Afrika sichtbar machen

Essays über Dekolonisierung und Globalisierung
 
 
Unrast Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2021
  • |
  • 127 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95405-041-3 (ISBN)
 
Seit über sechzig Jahren schreibt Ngugi wa Thiong'o, der 2019 mit dem renommierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis geehrt wurde, über die Geschichten, Herausforderungen und Zukunftssaussichten Afrikas, insbesondere seines Heimatlandes Kenia. In seinem Werk, das Theaterstücke, Romane und Essays umfasst, erzählt Ngugi von der Ungerechtigkeit kolonialer Gewalt und dem diktatorischen Verrat der Entkolonialisierung, vom Streben nach wirtschaftlicher Gleichheit angesichts der großen Ungleichheit und nicht zuletzt von seinem Kampf für Freiheit und die anschließende Inhaftierung.

Ngugis Romane haben große Anerkennung gefunden, seine politischen Essays hingegen - obwohl ebenso brillant - kennen die wenigsten. Nach "Moving the Centre" und "Dekolonisierung des Denkens" legt Ngugi mit "Afrika sichtbar machen" nun einen weiteren Essayband vor, der verschiedene Vorträge und Texte thematisch vereint.

In dem sehr persönlich und gut lesbar geschriebenen Buch geht es um Afrikas Stellung in der dekolonisierten und globalisierten Welt, um die Nachwirkungen der Sklaverei, um politische Kämpfe in einer Ära des entfesselten Kapitalismus, um die Rolle der Kulturschaffenden und Intellektuellen in afrikanischen Gesellschaften sowie um die Aussichten auf eine gerechte und friedvolle Zukunft. In einer Zeit, in der Afrika in den Diskussionen über die Globalisierung weitgehend ignoriert wird, wird "Afrika sichtbar machen" zur Pflichtlektüre.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Münster
  • |
  • Deutschland
Unrast Verlag
  • 1,08 MB
978-3-95405-041-3 (9783954050413)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ngugi wa Thiong'o, 1938 in Limuru, Kenia, geboren, lehrte Literaturwissenschaften unter anderem an der Yale University, der New York University und an der University of California, Irvine. Bereits mehrfach in der engeren Auswahl für den Literaturnobelpreis, erhielt er 2001 den renommierten Nonino International Prize for Literature. 2019 wird er erstmals auch für seine kulturpolitischen Essays und sein lebenslanges Engagement für Frieden und Gerechtigkeit mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet.

Vorwort


Die Sorge um den Platz Afrikas in der Welt von heute eint die folgenden Essays. Jede Diskussion über den Kontinent hat einzubeziehen, aus welchen Tiefen heraus Afrika erstanden ist und auch gegen welche gewaltigen Mächte - vom Sklavenhandel über die Sklaverei und den Kolonialismus bis hin zur Schuldensklaverei - es sich zur Wehr setzen musste und muss. Allen Widrigkeiten zum Trotz ist viel Gutes dabei entstanden. Das gibt Grund zur Hoffnung. Gleichzeitig muss eine solche Diskussion auch berücksichtigen, was Afrika falsch gemacht und welche Verbrechen es an sich selbst begangen hat. Entscheidend ist hier die Stellung der herrschenden Mittelklasse im Verhältnis zum Volk und zu den äußeren Kräften. Teile dieser Mittelschicht haben in der Vergangenheit kollaborierend gegen die grundlegenden Interessen des Kontinents gehandelt. Selbst Sklavenhandel und Kolonialismus kamen nicht ohne afrikanische Kollaboration zustande. Zum Glück bemühte sich zugleich ein anderer Teil dieser Mittelklasse um eine Allianz mit dem Volk, stellte sich gegen den Eindringling von außen und seine afrikanischen Kollaborateur*innen. Noch immer stellt sich die Frage, der sich frühere Generationen und Manifestationen der Mittelklasse gegenübersahen: Wem fühlt sie sich verantwortlich - dem Volk oder den externen Zentren der imperialen Macht? Sieht sie sich als Rentière, die von den Ressourcen lebt, oder als Gestalterin, der aus den Ressourcen schöpft? Zwar sind diese Essays für unterschiedliche Anlässe und zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben worden, aber das Thema der den Westen imitierenden Mittelklasse, die sich von ihrer Basis im Volk absetzt, bleibt als gemeinsamer Nenner.

Eine andere Frage, die sich noch immer stellt, ist das Problem der Nuklearwaffen. Das mag angesichts der drängenden Probleme Afrikas weit hergeholt erscheinen. Doch gibt es dringende Gründe dafür, dass Afrika an vorderster Front dafür eintreten soll und muss, Nuklearwaffen abzuschaffen und nicht weiterzuverbreiten. Afrika ist der einzige Kontinent, der das moralische Recht dazu hat, weil es der einzige Kontinent ist, auf dem zwei Staaten, Südafrika und Libyen, freiwillig (wenn auch zweifellos unter Druck) ihre jeweiligen Nuklearprogramme eingestellt haben. Libyen übergab sogar sein Nuklearmaterial den USA zur Aufbewahrung. Und was erhielt Libyen im Gegenzug? Nuklear bewaffnete NATO-Staaten G intervenierten militärisch und verwandelten das Land in einen gänzlich rechtlosen Staat, der von einem Bürgerkrieg zerrissen ist. Eine paradoxe Belohnung für seine Willfährigkeit! Die Afrikanische Union, angeblich die Stimme Afrikas, wurde mit Verachtung übergangen. Afrikas Eigeninteresse verlangt, dass es bei der Frage der Massenvernichtungswaffen ein Mitspracherecht hat, denn es ist, ob es uns passt oder nicht, längst in die nukleare Praxis und Politik einbezogen. Frankreich hat seine ersten Atomwaffenversuche in Afrika durchgeführt und Israel angeblich während der Apartheidzeit auf der Prince Edward Insel G. Afrika ist ein Lieferant von Uran, einer wesentlichen Komponente von Nuklearwaffen. Während der amerikanischen Invasion des Irak wurde der Niger wegen der unbegründeten Anschuldigung, dass Saddam Hussein dort Uran gekauft habe, in die Auseinandersetzung hineingezogen.

Es gibt noch stets eine größere Ironie der Geschichte. Frankreich, Großbritannien und die USA - die drei führenden westlichen Nuklearmächte - haben eine Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus. Sklaverei, Kolonialismus und Nuklearbewaffnung werden in gewisser Weise von demselben Trieb gesteuert - der Verachtung für das Leben anderer Menschen, vor allem für das Leben Schwarzer G Menschen. Der Erste wie der Zweite Weltkrieg waren europäischen Ursprungs, doch Afrika wurde mit hineingezogen. Gibt es irgendeinen Grund anzunehmen, dass Afrika nicht auch in den nächsten Krieg hineingezogen werde, selbst wenn er woanders ausbräche?

Und es stellt sich die Frage des Überlebens: Afrikaner*innen sind Teil der Menschheit; und Nuklearwaffen stellen, ungeachtet dessen, in wessen Händen sie sich befinden, eine Bedrohung der Menschheit dar. John Donne G schrieb:

 

»Kein Mensch ist eine Insel,

In sich ein Ganzes.

Jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents,

Teil des festen Landes.

.

Jedes Menschen Tod ist mein Verlust,

Denn die Menschheit geht mich an;

Und darum verlange nie zu wissen,

Wem die Stunde schlägt;

Sie schlägt für dich.« [2]

 

Donnes Anruf ist auch für unsere heutige Welt relevant, mehr noch als damals, als er diese Worte niederschrieb, weil unser gemeinsamer Planet von den menschengemachten, profitgetriebenen Zwillingswaffen der Massenvernichtung bedroht wird - den Umweltverbrechen der führenden Mächte des Erdballs und den Nuklearwaffen.

