Ich will dir nah sein

Psychothriller
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Mai 2021
  • |
  • 336 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-24623-5 (ISBN)
 

Er will ihr nah sein, noch näher, immer noch näher. Bis es irgendwann nicht näher geht.

London, Fundbüro des öffentlichen Nahverkehrs. Lester Sharp kümmert sich um herrenlose Fundsachen: Handys, Schlüssel, Portemonnaies - besonders gern um Kleidungsstücke und medizinische Gerätschaften. Er ist auch privat ein Sammler und Sonderling, der sich schwertut mit Frauen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Als er der jungen Erin begegnet, weiß er zunächst nicht, wie er sich verhalten soll - findet aber schon bald eine Möglichkeit, ihr nah zu sein. Näher, als es ihr lieb sein kann.



  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,16 MB
978-3-641-24623-5 (9783641246235)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Sarah Nisi lebt seit 2012 in London. In Hildesheim geboren, arbeitete die Wirtschaftsjuristin einige Jahre in Düsseldorf, bevor sie für ein Studium in Creative Writing in die britische Hauptstadt zog. Seitdem widmet die Deutsch-Britin den Großteil ihrer Zeit dem Schreiben.

Viele ihrer Kurzgeschichten wurden bereits in Anthologien verschiedener deutscher Verlage veröffentlicht - mit "Bühne frei" belegte sie den zweiten Platz des deutschen Agatha-Christie-Krimipreises. "Ich will dir nah sein" ist ihr erster Roman.

3
LESTER

05. September - 19:43 Uhr

Noch ein letzter Klimmzug - dann war er fertig. Sein Bizeps arbeitete, die Bauchmuskeln waren angespannt. Er schnappte nach Luft. Geschafft. Er ließ die Trainingsstange los, die im Holzrahmen seiner Schlafzimmertür festgeschraubt war. Die Klimmzüge gehörten zu seinem Feierabendritual. Drei Durchgänge mit jeweils zehn Klimmzügen waren sein Tagespensum. Es war, als würde sein Gehirn am Abend keine Ruhe finden, sein Körper nicht entspannen können, bevor er das Training nicht erledigt hatte.

Für einen Moment lehnte er sich gegen die Wand. In den letzten Monaten hatte er etwas Fett angesetzt. Der Bund seiner Hose schnitt in seinen Bauch. Das Gewicht wirkte sich negativ auf die Klimmzüge aus. Er rieb die Handflächen gegeneinander. Schwielen zeichneten die Haut seiner Hände. Er trug keine Handschuhe, das Leder schränkte die Greifbewegung zu sehr ein.

»Du kannst mich mal.«

Er horchte auf. Seine Nachbarn aus der Wohnung über ihm hatten eine Auseinandersetzung. »Würde ich ja gerne!« Eine Tür knallte.

Er liebte seine Wohnung. Jedes Geräusch aus den angrenzenden Appartements war zu hören, fast jedes Wort zu verstehen. Oft stand einer so ausgeprägten Hellhörigkeit ein solides Mauerwerk im Wege. Doch die heutige Bauweise, bei der es nur auf die Schnelligkeit der Errichtung ankam, nahm darauf keine Rücksicht. Architekten scherten sich nicht um die Privatsphäre künftiger Mieter. Er wusste, dass das Ehepaar seit Monaten keinen Sex mehr hatte. Immer wieder kam es zu Diskussionen zwischen den Ehepartnern. Die gegenseitigen Vorwürfe prallten von Wand zu Wand, hinunter bis in seine Wohnung, verloren sich in Sprachlosigkeit und Stille.

Er wusste nicht, wie das Paar hieß. Die Anonymität des Mehrfamilienhauses verhinderte den Austausch so profaner Informationen. Doch durch die Wände erfuhr man mehr, als ein Name je preisgeben könnte.

Gleich würde die Frau die Wohnung verlassen. Sie arbeitete als Nachtschwester im nahegelegenen Krankenhaus. Erst um sieben Uhr in der Früh würde sie zurückkommen. Ihr Mann würde jeden Moment den Fernseher anstellen. Gameshows oder Fußball. Das Paar war gefangen in einem Hamsterrad aus Beziehungsproblemen und Alltag.

Lester vermisste Bernard. Seit Bernard Irvine aus der Wohnung nebenan gestorben war, folgte das Leben in der Narrow Street 63a dem immer gleichen Ablauf.

