Drei Mütter

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81099-8 (ISBN)
 
Alfred Neven DuMont hat einen großen Entwicklungsroman geschrieben, in dem der Protagonist durch die Schule der Liebe geht: "Aber kann man jemandem vorwerfen, im Übermaß zu lieben?"

Alwyn ist vom Glück begünstigt, er erfährt von Geburt an hingebungsvolle Liebe, zuerst von seiner Mutter, später von seiner Schwester und seiner Stiefmutter. Ausgestattet mit der Liebe der Frauen, kann Alwyn sich zu einem begabten jungen Mann entwickeln und hinausgehen in die Welt: nach Italien, dann nach Afrika zu seinem Großvater, um zurück in der Heimat schließlich Eva zu heiraten, seine Kindheitsliebe. Den Eindrücken und Impulsen um ihn herum hält er manchmal nicht stand, aber er wird den Spagat zwischen Außen- und Innenwelt zu meistern lernen und seinen Platz finden in einem oftmals verwirrenden Leben.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,12 MB
978-3-455-81099-8 (9783455810998)
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Es gibt nichts, was mit der Geburt zu vergleichen ist. Die beiden: der Tod und der schmerzliche Abschied aus dem Mutterschoß. Deshalb erinnere ich mich auch an meinen Tod. Das liegt daran, dass meine frühe Kindheit eine nimmer endende Geburt war. Und dann der Engel! Es muss kurz nach meiner Geburt gewesen sein, da sah ich meinen Engel. Vielleicht nur wenige Augenblicke später. Ich wusste sofort, dass er mein Engel war. Obwohl mir das niemand sagte. Aber wer hätte es mir auch sagen können, wo ich doch der Einzige war, der ihn sah, und sonst noch gar nichts verstand. Dabei blickte er mich nicht einmal richtig an, sprach noch weniger. Er war einfach nur da, tauchte auf, für Augenblicke, und verschwand wieder. Er war ein richtiger Engel, da war ich mir gleich ganz sicher. Vielleicht mit langen blonden Haaren, die über sein weites Kleid bis zu den Kniekehlen reichten, mit Flügeln, so leicht, fast durchsichtig, federleicht. Ob er sich bewegte, schwebte, sogar flog, wie es Engel nun einmal so machen? All das weiß ich nicht. Spielt es eine Rolle? Wie lange er auch immer da war, wichtig war doch nur, dass ich ihn gesehen habe. Und dass ich ab dieser Stunde nicht allein sein würde und beschützt. Das glaubte ich. Mein Vertrauen war unerschütterlich. Ob Ma ihn auch wahrgenommen hatte – oder nicht? Vielleicht, sie ist das Erste, woran ich mich dann erinnern kann, ihre vollen, runden Brüste so nahe vor meinen Augen, dass meine kleinen Arme sie ganz leicht greifen konnten. Mein Entzücken fand ich in dem Ausdruck ihres Gesichtes, wenn sie mich stillte: Die halbgeschlossenen Augen, das von ihrem tiefen Atem getragene betörende Lächeln. Wieso glaube ich, mich genau erinnern zu können? Es liegt wohl daran, dass Ma mich so lange stillte, bis ich stehend, ihre Brust in meinen Händen haltend, aus ihr trinken konnte. Sie sagte: »Du weißt es am besten, wann du mich nicht mehr brauchst.« Im Grunde wollte sie mich nicht hergeben. So erging es mir wie Romulus und Remus, die fast mannbar waren, bevor ihre göttliche Mutter Rhea Silvia ihnen die Brust entzog. Auch sie labten sich stehend zwischen ihren Spielen an der Quelle der Mutter. So ausgestattet sollte ihnen ein wirkungsvolles Leben bevorstehen. Warum sollte es mir anders ergehen?

 

Ich bin ein Opfer der Frauen. Immer wieder werde ich von wohlmeinenden Menschen damit konfrontiert: »Schau dich an, du Muttersöhnchen!« Dass ich mich wichtig machen würde und ein Angeber sei und ein Zappelphilipp, dass ich stottern würde und kein Ziel vor Augen hätte. »Gib zu, dass du schwul bist!« Was ich mir im Laufe meines Lebens nicht alles anhören musste!

