Scheiß auf die anderen

Sich nicht verbiegen lassen und mehr vom Leben haben
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97159-1 (ISBN)
 
Haben Sie das Gefühl, dass immer dort, wo Sie nicht sind, das Leben aufregender und schöner ist? Dass Andere mehr Abenteuer, Glück und Liebe erleben? Auf Facebook sieht Ihr normales Leben oft ziemlich armselig aus? Lehnen Sie sich zurück, denn ab heute ist Schluss mit dem schlechten Gefühl, dauernd das Falsche zu wollen. Pfeifen Sie auf Ratschläge, die schwer mit der Realität vereinbar sind und übernehmen Sie nicht leichtfertig Ideale, die in Wirklichkeit völlig unerreichbar sind! Denn niemand ist glücklicher, beliebter oder spiritueller als Sie selbst - und schon gar nicht jene, die einem ständig erzählen, was man wollen soll.
weitere Ausgaben werden ermittelt

Rebecca Niazi-Shahabi stammt aus einer deutsch-israelisch-iranischen Familie und lebt in Berlin. Ihre Bestseller "Nett ist die kleine Schwester von Scheiße", "Ich bleib so scheiße wie ich bin" und "Scheiß auf die anderen" befanden sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Vorwort

1 Schluss mit dem schlechten Gewissen?!
Wenn Freiheit zum Terror wird

2 Gut ist mir nicht gut genug?!
Von der Last, das Richtige tun zu wollen

3 Und was, wenn Geld doch glücklich macht??
Auf der Suche nach einer verlorenen Utopie

4 Der Rest findet sich
Selbstverwirklichung als magische Praxis

5 Ein Leben in Fülle - was soll das sein??
Der neue Kult um eine Fata Morgana

6 Be yourself - be unhappy?!
Warum authentisch sein keinen Spaß macht

7 Stell dir vor, du findest dich selbst, und keinen interessiert's
Der harte Kampf um Aufmerksamkeit

8 Plädoyer für ein neues altes Ideal
Wie man wirklich etwas Bedeutsames tut

9 Scheiß auf die anderen?!
Argumente gegen das vollkommene Leben

Manchmal wünschte ich mir, es käme jemand und würde mich unterdrücken. Ein Mensch oder eine Gesellschaft, die mir verbieten würden, zu lernen, zu studieren, die Haare kurz oder lang zu tragen, Liebschaften zu haben oder Auto zu fahren. Ich würde mich gern fühlen wie eine Frau, die ihre Meinung für sich behalten muss, oder wie ein Mann, der Berufsverbot erhält; ich will wissen, wie es ist, wenn es verboten ist, Bücher zu lesen oder den Menschen zu heiraten, den man liebt. Kurzum: Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn die Menschen um mich herum mir verbieten würden, so zu leben, wie es mir entspricht.

Die einzige Freude in dem mir aufgezwungenen Leben wären die Treffen mit Leidensgenossen, die so wie ich an der Selbstentfaltung gehindert werden. Bei ihnen fühle ich mich zu Hause. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, wie sich die Repressionen umgehen lassen. Mit viel Witz und Kreativität trotzen wir unseren Unterdrückern die wenigen köstlichen Freiheiten ab. Die heimliche Autofahrt, das auf dem Dachboden gelesene Buch, der Besuch eines illegalen Konzerts mit gesellschaftskritischen Songs - in solchen Stunden fühlen wir uns verwegen und lebendig.

Nach diesen erhebenden Momenten der Freiheit kehren wir gestärkt in unser normales Leben zurück. In ein Leben, mit dem wir unzufrieden sind, weil es nicht das selbst gewählte ist. Diese Unzufriedenheit, die in uns brodelt und kocht, ist das wertvollste Gefühl, das wir haben, denn es zeigt uns genau, wo die Rolle, die andere für uns vorgesehen haben, einfach nicht passt.

Unsere Helden sind die, die es geschafft haben, die, die sich nichts mehr verbieten lassen. Sie fahren als erste Frau in einem roten Jaguar durch die Stadt, sie studieren als erster Schwarzer an einer Eliteuniversität. Sie lehnen es ab, die Frau oder den Mann zu heiraten, die oder den ihre Familie für sie vorgesehen hat. Sie ziehen weg von den Eltern, sie leben mit ihrem Liebhaber oder ihrer Geliebten zusammen. Sie verlassen das Land und verdienen ihr eigenes Geld, sie rauchen auf der Straße, sagen, was sie denken, ziehen Hosen an und schlafen, mit wem sie wollen, und essen sogar Schweinefleisch.

