Das andere Gesicht der Emily Brontë

Eine Biographie aus der Sicht des 21. Jahrhunderts
 
 
Dryas Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Juli 2020
  • |
  • 200 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-940258-99-1 (ISBN)
 
Emily Brontë nimmt in der englischen Literaturgeschichte eine Sonderstellung ein.

Ihr einziger Roman, Sturmhöhen, verzaubert seine Leser seit fast zweihundert Jahren, und die Romanfigur Heathcliff ist möglicherweise der ultimative romantische Held - und Schurke.

Emily selbst jedoch bleibt rätselhaft, häufig wird sie als schwierig und misanthropisch, als "kein normales Wesen" dargestellt. Doch trifft es auch zu?

Claire O'Callaghan zeigt in dieser Biografie eine andere Seite von Emily, indem sie ihren feministischen Ansatz, ihre Leidenschaft für die Natur sowie Kunstwerke untersucht, die von ihr inspiriert wurden.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 7,37 MB
978-3-940258-99-1 (9783940258991)
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Dr. Claire O'Callaghan ist Dozentin für Englisch an der School of Arts, English and Drama an der Loughborough University. Ihr Fokus liegt auf viktorianischer und neoviktorianischer Literatur, Geschichte und Kultur. Sie publiziert Veröffentlichungen über das Leben und Werk der Brontës.

Die Jugendjahre

Emily Jane Brontë wurde am 30. Juli 1818 im Pfarrhaus ihres Vater in Thornton, Bradford, geboren. Sie war das fünfte Kind von Patrick und Maria Brontë und vier Jahre jünger als ihre älteste Schwester Maria, drei Jahre jünger als die zweite, Elizabeth, zwei Jahre jünger als Charlotte, ein Jahr jünger als ihr einziger Bruder Branwell, und ein Jahr älter als das Nesthäkchen Anne.

Kurz vor Emilys zweitem Geburtstag zog die Familie in das Pfarrhaus von Haworth um, das dort noch immer ganz oben an der gepflasterten Hauptstraße steht. Zu dieser Zeit war Haworth ein geschäftiges Industriestädtchen mit ungefähr 4.700 Einwohnern, von denen viele in den örtlichen Textilbetrieben und Wollspinnereien arbeiteten. Die Lebensumstände waren allerdings nicht einfach. Die Wasserqualität war so schlecht, dass sich angeblich selbst die Kühe weigerten, Wasser zu trinken. Das förderte Krankheiten. Die Stadtbewohner lebten in kleine Quartiere gepfercht, und warfen ihren ganzen Müll (alles von Schlachtabfällen und Asche bis hin zu Fäkalien) in kleine Einfriedungen in ihren Hinterhöfen, und viele Haushalte - mit Ausnahme des Pfarrhauses - mussten sich die Außentoiletten teilen.12 Da das Leben vieler Mitglieder in der Gemeinde von Krankheit geprägt war, ist es nicht verwunderlich, dass Patrick Brontë ein sehr beschäftigter Mann war.

In gewisser Weise waren die Brontës weitgehend von der restlichen Ortschaft isoliert; abgesehen vom "Umgang mit Patricks Hilfspfarrern" "verkehrten sie nicht von gleich zu gleich mit den Textilarbeitern, Krämern und Händlern, die ihren Haushalt belieferten".13 Doch Krankheiten machen keine Klassenunterschiede, so wurde auch die Familie Brontë von diversen Schicksalsschlägen heimgesucht. Innerhalb eines Jahres nach Ankunft der Familie in Haworth erkrankte Emilys Mutter Maria an Gebärmutterkrebs. Sie starb im Jahr 1821, als Emily gerade drei Jahre alt war. Dies war ein äußerst junges Alter für eine solch erschütternde und fraglos traumatische Erfahrung. Gewiss war dies auch der Anlaß zu einem ihrer späteren Gedichte, das im Jahr 1840 entstand und keinen Titel trägt. Der erwachsene Sprecher sinniert hier über die Erkenntnis, welch ein Glück es in jungen Jahren war, einen geliebten Menschen, der nun verstorben ist, für eine bestimmte Zeitspanne gehabt zu haben:

Es ist zu spät dich zu besuchen -

Ich werde diesem Traum nicht wieder hegen

Denn jede Freude, die meine Brauen bewegte

Würde ihren Nachsturm des Schmerzes bringen.