Bernard hatte Diabetes gehabt, sämtliche Gin-Sorten am Geruch erkennen können und in seinen letzten Lebensjahren ein Faible für kubanische Zigarren und Frauen aus dem Internet entwickelt. Er war 59 Jahre alt geworden und hatte mindestens zehn Jahre älter ausgesehen.

Als Bernards Herz kapitulierte und er laut angefangen hatte zu keuchen, hatte Lester sich gerade Rasierschaum auf die Wangen aufgetragen und die Klinge ansetzen wollen. Das Stöhnen aus der Nachbarwohnung war an sich nichts Ungewöhnliches gewesen. 350 Pfund Körpermasse konnten ohne entsprechende Laute nicht bewegt werden.

Noch am Abend zuvor hatte Bernard Besuch gehabt. Lester hatte die Frau durch den Spion seiner Tür beobachtet. Üppige Brüste, vermutlich operiert, wasserstoffblonde Haare, wahrscheinlich eine Perücke. Dazu Stiefel bis über die Knie. Bernards Geschmack war einfach gewesen.

Ein gewaltiger Rumms, gefolgt von dem Stöhnen, hatte Lester also an jenem Morgen aus seiner Routine gerissen. Er hatte eine Weile abgewartet, unschlüssig, was zu tun war. Als er schließlich gar keine Geräusche mehr hörte, verständigte er den Notarzt. Es ermöglichte ihm, nah am Geschehen zu bleiben und mit den Sanitätern in Bernards Wohnung zu schlüpfen. Es war weniger die Sorge um Bernards Zustand als die Neugier, die ihn getrieben hatte. Er musste wissen, was nebenan vor sich ging.

Der Arzt hatte Bernards Tod festgestellt und Lester für seine Aufmerksamkeit gedankt. »Es ist wichtig, ein Auge auf die Nachbarn zu haben.«

»Ein Ohr«, hatte er gesagt und gelacht - und es augenblicklich bereut, da Scherze in dieser Situation wohl nicht angemessen waren.

In dem allgemeinen Durcheinander hatte er die Gelegenheit genutzt und nach Bernards Wohnungsschlüssel gegriffen. Er hatte einen letzten Blick auf seinen toten Nachbarn geworfen. Mit offenem Mund lag der wie ein Käfer auf dem Rücken. Arme und Beine von sich gestreckt.

Nur einen Tag nachdem Bernard abtransportiert worden war, begannen die Renovierungsarbeiten in der Wohnung. Seit Wochen, gar Monaten, arbeitete eine Truppe von Bauarbeitern daran, Bernards zwanzigjährige Herrschaft über die Räumlichkeiten ungeschehen zu machen.

Lester lockerte seine Armmuskeln, ließ seine Fingerknochen knacken. Wie weit waren die Handwerker?

Der Geruch frischer Farbe schlug ihm entgegen, als er die Nachbarwohnung betrat. Der Schlüssel in seiner Hand fühlte sich an wie ein Schatz.

Er nahm einen tiefen Atemzug, zog den durchdringenden Geruch des Lösungsmittels ein. Erst als die Schleimhäute in seiner Nase anfingen, sich taub anzufühlen und seine Augen zu brennen begannen, hörte er auf. Wie lange würde es dauern, bis der Farbgeruch von dem Eigengeruch eines neuen Mieters abgelöst wurde?

Überrascht schaute er sich um. Die Wohnung war bezugsfertig. Nichts erinnerte an Bernard und das Chaos aus Nippesfiguren, leeren Flaschen und von Rauch vergilbten Tapeten und Gardinen. Die Wände waren weiß. Das Parkett abgeschliffen. Das Holz ohne Makel. Sogar die Fenster waren neu. Er klopfte dagegen. Doppelglas.

Zu seiner Verwunderung hatten die Eigentümer entschieden, das Appartement zu möblieren. Damit würden sie eine höhere Miete herausschlagen können. Moderne Möbel und perfekt ausgerichtete Kissen auf dem Sofa verströmten eine Katalogatmosphäre. Das Grau des Sofas war abgestimmt auf den Ton der Gardinen. Eine rote Bodenvase sorgte für Farbe. Keine persönlichen Gegenstände gaben Hinweis auf die Präferenzen eines Mieters. Wer würde eine solche Wohnung beziehen wollen, eingerichtet von einem Innenausstatter mit dem Ziel, einen möglichst breiten Geschmack zu treffen?

