Bonbontag

Roman
 
Markus Nummi (Autor)
 
Suhrkamp Verlag AG
1. Auflage | erschienen am 21. September 2011 | 396 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-75610-2 (ISBN)
 
»Ich bin eigentlich Doktor Kilmore, oder einfach der Doc«, sagte der kleine Junge und sah Ari flehend in die Augen. »Und ich muss einer gefangenen Prinzessin helfen.« Ari, ein Schriftsteller, dessen Karriere früh ins Stocken geraten ist, bezahlt im Supermarkt einem fremden Jungen eine Tüte Bonbons, worauf der Kleine sich an ihn hängt und ihm bis in die Wohnung folgt. Ob Ari ihm helfen könne? Ganz in der Nähe will Paula nach ihrer Trennung von Pentti mit ihrer Tochter Mirja ein neues Leben anfangen. Da sagt das Mädchen »Ich will zu Papa«. Da muß Paula Mirja einsperren. Denn sie muß sich ihrem Chef beweisen und will Karriere machen. Auf dem Schreibtisch von Katri, der Sozialarbeiterin, treffen sich die Geschichten des kleinen Jungen und des Mädchens, aber die Aufgabe einer Mitarbeiterin des Jugendamtes besteht nicht darin, fremde Kinder zu lieben, das wäre ein Dienstvergehen. Doch Tomi, der Partisan, ist auf dem Posten. Er kämpft gegen eine rothaarige Hexe, die ein kleines Mädchen eingesperrt hat. Und rettet es in einem dramatischen, lebensgefährlichen Showdown. Markus Nummi entwirft eine unerhörte und bewegende Geschichte, von der man sich wünscht, sie möge nur ein Märchen sein.

Markus Nummi, geboren 1959, Schriftsteller, Drehbuchschreiber, Produzent und Regisseur lebt in Helsinki. Bonbontag ist sein dritter Roman.

Stefan Moster
Deutsch
1,98 MB
978-3-518-75610-2 (9783518756102)
3518756109 (3518756109)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1


Der Wecker klingelte.

Paula machte sofort die Nachttischlampe an.

Kurz ließ sie den Kopf noch einmal ins Kissen sinken, aber dann fiel es ihr wieder ein. Heute war ein wichtiger Tag.

Sie stand auf, machte das Deckenlicht an, zog die Jalousien hoch.

Das Licht brannte im vierten Stock, es war das einzige erleuchtete Fenster weit und breit. Oben befand sich noch eine Etage. Das störte Paula ein wenig. Es wäre besser gewesen, wenn über ihr niemand gewohnt hätte. Aber alles hing von der Einstellung ab. Man musste einfach außer Acht lassen, was nicht ins Bild gehörte.

Draußen waren zwischen den Bäumen und Sträuchern die Lampen auf dem Wohnblockareal zu erkennen, jede schuf ihren eigenen kleinen Lichtkreis, der von der dünnen, bereits grau gewordenen Schneeschicht reflektiert wurde. Paula hob den Kopf, und ihr Blick fiel auf die helleren Lichter entlang der Straße. Ein einzelnes Auto fuhr vorüber, eine bewegliche schwarze Kapsel, deren schwache Lichtkegel über die Fahrbahn wischten. Oberhalb der Straßen- und Hofbeleuchtung war die Welt dunkel; viele Fenster nebeneinander, übereinander, in keinem einzigen Licht.

Paula betrachtete das Dunkel. Hier oben, wo sie stand, leuchtete ihr Licht allein. So war es gut.

Sie schlich in den Flur. Ganz leise drehte sie den Schlüssel, drückte die Klinke und öffnete die Tür. Blieb stehen. Hielt kurz den Atem an. Konzentrierte sich. Schlich ins Zimmer, ließ sich vom Licht im Flur den Weg leuchten, achtete genau darauf, wo sie hintrat.

Das Kind schlief friedlich seinen seligen Schlaf. Sein Atem röchelte ganz leicht, es atmete durch den Mund. Aber sein Schlaf war tief. Die Hände hatte es um den Stoffhund mit den Schlappohren geschlungen. Paula konnte nicht übersehen, dass der ursprünglich weiße Hund stellenweise vor Schmutz dunkelgrau geworden war. Am liebsten hätte sie vorsichtig den Arm des Mädchens angehoben, den Hund an sich genommen und gewaschen. Oder noch lieber weggeworfen und an seiner Stelle einen neuen, sauberen gekauft. Was das für ein Geschrei gäbe! Nein, nicht einmal waschen durfte man ihn. Sie hob den Arm des Mädchens nicht an, weil ... Weil es so gut war. Sie wollte nicht, dass es aufwachte. Das Mädchen sollte schlafen, ein Kind im Wachstum brauchte Schlaf. Außerdem hätte sie für das Kind jetzt sowieso keine Zeit. Nicht jetzt, noch nicht.

