Breed

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81107-0 (ISBN)
 
Wenn Eltern zu Monstern werden - in Manhattan wird der Traum vom Baby zum Alptraum.

Alex und Leslie sind zu allem bereit, um ein Kind zu bekommen. Als sie von den Erfolgen eines obskuren Arztes in Ljubljana hören, fahren sie hin - und kurz darauf wird Leslie wirklich schwanger. Aber ihr Körper verändert sich schneller als erwartet, und auch Alex spürt die Folgen der seltsamen Injektionen.

Eigentlich führen Alex und Leslie ein schönes Leben: tolle Jobs, ein großes Haus an der Upper Eastside von Manhattan, eine glückliche Ehe. Aber Alex wünscht sich nichts mehr als ein Kind. Die Suche nach neuen Behandlungsmethoden wird für ihn immer mehr zur Obsession, und er ist überglücklich, als Leslie schließlich schwanger ist, trotz der Veränderungen, die auch er nach der schmerzhaften Behandlung spürt und die er zu ignorieren versucht. Zehn Jahre später führen die Zwillinge Alice und Adam ein seltsames Doppelleben: Ihre Eltern lieben sie über alles, sperren sie aber jede Nacht in ihre Zimmer ein. Aus dem Keller dringen furchtbare Geräusche. Verzweifelt versuchen die beiden Kinder, herauszufinden, wer ihre Eltern sind. Aber die Wahrheit über Alex und Leslie hat einen hohen Preis ...
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,00 MB
978-3-455-81107-0 (9783455811070)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Chase Novak ist das Pseudonym für Scott Spencer. Spencer, geboren 1945 in Washington, D.C., gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren und war bereits zweimal für den National Book Award nominiert. Zuletzt erschien von ihm Breed (2013).

2


Zehn Jahre später

Und führe uns nicht in Versuchung …

Matthäus 6,13

Seit langem schon, so lange, wie es sich erinnern kann, fürchtet dieses Kind die Nacht. Was den Jungen ängstigt, ist nicht die Möglichkeit, in der Dunkelheit könnte ein Gespenst lauern, ein Geist oder Skelett, ein einäugiges Gruselding oder ein Zombie, Freddy Krueger, Jason Voorhees oder ein anderes Halloween-Monster. Wenn das letzte Licht vom Himmel verschwunden ist und er in seinem Zimmer sitzt, werden seine Gedanken immer ängstlicher. Er stellt sich vor, verfolgt zu werden; er stellt sich vor, geschnappt zu werden. Er hört Schritte die Treppe zur zweiten Etage heraufkommen, wo sein Zimmer neben dem seiner Zwillingsschwester liegt, seiner besten Freundin, der einzigen Person, mit der er befreundet ist. Er stellt sich vor, dass ihr etwas Schlimmes zustößt. Er hört Stimmen, er hört Gebell, er hört Schreie. Am schlimmsten jedoch ist es, wenn alles still wird und wenn das Schweigen des Hauses ihm die Frage eingibt, ob die Welt vor seiner Tür wohl verschwunden ist.

Nein, das ist doch nicht das Schlimmste. Am schlimmsten ist es, wenn er schläft und von Säbelzahntigern und anderen fleischfressenden Tieren träumt. Manchmal sieht er die in seinen Träumen aus der Ferne, manchmal sind sie ganz in der Nähe. Manchmal jagen sie ihn, und er entkommt, manchmal fangen sie ihn, und manchmal sind diese Kreaturen über seinem Bett, und im Traum öffnet er die Augen und sieht ihnen direkt ins Gesicht.

Nein, das ist auch nicht das Schlimmste. Am schlimmsten ist es, dass niemand da ist, dem er das alles erzählen kann, und niemand, der ihn beschützt. Am schlimmsten ist es, dass die Gesichter dieser Kreaturen die Gesichter seiner Eltern sind. Am schlimmsten ist: Obwohl er es nicht in Worte fassen kann und es sich erst auf irgendeine Weise vollständig klarmachen muss, weiß er, dass dieser Traum wahr ist.

 

»Weißt du, wo unser altes Babyphon ist?«, fragt Alex Leslie, während sie einen Mitternachtsimbiss verzehren. Nackt sitzen sie in der Küche am Tisch, der von einer einzelnen Glühbirne beleuchtet wird.

»Wozu brauchst du das denn?«, fragt Leslie mit tiefer, sinnlicher Stimme, vollständig entspannt von der schönen Zeit, die sie gerade im Bett verbracht haben.

»Ich dachte, wir könnten es im Keller installieren«, sagt Alex.

