Tore der Zeit

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 704 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11304-9 (ISBN)
 
Das Tor der Zeit führt in eine magische Welt

Die Hexe Ravenna ist auf der Suche nach ihrer Schwester Yvonne. Das Problem: Die Suche hat ihre letzten Ersparnisse verschlungen. Die Lösung: Ravenna nimmt kurzerhand an der magischen Quizshow teil, die der mysteriöse Beliar veranstaltet. Verlockende Gewinne winken - doch der Preis dafür ist hoch, denn Beliar hat ganz eigenen Pläne mit Ravenna, die über eine außergewöhnliche Gabe verfügt: Sie ist eine Tormagierin und kann von bestimmten Orten aus in die Vergangenheit reisen. Unversehens landet sie im Mittelalter, wo die Quizshow in Gestalt eines lebensgefährlichen Mysterienspiels weitergeht. Ravenna muss weiterspielen, unterstützt von dem gut aussehenden Ritter Lucian .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,02 MB
978-3-641-11304-9 (9783641113049)
weitere Ausgaben werden ermittelt

 

Das Teufelsmal

Das Telefon klingelte. Lucian hörte das aufdringliche Geräusch bereits, während er die Tür ihres Hotelzimmers aufsperrte und Ravenna eintreten ließ. Sobald die Tür ins Schloss gefallen war, warf seine Hexe den Koffer aufs Bett und zog die hochhackigen Schuhe aus. Das Telefon verstummte. Doch einen kurzen Moment später fing es wieder zu klingeln an.

Ravenna hob ab und murmelte etwas Undeutliches. »Im Ernst?«, fragte sie dann und lauschte einige Augenblicke. Schließlich schüttelte sie den Kopf. »Nein danke, kein Interesse«, erklärte sie und legte auf.

»Wer war das?«, wollte Lucian wissen.

»Irgend so ein Typ vom Radio. Wegen eines Interviews. Das fehlt mir gerade noch.« Sie ließ sich in den Sessel fallen. Düster starrte sie auf den Koffer. »Hast du eine Ahnung, wie man das Ding aufbekommt?«

Lucian betrachtete den Koffer. Das Ding veränderte die Stimmung im Zimmer. Wie ein böses schwarzes Tier lag es auf der Tagesdecke.

»Warum hast du ihn überhaupt mitgenommen?«, fragte er. »Ich meine … wäre es nicht besser gewesen, das Geld zu wählen? War das nicht unser Plan?«

Er musste sich zusammennehmen, damit seine Stimme nicht gereizt klang. Die Nachwirkungen von Beliars höllischem Zauber steckten ihm noch in den Knochen, und er hatte wirklich gehofft, nach der ersten Runde wäre alles vorbei. Weit gefehlt – das hinterhältige Spiel des Teufels fing gerade erst an.

Ravenna musterte den Koffer aus sicherer Entfernung. Auch sie spürte seine unangenehme Aura.

»Du vergisst, dass Beliar hinter dieser ganzen Inszenierung steckt«, meinte sie. »Er hat mich mit jeder Frage mehr herausgefordert. Er hat dich herausgefordert. Und zuletzt ging es überhaupt nicht mehr um das WizzQuizz. Es ging nur um unsere jahrhundertealte Feindschaft.« Sie seufzte und rieb sich die Augen. Auf ihren Wangen blieben Streifen schwarzer Schminke zurück.

»Jetzt stehen wir wieder ganz am Anfang. Ohne einen Cent in der Tasche, und das mitten in Paris. Aber wie dem auch sei – wer garantiert mir, dass dieser Koffer nicht zufällig den entscheidenden Hinweis auf Yvonne enthält?«

»Oh«, sagte Lucian. An diese Möglichkeit hatte er noch gar nicht gedacht. »Das sähe Beliar allerdings ähnlich.« Er ging vor dem Bett in die Hocke und untersuchte den Koffer genauer.

»Dieser Kasten unterliegt einem Bindezauber. Auch magische Fallen sollten wir nicht ausschließen«, urteilte er nach einer Weile. Er rieb sich das Kinn. »Willst du das wirklich heute Nacht versuchen? Sollten wir nicht erst einmal unter die Dusche gehen und uns anschließend ein bisschen ausruhen?«

Er hatte den Satz noch nicht beendet, als das Telefon wieder zu klingeln begann. Ravenna riss den Hörer von der Gabel. »Ich sagte doch bereits, dass ich … oh. Aha. Na sowas. Wirklich? Tja, ich möchte trotzdem keine Interviews geben. Danke sehr.« Sie legte auf.

