Unternehmen als moralische Akteure

 
 
Suhrkamp Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. April 2011
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-74860-2 (ISBN)
 
Unternehmen sind nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Akteure. Vor allem aber sind sie entgegen verbreiteter Ansichten auch moralische Akteure, das heißt, sie sind grundsätzlich fähig, den moralischen Standpunkt einzunehmen, auch wenn sie dies in der Praxis selten tun. Daraus erwächst eine politische und moralische Verpflichtung: Auch für Unternehmen gelten die Menschenrechte als moralischer und rechtlicher Maßstab, daran müssen sich ihr Handeln und erst recht ihr Unterlassen messen lassen. Christian Neuhäuser zeigt mit beeindruckenden philosophischen Mitteln und anhand exponierter Beispiele unternehmerischen Handelns, inwiefern und inwieweit Unternehmen moralisch zur Rechenschaft gezogen werden können. Dies hat weitreichende philosophische, ethische und nicht zuletzt politische Konsequenzen.
Originalausgabe
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 1,35 MB
978-3-518-74860-2 (9783518748602)
3518748602 (3518748602)
weitere Ausgaben werden ermittelt
<p>Christian Neuhäuser ist Professor für Praktische Philosophie an der TU Dortmund.</p>


1 - Inhalt [Seite 6]
2 - Vorwort [Seite 8]
3 - Einleitung [Seite 12]
3.1 - Zur Relevanz und Lage der Unternehmensethik [Seite 15]
3.2 - Zur Bedeutung philosophischer Reflexionen für die Unternehmensethik [Seite 22]
3.3 - Zur Fragestellung und zum Aufbau dieses Buches [Seite 28]
4 - Teil I: Der moralische Status von Unternehmen [Seite 36]
4.1 - Kapitel 1: Verantwortung und ihre Grenzen in korporativen Umwelten [Seite 38]
4.1.1 - Verantwortung für Handlungen, Ereignisse und Konsequenzen [Seite 46]
4.1.2 - Bedingungen für Verantwortungsfähigkeit [Seite 57]
4.1.3 - Verantwortungslücken in Unternehmen [Seite 71]
4.2 - Kapitel 2: Unternehmen als moralische Akteure [Seite 91]
4.2.1 - Bedingungen von Personalität [Seite 99]
4.2.2 - Unternehmen, Tiere und Personen [Seite 108]
4.2.3 - Unternehmen als moralische Akteure ohne Personalität [Seite 120]
4.3 - Kapitel 3: Korporative Akteure und ihre Agenten [Seite 134]
4.3.1 - Theorien kollektiver Intentionen und korporative Akteure [Seite 141]
4.3.2 - Pläne von Unternehmen und Intentionen individueller Mitarbeiter [Seite 154]
4.3.3 - Korporative Akteure, ihre Agenten und moralisches Handeln [Seite 165]
5 - Teil II: Zur praktischen Verantwortung von Unternehmen [Seite 180]
5.1 - Kapitel 4: Menschenwürde, moralische Ansprüche und die Verantwortung von Unternehmen [Seite 182]
5.1.1 - Menschenwürde, Menschenrechte und moralische Ansprüche [Seite 189]
5.1.2 - Moralische Pflichten und das Netz der Verantwortung [Seite 200]
5.1.3 - Verantwortung von Unternehmen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen [Seite 213]
5.2 - Kapitel 5: Massenentlassungen, Umweltschutz und Kinderarbeit [Seite 222]
5.2.1 - Soziale Teilhabe, Wohlfahrt und Entlassungen bei der Deutschen Bank [Seite 229]
5.2.2 - Umweltschutz, zukünftige Generationen und die Automobilindustrie [Seite 239]
5.2.3 - Globale Gerechtigkeit und Kinderarbeit [Seite 250]
5.3 - Kapitel 6: Moralische Unternehmen auf dem globalen Markt [Seite 265]
5.3.1 - Unternehmen unter Druck [Seite 271]
5.3.2 - Unternehmen als politische Institutionen und moralbefreite Märkte [Seite 279]
5.3.3 - Unternehmen in einer kosmopolitischen Welt [Seite 297]
6 - Nachwort: Banken als moralische Akteure und die Finanzkrise 2007 [Seite 312]
7 - Literatur [Seite 328]

