Der Seelenrächer

Thriller
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2011
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06626-0 (ISBN)
 
Denn mein ist deine Seele
Ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes wird die Frau von Inspector Moss Quinn am Grab des Kindes entführt - eine ungeheure Tat, schließlich ist Quinn einer der angesehensten Detectives von Dublin. Er vermutet einen Zusammenhang zu einem Fall, in dem er und sein Partner Joe Doyle ermitteln: Fünf Frauen sind verschwunden, und eine sechste wurde ermordet. Doch der Täter ist immer noch auf freiem Fuß und Quinns Verzweiflung wächst - irgendwo da draußen liegt seine Frau, gefesselt und in Gefahr zu verdursten. Es bleiben nur 72 Stunden, bevor sie ins Koma fällt oder stirbt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.


Gerry O'Carroll, geboren im Westen Irlands, war als einer der führenden Detectives des Landes an der Aufklärung von über achtzig Schwerverbrechen beteiligt. Er persönlich nahm die Serienmörder John Shaw und Geoffrey Evans fest und war an der Verfolgung von John Gilligan beteiligt, der als für den Tod der Journalistin Veronica Guerin verantwortlich gilt. O'Carroll war als erster am Tatort, als die IRA den berüchtigten Gangster Martin Cahill ermordete, und stand eine Zeitlang selbst ganz oben auf deren Mordliste.
  • Deutsch
  • 0,84 MB
978-3-641-06626-0 (9783641066260)
3641066263 (3641066263)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Conor Maggs' Geständnis

Oberster Strafgerichtshof, Dublin

Montag, 15. April, 14:00 Uhr

Einen Moment lang saß Maggs einfach nur da. Erst sah er Quinn an, dann fixierte er Sergeant Doyle. Als er schließlich zu sprechen begann, fuhr er sich ständig nervös mit der Zunge über die Lippen, und die Hand, mit der er die Seite hielt, zitterte leicht.

Vor dem Laden an der Ecke habe ich sie angesprochen. Sie kam aus Jett O'Carroll's Pub und schwankte mir entgegen, auf hohen Hacken, die aussahen, als würde sie sich damit jeden Moment den Knöchel verstauchen. Kurz darauf sah ich sie ein weiteres Mal: im Schatten der Anwaltskanzlei, wo sie gerade versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden.

»Hallo«, sagte ich, »du schon wieder. Wir beide laufen uns heute ständig über den Weg.«

Sie blickte von dem flackernden Zündholz hoch und musterte mich mit zusammengekniffenen Augen.

»Ein Stück weiter vorne. Erinnerst du dich? Du bist gegen mich geknallt und musstest dich kurz auf ein Fensterbrett setzen.«

»Ach, wirklich?«, murmelte sie.

»Du hattest dich gerade mit deiner Freundin gestritten.«

»Was du nicht sagst! Und wenn schon? Was geht dich das an?« Sie sah aus, als würde sie gleich vornüberkippen. Ich griff nach ihrer Hand, um sie zu stützen. Sie starrte mich an, blinzelte ein paar Mal langsam, zog die Hand aber nicht weg. Als ich noch einen Schritt näher trat, konnte ich ihr Parfum riechen und oberhalb ihrer Schlüsselbeine den Schweiß auf ihrer Haut glänzen sehen.

»Wie heißt du?«, fragte ich sie.

»Mary.«

»Ich bin Conor«, antwortete ich und lächelte sie an. Ich hielt noch immer ihre Hand. Nachdem ich ihre Handfläche nach oben gedreht hatte, studierte ich die Linien ihrer Haut. »Weißt du, dass du eine sehr lange Liebeslinie hast? Hat dir das schon mal jemand gesagt? Sie ist wirklich stark, schau!« Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu: »Deine Lebenslinie ist allerdings ein wenig kurz geraten.«

Sie zog die Hand weg, machte jedoch keine Anstalten zu gehen, sondern blieb einfach stehen und rauchte ihre Zigarette weiter.