»Ach, nein. Ich glaube, das ist keine besonders gute Idee. Ich will nicht hören, was da unten vor sich geht.« Ihr Teller ist jetzt leer, sie leckt an ihren Fingern, um sie anschließend in den salzigen Saft zu tauchen.

»Keine Ahnung?«

»Wovon?«

»Davon, wo das alte Babyphon ist. Ich dachte, es ist in einem der Kleiderschränke im Schlafzimmer.«

»Wieso hätten wir es denn aufbewahren sollen?«, fragt Leslie.

»Ich hab den Eindruck, da drin hat jemand herumgestöbert.«

»Wir haben es weggeworfen, ganz bestimmt«, sagt Leslie, greift über den Tisch und nimmt sich ein Stück Knorpel, das Alex auf seinem Teller gelassen hat.

 

Ihre Stimmen klingen blechern und verkratzt, wenn sie durch das beige Plastikgitter des alten Babyphons kommen. Was sie sagen, kann er nur hören, wenn sie sich relativ nahe an dem Sender befinden, den er heimlich in ihrem Schlafzimmer versteckt hat. Seine Mutter spricht als Erste.

Ich bin müde. Was ist mit dir?

Mir geht’s gut.

Bist du geil?

Bis zu deiner Frage war ich’s nicht.

Rasch greift Adam nach unten und schaltet den Empfänger ab, den er neben seinem Bett aufgestellt hat. Er weiß, was als Nächstes geschieht. Das hat er früher schon gehört. Einmal. Und einmal war genug.

 

Am Morgen schiebt Adam das Babyphon weit unters Bett und wartet darauf, dass seine Tür aufgeht.

»Guten Morgen, Schatz«, sagt seine Mutter. Sie trägt Jeans und einen Rollkragenpullover, ihr dichtes, üppiges Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie sieht heute sehr glücklich aus. Ihre Lippen sind dunkelrot, ihre Zähne blendend weiß.

»Guten Morgen.«

»Hi«, sagt Alice, seine Zwillingsschwester. Sie steht schon neben ihrer Mutter im Flur, gekleidet für die Schule.

»Hi, Alice«, sagt Adam. Er schiebt die Decke weg und steigt aus dem Bett. Er ist ein zarter, recht hübscher Junge. Seine Glieder sind lang und dünn; seine Hände sehen so aus, als wären sie dazu geschaffen, einem Mignonflügel Musik von Chopin zu entlocken. Er ist ein nachdenkliches Kind. Da er außer seiner Schwester keine Freunde hat, findet er kein Vergnügen an Sport oder irgendwelchen anderen Betätigungen, für die mehr als eine Person erforderlich sind. Er mag Schach, doch sein einziger Gegner war bisher ein Computerprogramm. Alice weigert sich, Schach zu spielen. Sie ist künstlerisch begabt, verträumt und hat kein Interesse an Spielen, bei denen Figuren geschlagen und in eine Schachtel geworfen werden. Er sagt, er wolle einmal Arzt werden, und Leslie denkt manchmal, dass die erste Person, die Adam berührt, auf einer Untersuchungsliege liegen wird.

Leslie verabscheut Ärzte, eine Antipathie, die von ihrem Mann geteilt wird, doch beide haben keinerlei Absicht, ihren Sohn von seinem Vorhaben abzuhalten. »Was du auch tust, wir werden immer stolz auf dich sein und dich immer lieb haben«, sagen sie zu ihm.

Adam sammelt seine Anziehsachen ein und macht sich auf den Weg in sein kleines privates Badezimmer. Was Körperpflege angeht, ist er ausgesprochen sorgfältig, vielleicht sogar ein wenig übertrieben. Es ist Leslie schon in den Sinn gekommen, dass Adam unter einer Art Zwangsstörung leiden könnte oder an irgendeinem anderen Problem, das ihn dazu bringt, unnatürlich auf seine Reinlichkeit fixiert zu sein. Leider kommt es absolut nicht infrage, ihn zu einem Psychiater oder zu jemand anders zu schicken, dem er sich öffnen und von seinem Leben zu Hause erzählen könnte.

Das ist nur eine von vielen zu einem normalen Leben führenden Straßen, an deren Zufahrt ein riesiges Schild mit der Aufschrift EINFAHRT VERBOTEN angebracht ist.

 

Schau mal, was ich gefunden habe!

Was ist es denn?

Koste doch mal.

Nein, das tue ich nicht. Außer, du sagst mir, was es ist.

Ach, du großer, starker Mann!

Gelächter. Viel, viel Gelächter.

Komm schon, du großer, pelziger, irrer Typ, koste es.