»Ich werd’ noch verrückt«, murmelte sie und fasste sich an die Stirn.

»Wer war es diesmal?«, fragte Lucian.

Ravenna massierte sich die Schläfen. »Der Illusionist. Dieses Magazin über Magie und Hexenkunde, das man an jeder Straßenecke kaufen kann. Mit Kräuterrezepten, angesagten Flüchen und einem magischen Preisausschreiben. Gibt es jede Woche neu.«

Lucian fing an zu lachen. »Du bist wütend«, stellte er fest. »Und du gefällst mir, wenn du wütend bist.«

Ravenna ging zu ihm und kuschelte sich an ihn, während er sie umarmte. »Untersteh’ dich, dich über mich lustig zu machen«, drohte sie mit geschlossenen Augen. »Dieser Abend war schlimm genug. Du hattest vollkommen recht: Dieses Quiz war demütigend.«

Lucian atmete den Duft ihrer Haare ein. »Du hast dich gut geschlagen«, tröstete er sie. »Die Zuschauer haben deine Leistung anerkannt. Im Grunde ist es kaum anders als beim Lanzenstechen. Auch da wollen die Leute Gewinner und Verlierer sehen. Aufwühlende Geschichten kommen immer am besten an.«

»Vadym hat gedroht, dass er und seine Freunde mich verfolgen«, flüsterte Ravenna. Ihr Gesicht wirkte spitz und blass.

Lucian betrachtete sie besorgt. »So lauten die Bestimmungen bei diesem Spiel, nicht wahr?«, entgegnete er. »Der Ver­lierer der ersten Runde setzt alles daran, dem Gewinner den alchemistischen Koffer abzujagen. Mehr Sorgen bereitet mir da, was Beliar wohl für die zweite Runde ausheckt.«

Ihre Antwort verstand er kaum, denn sie drehte das Gesicht gegen seine Schulter. »Ich bin völlig fertig«, seufzte sie.

In diesem Augenblick begannen das Telefon auf dem Nachttisch und Ravennas Handy gleichzeitig zu läuten. Sie machte sich von ihm los und fluchte aufgebracht, während sie in ihrer Handtasche wühlte. Dann warf sie ihm das Handy zu und nahm den Hörer des Telefons auf dem Nachttisch ab.

»Keine Interviews! Keine Titelstory! Keine Fotos«, schrie sie, während Lucian das Handy aufklappte und sich das Gerät ans Ohr hielt. Es hatte eine Weile gedauert, bis er mit diesen vertrackten Geräten zurechtkam, die geisterhafte Stimmen aus dem Nirgendwo übertrugen. Magische kleine Kästchen.

»Hier spricht Vanessa«, sagte eine weiche Stimme an seinem Ohr. »Vanessa Chanterel von Kanal 5.« Sie schwieg erwartungsvoll, als müsse bereits diese Auskunft Eindruck auf ihn machen.

»Und Ihr wünscht?«, fragte Lucian höflich.

Jetzt schnappte die Anruferin nach Luft. »O mein Gott – Sie sind es! Lucian, nicht wahr? Ravennas geheimnisvoller Be­gleiter! Hören Sie, ich will Sie unbedingt in meiner Show! Wir haben Ihren Auftritt vorhin verfolgt. Mein Team ist verrückt nach Ihnen, die Mädels in der Redaktion flippen regelrecht aus. Beliars mittelmäßige Show hat so viel Publicity zwar nicht verdient, aber Sie müssen der Nation unbedingt erzählen, wie Sie und Ravenna sich kennengelernt haben! Sagen wir, morgen um Viertel nach acht zur besten Sendezeit?«

»Wie viel bezahlt Ihr?«, fragte Lucian, ohne den Tonfall zu verändern. Er sah, wie Ravenna den Hörer auf die Gabel fallen ließ und sich mit aufgerissenen Augen zu ihm umdrehte. Bist du verrückt geworden?, signalisierte sie ihm.

