Im Namen des Sehers -

Soul Seeker 3 - Roman
 
 
Page & Turner (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08930-6 (ISBN)
 
Müssen sie ihre Liebe opfern, um die Welt zu retten?

Nachdem Daire Santos plötzlich mysteriöse Visionen hatte, ist sie zu ihrer Großmutter Paloma in die kleine Stadt Enchantment in New Mexico gezogen. Dort erfährt sie, dass sie eine Seelensucherin ist, die zwischen den Welten der Lebenden und der Toten wandeln kann. Mit Palomas Hilfe hat sie gerade noch rechtzeitig gelernt, mit ihren Kräften umzugehen. Denn eine mächtige Familie hat es darauf abgesehen, die Unter-, Mittel- und Oberwelt zu stürmen. Daire ist der einzige Mensch, der sie stoppen kann, aber es gibt ein Problem: Sie liebt Dace, dessen Zwillingsbruder Cade es auf Daires Kräfte abgesehen hat. Beide Brüder gehören der mächtigen Familie an. Wird Daire es schaffen können, ihre Bestimmung zu erfüllen, ohne ihre wahre Liebe dabei zu zerstören?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,96 MB
978-3-641-08930-6 (9783641089306)
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Eins

Daire

I ch erwache in einem schlagartig hell gewordenen Raum, als mich Axel von der Tür her anspricht.

Er wartet. Gibt mir Zeit, mich zu sammeln, ehe er zu mir ans Bett kommt. Sein Weg wird begleitet vom sanften Ein- und Ausströmen seines Atems und dem leisen Huschen seiner Füße auf dem glatten Steinfußboden.

Seine Stimme ist eine Melodie.

Seine Bewegungen gleichen einer leichtfüßigen Choreografie.

Doch als er neben mir steht und mir vorsichtig die Hand auf die Schulter legt, weiche ich seiner Berührung aus und kneife die Augen zu. Kehre zurück in den Traum, um die Erinnerung an Dace und seine Umarmung festzuhalten. Seine streichelnden Finger auf meiner Haut … seine Lippen auf meinen … die unstillbare Sehnsucht, mich im glitzernden Feuer seiner kaleidoskopartigen Augen zu verlieren, die mein Gesicht tausendfach widerspiegeln. Das Traumbild von Dace und mir, glücklich wiedervereint an der verzauberten Quelle, erscheint mir weitaus verlockender als die freudlose Realität, die mich erwartet.

»Daire, bitte. Ich weiß, dass du wach bist.« Axels Worte klingen gleichmütig, als würde ihn mein Spielchen nicht im Geringsten verärgern. »Ich kann gern den ganzen Tag hier sitzen bleiben, wenn es sein muss.« Er lässt sich auf meiner Matratze nieder und wartet darauf, dass ich seine Anwesenheit zur Kenntnis nehme.

»Du hast die Geduld eines Heiligen«, blaffe ich ihn an, während ich den Traum widerwillig aufgebe und mich damit abfinde, dass er nur ein Hirngespinst ist. Beim Anblick von Axels sorgenvollen lavendelfarbenen Augen erstarre ich und beobachte gebannt, wie sie sich zu einem düsteren Violett verfinstern, bevor sie wieder so klar und strahlend werden wie an dem Tag, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind.

Dem Tag, an dem wir die ersten Worte wechselten und uns miteinander bekannt machten.

Dem Tag, an dem er mich in die Arme nahm und mich hoch in den Himmel katapultierte, das prachtvolle seidige Gewebe durchstieß und mit mir in eine Welt aus strahlend goldenem Licht vordrang.

So anders als zuvor – einmal tief unter Wasser – einmal auf einem gespenstischen Platz in Marokko –, als ich noch so naiv war, die Geschehnisse als Zufälle abzutun.

»Ein Heiliger bin ich wohl kaum.« Seine Finger graben sich in das blonde Haar, das ihm in sanften Locken in die Stirn und über die Wangen fällt. Eine Geste, die ich schon unzählige Male an ihm gesehen habe, dennoch wirkt sie noch genauso hinreißend wie beim ersten Mal. Mit seinen platinblonden Haarsträhnen, dem makellosen, durchscheinenden Teint und den pastellfarbenen Augen wirkt er unglaublich engelhaft – ihm fehlen nur noch Flügel und Heiligenschein.