37 Kapitel 1
Verantwortung und ihre Grenzen
in korporativen Umwelten


Auf den ersten Blick gibt es zwei Möglichkeiten, der Idee von verantwortlichen Unternehmen Sinn zu verleihen. Entweder wird damit ausgedrückt, dass Unternehmen selbst, also beispielsweise Coca-Cola, Nestlé oder Siemens, Verantwortung haben. Oder nicht die Unternehmen selbst sind gemeint, sondern vielmehr die individuellen Mitarbeiterinnen innerhalb der Unternehmen. Die Unterscheidung dieser beiden Möglichkeiten ist von großer Wichtigkeit, denn bei Verantwortung geht es immer um ein kompliziertes Beziehungsgeflecht in Form einer dreistelligen Relation.?[1] Für Verantwortungszuschreibungen muss geklärt werden, erstens wer verantwortlich ist, zweitens wofür und drittens wem gegenüber er verantwortlich ist. Bezogen auf den hier behandelten Kontext ist die erste Frage, ob ein Unternehmen als solches oder die Mitarbeiter verantwortlich sind, zentral. Dies stellt keine Besonderheit philosophischer Theorie dar, denn es geht auch praktisch oft darum, für schädigende Ereignisse oder geschädigten Menschen gegenüber verantwortliche Akteure zu finden. Wenn Kinder ihre Eltern verlieren, dann steht fest, wem gegenüber und wofür Verantwortung übernommen werden soll, aber es bedarf noch einer geeigneten Person, die diese Verantwortung übernimmt. Wenn natürliche Kräfte, beispielsweise Flutwellen, Wirbelstürme oder Erdbeben Menschen bedrohen, dann werden verantwortungsbewusste Akteure gesucht, die sie davor schützen. In diesen Fällen sind die zweite und die dritte Frage bereits beantwortet, es geht um die Fürsorge für Kinder und den Katastrophenschutz für bedrohte Menschen. Unklar bleibt in erster Linie, wer diese Verantwortung übernehmen könnte. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass dafür eine ganz andere Frage bereits beantwortet sein muss. Wer überhaupt für diese Verantwortungsübernahme in Betracht 38kommt, sprich: wer in der Lage ist, Verantwortung zu tragen, also verantwortungsfähig ist.?[2]

Das gilt auch, wenn die Verantwortung von Unternehmen bestimmt werden soll. Dafür muss eine Auswahl in Bezug auf die Alternative Unternehmen/Mitarbeiterinnen getroffen werden, wobei sich nicht nur zwei, sondern tatsächlich drei Möglichkeiten ergeben: Entweder können nur die individuellen Mitarbeiterinnen oder nur die Unternehmen verantwortlich sein oder aber beide sind verantwortlich.?[3] Dass Mitarbeiterinnen für zumindest einen Teil ihrer Handlungen verantwortlich sind, wird kaum jemand leugnen und soll auch hier nicht bestritten werden. Daher lautet meine zentrale Frage: Geht es nur um die individuellen Mitarbeiterinnen, wenn bei Unternehmen von Verantwortung die Rede ist, oder auch um die Unternehmen selbst? Die zweite Lesart der Idee verantwortlicher Unternehmen besitzt schon allein deswegen einige Anziehungskraft, weil sie der sozial, ökonomisch und politisch bedeutenden Rolle von Unternehmen angemessen erscheint. Besonders die großen multinationalen Unternehmen begegnen uns als mächtige Akteure, die es an Einfluss, Kapitalkraft und manchmal auch an militärischer Stärke durchaus mit einigen Staaten aufnehmen können.?[4]

39Die Attraktivität dieser Position erhöht sich noch durch den Umstand, dass Unternehmen tatsächlich auch wie Akteure behandelt werden. Wie die drei Beispiele aus der Einleitung zeigen, besteht ein zumindest subjektiver Anspruch, der Deutschen Bank, den Automobilherstellern und der Credit Suisse Vorwürfe zu machen und von ihnen mehr Verantwortung erwarten zu können. So etwas geht jedoch vernünftigerweise nur bei moralischen Akteuren. Für die Auffassung, dass Unternehmen verantwortliche Akteure sind, spricht zudem ihre Rolle im Rechtswesen. Im deutschen Zivilrecht werden Unternehmen als juristische Personen behandelt, und in den USA und Großbritannien sind sie sogar Subjekte des Strafrechts.?[5]

Dennoch haftet der Idee auch etwas Seltsames an, und vielleicht entstammt ihr Reiz gerade dieser etwas mystischen Verklärung von Unternehmen als Akteure und sogar als moralische Personen. Denn genau das scheint Verantwortung zu implizieren: Nur moralische Personen sind in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, und daher müssen verantwortliche Unternehmen auch moralische Personen sein. Doch trifft das auf Unternehmen zu? Sind Unternehmen moralische Personen? Das erscheint aus mehreren Gründen zweifelhaft. Wenn von moralischen Personen die Rede ist, dann geht es zumeist darum, die besonderen Rechte und die Würde dieser Personen zum Ausdruck zu bringen. Daher wird beispielsweise 40leidenschaftlich um die Frage gestritten, ob Embryonen oder langfristig komatöse Menschen oder Menschenaffen Personen sind und ihnen entsprechende Rechte zukommen.?[6]