Außerdem ist der Nebel halb davongezogen,

Die blanke Bergflanke liegt bloß

Und Sonnenschein und anbrechender Tag

malen dort keine goldenen Visionen mehr -

Doch immer dankbar in meiner Brust

Soll dein lieblicher Schatten geliebt sein

Denn Gott alleine weiß wie gesegnet

Meine frühen Jahren in dir gewesen sind!14,15

Nach dem Dahinscheiden ihrer Mutter übernahm Maria, die älteste Tochter, die damals sieben Jahre alt war, die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister und zwei Mädchen aus dem Ort, Nancy und Sarah Garrs, wurden als Haushälterin und Kindermädchen angestellt. Die Tante der Kinder, Elizabeth Branwell - besser als "Tante Branwell" bekannt - die ihre Schwester während deren Krankheit gepflegt hatte, beschloss, ebenfalls im Pfarrhaus zu bleiben. Infolge des Tods ihrer Schwester nahm sie neben Patrick eine Art elterliche Rolle ein.

Ein paar Jahre später verließ Emily mit knapp sechs Jahren zum ersten Mal ihr Elternhaus und folgte ihren älteren Schwestern auf die Clergy Daughters' School in Cowan Bridge, der schulischen Institution, die Charlotte Inspiration war für die ärmliche Lowood School in Jane Eyre. Die Eintragung zu Emily im Schulregister ist unauffällig und lässt nichts von der Genialität erkennen, die F. R. Leavis ihr später zuschrieb. Doch genau das ist das Faszinierende daran, da die Fähigkeiten dieses zukünftigen Ausnahmetalents immens unterschätzt wurden. Im Schulregister steht: "Emily Brontë. Aufgenommen 25. Nov. 1824. Alter 5¾. Liest sehr nett und arbeitet recht brav. Schulabgang 1. Juni 1825. Späterer Werdegang: Gouvernante."16 Wer auch immer das Register erstellte, war ganz offensichtlich nicht sonderlich von ihr beeindruckt. In Jane Eyre beschreibt Charlotte die erbärmlichen Verhältnisse auf Lowood mit eindeutigen Worten:

Unsere Kleidung reichte nicht aus uns vor der schweren Kälte zu schützen; wir hatten keine Stiefel, der Schnee gelangte in unsere Schuhe, und schmolz dort; unsere unbehandschuhten Hände wurden taub und bedeckt von Frostbeulen, genau wie unsere Füße [.] Auch die spärliche Versorgung mit Essen war quälend: bei dem eifrigen Appetit wachsender Kinder hatten wir kaum genug, um einen anfälligen Kranken am Leben zu erhalten.17,18

Die Umstände waren zwar eher beklagenswert, doch wir wissen, dass Emily auf Cowan Bridge zumindest mit Wohlwollen betrachtet wurde. Die Schulleiterin Miss Anne Evans erinnerte sich liebevoll an die "kleine verhätschelte Em", an das "liebe Kind" der Schule.19 Doch Emily ging nur sechs Monate auf diese Schule. Sie verließ die Schule wegen einer Typhusepidemie, die zu gesundheitlichen Problemen bei Emilys Schwestern führte, die sich infiziert hatten. Beide wurden wegen einer Tuberkuloseerkrankung nach Hause geschickt. Maria kehrte im Februar 1825 nach Haworth zurück und versuchte drei Monate lang gesund zu werden. Doch die Krankheit erwies sich als stärker, so dass sie am 6. Mai starb. Drei Wochen danach, am 31. Mai, wurde auch Elizabeth nach Hause geschickt, sie starb noch schneller als Maria, am 15. Juni.

