Und dieses verdammte Leben geht einfach weiter

 
 
Verlag Carl Ueberreuter
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Juli 2019
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7641-9240-2 (ISBN)
 
Seit Monaten freuen sich Timon und Sunny darauf, auf Mallorca das bestandene Abitur zu feiern. Zwei beste Freunde und drei Wochen Sonne, Spaß und Freiheit - was kann es Schöneres geben? Doch schon auf der Fahrt will die richtige Stimmung nicht aufkommen. Zu viel Unausgesprochenes steht zwischen ihnen. Sunny kann nicht aufhören, über ihren Exfreund zu schimpfen, und dann nimmt Timon in einem Anfall von Helfersyndrom auch noch den trampenden Jonas mit. Richtig fertig sieht Jonas aus. Als Sunny und Timon ahnen, was Jonas auf Mallorca wirklich vorhat und welche Bürde er mit sich herumträgt, ist es schon fast zu spät ... Ein mitreißendes, ein durch und durch besonderes Debüt über die Wunden der Vergangenheit und Begegnungen, die alles verändern - Fesselnd von der ersten Zeile an - Sympathische Charaktere, tolle Figurenpsychologie - Liebe, Tod und Scheidewege: die ganz großen Gefühle - Für Leser von John Green

Hansjörg Nessensohn ist am Bodensee geboren und aufgewachsen. Nach einem Medienwissenschaftsstudium in Thüringen arbeitete er zunächst als Texter in einer Münchener Werbeagentur, bevor er als Storyliner und Drehbuchautor zum Fernsehen ging. Von 'Verbotene Liebe' bis 'Hubert ohne Staller' - seit über zehn Jahren liefert er Ideen und Dialoge für die unterschiedlichsten TV-Formate. 2019 erschien sein Jugendbuchdebüt 'Und dieses verdammte Leben geht einfach weiter'. Hansjörg Nessensohn lebt in Köln.
  • Deutsch
  • 0,98 MB
978-3-7641-9240-2 (9783764192402)
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1.


Es ist ein schrecklicher Ort, um einzuschlafen. Diese Parkplatztoilette in Spanien, im glühend heißen Nirgendwo zwischen Andorra und Barcelona. Aber Jonas kann nicht anders. Er ist müde. Er ist so müde, wie er noch nie zuvor in den 17 Jahren seines Lebens müde war. Und obwohl ihm der bestialische Geruch nach Urin in der Nase brennt, ein See mit Klopapierinseln an seine Sneaker-Sohlen suppt und im Pissoir vor ihm Zigarettenstummel und ein gebrauchtes Kondom den Abfluss verstopfen, lässt er beim Pinkeln für einen kurzen Moment den Kopf an die Wand sinken. Ausruhen. Augen schließen. Dem periodischen Rauschen der vorbeirasenden Autos lauschen. Und darauf hoffen, dass dieser Ort schon Albtraum genug ist und seine eigenen Albträume ihn wenigstens hier für ein paar Minuten in Ruhe lassen.

Dass sie so krass zurückkommen, hätte Jonas nie für möglich gehalten. Er war sich sicher, die Sache mittlerweile im Griff zu haben. Anders als vor zwei Jahren, als es passiert ist. Als er jede Nacht schreiend aufwachte und so lang weiterschreien musste, bis die Erinnerung an das Geträumte wie eine Konfettikanone zerplatzte. Die letzte Zeit war aber gut, also gut im Sinne von weniger beschissen. Einmal die Woche, vielleicht zweimal waren sie noch da, damit konnte er umgehen. Musste er umgehen, das war er Lina schuldig. Genau wie die Entscheidung zu dieser Reise. Doch seit er beschlossen hat, nach Mallorca zu fahren, an den Ort, an dem das alles passiert ist, an dem sich sein Leben von ziemlich gut in eine totale Vollkatastrophe verwandelt hat, kommen sie wieder täglich. Und je näher er der Insel ist, desto erbarmungsloser werden sie. Desto deutlicher führen sie ihm vor Augen, dass er schuld ist. Dass er einen Fehler gemacht hat, diesen entscheidenden Fehler, den man nur einmal in seinem Leben macht und der nie mehr gutzumachen ist. Er trägt die Verantwortung dafür, dass seine Eltern ihre Tochter und seine Großeltern ihre Enkelin verloren haben. Und der gerechten Strafe wegen hat er natürlich auch seine Schwester verloren. Viel schlimmer ist aber, dass Lina seinetwegen ihre Familie verloren hat, ihre heile vier Jahre alte Welt, eingetauscht in ein unbekanntes Leben, hoffentlich Leben, an das zu denken er sich tagsüber verbietet, das ihm aber seine Albträume in den dunkelsten Farben ausmalen: Lina eingesperrt, hilflos fiesen Machtfantasien ausgesetzt, dabei leer geweint und nur noch stumm um Hilfe bettelnd.

