebreitet wie zur Kreuzigung auf dem Laken. Vorsichtig hob Susan seinen Slip an. "Alles klar", sagte sie. "Wenn etwas fest steht, dann, dass das hier ein ganz besonders prickelnder Abend wird!" Frank knöpfte ihr Bustier auf, entließ die prallen Brüste in die Nähe seiner sehnsuchtsvoll geöffneten Lippen und hob Susann mit beiden Händen auf seinen Unterleib, deren Lippen unter vorfreudigem Stöhnen noch die Worte formten: "Sollten wir nicht . das Licht ." Der schwere Vorhang zitterte leicht, fing an, sich zu bewegen.

Der Beifall ebbte ab, als der Vorhang sich hob. Es wurde still im Saal. Die Beleuchtung ging aus. Ein Punktstrahler schnitt die Szene in der Mitte der Bühne aus dem Dunkel, ließ Eisen und Messing glänzen, roten Satin. Die einzigen beiden Schauspieler bereits voll in Aktion. Außer Keuchen kein Laut. Lebensecht. Absolut. Und eine sehr freizügige Inszenierung. Aber von Konrad de Baer war man so etwas gewohnt. Realistisches Theater. Unzählige Augenpaare verfolgten das Geschehen mit atemlosem Interesse. Dann ein Schrei: "Susann!" Der Polizeipräsident war aufgesprungen, stürmte durch die Tischreihen, erklomm die Treppe zur Bühne und stand mit einem Male im Scheinwerferkegel. Die beiden Schauspieler hatten inne gehalten. Die Frau hob ihre Arme vor die nackten Brüste, die Augen weit aufgerissen und stammelte: "Du?" Der Mann, verwirrt und irritiert, hüllte sich in das Bettlaken. "Was? Wer?" Zu mehr kam er nicht. Drei Schüsse. Satinfarbenes Rot bedeckte die Brust der Frau, lief über ihren wunderschönen Körper, auf die Decke. Aus ihrem immer noch offenen Mund brach ein Schwall gleichfarbigen Rots, ergoss sich auf den Bühnenboden, umfloss die glänzenden Schuhspitzen des Polizeipräsidenten, der den Revolver langsam sinken ließ. Vereinzelter Applaus aus dem Publikum. So realitätsnah. Phantastisch. Der de Baer ist ein Genie! Der Beifall wurde stärker.

Am nächsten Tag überflog ich die Morgenzeitungen. Die Presse war voll von Berichten über den Mord beim gestrigen Wohltätigkeitsbasar. Der Polizeipräsident hatte auf der Bühne seine eigene Ehefrau erschossen. Nun saß er in Untersuchungshaft, war kaum ansprechbar und hatte sich willenlos festnehmen lassen. Ich gehörte zu den Leuten, die meinten, dass er es verdient habe, angeklagt zu werden, weil er korrupt sei und im Milieu mitgemischt haben soll. Das wäre mir egal gewesen, aber durch ihn habe ich meine Liebe verloren. Eine Nachtclubsängerin, die, als sie aus dem Bordellbetrieb eines Golfkumpanen des Polizeipräsidenten aussteigen wollte, verhaftet und in eine Zelle eingesperrt wurde, in der sie sich später das Leben nahm. Oder wurde es ihr genommen, aus Angst vor eventuell belastenden Aussagen?

Frank musste im Krankenhaus wegen des Schocks behandelt werden. Ich habe ihn heute besucht. Er war immer noch benommen von den Medikamenten. Stammelte wirres Zeug - "Was ist da denn passiert .. warum . wieso . weshalb .?". Ich hätte es ihm erklären können. Aber ich wollte nicht, dass deswegen seine Medikamentendosis erhöht werden musste. Hätte er es verstanden? Vielleicht. Wahrscheinlich aber nicht. Es war sein erstes Date mit Susann. Die Frau des Polizeipräsidenten, deren Mann auf so vielen ehrenamtlichen Hochzeiten tanzte, so dass sie zu Hause verkümmerte. Vor drei Monaten hatte mir mein Arzt die Diagnose mitgeteilt. HIV positiv. Gut, ich habe jetzt noch ein paar Jahre übrig und sehe dem Ende getrost ins Auge. Aber Frank. Der hat zwei Kinder, die studieren. Eine Frau, die wegen Rheuma im Rollstuhl sitzt und auf Hilfe angewiesen ist. Hätte ich das zulassen sollen? Dass mein Freund sich ebenfalls infiziert, womöglich? Fast ein Jahr war ich mit Susann zusammen, bevor sie genug von mir hatte und sich Frank angelte. Von meiner Beziehung zu Susann weiß Frank nichts. Auch nichts von meiner Diagnose. Ich...

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