Lester setzte sich auf einen Sessel. Mit der Hand strich er über den Stoff, die Fasern fühlten sich rau an. Er verspürte keinerlei Befriedigung. Alle Möbel waren unbenutzt. Niemand hatte sich nach einem anstrengenden Tag auf das Sofa gelegt, die Füße auf dem Kissen ruhen lassen, den Kopf gegen das Polster gelehnt. Keine Haare, Hautpartikel, Schweißabdrücke waren zu entdecken.

Die Vermieter hatten wenig Platz zur Selbstgestaltung gelassen. Ein Bild an der Wand oder eine Stehlampe neben dem Fernseher - viele Möglichkeiten gab es nicht. Das Hotelambiente würde bleiben.

Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Die Wohnung war klein und beinahe quadratisch. In wenigen Schritten war er da. Er starrte auf die Tagesdecke, die über dem Bett ausgebreitet war.

Für einen Augenblick glaubte er, den Duft eines Parfums zu riechen. Er drehte den Kopf, nahm die Fährte auf. Doch je mehr er sich konzentrierte, desto weniger war der Geruch wahrnehmbar.

Er widerstand der Versuchung, sich auf das Bett zu legen. Mit einer Hand strich er über die Decke, dann drückte er die Matratze nach unten. Sie war weicher als seine. Er spürte die Sprungfedern unter seinen Fingern.

Kategorie: Queen-Size-Bett

Marke: unbekannt

Fundort: Nachbarwohnung

Zustand: neu

Besonderes Merkmal: Federkernmatratze

Persönliches Interesse: acht

Vorsichtig hob er die Decke an. Er beugte sich zum Kopfkissen und legte den Kopf für einen Moment darauf ab.

Dann richtete er sich wieder auf. Seine Nase, das Kinn und die Stirn hatten Abdrücke auf dem Kissen hinterlassen.

Es konnte nicht mehr lange dauern, bis ein neuer Mieter in die Wohnung einzog. Herzlich willkommen.

*

RHYS

Er inspizierte den Saum seines Ärmels. Das Innenfutter stieß durch den Stoff. Drei Jahre mit nur zwei Anzügen in der Maklerbranche auszukommen, war kein schlechter Schnitt. Allmählich war es an der Zeit, für Ersatz zu sorgen. Die Gebrauchsspuren waren nicht zu übersehen. Doch der Kauf eines neuen Anzugs lohnte sich nicht mehr. In einem halben Jahr war der Spuk vorbei. Sechs Monate. Dann würde er genug Geld gespart haben, um kündigen zu können. Estate Agent. Das Auffangbecken für alle, die nichts gelernt hatten und trotzdem Anzüge tragen wollten. Wichtigtuer auf der Suche nach Karriereoptionen.

Er schloss die Tür zu dem Maklerbüro am Broadway Market auf.

Mitten im sozial schwachen Hackney gelegen, hatte sich in dieser Straße eine alternative Szene angesiedelt, die auch die angrenzende Grünfläche, London Fields, und die benachbarten Straßen in ein buntes Treiben verwandelt hatte. In den letzten Jahren waren die Mietpreise in Hackney in die Höhe geschossen und hatten damit die Immobilienhaie angezogen wie das Licht die Motten. Zahlungskräftige Klientel suchte nach Wohnungen und Häusern, jeder wollte Teil des hippen Londoner Ostens werden. Hackney, oder noch besser Dalston, war das Zauberwort. Bäckereien, Cafés und Restaurants suchten nach Ladenflächen, um für kulinarische Abwechslung zu sorgen. Ein Stück vom Kuchen für alle.

Kritisch beäugt wurden die Makler und ihre Kunden von den alteingesessenen Bewohnern des Stadtteils, die oft vom Leben benachteiligt und selten mit Verständnis für die Zugezogenen gesegnet waren. Verwundert fragten sie sich, wieso zur Hölle ihre einst heruntergekommene Straße plötzlich als Geheimtipp in Reiseführern gelistet wurde.

Rhys zog den Schlüssel aus dem...

»Wahnsinnig spannend!«
 
»Gefährlich gut.«
 
»'Ich will dir nah sein' heißt der erste Roman von Sarah Nisi, in dem sie eine Geschichte erzählt, die brillanter nicht konstruiert sein könnte."

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen