Männerherzen auf Reisen

 
 
BookRix (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. November 2019
  • |
  • 326 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7487-2079-9 (ISBN)
 
Rechtzeitig zur kalten Jahreszeit sind ein paar Autoren gedanklich verreist. Die 13 Geschichten handeln von echten oder unechten Ortsveränderungen. Eines haben sie alle gemein: Ein Happy End. Dies ist ein gemeinnütziges Projekt. Sämtliche Einnahmen werden an die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz Berlin e.V. gespendet. Tu was Gutes, so kurz vor der Weihnachtszeit. Inhalt: - Frühling in Paris - Sissi Kaipurgay - Mile High Club - Raven le Fay - Stettin - Immer wieder Stettin - Karo Stein - Des Wolfes Bibergefährte - Chrissy Burg - Das Japan-Märchen - Sissi Kaipurgay - Honeymoon - Ann Salomon - Dienstreise - Alica H. White - Hunter & Claude - JoAn Fox - Claude & Hunter - Elf - Thor - Sascha Scheiblette - Mücken on tour - Raven le Fay - Blaumond - Kampfgefährte - Ann Salomon - Ritschy, komm nach Hause - Sascha Scheiblette Das Buch umfasst 81.000 Worte und ist auch als Print erhältlich
  • Deutsch
  • 0,64 MB
978-3-7487-2079-9 (9783748720799)

Hamburg im Juli 1950


Es hatte etwas länger gedauert, bis er zwei Wochen freibekommen konnte. Als der Schaffner verkündete, dass sie in Kürze den Hamburger Hauptbahnhof erreichen würden, hielt ihn nichts mehr auf seinem Platz. Er trug seinen Koffer aus dem Abteil und bewegte sich in Richtung Ausgang. Karls Schwester wollte ihn abholen. Sie hatte ihm ein Foto geschickt, damit sie einander nicht verpassen konnten.

Wenig später hielt der Zug. Er hätte Gertrud vermutlich auch ohne das Bild erkannt. Sie sah aus wie die weibliche Version von Karl: Blonde Haare, blaue Augen, feingeschnittene Gesichtszüge und ein hübscher, proportional etwas zu breit geratener Mund.

"Sie müssen Charles Bourgogne sein", begrüßte sie ihn, als er vor ihr stehenblieb.

"Das bin ich. Können wir bitte auf die Förmlichkeiten verzichten?"

"Gern." Sie reichte ihm die Hand und drückte kräftig zu. "Ich bin Gertrud."

"Freut mich. Es tut mir leid, dass es erst jetzt geklappt hat."

Gertrud winkte ab. "Ich bin froh, dass Sie . Entschuldigung, dass du überhaupt gekommen bist."

Sie hakte sich bei ihm ein und führte ihn aus dem Gebäude zu einer Straßenbahnhaltestelle. Erst als sie in der Bahn saßen, ergriff sie erneut das Wort: "Karl weiß noch nichts von deinem Besuch. Ich wollte ihm keine Hoffnungen machen."

"Aber dein Gatte weiß Bescheid?"

"Natürlich. Ich darf dich in seinem Namen willkommen heißen. Momentan ist er auf Geschäftsreise." Sie seufzte. "Wie eigentlich ständig."

"Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass du mir geschrieben hast."

Gertrud lächelte ihm zu. "Im Nachhinein kann ich nicht verstehen, so lange gezögert zu haben. Darf ich fragen, woher deine guten Deutschkenntnisse stammen?"

"Selbstverständlich. Meine Großmutter stammt aus Hannover. Sie hat mich streng unterrichtet."

"Mit Erfolg." Gertrud schaute aus dem Fenster. "Wir müssen gleich aussteigen."