In Anbetracht der drei aufeinanderfolgenden Trauerfälle innerhalb der Familie mag es den heutigen Leser vielleicht verwundern, dass die Situation bei den Brontës nicht ungewöhnlich war - sie entsprach der hohen Sterblichkeitsrate in Haworth. Die Sterbeziffer in der Ortschaft "konnte es mit jener in London aufnehmen." Über einundvierzig Prozent der Kinder starben vor ihrem sechsten Geburtstag, und das durchschnittliche Todesalter lag bei nur fünfundzwanzig.20 Dass die verbleibenden Brontë-Kinder das Erwachsenenalter erreichten, und dass Patrick Brontë sogar bis ins fortgeschrittene Alter lebte, war in der Tat recht ungewöhnlich.

Wir wissen nicht, ob Emily spezifische Erinnerungen an den Tod ihrer Schwestern hatte, auch wenn Denise Giardina in ihrem auf Emilys Leben basierenden Roman Emily's Ghost: A Novel of the Brontë Sisters (erschienen im Jahr 2009) Emily eine starke Verbundenheit zu ihren Schwestern andichtet und ihr die übersinnlich anmutende Fähigkeit verleiht, Elizabeth nach deren Tod zu sehen und mit ihr zu sprechen (siehe auch siebtes Kapitel). Gleichwohl ist es mehr als plausibel anzunehmen, dass der Tod von Maria und Elizabeth so bald nach dem Verlust ihrer Mutter "ein weiteres Bindeglied in der Familie zerriss."21 Zahlreiche Wissenschaftler, die sich mit den Brontës beschäftigten, haben die kollektiven Auswirkungen des schnellen Verlusts ihrer Schwestern auf die verbleibenden Geschwister beschrieben.

Sie hatten nicht nur zwei ihrer Schwestern verloren, es waren zudem noch die ältesten beiden. Für die jüngeren Kinder hatten diese natürlich Vorbildfunktion und boten Unterstützung, wie es ältere Geschwister eben tun. In ihrem Fall war diese Rolle von noch größerer Bedeutung, da Maria und bis zu einem gewissen Grad auch Elizabeth nach dem Tod der Mutter eine stellvertretende Mutterrolle eingenommen hatten.

Vor diesem Hintergrund ist es absolut nachvollziehbar, dass Patrick Brontë seine verbliebenen Töchter nicht wieder zurück auf die Schule schicken wollte, auf der seine ältesten Kinder krank geworden waren. Die nächsten vier Jahre blieben Charlotte und Emily also gemeinsam mit Branwell und Anne zu Hause in Haworth. Im Gegensatz zu dem, was Elizabeth Gaskell in The Life of Charlotte Brontë berichtet, war das familiäre Umfeld im Pfarrhaus glücklich, wie dieser Beschreibung eines typischen Tages der Kinder aus Juliet Barkers maßgeblicher Biographie The Brontës (veröffentlicht 1994) zu entnehmen ist. Ihre Tage begannen im Kreise der ganzen Familie, die sich einschließlich der Hausangestellten

in Patricks Arbeitszimmer zum Gebet versammelte. Die Kinder begleiteten ihn dann [.] zu einem 'einfachen aber ausgiebigen' Frühstück [und] kamen dann in Sarahs Obhut bis zum Abendessen [.] Während Patrick am Nachmittag das Haus verließ, um seine Gemeindebesuche zu machen, gingen die Kinder jeden Tag hinaus in die Moore, außer wenn das Wetter zu schlecht war. Diese Spaziergänge waren der Höhepunkt ihres Tages [.] Bei ihrer Rückkehr fanden sie das Essen bereits auf sie warten [.] Patrick kam später nach Hause [.] und versammelte die Kinder um sich herum 'für Vorträge und Gespräche, Unterricht gebend in Geschichte, Biografie oder Reisen'.22,23

Das Bild, das Barker zeichnet, vermittelt eine warme, behagliche und angenehme Atmosphäre. Es verdeutlicht auch, welche Art von Vater Patrick war und wie weit entfernt er von der gewalttätigen und abweisenden Persönlichkeit war, als die er von Elizabeth Gaskell porträtiert...

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