Aber die Ritter König Constantins waren ihren Hexen gegenüber zu jeder Art von Dienst verpflichtet. Sie regelten alltägliche Dinge, kümmerten sich um Besoldung, Unterkunft und den Hufbeschlag der Pferde. Nichts von alledem hatte er in den vergangenen Monaten für Ravenna tun können. Sie hatte ganz alleine für sich sorgen müssen. Das schlechte Gewissen plagte ihn. Es war nicht zuletzt auch seine Schuld, dass sie ihre Ersparnisse aufgebraucht hatten. In ihrer Welt war er wirklich zu nichts zu gebrauchen.

Vanessa Chanterel lachte. »Ach, Lucian, das Geschäftliche können wir doch regeln, wenn wir uns vor der Talkshow sehen. Kommen Sie einfach in das Funkhaus an der Rue …«

»Sofort«, fiel Lucian ihr ins Wort. »Macht mir ein Angebot oder vergesst es.«

Ravenna flehte ihn lautlos an und versuchte, ihm das Mobiltelefon wegzunehmen. Er drehte sich um die eigene Achse, während sie danach schnappte, und hielt das Handy außerhalb ihrer Reichweite.

»Seid Ihr noch da?«, fragte er. Vanessa Chanterel schien es die Sprache verschlagen zu haben.

»Sie lassen wohl nichts anbrennen, wie?«, stieß die Talkmasterin von Kanal 5 hervor. »Vorhin im Glaskäfig haben Sie gar nicht den Eindruck gemacht, so ein abgebrühter Verhandlungspartner zu sein. Sind Sie zufällig auch Ravennas Manager?«

»Nein«, erwiderte Lucian. »Ich bin ihr Gefährte. Wie steht es nun mit Eurem Angebot?«

Vanessa schnaufte schwer. »Sagen wir fünftausend?«, stieß sie nach einigen Augenblicken hervor.

»Sagen wir: Das Doppelte, und wir kommen beide«, erwi­derte Lucian. Ravenna verfolgte die Verhandlung mit offenem Mund.

»Also schön«, fauchte Vanessa Chanterel, »Sie haben gewonnen. Ich muss das noch mit meinem Produzenten besprechen, aber ich denke, es geht klar. Übrigens: Ein ungewöhnlicher Akzent, den Sie da haben. Woher genau stammen Sie?«

»Aus Carcassonne«, sagte Lucian. Es war nicht einmal ge­logen. Er ließ das Handy zuschnappen und gab es an Ravenna zurück.

»Wie viel?«, keuchte seine Hexe. »Nun sag schon: Wie viel hat sie dir angeboten?« Vor Aufregung verfärbten sich ihre Wangen.

»Zehntausend«, sagte Lucian. »Ich nehme an, wir haben über Euro gesprochen. Ist das angemessen?«

»Ist das angemessen?«, schrie Ravenna. Sie ließ sich rückwärts aufs Bett fallen und breitete die Arme aus. Der schwarze Koffer schaukelte neben ihr auf und ab. »Ob das angemessen ist, fragt er. Du liebe Zeit, Lucian, so viel verdiene ich sonst in einem halben Jahr nicht!« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Dann fuhr sie plötzlich auf. »Wer war das? Wie war doch gleich der Name?«

»Vanessa Chanterel von Kanal 5«, wiederholte Lucian. »Ich wette, sie ist eine Hexe. Zumindest besitzt sie eine Gabe. So etwas spüre ich.« Er zog das Hemd aus dem Hosenbund und knöpfte es auf. Es gefiel ihm, wie Ravenna da auf dem Bett lag. Sie war schlank und wohlgeformt, eine dunkelhaarige Schönheit mit langer Mähne und makelloser Haut, auch wenn sie gerne Hosen trug und ihre weiblichen Reize zu verbergen suchte. Er genoss es, mit ihr zusammen zu sein. Ihre unwirkliche Verbindung erschien ihm wie ein Wunder – er, der einst als verfluchter Waisenjunge an Constantins Hof gekommen war, und die mächtige Hexe aus der Zukunft. Die Tormeisterin. Es war mehr, als er sich je erträumt hatte.

»Kanal 5!«, rief Ravenna. »Weißt du überhaupt, wo...

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