Doch das Befremdliche an der Idee, dass Unternehmen verantwortliche Akteure sind, reicht noch tiefer, denn es erscheint nicht einmal besonders einleuchtend, dass sie überhaupt Akteure sind. Um handeln zu können, bedarf es eines Körpers, mit dem in die Welt eingegriffen werden kann, und eines Geistes, um Absichten zu formen, durch die bloßes Tun überhaupt erst zu Handeln wird.?[7] Allein, ob Unternehmen so etwas wie einen Körper haben, ist mehr als zweifelhaft. Die Fabrik, das Bürogebäude und der Fuhrpark sind sicher Teile des Unternehmens, aber bilden sie seinen Körper? Diese Redeweise wirkt unpassend, weil es erstens merkwürdig erscheint, die oft verstreuten Gebäude eines Unternehmens als seinen Körper im physischen Sinne zu bezeichnen, und weil zweitens kaum jemand behaupten würde, Unternehmen besäßen einen lebendigen Körper im biologischen Sinne des Begriffs. Eine Bedingung für einen physischen Körper scheint seine klare Individuierbarkeit zu sein, und Begriffe wie Ballungszentren, Regionen, Landschaften, aber auch Kirchen und Unternehmen beschreiben sozial konstruierte Objekte, die zwar eine physische Seite haben, aber gerade nicht klar individuierbar sind.?[8] Es lässt sich nicht eindeutig bestimmen, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Doch vielleicht kann bei Unternehmen generös über dieses strenge Kriterium hinweggegangen werden, denn immerhin lässt sich ungefähr angeben, wo sich beispielsweise der Hauptsitz von Siemens und 41wo sich seine Produktionsstätten befinden. Dann allerdings scheint die für Handeln interessante Körperlichkeit von Unternehmen an der biologischen Seite des Begriffs zu scheitern. Denn offensichtlich geht es um lebende Wesen, die in die Welt eingreifen, wenn von Akteuren die Rede ist. Und Unternehmen sind keine lebenden Wesen.

Doch diese zunächst evident erscheinende Intuition stellt tatsächlich noch kein überzeugendes Argument dar, denn es ist nicht ohne Weiteres einzusehen, warum Teile von Unternehmen, Roboter etwa oder andere Maschinen, nicht als Akteure betrachtet werden können, jedenfalls dann, wenn sie selbstständig etwas tun und in die Welt eingreifen. Darauf ließe sich allerdings erwidern, dass Roboter und Maschinen programmiert sind und insofern nicht wirklich selbstständig in die Welt eingreifen. Dieser Einwand ist vielleicht richtig, doch nun geht es offensichtlich nicht mehr um die Frage, ob Unternehmen und ihre Roboter Körper haben. Denn das Problem der Selbstständigkeit bezieht sich bereits auf die Rolle des Geistes. Selbst wenn Unternehmen Körperlichkeit zugestanden wird, so lässt sich dieser Einwand verstehen, dann scheitern sie immer noch an der zweiten Bedingung für den Akteursstatus. Unternehmen haben offensichtlich keinen Geist, also auch kein Bewusstsein, mit dem sie Absichten bilden können, die dann zu Handlungen führen.?[9] Kurzum: Mit einem zweifelhaften Körper und ohne Geist sind Unternehmen nicht von der richtigen Art, um als Akteure bezeichnet werden zu können. Da diese Position intuitiv einleuchtet, ist es wohl ratsam, die Idee von Unternehmen als verantwortlichen Akteuren aufzugeben und sich stattdessen auf die Mitarbeiterinnen und deren Verantwortung zu konzentrieren.

Dies würde zudem zum verbreiteten Dogma des methodologischen Individualismus passen, dem zufolge nur menschliche Individuen handeln können – eine Vorstellung, die in der Geschichte der Sozialtheorie stets eine bedeutende Rolle gespielt hat.?[10] Dem 42gegenüber steht der methodologische Kollektivismus oder Holismus, wie Popper es genannt hat, dem zufolge Kollektive wie Nationen und religiöse Bewegungen die eigentlichen Akteure und Menschen nur kleine und für sich allein genommen unbedeutende Zahnräder im großen Ganzen sind.?[11] In der Soziologie hat sich selbst zwischen der viel harmloseren Idee von Emile Durkheim, dass soziale Tatsachen menschliches Handeln bestimmen, und dem methodischen Gegenkonzept von Max Weber, dass Sozialanalysen immer bei dem Handeln von Menschen ansetzen müssen, ein anhaltender Theoriestreit ergeben.?[12] In der Wirtschaftswissenschaft wird in den meisten spiel- und entscheidungstheoretischen Überlegungen die strenge Individualität menschlichen Handelns schlichtweg vorausgesetzt. Demgegenüber möchte ich eine weitgehende These vertreten: Trotz seiner großen Bedeutung in den Sozialwissenschaften und trotz seiner hohen intuitiven Plausibilität muss das Dogma des methodologischen Individualismus zumindest in seiner plakativen Form aufgegeben werden. Stattdessen sollte anerkannt werden, dass Menschen in kollektiven und korporativen Umwelten handeln, wodurch kollektiv handelnde Gruppen und auch korporative Akteure entstehen. Ich werde im dritten Kapitel erläutern, wie korporative Akteure zu verstehen sind, und dann...

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