Und warum? Weil er nicht aufgepasst hat, weil er nicht bei ihr geblieben ist, weil er für einen kurzen Moment des Glücks, des lächerlichen Glücks, alles geopfert hat. Und seine Schwester fast auf den Tag genau seit zwei Jahren spurlos verschwunden ist.

Mit letzter Kraft knallt Jonas seine Faust gegen die vollgesprayte Metallwand, in der vergeblichen Hoffnung, körperlicher Schmerz könnte die Schuldgefühle vertreiben. Die blecherne Explosion lässt die ganze Toilette vibrieren.

»Mann ey, bist du bescheuert?«

Jonas stößt sich ruckartig von der Wand ab. Er hat nicht bemerkt, dass sich jemand neben ihn ans Pissoir gestellt hat. Genauso wenig wie er seine Tränen bemerkt hat, die jetzt vermischt mit wässrigem Rotz sein Gesicht bedecken. Dabei hat er sich geschworen, nie wieder vor anderen Menschen zu weinen. Schnell wischt er sich mit dem Ärmel seines verschwitzten Shirts übers Gesicht.

»Alter, siehst du fertig aus.«

Jonas knöpft sich seine Hose zu und wirft dem Strohhutträger, der ihn mit seinen wasserblauen Augen eindringlich fixiert, einen feindseligen Blick zu. Er hasst es, wenn andere seine Schwäche erkennen. Vor allem wenn diese anderen dann auch noch in seinem Alter sind und ihre Erkenntnis mit einem läppischen Schulterzucken unterstreichen, als hätten nur sie das Patentrezept darauf, beim Jonglieren mit dem Schicksal alle Bälle in der Hand zu behalten.

»Geht's dich was an?«

Genervt drängt er sich unter dem Blick des Fremden vorbei ans Waschbecken, eine versiffte, in die Wand eingebaute Alu-Wanne, deren Quelle schon vor Jahren versiegt ist.

»Ist der beschissenste Ort der Welt, was? Oder steht das als Insider-Tipp da drin?«

Jonas folgt dem schräg grinsenden Kopfnicken seines Gegenübers und verflucht den Marco-Polo-Reiseführer von Mallorca in der Seitentasche seines Rucksacks, den er lediglich als Touristenalibi eingepackt hat. Und der diesem Deutschen nun das Recht gibt, ihm ein dusseliges Gespräch aufzudrücken.

Jonas dreht sich weg und schluckt einen Gegenkommentar runter. Er will nicht zugeben, dass die Bemerkung mit dem beschissensten Ort zutrifft. Dabei ist er in den letzten Tagen an vielen miesen Plätzen gewesen. Doch bevor er groß über seinen Trip nachdenken kann - über die sabbernde Dogge im Auto des Rentner-Ehepaars, das ihn von Frankfurt nach Freiburg mitfahren ließ; oder über den LKW-Fahrer, der ihn bis nach Toulouse mitnehmen wollte, dem er jedoch während eines Tank-Stopps abgehauen ist, nachdem er erfahren hatte, welche Gegenleistung von ihm erwartet wurde; oder über den Schlafplatz auf einem Maisfeld bei Lyon, das so matschig war, dass am nächsten Tag kein Mensch mehr auch nur in Erwägung zog, ihn mitzunehmen; oder an die windige Ladefläche, auf der er sich frierend festhielt, als es nachts über die Pyrenäen ging, wobei er sich die letzten Kilometer, die er wie so ein Hape-Kerkeling-Pilger bei 37 Grad zu Fuß zurücklegen musste, nicht mehr vorstellen konnte, jemals in seinem Leben eine Gänsehaut gehabt zu haben - bevor diese ganzen Erinnerungen also mehr werden können als aufblitzende Gedankenfetzen, fällt sein Blick auf den stumpfen Spiegel über dem Becken, aus dem ihm ein Gesicht entgegenstarrt, das er eigentlich kennen müsste. Ein Gesicht mit roten Augen in dunklen Höhlen, blonden Haaren, strähnig vom Kopf abstehend, und ein bisschen Bart, planlos auf Kinn und den sonnenverbrannten Wangen verteilt. Er braucht einen Augenblick, um zu kapieren, dass er das ist. Dass er jetzt auch äußerlich der ist, in den er sich vor zwei Jahren verwandelt hat. Kein schöner Anblick, aber schmerzhaft ehrlich.