Sie hielt die Hand über den Kopf des Mädchens, ließ sie über die Haare gleiten, ohne sie zu berühren. Der dunkle Fleck auf der Wange hatte sich mittlerweile verfärbt. Bald wäre er verschwunden.

Sie versicherte sich, dass alles an Ort und Stelle war. Die Tüten stapelten sich auf dem Schreibtisch, die Ecken schon aufgerissen. Zu essen war genug da. Das Wasserglas auf dem Nachttisch war leer, ebenso die Kanne daneben. Sie hatte dem Kind am Abend nur einen Schluck Wasser geben wollen, damit es in der Nacht nicht aufs Klo rennen musste.

Paula wollte noch das Fenster prüfen. Da hielt sie inne.

Der Fußboden. Ein einziges Durcheinander. Höchste Zeit, dass das Mädchen lernte, seine Spuren zu beseitigen.

Sie warf einen Blick auf das Fenster. Alles so, wie es sein sollte. Die Vorhänge zugezogen. Auch die Jalousien. Der Stab zum Auf- und Zudrehen war schon vor zwei Jahren gebrochen, weil das Mädchen damit herumgespielt hatte. Seitdem waren die Jalousien zu geblieben. Nicht repariert worden. Aber das war in Ordnung. Nichts, was vor dem Fenster passierte, störte den Schlaf des Mädchens.

Paula drehte sich um und stieß mit dem Fuß gegen etwas. Es war der Nachttopf, sie hatte ihn selbst für alle Fälle hingestellt.

Sie nahm die Wasserkanne, schlich vorsichtig aus dem Zimmer und schloss ab. Dann atmete sie tief durch.

 

Eines nach dem anderen, in der richtigen Reihenfolge.

Die Haare. Paula bürstete sich die Haare.

Warum? Niemand würde darauf achten. Das tat sie nur für sich. Aber so war es ja auch. Aus Achtung vor sich selbst richtete sie ihr Haar, sie tat es für ihre Weiterentwicklung, für ihre Arbeit.

Sie aktivierte die Kamera, nahm aber noch nicht Platz, noch nicht.

Auch der Mensch muss aktiviert werden.

Sie schlich in die Küche und streckte sich zum obersten Regalfach. Ihre Hand tastete über das Brett, fand schließlich, was sie suchte. Einen Schokoriegel. Die Notration, nur für sie. Die Bonbons und anderen Süßigkeiten des Mädchens würde sie nie anrühren.

Paula kehrte ins Wohnzimmer zurück, riss die Verpackung auf, setzte sich hin. Sie brach sich ein Stück von der Schokolade ab, ein ganz kleines Stück. Und dann, natürlich, typisch, so verdammt typisch, lösten sich an der Bruchstelle zwei kleine Krümel. Wohin fielen sie? Natürlich auf den weißen Wollteppich, den sie wegen ihrer ewig kalten Füße vor den Sessel gelegt hatte.

Am liebsten hätte sie den Staubsauger geholt. Um es der ganzen Welt zu zeigen, hätte sie am liebsten den supereffektiven, mit Spezialfiltern ausgestatteten Staubsauger, den sie sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte, geholt und losgelegt. Sie schmunzelte darüber. Sie war ein erwachsener Mensch.

Sie beugte sich vor und versuchte vorsichtig die Schokoladenkrümel aufzupicken. Einen erwischte sie, aber der andere rutschte immer tiefer ins Gewebe.

Ihre Geduld verlor Paula deswegen nicht, dazu bestand kein Anlass.

Sie faltete den Teppich zusammen, vorsichtig, damit er keinen Staub aufwirbelte. Dann trug sie ihn in den Flur, schlüpfte in die Stiefel, zog sich die Strickjacke über und steckte die Schlüssel ein. Sie öffnete die Wohnungstür, stieg im Dunkeln die Treppe zum Zwischengeschoss hinauf und trat auf den Lüftungsbalkon.