Diese Leute machen ihre Meinung daran fest, was vielleicht einmal war, und an dieser Meinung halten sie dann ewig fest. Ich stottere schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Gut, ich war unruhig, habe den Unterricht gestört. Na und? Und schwul bin ich erst recht nicht. Leider, denn für eine Zeit lang hätte mich das vielleicht sogar gerettet. Aus welch unglückseliger Episode meines Lebens die Menschen auch immer irgendwelche Gerüchte aufgeschnappt haben, es waren Neider darunter, die meine frühen Erfolge nicht verkraften konnten. Auch wegen der Mädchen, die mich oft mehr nervten als Spaß machten. Ich war ein Kinderstar, ein umjubelter Sänger, ein toller Sportler. Na ja, vielleicht nicht ganz so toll.

Heute bin ich ein glücklicher Ehemann und ein hoffnungsvoller Vater, der im Begriff ist, einen hoch angesehenen Beruf zu ergreifen. Warum soll gerade ich, der ich doch Tag für Tag nur Liebe, Geborgenheit, Verständnis und Zuwendung erfahren durfte, ein Opfer der Frauen sein? Meine Mütter! Um sie geht es, um meine drei Mütter, die sich in Liebe für mich aufopferten. Bis heute empfinde ich für Ma, selbst für Alwena, für Milena ausschließlich Dankbarkeit, tiefe Dankbarkeit für eine Zeit von annähernd zwanzig Jahren, die ich im Paradies verbringen durfte, um anschließend umso tiefer zu fallen. Vielleicht ist übergroße Liebe gefährlich, sehr gefährlich. Vielleicht sogar tödlich. Man denke nur an Ikarus, der aus Liebe zur Sonne ihr zu nahe kam und dem das Wachs an den Flügeln schmolz. Gott mag Mäßigung, alles andere wird bitter bestraft. Und ich muss zugeben, dass sich mir die Vorboten der Abgründe meines Lebens schon früh ankündigten, zu einem Zeitpunkt, zu dem ich noch nicht wissen konnte, dass es so etwas gibt. Diese Abgründe blieben Erscheinungen einer rabenschwarzen Nacht in meinem Kohlenkeller. Mein Kohlenkeller.

 

Meine Mutter war von umwerfender Schönheit. An ihrem Körper war alles voller Harmonie, makellos, weich und dennoch voller Kraft. Ihre Wangen, ihr langgezogener Hals, der ihr liebliches Gesicht trug, eingerahmt von der goldenen Lockenmähne, ihre schmalen Arme, ihre zarten Hände, die Rundung ihrer Hüften. Und ich war ihr kleiner Mann, ein Teil von ihr. In der Morgendämmerung meines Lebens gab es nur Ma. Später sagte sie, ich hätte ihr die Unschuld zurückgegeben. Unsere Liebe war meine erste und letzte unschuldige Liebe. Es gab keine Wiederkehr. Leider nicht. Ma vertrat die Meinung, ich sei der zärtlichste, ausdauerndste Liebhaber ihres nicht ereignisarmen Lebens gewesen.

Wann mein Vater in mein frühes Leben eintrat, vermag ich nicht zu sagen. Lange war mir nicht klar, welche Rolle er für mich spielen sollte. Ich sei, so wurde erzählt, in ein erbärmliches, nicht enden wollendes Geschrei ausgebrochen, als er sich mir zum ersten Mal jählings mit seinem völlig fremden Gesicht näherte. »Ein kleiner Teufel«, soll er daraufhin gesagt haben und mit einem zur Grimasse verzogenen Gesicht: »Du gehörst mir! Mir! Hörst du, kleiner Bengel!«

Nachdem diese erste Begegnung von Vater und Sohn alles andere als glücklich verlaufen war, erklärte ich meinen Vater früh schon als meinen Feind, der sich gefälligst aus meinem Leben heraushalten sollte. Sehr zeitig erkannte ich, dass in der Person des Vaters ein Rivale aufgetaucht war, den ich aus dem Feld schlagen musste. Mein Kampfgeist war geweckt. Und ebenfalls wurde mir sehr früh klar, dass, wenn jemand mit einer sich überschlagenden Stimme sein vermeintliches Eigentum einfordert, der Anspruch zumeist auf wackligen Beinen steht.

Morgens wartete Ma auf mein Erwachen, bevor sie mich behutsam ins anliegende Badezimmer hinübertrug. Im Sommer waren wir wohl beide nackt, und ob wir im Winter bekleidet schliefen, ist meiner Erinnerung entfallen. Sie wusch mich und rieb meinen Körper von oben bis unten mit Duftwasser ein, um mich danach ausgiebig einzusalben. Danach legte sie mich eingehüllt in weiche Tücher so ab, dass sie mich im Auge behalten konnte, während sie duschte.