Diese besonderen Menschen haben sich getraut, gegen den Willen der Familie ihren Traumberuf zu ergreifen. Sie haben sich von überkommenen Traditionen befreit und animieren diejenigen, die noch in ihnen gefangen sind, es ihnen gleichzutun. Dass sie von den Verteidigern der alten Ordnung abgelehnt werden, kann ihnen nichts mehr anhaben, im Gegenteil: Jede Ablehnung macht sie nur noch stärker, denn der Widerstand der anderen zeigt ihnen, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Alles, was sie tun, erregt Aufmerksamkeit. Ihr Handeln wird durch ihren Widerstand geadelt. Wenn sie Romane lesen, dann faulenzen sie nicht, sondern stillen ihren Hunger nach Bildung. Das selbst verdiente Geld ist ein Symbol für ihre Unabhängigkeit und kein Zeichen ihrer Gier. Ihre rasante Autofahrt durch die Stadt ist Rebellion und keine Umweltverschmutzung. Ihre vielen Liebschaften sind nicht Ausdruck ihrer Beziehungsunfähigkeit, sondern ihrer Lebenslust. Sie sind eben Vorreiter und keine Egoisten, und der Kampf um ihre eigene Freiheit ist ein Kampf für die Freiheit aller Unterdrückten dieser Welt.

Die Freiheit dagegen ist fad und kompliziert noch obendrein. Wie soll ich wissen, was ich wirklich will, wenn mir nichts verboten wird? Womit kann ich noch Aufmerksamkeit erregen, wenn alles erlaubt ist? So fiel der Musiker Rex Joswig, Gründer und Sänger der Underground-Band »Herbst in Peking«, aus der ehemaligen DDR nach dem Mauerfall in ein Loch. In den siebziger und achtziger Jahren war er berühmt, seine Konzerte immer gut besucht. Legendär war der Ausspruch, mit dem er jeden Auftritt seiner Band eröffnete: »Heute ist der Tag, an dem das System zusammenbricht. Feiern wir diesen Tag!«

Als die Mauer fiel, war das alles vorbei.

In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Brand eins beschrieb er im Januar 2015, wie es war, als sich seine Rolle als Systemkritiker durch das Ende der DDR erübrigte: »Insofern wurde es mit der Selbstbestimmung im Westen für mich nicht einfacher. Der äußere Feind war weg, aber dafür verschwindest du hier einfach. Für jemanden, der wie ich gehört werden will, ist das schwer. In der DDR war ich eine coole Sau, im Westen nur einer von vielen.«

Es ergibt keinen Sinn zu rebellieren, wenn man frei ist; man würde sich lächerlich machen, wenn man es täte. Kaum bin ich frei, muss ich ganz allein entscheiden, was gut und richtig für mich ist. Doch plötzlich sind nicht nur die Mitstreiter verschwunden - auch das Gute und Richtige scheint es nicht mehr zu geben: Der Flug in die Freiheit vergrößert meinen CO2-Fußabdruck, das Schweineschnitzel stammt aus der Massentierhaltung, und mit meiner Karriere unterstütze ich ein Unternehmen, das mit seinen Geschäftsmethoden die Ärmsten der Armen noch ärmer macht. Die Eigentumswohnung, in der ich ein selbstbestimmtes Leben führen will, kann ich nur kaufen, wenn die ursprünglichen Mieter rausgeworfen werden. Es gehört zu einer der unangenehmsten Nebenwirkungen von Freiheit, dass ich plötzlich zum Täter werde, also mich schuldig mache, sobald ich anfange, meine Freiheit zu nutzen.

Warum verliert alles seinen Zauber,
wenn ich es nicht gegen den Willen
eines anderen tun kann?

Nicht umsonst schreibt Immanuel Kant von der Last der Freiheit, mit der so viele Menschen nicht umgehen können. Es ist anstrengend, selbst zu entscheiden, ob ich schon wieder das Auto nehmen oder lieber zu Fuß gehen soll. Ich muss selbst wissen, was besser ist: am Abend auf dem Sofa zu liegen und Romane zu lesen oder zu joggen. Ich muss es vor mir selbst verteidigen können, wenn ich keine Karriere mache - und das, obwohl mir der Moment nicht einfallen will, an dem ich mich dagegen entschieden hätte. Und immer bin ich mir dabei bewusst, dass das Leiden an diesen Entscheidungen zu den Luxussorgen auf dieser Welt gehört.