Ich ließ den Blick über den Platz schweifen, hinüber zu dem großen Festzelt, wo gerade eine Band spielte. »Mir reicht es von der Musik«, erklärte ich. »Ich bin schon den ganzen Abend hier. Und du? Lust auf einen Ortswechsel?«

Mary zuckte mit den Achseln.

»Nachdem du dich mit deiner Freundin gestritten hast, sollte ich dich zum Trost vielleicht irgendwo hinchauffieren.«

»Wohin denn?«

»Keine Ahnung, vielleicht zum Strand. Was meinst du? Wir könnten nach Ballybunion fahren und aufs Meer hinausschauen.«

Sie dachte einen Moment über meinen Vorschlag nach. »Hast du denn überhaupt ein Auto?«

Was für eine Frage! Lieber Himmel, ich hatte einen Ford Granada: einen Wagen wie ihn Jack Regan in der alten Fernsehserie »The Sweeney« gefahren hatte - mit silberfarbenem Lack, schwarzem Vinyldach und perfekter Polsterung. Er stand gleich um die Ecke in einer Seitenstraße. Nachdem ich sie dort auf den Beifahrersitz gepackt hatte, ließ ich den Motor an und brauste mit ihr in Richtung Küste.

Etwa auf halber Strecke öffnete sie ihr Fenster einen Spalt, nahm das Päckchen Zigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an.

Ich bekam eine Riesenwut. Dieses ewige Rauchen finde ich schrecklich, ja, ich hasse es richtig. Sie hatte nicht mal gefragt. Dabei lasse ich in meinem Wagen grundsätzlich niemanden rauchen. Vor lauter Zorn traten meine Knöchel weiß hervor, während ich starr geradeaus blickte. Sie sagte kein Wort, sondern saß nur da und zog an ihrem Glimmstengel, als würde sie daran saugen. Aus den Augenwinkeln sah ich Asche auf den Sitz rieseln.

Es war, als hätte mir jemand eine Ohrfeige verpasst. Ich spürte, wie mich ein Zittern durchlief, und biss die Zähne zusammen.

Rasch bremste ich ab und hielt nach einer Gelegenheit zum Wenden Ausschau.

»Ich dachte, du wolltest mit mir zum Strand«, sagte sie.

»Es ist zu weit, die Zeit reicht nicht aus. Ich halte einfach irgendwo an, dann können wir uns den Mond ansehen oder so.«

»Den Mond«, wiederholte sie, während sie die Asche von ihrer Zigarette schnippte. »Was versprichst du dir davon, den Mond anzuschauen?«

Die Asche landete auf der Fußmatte. Ich bog in einen Feldweg ein. Nach etwa hundert Metern wurde er etwas breiter und endete vor einem Tor, das aus fünf Holzpfosten bestand. Nachdem ich seitlich rangefahren war, schaltete ich den Motor aus. Keiner von uns beiden sagte etwas. Ich ließ mein Fenster herunter und stützte den Ellbogen auf die Kante.

»Komm«, sagte ich schließlich, »lass uns ein wenig frische Luft schnappen. Du hast einiges intus, und das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Besoffene, die mir den Wagen vollkotzt.«

Mit diesen Worten stieg ich aus, ging um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür und griff nach ihrer Hand, um ihr herauszuhelfen.

Schwankend lehnte sie sich an mich, weil ihre Absätze zwischen den Steinen des Weges hängen blieben. Ich führte sie zu dem Tor, und sie lehnte sich dagegen. Noch immer saugte sie an ihrer Zigarette. Ohne nachzudenken, blies sie mir eine Rauchwolke ins Gesicht.

Angewidert drehte ich den Kopf weg. Ich blickte für einen Moment zu Boden, dann zum Himmel hinauf. Der Mond leuchtete hell, auch wenn am Himmel einzelne Wolkenfetzen vorbeizogen. Ich trat vor sie hin und legte die Hände an ihre Taille. Meine Beine platzierte ich rechts und links von ihr. Dann küsste ich sie. Sie schmeckte nach Zigaretten. Das erinnerte mich an meine Mutter.

Sie verschränkte die Finger in meinem Nacken und versuchte nun ihrerseits, mich zu küssen, doch ich wich zurück. Alles, was ich schmecken und riechen konnte, waren Zigaretten.