Es machte Charles betroffen, wie viele Häuser noch in Schutt und Asche lagen. Was in fünf Jahren zerstört worden war, konnte man offenbar in der gleichen Zeit nicht wiederaufbauen. Verdammter Krieg! Paris hatte glücklicherweise wenig abbekommen. Er mochte sich gar nicht ausdenken, wie seine Heimatstadt ausgesehen hätte, wäre Hitlers Befehl, sie dem Erdboden gleichzumachen, befolgt worden. Möge der Mistkerl für immer im Feuer der Verdammnis schmoren!

Er folgte Gertrud aus der Bahn. Wieder hakte sie sich bei ihm unter, als sie die Fahrbahn überquerten und in eine Seitenstraße einbogen. Hochherrschaftliche Häuser mit schmucken Fassaden. Vor einem dieser Gebäude hielt Gertrud, wühlte in ihrer Handtasche und zog einen klimpernden Schlüsselbund hervor.

Während sie aufschloss, erklärte sie: "Dieses Haus gehört seit Generationen Erwins Familie. Die oberen Einheiten sind vermietet. Im Erdgeschoss befindet sich Erwins Firma und unsere Wohnung."

Ihre hohen Absätze klapperten über die Bodenfliesen des Treppenhauses. Staunend musterte Charles die stuckverzierte Decke und die bis auf Augenhöhe mit wunderschönen Fliesen bedeckten Wände. Wieder benutzte Gertrud die Schlüssel an einer Tür im hinteren Bereich und bat ihn mit einer einladenden Handbewegung einzutreten.

Ein breiter Flur erstreckte sich vor Charles. Bislang war es ihm wie ein Traum vorgekommen, dass er Karl wiedersehen würde. Nun, wo der Moment unmittelbar bevorstand, erfasste ihn kribbelnde Erwartung.

"Ich zeige dir dein Zimmer." Gertrud ging an ihm vorbei und legte ihren Mantel an der Garderobe ab. "Danach bereite ich Karl auf die Überraschung vor."

Kurz darauf befand er sich allein in einem Zimmer, das mit Bett, Schrank, Stuhl und Tisch ausgestattet war. Durch das hohe Fenster drang kaum Licht herein, weil große Bäume die Sonne abschirmten. Er legte seinen Koffer auf den Tisch und schaute sich genauer um. Eine schmale Tür führte in eine winzige Kammer mit Toilette und Waschbecken. Ganz schön luxuriös. Der Kleiderschrank beherbergte eine Batterie Bügel und ein paar Duftkissen.

Nachdem er ausgepackt und sich ein bisschen frisch gemacht hatte, stellte er sich vors Fenster und sah hinaus. Ein Mann in grauem Anzug eilte vorbei. Gegenüber schob eine Frau einen Kinderwagen, an der Hand einen kleinen Jungen. Die Passanten wirkten gehetzt und traurig, ganz anders als in Paris. Ihnen fehlte die Leichtigkeit, die seiner Heimat innewohnte. Kein Wunder, dass Karl in dieser Umgebung schwermütig wurde.

Ein Klopfen an der Tür veranlasste ihn sich umzudrehen. Bevor er etwas erwidern konnte, sprang sie auf. Karl, mit Krücken unter den Armen, erschien im Türrahmen und starrte ihn mit großen Augen an.

"Charlie!", stieß Karl hervor. "Du bist es wirklich."

Gertrud, die hinter ihm stand, schenkte Charles ein Lächeln und verschwand aus seinem Blickfeld. Karls linkes Hosenbein hing ab Knie leer herab. Darauf achtete Charles jedoch kaum, sondern nur auf das Gesicht, von dem er gedacht hatte, es nie wiederzusehen.

Karl trat in den Raum und schob die Tür mit dem Ellbogen ins Schloss. "Ich wollte Gerti erst erschlagen, aber nun, wo ich dich sehe . Geht's dir gut?"

"Ich kann nicht klagen." Abgesehen davon, dass sein Herz drohte, ihm aus dem Brustkorb zu springen.

"Entschuldige, dass ich dich auf Krücken begrüße." Mit einem unglücklichen Lächeln guckte Karl kurz an sich herab. "Ich wollte gerade mein Holzbein anlegen, als Gerti mit der frohen Kunde kam."