Die Sorge um die Sichtbarkeit Afrikas auf dem Globus bildet zwar mein Hauptanliegen, doch schrieb ich diese Essays zu unterschiedlichen Anlässen. Der erste Essay zum Begriff >Stamm< in der afrikanischen Politik geht auf einen Vortrag zurück, den ich am 28. April 2008 an der University of Hawaii at Manoa als Inhaber des Dan and Maggie Inouye Distinguished Chair in Democratic Ideals hielt. Während ich verstehen kann, weshalb die Verleumder nicht-europäischer Völker ein Interesse daran haben, das Wort >Stamm< auf sie anzuwenden, ist es mir nie gelungen, einen Sinn darin zu entdecken, warum afrikanische, pazifische, indigen-amerikanische und indische Intellektuelle sich diesen abwertenden Begriff zu eigen gemacht haben. Es verblüfft mich noch immer, weshalb über vierzig Millionen Yoruba ein Stamm und fünf Millionen Dänen eine Nation sein sollen! Oder warum europäische Völker nicht den Begriff Stammesangehörige an die Namen ihrer Gemeinschaften oder Anführer*innen angehängt bekommen. Jede Gemeinschaft besitzt einen Namen, mit dem sie sich identifiziert. Sprecht sie mit diesem Namen an! Wir reden von den Engländer*innen oder dem englischen Volk; den Französ*innen oder dem französischen Volk; den Chines*innen oder dem chinesischen Volk, den Russ*innen oder dem russischen Volk. Wendet das auf alle Gemeinschaften an, auf die kleinen wie die großen, in Afrika und auf der ganzen Welt. Sperrt sie nicht in begriffliche Schubladen. Ruft sie einfach bei dem Namen, mit dem sie selbst sich identifizieren.

Der zweite Essay zu afrikanischen Identitäten und zur Globalisierung beruht auf einem Vortrag aus dem Jahr 2004 am Macalester College in St. Paul, Minnesota. Das dritte Kapitel über Sprache und den afrikanischen Intellektuellen wurde für die Grande Finale Conference vom 10. bis 12. Dezember 2003 im senegalesischen Dakar geschrieben, mit der der dreißigste Jahrestag des Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA G) gewürdigt wurde. Bei diesem Essay handelt es sich um eine beträchtlich überarbeitete und gekürzte Fassung, doch blieben die wesentlichen Punkte erhalten: Es ist selbstverständlich nicht möglich, eine inhaltliche Debatte über Ideen zu führen, die Afrika betreffen, ohne die intellektuelle Absurdität einzubeziehen, dass sich der größte Kontinent der Erde von seinen Sprachen abwendet und dennoch ernstgenommen werden will.

Der vierte Essay zur weltweiten Verantwortung für den Schutz der Menschheit war Bestandteil eines informellen interaktiven Gesprächs über die »Responsibility to Protect« (Die Pflicht zu schützen) an der Trusteeship Council Chamber vor der Debatte der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum selben Thema am 23. Juli 2009 in New York. Ich bin besorgt, dass der Westen unter dieser Überschrift versteht, die Pflicht zu haben, Afrika vor sich selbst >zu schützen<. Was, wenn Afrika sich seiner Pflicht stellte, Europa und Amerika zu schützen und dort zu intervenieren? Wahrhaft demokratische und repräsentative Vereinte Nationen wären neben einem wahrhaft demokratischen und repräsentativen Sicherheitsrat die notwendige Voraussetzung dafür, dass sich jeder Staat dieser Verantwortung stellt. Wir haben bereits erleben müssen, wie eine edle Idee wie der Internationale Gerichtshof in ein Instrument verwandelt wurde, das bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie sie offen von den mächtigen Nationen begangen werden, blind ist, aber sich sehr wachsam bei jedem in Afrika begangenen verhält. Es ist nicht so, dass diese Verbrechen weniger schlimm sind, unabhängig davon, ob sie von afrikanischen oder westlichen Regierungen begangen werden. Eine westliche Regierung, die innerhalb ihrer Landesgrenzen oder in gemieteten Folterkammern anderer Länder Folter billigt, sollte an denselben Maßstäben gemessen werden wie Regierungen andernorts. Wenn es um die Gerechtigkeit innerhalb einer und zwischen verschiedenen Nationen geht, ist es immer wieder wie bei »König Lear«:

 

Zerlumptes Kleid bringt kleinen Fehl ans Licht,

Talar und Pelz birgt alles. Hüll' in Gold die Sünde,

Der starke Speer des Rechts bricht harmlos ab,

in Lumpen, des Pygmäen Halm durchbohrt sie.[3]

 

Die Sklaverei war eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für das sich zu entschuldigen der Westen nie für nötig erachtet hat. Vierhundert Jahre...

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