Fallende Schatten

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Oktober 2015
  • |
  • 411 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98248-1 (ISBN)
 
Zwei unheimliche Männer beunruhigen Nell Gillmore beim Begräbnis ihrer Mutter und bestätigen Nells Verdacht, dass der Unfalltod ihrer Mutter Mord war. Das Motiv liegt fünzig Jahre zurück, als in einer Dubliner Bombennacht ein Hausbesitzer erschossen wird. Doch was haben Nells Mutter Lily und ihr Freund Milo damit zu tun? Und was hat es mit den verschwundenen Tagebüchern auf sich? Nell versucht, mit Hilfe von Milos Sohn das Geheimnis aufzuklären - doch dabei gerät sie selbst in Lebensgefahr.
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  • 1,50 MB
978-3-492-98248-1 (9783492982481)

1


Meine Mutter wurde am 28. Juni getötet; ich machte gerade Urlaub auf Mallorca. Herrlich heiß und sonnig war es an jenem Tag. Ich war soeben vom Strand zurückgekommen und rannte mit meinem Freund um die Wette zur Dusche, als das Telephon läutete. Seitdem habe ich oft versucht, mich an diesen Augenblick zu erinnern. Ich sehe, wie ich den Kopf wende, wie Davis mit einem triumphierenden Lachen an mir vorbeistürmt, wie ich die Hand ausstrecke. Ich höre keine Worte, die Nachricht bohrt sich in mein Gehirn, und ich kreisle in ein tiefes, schwarzes Schweigen hinunter. An die lange Fahrt von Polença zum Flughafen erinnere ich mich nicht, auch nicht an den Flug nach Dublin. Das einzige, was ich sehe, ist der Polizist, der mich an der Hand nimmt. Kein Laut drang in meine Verzweiflung. Ich konnte ihr Gesicht nicht heraufbeschwören. Aber die ganze Zeit dachte ich an sie.

Sogar als Kind schon war mir klar gewesen, meine Mutter war etwas ganz Eigenes. Doch erst als ich älter wurde, lernte ich allmählich ihre ruhige Selbstbeherrschung schätzen. Eines bezweifelte ich nie: daß ihr ungeheuer viel an mir lag. Ihre Gefühle meinem Dad gegenüber kann ich nur erraten. Ich glaube nicht, daß er sie je als die starke Persönlichkeit sah, die sie war, eben weil er um so vieles älter war. Er neigte dazu, sie herumzukommandieren, vermutlich vor allem deswegen, weil sie so klein war. Gelegentlich hatte ich das Gefühl, er behandle sie wie ein Kind. Doch selbst wenn ihr das etwas ausgemacht haben sollte, so hat sie doch nie ein Wort darüber verloren.

Obwohl sie viel redete, war sie nicht sonderlich mitteilsam; ihre Gedanken behielt sie für sich. Als ich noch klein war, dachte ich überheblich, der Grund dafür sei, weil sie eben nichts im Kopf habe. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, das war durchaus nicht der Fall. Ihre Stärke war es, daß sie für mich da war. Verläßlich, findig und, wenn ihr danach zumute war, heiter und ausgelassen.

Um die Sechzig herum nahm sie allmählich zu, nicht allzusehr, aber bei ihrer kleinen Gestalt machte das bißchen sich schon bemerkbar. Zugegeben hat sie das allerdings erst in den letzten paar Jahren ihres Lebens. Einmal erklärte sie mir, es sei eine regelrechte Offenbarung für sie gewesen, denn als die Haut sich über die weichen Rundungen ihres Gesichts gespannt habe, seien die Falten verschwunden, und sie hätte jetzt viel, viel jünger gewirkt. Und das stimmte. Dieses Bild von ihr sehe ich jetzt vor mir: klein und stämmig und unerschrocken. Und so will ich sie in Erinnerung behalten, denn mit zunehmendem Alter wurde sie gelassener und ausgeglichener. Allerdings würde sie es mir kaum danken, wenn ich sie als pummelig beschriebe, das können Sie mir glauben. Ihr Leben lang war sie eitel gewesen und hatte immer großen Wert auf ihre äußere Erscheinung gelegt. Sie war immer klein und zierlich gewesen und hatte sich auch nie anders empfunden.