»Geht es dir nicht gut?«, fragte sie. »Was ist los mit dir?«

Ich gab ihr keine Antwort. Mein Blick schweifte über die Felder. In der Ferne funkelten die Lichter eines Hauses.

»Was ist los?«, wiederholte sie lallend. »Wie war noch mal dein Name? Colin, oder? Mist, ich kann mich nicht mehr erinnern.« Sie kicherte. »Was hast du, Colin? Wartet deine Freundin auf dich oder so was in der Art?«

Ich gab ihr noch immer keine Antwort, sondern starrte sie nur an.

»Lass uns zurückfahren«, sagte sie. »Was soll's, zum Strand haben wir es sowieso nicht geschafft, und eigentlich bist du auch gar nicht mein Typ.«

»Wir können nicht zurück«, erwiderte ich.

»Was soll das heißen, wir können nicht zurück? Natürlich können wir. Bring mich zurück, Colin. Nun komm schon, lass uns zurückfahren und noch ein bisschen Musik hören.«

»Ich heiße Conor, kapiert? Mein Name ist Conor, nicht Colin!«

In ihren Augen blitzte irgendetwas auf. Mittlerweile hatte sie beide Hände gegen meine Brust gestemmt, und ich spürte ihre plötzliche Nervosität. Ich deutete über ihren Kopf.

»Schau doch mal zum Mond hinauf! Siehst du denn nicht, wie schön er ist?« Statt nach oben zu blicken, starrte sie mich an. Aus ihren Augen sprach Unsicherheit, vielleicht auch aufkeimende Angst.

»Ich möchte zurück«, erklärte sie. »Meine Freundinnen warten auf mich. Sie fragen sich bestimmt schon, wo ich abgeblieben bin.«

»Nein, das tun sie nicht. Ich habe doch gesehen, dass ihr euch gestritten habt.«

Mittlerweile hielt ich sie fest an das Holztor gedrückt, während sie versuchte, mich wegzuschieben - erst mit den Händen, dann mit den Ellbogen.

Aber ich wich keinen Millimeter zurück. Mit einer schnellen Bewegung drehte ich sie um und ließ sie mit dem Gesicht gegen das Tor krachen. Sie schrie auf. Ich hielt ihr den Mund zu und zerrte sie zu Boden. Sie hatte mittlerweile panische Angst. Ich merkte es an ihren schreckgeweiteten Augen und ihrem aufgerissenen Mund. An ihren Zähnen war Blut. Vergeblich versuchte sie zu schreien. Ich lag quer über ihr, doch irgendwie schaffte sie es, mich abzuschütteln. Ehe sie mir entwischen konnte, packte ich sie am Bein, zog sie zurück und schlug ihr ins Gesicht.

Inzwischen weinte sie. Als sie erneut zu schreien versuchte, schob ich ihr meinen Handballen in den Mund. Nun hatte ich sie, wo ich sie haben wollte: ausgestreckt unter mir. Aber ich begehrte sie nicht mehr. Ich empfand keinerlei Verlangen. Was ich sehr wohl empfand, war Hass: Ich hasste sie wegen ihres Aussehens und wegen der Art, wie sie mich an der Nase herumgeführt hatte. Ich hasste sie, weil sie sich eine Zigarette angezündet und die Asche in meinem Auto fallen gelassen hatte.

Quinn atmete an seinem Schreibtisch tief durch. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er die Luft angehalten hatte. Vor seinem geistigen Auge sah er Maggs wieder auf der Anklagebank sitzen: dunkles Haar, dunkle Augen, die Schultern hochgezogen wie ein Kind. Quinn hatte seine Eigenarten genau studiert, jeden Gesichtsausdruck und jede Bewegung registriert. Er wusste noch genau, was ihm damals durch den Kopf gegangen war: Egal, was dieser Mann dem Gericht zu vermitteln versuchte, ein Teil von ihm genoss das Ganze. Er stand im Zentrum der Aufmerksamkeit und las mit so viel Nachdruck und Leidenschaft diese Zeilen vor, dass alle Blicke auf ihn gerichtet waren,...

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