»Wenn du kein Heiliger bist, dann vielleicht ein Engel?« Die Frage hängt bedrückend in der Luft und ist nicht an­nähernd so witzig, wie sie oberflächlich betrachtet erscheinen mag. Hier in der Oberwelt ist nichts unmöglich, und ich setze alles daran, die Wahrheit über die sonderbare Situation, in der ich mich befinde, zu ergründen. »Oder ein Geistführer vielleicht? Womöglich mein Geistführer?«

Ich mustere ihn mit zusammengekniffenen Augen, während ich im Stillen über die unausgesprochenen Fragen nachgrübele:

Bin ich eine Genesende oder eine Gefangene?

Will er mich retten oder zur Sklavin machen?

Als er zusammenzuckt und den Blick abwendet, weiß ich, dass er nicht nur meine Worte, sondern auch meine Gedanken gehört hat.

»Und wenn ich dir sage, dass ich nichts von alldem bin?«

»Dann würde ich annehmen, dass du lügst«, sage ich mit entschlossener Stimme. Er soll wissen, dass ich ihm zwar körperlich unterlegen und auf seine Hilfe und Pflege angewiesen bin, aber nach wie vor über einen starken Willen verfüge. Meine Tage als Patientin nähern sich dem Ende.

»Wenn du auf einer Bezeichnung bestehst, was offensichtlich der Fall ist, könnte man wohl am ehesten sagen, dass ich ein Mystiker bin.« Er streicht über seine weiße Tunika.

»Ein Mystiker?« Mein Tonfall ist genauso schroff wie mein Gesichtsausdruck.

Er nickt und studiert das an Georgia O’Keeffe erinnernde Gemälde eines leuchtend blauen Sees an der gegenüberliegenden Wand, bevor er sich auf den Rand des gekachelten Beckens setzt, in dem ich immer mit einem züchtigen weißen Gewand bekleidet bade und mir von Axel den Seifenschaum von Schultern und Haaren spülen lasse.

»Wie definierst du Mystiker?«, frage ich. Mehr als das habe ich trotz wiederholter Versuche bislang nicht aus ihm herausbekommen, und ich bin wild entschlossen, ihn diesmal aus der Reserve zu locken.

»Jemand, der in esoterische Mysterien eingeweiht ist.« Sichtlich zufrieden mit seiner Erklärung sieht er mich an, doch ich bin alles andere als zufrieden.

»Könntest du das bitte ein bisschen genauer darlegen, oder bleibst du mit Absicht so vage?« Ich hebe das Kinn und stelle überrascht fest, dass er meinen Sarkasmus mit einem strahlenden Lächeln auf die Probe stellt. Ein Lächeln, das sich von seiner Kinnspitze bis zum Haaransatz ausbreitet. Ein Lächeln, so offen, freundlich und aufrichtig, dass es mich enorme Willenskraft kostet, es nicht zu erwidern.

»Ich drücke mich mit Absicht so vage aus, das will ich gar nicht abstreiten. Und wenn die Fragestunde beendet ist, könnten wir dann vielleicht über dich reden?« Er fasst mein Schweigen fälschlicherweise als Kapitulation auf und rückt ein wenig näher. »Wie fühlst du dich?«, fragt er, mustert mich mit besorgter Miene und streicht mir mit seiner kühlen Hand über Stirn und Wangen. Er sucht nach Anzeichen von Fieber und Schüttelfrost, worunter ich seit meiner Ankunft hier leide.

»Die Fragen hören nie auf. Das solltest du mittlerweile wissen.« Ich weiche seinen Berührungen aus und bemühe mich um einen strengen Tonfall. »Was genau ist ein Mystiker?«, will ich wissen.