Dort war der Boden rutschig. Sie hielt den Teppich über das Geländer und schüttelte ihn aus. Die Kälte war erfrischend.

Tschüs, Schokoladenkrümel, gute Reise!

Paula konnte den Krümel sehen, er rotierte in der Luft, schwebte der Erde entgegen, wurde dann aber von einem Luftstrom ergriffen und eine halbe Etage tiefer gegen das Fenster geschleudert. Der Krümel landete auf dem Fensterblech, auf der dünnen Schneeschicht vor der geschlossenen Jalousie, vor dem Fenster des Mädchens.

Einen Moment lang ärgerte sich Paula darüber. Hätte sie einen Besen mit langem Stiel, könnte sie die Stelle erreichen. Tatsächlich stand in einer Ecke des Balkons ein Besen. Er hatte seine besten Tage schon hinter sich, der Hausmeister hatte damit den Schnee gefegt und ihn anschließend einfach stehen lassen. Mit Gemeinschaftseigentum ging man um, wie es einem gerade passte.

Paula griff nach dem Besen, hielt aber inne, stellte sich das Geräusch am Fenster vor. Das Mädchen würde erschrecken. Wollte sie denn ihr Kind aufwecken?

Plötzlich musste sie lachen. Bin ich ein erwachsener Mensch? Denke ich noch rational? Ja, ich versuche es wenigstens. Ein erwachsener Mensch ist einer, der sein Verhalten korrigieren kann. Und darum geht es bei dem ganzen Projekt schließlich.

Kein Grund zur Sorge. Soll er bleiben, wo er ist. Bald wird es Frühling und der Schnee schmilzt. Dann verschwindet auch der Krümel.

Paula stellte den Besen an seinen Platz zurück.

Sie genoss den kleinen Kälteschauer auf der Haut. Kein einziges Licht auf dieser Seite. Es war fünf Uhr, und hier war alles gut. Alles war im Eimer, aber gut.

Paula kehrte in die Wohnung zurück. Sie legte den Teppich wieder vor den Sessel und setzte sich. Der Teppich fühlte sich für eine Weile kalt unter den Füßen an.

Sie streckte sich nach der Kamera, drückte die Aufnahmetaste und setzte sich im Sessel zurecht. Dann begann sie, so wie jeden Morgen.

»Ich heiße Paula Vaara. Heute ist der erste Tag des Lebens, das noch vor mir liegt.«

2


Tomi schlug die Augen auf. Er schaltete die Taschenlampe unter der Bettdecke an und sah auf die Uhr. Fünf.

Zuletzt war es halb vier gewesen.

Er hob die Decke an und spähte nach draußen. Die Jalousien drüben waren noch immer unten.

Er könnte noch weiterschlafen. Aber wäre er dann rechtzeitig wach?

Ihm war kalt. Die Wohnzimmercouch stand unmittelbar vor dem großen Fenster, und durch dessen Ritzen zog es. Tomi überlegte, ob er die Wolldecke von Omas Bett holen sollte. Nein, man durfte seinen Wachposten nicht verlassen.

Heute musste er rechtzeitig da sein. Bevor sie wegging.

Tomi zählte nach: Vor drei Tagen hatte er das Mädchen zuletzt gesehen. Am kleinen Fenster, sie hatte gewunken, tschüs. Seitdem war sie verschwunden.

Wieder zog er sich die Decke über den Kopf. Die Dunkelheit hatte die Ausmaße der Zudecke, es war die eigene Dunkelheit, kein Grund, Angst zu haben.

Er wartete. Die Augen fielen ihm zu ... Dann ein Schreck, ein Blick nach draußen.

Die Jalousien oben. Licht im Fenster. Ein schwacher Lichtschein im Treppenhaus, der bald wieder verschwand.

Jetzt war Tomi hellwach.

 

Alarm, Alarm.

Wachturm eins.

Yes, Sir. Doc zur Stelle.

Check. Action Patrouille vier.

Monitor, Monitor. Wer ist es? Check.

Alarm, Alarm, Großalarm.

Sie ist es. Die Kobra. Die rothaarige Hexe. Böse Absichten.

Kobra aktiv. Schwenkt den Besen. Hä? Jetzt ... Guckt sie. Checkt. Guckt ... Hierher.

Kann aber nichts sehen. Oder?

Umhang...

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