"Setz dich", erinnerte sich Charles an seine Höflichkeit, rückte den Stuhl zurecht und nahm - in Ermangelung weiterer Sitzgelegenheiten - auf der Bettkante Platz.

Es sah ziemlich geschickt aus, wie Karl mit den Krücken hantierte. Das ließ vermuten, dass die Prothese nicht oft zum Einsatz kam oder häufig verschmäht wurde.

"Wie ist das mit deinem Bein passiert?", fragte Charles.

"Ein Granatsplitter." Karl setzte sich auf den Stuhl und legte die Krücken auf den Boden. "Nur eine Fleischwunde, aber sie hat sich, bevor ich ins Lazarett kam, entzündet. Ich kann froh sein, dass es nur den Unterschenkel getroffen hat. Die Schlachter wollten mir nämlich gleich das ganze Bein abhacken, aber dagegen hab ich mich gewehrt."

Schweigen entstand. Es gab so vieles, das Charles fragen oder sagen wollte, doch nichts davon kam über seine Lippen. Obwohl Karl noch fast genauso aussah wie damals, wirkte er fremd. Ein harter Zug lag um den Mund, der sonst so gern gelacht hatte und die einst leuchtenden Augen blickten stumpf.

"Erzähl doch mal. Wie ist es dir ergangen?", bat Karl schließlich.

"Soweit ganz gut. In der Anfangszeit hab ich mich mit Schwarzmarktgeschäften über Wasser gehalten. Inzwischen arbeite ich in der Redaktion einer Tageszeitung."

"Dann hat sich dein Traum ja erfüllt", stellte Karl fest.

Charles hatte oft darüber gesprochen, dass er Journalist werden wollte. Während des Krieges war ein Studium nur unter erschwerten Bedingungen möglich, zum Ende hin gar nicht mehr; ganz zu schweigen von Praktika, die nur NS-treuen Franzosen möglich waren. Er zählte zwar weder zu den Aufständischen noch zu einer Zielgruppe des Holocaust, besaß aber in den Augen der Verantwortlichen nicht genug deutsches Nationalbewusstsein. Dafür, ihn als Dolmetscher zu benutzen, hatte es dennoch gereicht. Auf diesem Weg hatte er auch Karl kennengelernt.

"Na ja. Ich bin nur ein kleiner Redakteur", gab er sich bescheiden. "Und was machst du so?"

Karl senkte den Blick. "Nichts. Ich tauge nicht mal für die einfachsten Tätigkeiten. Erwin hat mir Arbeit hinterm Schreibtisch verschafft, aber ich kann einfach nicht stillsitzen."

Es musste für den agilen Mann die schlimmste Strafe darstellen, zur körperlichen Untätigkeit verdammt zu sein. Charles erinnerte sich, dass Karl stets zu Impulsivität geneigt hatte. Einmal war er sogar in die Seine gesprungen, weil er unbedingt schwimmen wollte. Wohlgemerkt: In Uniform. Zum Glück hatte sich Karl dabei keine Krankheit eingefangen. Es wurde nämlich davor gewarnt, in der Seine zu baden.

"Lass dir Zeit. Vielleicht gewöhnst du dich ." "Nein!", fuhr Karl ihm dazwischen. "Ich werde mich nie daran gewöhnen, ein Krüppel zu sein."

In der folgenden angespannten Stille ertönte ein Klopfen. Gertrud schaute herein und bat sie, zum Abendessen zu kommen.

Am Tisch bestritt sie fast allein die Unterhaltung. Karl antwortete einsilbig und Charles traute sich kaum ein Wort zu sagen, um keinen neuen Ansturm von Unmut hervorzurufen. Noch vorm Dessert entschuldigte sich Karl mit Kopfschmerzen. Gertrud wünschte ihrem Bruder eine Gute Nacht, aber Charles war zu konsterniert, um dem Beispiel zu folgen. Er dachte ernsthaft darüber nach, am nächsten Tag...

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