Er hält sich die Hand vor die Augen und seufzt. »Ich fürchte, das sprengt den Rahmen menschlicher Vorstellungskraft.«

»Versuch’s trotzdem.« Ich runzle die Stirn. Starre ihn grimmig an. Ich werde so lange warten, bis er mir eine vernünftige Antwort gibt. Doch wieder bekomme ich von ihm nichts weiter als ein Lächeln. »Komm schon, Axel«, bettle ich. »Wieso willst du mir nicht sagen, was es bedeutet? Ist jeder in der Oberwelt ein Mystiker? Und wenn ja, wo sind dann die anderen? Warum habe ich in der ganzen Zeit, die ich hier bin, niemanden außer dir zu Gesicht bekommen?«

Er hüllt sich in Schweigen, und die Frage bleibt unbeantwortet in der Luft hängen.

»Na schön.« Ich stoße einen frustrierten Seufzer aus. »Aber glaub bloß nicht, das war es schon. Heute kannst du mir noch ausweichen, aber irgendwann komme ich dahinter. Du bist nicht der einzige Sturkopf hier im Raum«, sage ich, krampfhaft bemüht, seinen Charme von mir abprallen zu lassen, doch es ist sinnlos. Selbst wenn er nicht lächelt, sich verlegen durchs Haar streicht oder irgendeine andere einstudierte Gebärde aus dem Handbuch für entwaffnende Gesten vollführt, ist seine Ausstrahlung von einem der­artigen Übermaß an aufrichtiger Güte, Wohlwollen und unbestreitbarem Charisma geprägt, dass es nicht lange dauert, bis ich kapituliere. »Also gut, um mich kooperativ zu zeigen – was dir übrigens auch nicht schaden könnte –, werde ich deine Frage beantworten und dir mitteilen, dass mein Fieber endlich abgeklungen ist.«

Kurz berührt er meine Wange, dann legt er die Hand wieder in den Schoß. Fasziniert verfolge ich seine Bewegungen, die von einem wunderbaren Lichtschleier umgeben sind, ohne den kleinsten Hauch von Dunkelheit oder Schatten.

»Und meine Erinnerungen kehren langsam zurück«, füge ich hinzu und bemerke, wie ein leichter Anflug von Sorge seine Züge umwölkt, während er den Blick erneut auf das Gemälde richtet.

»Und was genau offenbaren diese Erinnerungen?«, fragt er, wobei seine Stimme so leise und unsicher klingt, wie ich sie noch nie gehört habe.

Ich zögere, brauche einen Moment, um mir zu über­legen, was ich sagen soll. Einerseits möchte ich so tun, als wüsste ich mehr, als ich weiß – was wohl auf den simplen Wunsch nach einer Art Überlegenheit zurückzuführen ist –, andererseits würde ich mein Wissen gern kleinreden, in der Hoffnung, dass er mir dann endlich erklärt, wie es dazu kam, dass er mich sterbend in der Unterwelt gefunden hat, niedergestreckt von meinem eigenen Athame. Dessen zweischneidige Klinge zerschnitt mir das Herz, als Cade Richter meine Seele in Besitz nehmen wollte.

»Ich weiß, dass es einen Kampf gab. Ich weiß, dass ich ihn verloren habe. Und ich habe gehofft, du könntest die Erinnerungslücken auffüllen.« Ich durchbohre ihn mit meinem Blick, weil ich ihn zwingen will, sich mir zuzuwenden, mich wahrzunehmen, doch er starrt eine halbe Ewigkeit lang nur auf die Wand. »Na schön«, sage ich schließlich. »Behalt dein Geheimnis fürs Erste für dich. Irgendwann finde ich es schon heraus. Aber könntest du mir wenigstens verraten, ob es Dace gut geht oder nicht? Wenn ich hier bei dir in der Oberwelt bin, werden wahrscheinlich alle in der Mittelwelt denken, ich sei tot. Was bedeutet, dass die Prophezeiung abgewendet wurde. Was auch bedeutet, dass Dace am Leben ist und ich ihn retten konnte. Stimmt’s?«

Axel presst die Lippen zusammen, und ich kann mich kaum beherrschen, ihn an den Schultern zu packen und eine...

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