Eigentlich wußte ich kaum etwas über sie. Oder, genauer gesagt, seit ihrem Tod habe ich mehr über sie erfahren, als ich zu ihren Lebzeiten je vermutet hätte, und das hat in mir ein Gefühl verpaßter Gelegenheiten hinterlassen, das Gefühl, bei alldem die Verliererin zu sein. Sie war verdammt interessanter gewesen, als ich je geahnt hatte. Am meisten und schmerzlichsten bedaure ich, daß es mir zu ihren Lebzeiten nie in den Sinn gekommen war, Freundschaft mit ihr zu schließen. Ihre Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft waren in dem einen Wort inbegriffen gewesen, das ihr Leben geprägt hatte: Mutter. Sie war ein wenig älter gewesen als die Mütter meiner Freundinnen; ein wenig lauter, ein wenig gewöhnlicher. Der Sprechunterricht hatte nie wirklich etwas gebracht; ihr breiter Dubliner Akzent, der ihre Herkunft verriet, hatte sich nie ganz gegeben.

Als ich auf die Welt kam, war sie fast siebenunddreißig, und als ich mich an der Universität einschrieb, arbeitete sie, wie sie es nannte, auf ihren Ruhestand hin. Damals begann sie, sich feinzumachen und ihr wunderschönes Haar richtig schneiden zu lassen. Sie wurde regelrecht unternehmungslustig, und ich war, mit dem typischen Hochmut der Jugend, völlig verwirrt über diese Verwandlung. Ungefähr zur gleichen Zeit - es war das Jahr, bevor mein Vater starb - kauften wir uns das erste Auto. Sie und ich machten zur gleichen Zeit den Führerschein, so daß wir Dad abwechselnd herumkutschieren konnten.

Hinter dem Steuer fühlte Lily sich nie richtig wohl, und dementsprechend war ihre Fahrweise einigermaßen beängstigend. Eigentlich benutzte sie den Wagen nur in unserer Gegend und auf dem Land. Der Verkehr in der Stadt jagte ihr eine Heidenangst ein, obwohl diese wahrscheinlich kaum der Wut gleichkam, in die sie andere Autofahrer versetzte. Denn sie fuhr unweigerlich immer in der Straßenmitte. Gott sei Dank kann man in Irland die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos benutzen, sobald man fünfundsechzig ist, daher kam sie mit DART ziemlich weit herum und fuhr ansonsten mit dem Rad.

Komisch, wie man seine eigene Mutter kaum wahrnimmt. Ich hatte geglaubt, die Fixpunkte, um die ihr Leben sich drehte, zu kennen. Mein Vater war bei ihrer Heirat ein Witwer mit zwei erwachsenen Söhnen gewesen. Meine beiden Halbbrüder waren nach Australien ausgewandert, ehe ich auf die Welt kam, und so war ich im Grunde genommen ein Einzelkind. Die Jungs legten keine besondere Begabung dafür an den Tag, die Verbindung aufrechtzuerhalten, aber schließlich und endlich war auch mein Vater nicht gerade erpicht auf Gespräche. Ein Abend in der Kneipe, zusammen mit seinen Kumpeln, das behagte ihm. Er trank nicht viel, meistens nur ein paar Gläser, aber ich schätze, ihm lag vor allem an der Gesellschaft von Generationsgenossen des gleichen Geschlechts.

Da mein Vater immer, soweit ich mich zurückerinnere, im Ruhestand gelebt hatte, sorgte meine Mutter für den Lebensunterhalt der Familie. Er war Tischler gewesen, ein Beruf, in dem man ohnehin nicht gerade ein Vermögen verdient. Mittlerweile weiß ich, daß sie immer mehr verdient hatte als er. In Geldsachen war er überaus empfindlich, deshalb hatte sie vermutlich das Gefühl gehabt, kein Aufhebens davon machen zu dürfen. Ohne sie hätte ich nie aufs College gehen können. Obwohl ich ein Teilstipendium bekam und zu Hause wohnte, mußte sie den lieben langen Tag lang schuften, um uns durchzubringen.