Und ehrlich wäre wohl auch seine Antwort, wenn ihn genau jetzt jemand fragen würde, warum er sich diese Reise antut. Sie würde lauten, dass er dem Schicksal mit einem lauten »Fuck you« in die Fresse treten will. Aber ihn wird niemand fragen, weil niemand die geringste Ahnung hat, was er vorhat.

23. 08. 16

Ich soll alles aufschreiben, was ich weiß. Und was mir durch den Kopf geht. Hat diese spanische Polizistin zu mir gesagt. Dreimal hat die mich schon verhört. Señora Silvia Lorca. Lorrrrrrca. Die pro Frage fünf Zigaretten raucht. Fortuna.

Ich hab keine Ahnung, was das mit dem Aufschreiben bringen soll, ich hab doch alles schon tausendmal erzählt. Voll die Zeitverschwendung. Ich sollte besser helfen, Lina zu suchen. Aber jetzt ist es dunkel und niemand sucht. Also schreib ich, obwohl ich das echt nicht gut kann. Mit Paul hab ich manchmal Songtexte geschrieben, weil wir mit unseren Gitarren so berühmt wie James Blunt (Paul) oder Passenger (ich) werden wollten, aber das war schon alles. Und natürlich der ganze Schulkram. Klar, da schreibt man auch viel (Blödsinn). Ich hätte lieber alles ins Handy getippt, da bin ich schnell drin, aber die Kommissarin wollte, dass ich es in ein Buch schreibe. Voll retro. Angeblich fällt mir so mehr ein. Vielleicht hab ich das aber auch falsch verstanden. Señora Lorrrrrrca spricht zwar Deutsch, aber das hat sie in Österreich gelernt. Also das Deutsch. Vor drei Tagen hätte ich noch darüber gelacht. Jetzt nicht mehr. Keine Ahnung, ob ich irgendwann wieder lache. Im Moment glaub ich nicht.

Wie soll ich denn anfangen? Mit dem, was mir durch den Kopf geht? Kann ich machen.

VerdammteFickScheißeLinaWobistdu??Ichbringdenumderdirwasantut!!!!!WarumsuchendieIdiotenvonderPolizeinichtauchnachts?SoweitkannsiedochnichtseinichwardochnureinoderzweiStundenweg.IchbinsoeinverdammtesArschlochdassichüberhauptweggegangenbin.Linaallehassenmichdafürundichmichamallermeisten.

Bringt das jetzt was? Oder schreib ich besser doch noch mal auf, was passiert ist, obwohl das eh alle schon wissen?

Ja, es war an dem Abend vor zwei Tagen mit meinen Eltern abgesprochen, dass ich bei Lina bleibe. Ja, ich bin trotzdem mit Paul zum Strand runter. Ja, es waren noch andere Gäste unterwegs. Nein, ich kannte die nicht. Ja, wir hatten zwei Literflaschen Sangria dabei. Ja, sie waren geklaut aus dem Hotel-Shop hier. Ist kein Geheimnis mehr, weiß eh schon jeder. Wir wollten das Ferienende feiern, genau wie unsere Eltern. Und das haben wir auch gemacht. Und als ich zurückgekommen bin, ich war kurz vor meinen Eltern da, Paul ist direkt zu sich ins Zimmer, war Lina nicht mehr in ihrem Bett. Die Balkontür stand auf. Und ich hab angefangen zu suchen. Draußen beim Pool. Im Garten, am Spielplatz. Erst hab ich leise nach ihr gerufen, dann immer lauter. Und das haben dann meine und Pauls Eltern gehört, als die aus irgendeiner Bar zurückgekommen sind. Ich glaub, ich hab geweint, als...

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