In einen Morgenmantel eingehüllt, zog Ma mit mir auf dem Arm zurück in unser Schlafzimmer, wo ich alsbald wieder mitten auf dem Bett landete. Sie selbst nahm an einem Tisch am Fenster mit Blick zum nahen Bett Platz, wo sie ihr Frühstück einnahm.

Gelegentlich, wenn er es sich zeitlich einrichten konnte, gesellte sich Vater, schon im Anzug, unserem oder vielmehr Mas Frühstück bei. Die Beziehung von Vater und mir blieb unterkühlt, aber die Umstände hatten uns keine andere Wahl gelassen, als den anderen notgedrungen zu akzeptieren: zwei Nebenbuhler, mehr oder weniger, obwohl er einige Versuche unternahm, unser Verhältnis aufzufrischen, etwas freundlicher zu gestalten. Mit wenig Chancen. Ich sah sein Gesicht nahe dem meinen, eine vorspringende Nase, die an einen Schnabel erinnerte, stechende dunkle Augen, die nichts Gutes verhießen, eine fliehende Stirn und große, anliegende Ohren: Vögel waren mit die ersten Tiere, die ich in meinen Bilderbüchern entdeckte, und die nicht zuletzt durch Vater keineswegs zu meinen Lieblingstieren gehörten.

 

Später nahm ich an dem Frühstück, das wohl mehr oder weniger als Familienzusammenführung gedacht war, in einem erhöhten Kinderstühlchen teil, löffelte unlustig in einem übel schmeckenden Brei, der die Milch von Mutter ergänzen sollte.

Alwena, meine ältere Schwester, glänzte bei unseren morgendlichen Treffen durch Abwesenheit, da sie zu dieser Zeit bereits in die Schule eilte. Wir beide beäugten uns mit wechselnden Gefühlen, mal freundlich, mal distanzierter und gelegentlich mit feindlichen Impulsen. Mutter wusste, wenn sie es wollte, trefflich die Eifersucht unter uns zu schüren.

Mehr erregte mich der Umstand, dass Ma mitten in der Nacht unser gemeinsames Bett verließ. Ich wachte auf, sah mich ihrem wärmenden Körper entzogen und begann ein erbarmungswürdiges Geschrei, das in der Stille der Nacht besonders günstig bei den im Haus schlafenden Mitbewohnern zur Geltung kam. Früher oder später eilte Mutter herbei, Entschuldigung über Entschuldigung auf den Lippen, um meine Wut zu stillen.

Während ich heranwuchs, wurden oft genug Fotos von mir gemacht, mal mit Mutter, mal alleine, schon mal mit Alwena, und auch mal nackt, stolz als properes Baby auf einem Eisbärenfell posierend abgelichtet und so der Ewigkeit anvertraut. Der Anblick scheint aufs Erste betörend, bemüht, Begeisterung hervorzurufen, doch mit einem weniger milden Blick und im Nachhinein alles andere als erfreulich: Ein Kind, das in seinen allerersten Monaten und Jahren bereits in sich den Keim gelegt hat für List, Raffinesse und Eigenliebe, eine stattliche Ausrüstung für die Bewältigung späterer Jahre.

Mit dem Sprechen und Laufen verwöhnte ich meine Umwelt erst spät. Warum hätte ich mir auch Neues vornehmen sollen, so paradiesisch, wie ich gebettet war? Jede Veränderung musste eine Verschlechterung mit sich bringen. Ich sollte recht bekommen. Genügte nicht das mit vielen Facetten ausgestoßene »Mama«, mal liebevoll, mal vorwurfsvoll, mal Zuwendung erheischend, das Nicken und das Schütteln des Kopfes, mal grummelnd, mal gacksend: ein unverkennbarer Spiegel...

»Einmal mehr geprägt von einem
angenehm altmodischen Duktus, in dem hier und da die Moderne
aufblitzt.«
 
»Ein beeindruckender
Entwicklungsroman. Höhen wie Qualen der Liebe werden in packender und
feinfühliger Sprache schildert - ohne jede Scheu vor den gusseisernen Denkmälern
althergebrachter Männlichkeitsideale.«
 
»Der Kölner Verleger hat
bewiesen, dass er die erzählerische Ausdauer und die literarischen Mittel für
die herausfordernde Form des Romans besitzt.«

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