Im Rückblick kann ich kaum glauben, wieviel ich einfach als selbstverständlich hinnahm. Während meiner Zeit auf dem College nahm ihr Schneidern einen neuen Aufschwung. Sie begnügte sich jetzt nicht mehr mit billigen Ausbesserungsarbeiten, sondern begann, herrliche Ballroben und Cocktailkleider zu nähen. Sie möbelte ihre Preise auf. Und sich selber. Ich fand die leuchtenden Grundfarben immer ein bißchen aufdringlich, aber eigentlich sah sie gut darin aus. Lebensfroh. Böse Zungen könnten behaupten: auffällig.

Zwar war ich ein Einzelkind, aber sie hat sich nie an mich geklammert. Vor allem diese Eigenschaft weiß ich jetzt zu schätzen, aber als sie noch lebte, bemerkte ich sie kaum. Sie war stolz, als ich in der Schule gut abschnitt, und noch stolzer, als ich verkündete, ich wolle studieren.

»Das kriegen wir schon hin«, war ihr ganzer Kommentar dazu. Jetzt frage ich mich, wie sie das geschafft hat. Wir lebten bescheiden in einer kleinen Doppelhaushälfte in Dun Laoghaire, einem Seehafen in der Bucht von Dublin, nur sechs Meilen von der Stadt entfernt. Auf liebenswerte Weise war sie immer sehr stolz auf das Haus und hatte ihre Freude daran. Es gehörte, so sagte sie, ihr, und das bedeutete mehr, als sie ausdrücken konnte. Jetzt weiß ich auch, warum.

Endlich dämmert mir, wie tüchtig sie war. Mein Vater starb in dem Jahr, als ich das College abschloß. Seinen ersten Schlaganfall, nicht sonderlich schlimm, hatte er gehabt, als ich sechzehn gewesen war, und dann einen weit schlimmeren drei Jahre später; dabei hatte er sein Sprachvermögen weitgehend eingebüßt und war seitdem linksseitig gelähmt gewesen. Ohne großes Aufhebens davon zu machen und ohne sich je zu beklagen, hatte sie sich um ihn gekümmert und es gleichzeitig geschafft, noch mehr zu verdienen. Es muß ziemlich hart für sie gewesen sein, aber irgendwie nahm ich das gar nicht wahr. Heute kann ich gar nicht glauben, wie wenig ich damals davon mitbekam.

Nach dem Universitätsabschluß beschloß ich, nach London zu gehen, um mir dort eine Stelle zu suchen. Auch damit fand sie sich ab, obwohl es kurz nach dem Tod meines Vaters war. Sie übte keinerlei Druck in der Art »Du bist doch alles, was ich noch habe« aus. Statt dessen zog sie es vor, dies als Gelegenheit zu betrachten, ihren eigenen Horizont zu erweitern.

»Schon immer wollte ich reisen, Schätzchen, und jetzt kann ich das machen«, erklärte sie. Und sie hielt Wort. Ich glaube, damals lernte ich sie allmählich als eigenständige Persönlichkeit kennen. Ihre Freude an ihren zwei Besuchen pro Jahr bei mir war ansteckend. Sie entwickelte eine Schwäche für Flughäfen wie andere Leute für die Flasche.

»Das ist eine Art Ausbildung, Schätzchen. Man sieht so viele verschiedene Leute.«

Ich glaube, sie wäre völlig zufrieden gewesen, jedes Jahr eine Woche in Heathrow oder Gatwick zu verbringen, und gelegentlich war es auch fast so. Ich arbeite am Flughafen Heathrow. Nicht im Passagierbereich, sondern hinter der Hauptrollbahn, dort, wo sich die Lagerhäuser für Frachtgüter befinden. Im Herbst 1991 wurde ich die für Großbritannien zuständige Geschäftsführerin einer in deutscher Hand befindlichen internationalen Spedition. Sie gewöhnte sich an, untertags, während ich arbeitete, wie ein Autor auf der Suche nach Charakteren um die Abfertigungsschalter herumzustreifen. Aber sie war keineswegs wählerisch. Auch die Zugverbindungen nach London und...

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