Wenn das Katze ist, bringe ich dich um.

Es ist keine Katze.

Es sieht aber nach Katze aus. Schnuppernde Geräusche. Was ist es?

Ich hab dir doch gesagt, es ist keine Katze.

Eigentlich schmeckt es ganz gut.

Ach nee!

Und dann – o nein, nicht schon wieder – das Geräusch von Essen, Kauen, Zerfetzen, Schlucken, Husten, Hacken, Knurren, von gierigem, verrücktem, irrem, irrem Fressen.

Leiser stellen. Nein, Adam kann sie immer noch hören. Ausschalten. Empfänger unters Bett. Heute ist ihm in den Sinn gekommen, wenn sein Vater oder seine Mutter hereinkämen und das Babyphon fänden, während er schliefe, würden sie ihn womöglich umbringen. In echt.

 

»Bekommen wir eigentlich einen neuen Hund?«, fragt Alice ihre Mutter am nächsten Morgen, während sie darauf warten, dass Adam zum Frühstück herunterkommt.

»Ich glaube schon, Schatz«, sagt Leslie.

»Es ist so traurig«, sagt Alice. »Ich will überhaupt keine Tiere mehr.« Sie hat ihr Notizbuch vor sich aufgestellt und zeichnet darin mit einem Bleistift Härte HB.

Die Waffeln springen aus dem Toaster. Leslie legt sie auf einen Teller und bringt sie Alice.

»Kleines, ich weiß, wie schlimm es ist, ein Tier zu verlieren. Aber die meisten dieser armen Dinger kommen aus dem Tierheim. Dort hätte man sie sowieso bald eingeschläfert.«

»Ginger nicht.«

»Ginger kam aus einer dieser schrecklichen Tierhandlungen, die meiner Meinung nach verboten werden sollten.«

»Dann sollten wir vielleicht einfach eine Weile keine Tiere mehr haben«, sagt Alice. Sie ist lang und schlank wie ihr Bruder, aber ohne dessen beunruhigende Zartheit. Sie ist robuster, emotionaler, aber auch selbstsicherer. Auch sie hat keine Freunde, lässt jedoch keine äußeren Anzeichen von Einsamkeit oder gar Schüchternheit erkennen. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Ihr dichtes Haar hat sie zu Zöpfen geflochten, und sie genießt es zu rennen, zu springen und zu klettern. Wenn ihre Eltern mit ihr in den Park gehen, damit sie sich ein wenig austoben kann, macht es die beiden so stolz, Alice’ Schnelligkeit, Anmut und Geschicklichkeit zu sehen, auch wenn immer ein Zeitpunkt kommt, in dem ihre Tochter kurz außer Sicht gerät, und dann fragen sie sich ein paar schreckliche Momente lang, ob Alice je zurückkehren wird oder ob sie vielleicht alles herausbekommen und beschlossen hat, die Flucht zu ergreifen.

»Was zeichnest du denn da, Schatz?«, fragt Leslie.

Sie tritt hinter Alice und wirft über deren Schulter einen Blick auf das Notizbuch. Alice hat ein erstaunlich lebensechtes Porträt von Gray Guy geschaffen, einem Kater, der vor einigen Wochen im Besitz der Familie war. Mit zur Seite geneigtem Kopf sitzt er da und hat den schlanken Schwanz um seine Knöchel geschlungen. Er hat viele lange Schnurrhaare, und seine Augen sind gleichermaßen geheimnisvoll und leer.

Alice hat zwar das Gefühl, dass ihr Kunstwerk privater Natur ist, doch dem Wunsch nach Anerkennung durch ihre Mutter kann sie nicht widerstehen. Hoffnungsvoll blickt sie zu Leslie hoch.

»Mensch, ist das geil!«, sagt Leslie, obwohl sie sich schon oft geschworen hat, ihre...

»Was sich Novak da hat einfallen
lassen, ist oftmals komisch, teils grotesk und immer äußerst unterhaltsam. Die
Geschichte schlägt ständig neue Kapriolen.«
 
»Äußerst
verstörend!«
 
»Ein irrwitziger
Horrorroman.«
 
»Horror pur bringt dieser Thriller und übertrifft gar Stephen King. Ein atemloser Schocker, der Gänsehaut verursacht und ganz bestimmt nichts für schwache Nerven ist.«
 
»Ein Buch für Fans von Stephen
King. Sehr gut gelungen, mit treffender Wortwahl und Wortwitz.«
 
»Fingernagelbeißende Spannung
kommt auf!«
 
»Breed stößt vor in den urbanen Horror, makaber und mit einem bösartigen Sinn für Familienwerte.«

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