Alles, was ein freier Mensch tut oder lässt, bekommt eine Bedeutung, meistens eine schlechte: Freie Menschen werden selten bewundert, dafür aber oft kritisiert. Wer die Wahl hat, muss sich für alles, was er sagt und tut beziehungsweise verschweigt und unterlässt, rechtfertigen - und zwar viel mehr als ein Geknechteter vor seinem Herrn für sein Verlangen nach Freiheit.

Aus diesen Gründen, so vermutet Kant, suchen eigentlich freie Menschen lieber die Unmündigkeit, als die Möglichkeiten der Freiheit zu nutzen. Sie machen es anderen leicht, sie zu manipulieren und zu unterdrücken. Ich wünsche mir natürlich nicht ernsthaft, dass man mich in meiner Freiheit beschneidet, nur damit ich spüre, wo es für mich hingehen könnte. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, wie ich mich zu kleiden, zu ernähren, zu sprechen und zu leben habe. Als Bürgerin eines demokratischen Staates werde ich mit der Herausforderung der Freiheit fertig. Ich bin bereit, mein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und mich mit der anspruchsvollen Aufgabe der Selbstwerdung auseinanderzusetzen.

Wir haben also das seltene Privileg, aus unserem Leben zu machen, was wir wollen. Wir sind umgeben von Menschen, die uns erlauben, ganz wir selbst zu sein, ja die uns geradezu beknien, endlich unseren eigenen Weg zu gehen! Es vergeht keine Stunde am Tag, in der man uns nicht daran erinnert, wie kostbar unser Leben ist und dass es keine wichtigere Aufgabe für uns gibt, als unsere einzigartige Persönlichkeit zur Entfaltung zu bringen.

Und wir können heute alles sein - eine wunderschöne Astronautin, eine fußballbegeisterte Ballerina, ein Superstar, so erzählt es uns zum Beispiel eine junge Frau im neuen Werbespot von Gillette Venus für Damenrasierer. Die Frau springt mit ihren glatt rasierten Beinen in einem 10-Millionen-Dollar-Loft herum und hält kämpferische Reden. Dass sich Frauen in keine Schublade zwängen lassen sollen und dass sie allen, die das versuchen, die Stirn bieten müssen. Steh auf, fordert sie, benutze deinen Kopf, dein Herz, deine Stimme, um diese Schublade zu verlassen und zu zeigen, was du kannst. Während sie das sagt, sieht man junge, perfekt gestylte Frauen auf teure Motorräder steigen, auf Dachterrassen Schlagzeug spielen und in Boutiquen glitzernde Kleider und Schuhe anprobieren. Beim Anblick dieser reichen Erbinnen frage ich mich allerdings, wer überhaupt die Macht hat, sie zu etwas zu zwingen. Das jedoch wird nicht thematisiert. Wichtig ist: Wir könnten eine dieser Frauen sein, wenn wir uns noch heute entschließen, unser wahres Potenzial auszuschöpfen. Natürlich mit perfekt rasierten Beinen!

Entwickle deine einzigartige Persönlichkeit -
aber immer schön mit rasierten Beinen!
Gillette Venus »Use Your And« Werbeclip 2015

»Du bist, was du dir vorstellst zu sein«, mahnt mich ein Graffiti, an dem ich jeden Morgen im Halbschlaf auf dem Weg zur Arbeit vorbeigehe. In der Zeitschrift, die ich in der U-Bahn durchblättere, lese ich, dass man erfolgreicher wird, wenn man mehr auf seine innere Stimme hört. Checke ich in der Frühstückspause meine Mails oder meine Facebook-Seite, dann habe ich schon mindestens ein halbes Dutzend Posts bekommen, in denen ich aufgefordert werde, meinen Träumen zu folgen und ein »Das haben wir schon immer so gemacht« nicht zu akzeptieren. In der Büroküche läuft im Hintergrund ein Radiointerview, in dem eine Frau behauptet, dass sie ihre Lebenszeit nicht mehr damit verschwendet, hinter dem Geld herzurennen. Ihr Tipp für die Hörer: mehr eigene Prioritäten setzen und für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse kämpfen. Nach der Arbeit...

»Ein kluger Anti-Ratgeber, der Mut zur Gelassenheit macht.«, sueddeutsche.de, 01.01.2016
 
»Die Autorin Rebecca Niazi-Shahabi räumt äußerst unterhaltsam mit dem Selbstfindungszwang unserer Gesellschaft auf.«, editionf.com

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