Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 15

Predigten 1978
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 15. November 2018
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  • 152 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7481-5453-2 (ISBN)
 
Müssen historische Angaben in einer Predigt im wissenschaftlichen Sinne korrekt sein? Steht und fällt die Aussage einer Predigt damit, dass alle wissenschaftlich nachprüfbaren Aussagen der Prüfung standhalten? Antwort: Nein. Es ist zwar gut und wichtig, Fakten möglichst sorgfältig zu recherchieren. Eine Predigt kann aber auch dann ihren guten Zweck erfüllen, wenn der Faktencheck fehlerhafte Aussagen aufdeckt.
Die Predigten dieses Buches und der ganzen Predigtsammlung sind jeweils nach bestem Wissen und Gewissen und den jeweils vorhandenen zeitlichen Möglichkeiten auf Sachaussagen hin sorgfältig recherchiert worden. Auch wenn sie nicht immer wissenschaftlichen Ansprüchen genügen werden, vermitteln sie hoffentlich dennoch ihr wesentliches Anliegen, nämlich das weiterzugeben, was im Titel der Reihe formuliert ist: Das Ja zum Leben und zum Menschen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,55 MB
978-3-7481-5453-2 (9783748154532)
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Nach dem Theologiestudium in Bochum, Detroit und Hamburg war der Autor Vikar und Pastoralassistent in seiner Heimatstadt Cuxhaven. Dort verbrachte er auch seine ersten Dienstjahre. Von 1980 bis 2010 war er Pastor an St. Markus in Hamburg-Hoheluft. Eines seiner Lebensthemen ist die Förderung interkultureller Begegnungen. In den siebziger Jahren sorgte er für die Beschulung von Gastarbeiterkindern in Cuxhaven. Dreißig Jahre lang leitete er ein von ihm gegründetes deutsch-argentinisches Jugendaustauschprogramm. Der Autor lebt als Ruheständler in Hamburg.

Angst vor der Freiheit?


15. Januar 1978

Letzter Sonntag nach Epiphanias

2. Korinther 3,12-18;4,6

Vor mehr als sieben Jahren habe ich als Abschluss meiner Studienzeit in den USA mit einem Freund zusammen eine Busreise in den Westen bis hin nach Kalifornien gemacht. Wir haben uns bei den zahlreichen Sehenswürdigkeiten unterwegs nach Lust und Interesse mal kürzere, mal längere Zeit aufgehalten. Wir fuhren auch nach Los Angeles und nach Hollywood.

Dort in der Filmmetropole haben wir uns Studios angesehen. Eines ist mir durch den Predigttext wieder besonders in Erinnerung gekommen: die Universal City Studios. Darunter darf man sich nur nicht nur ein paar Räume vorstellen, in denen Filme hergestellt werden. Bei diesen Universal City Studios handelt es sich um eine ganze Stadt. Wir haben eine Führung mitgemacht. In einem offenen Bus fuhren wir durch die Straßen dieser Filmstadt. Sie liegt in einem kleinen Tal, eine Stadt, die alle paar Tage ein wenig anders aussieht, je nachdem, was gerade für ein Film gedreht wird.

Unterwegs erklärte man uns - ich hatte das selbst noch gar nicht richtig bemerkt -, dass da an den Straßenseiten gar keine richtigen Häuser standen, sondern nur Fassaden, veränderbare Fassaden, die allerdings so echt aussahen, dass sie zumindest nachher im Film niemand mehr von richtigen Häusern würde unterscheiden können. Wir durften allerdings hinter die Fassaden schauen und waren ganz erstaunt und ein wenig erschrocken, dass da nichts war als nur Gerüste, ansonsten gähnende Leere. An diese Geisterstadt - Menschen können da ja nicht leben - hat mich der heutige Predigttext erinnert.

Aber bevor ich das erläutere, möchte ich noch von einer anderen Erfahrung erzählen, die gewissermaßen das Gegenstück liefert zu dem, was ich eben berichtet habe. Und zwar, wenn Sie in Hamburg in der Innenstadt spazieren gehen und in die Bugenhagenstraße kommen - das ist eine der Straßen, die parallel zur Mönckebergstraße verlaufen -, mit einer langen Reihe von, wenn ich recht erinnere, Backsteingebäuden mit ausdrucksloser Fassade, die wegen der Enge der Straße und der Höhe der Gebäude nur wenige Augenblicke am Tag von der Sonne beschienen ist -, wenn sie also da spazieren gehen und vor der Nummer 21 stehen bleiben, dann werden sie nichts als trostlosen, dunklen, schmucklosen Backstein vor Augen haben. Sie werden an dieser Fassade den grauen Großstadtalltag ablesen, das Unpersönliche, das Fremde, Gefühlslose, das Erdrückende und Unmenschliche. Sie möchten vielleicht schnell weitergehen zu einem freundlicheren, farbenfroheren, helleren Ort, wo sie wieder frei atmen, die Augen sich erholen können und das Herz sich weiten kann.

Aber wenn sie, statt schnell weiterzugehen, eintreten in dieses Gebäude, die Fassade durchdringen, um zu entdecken, was sich dahinter verbirgt, wenn Sie durch die Räume hindurchgehen, sich mit Menschen unterhalten, dann wird Ihnen Schritt für Schritt deutlicher werden, welche Fülle an Leben, an menschlicher Wärme sich hinter der toten, glanzlosen Fassade verbirgt.

Sie befinden sich nämlich in der Zentrale des Diakonischen Werkes der ehemals Hamburgischen Landeskirche, wo die vielen Maßnahmen koordiniert werden, die die Liebe Gottes in praktischen Diensten am Mitmenschen verwirklichen sollen: in der Betreuung alter Menschen, Kranker, Suchtgefährdeter, Strafentlassener, Arbeitsloser, überarbeiteter Mütter, unverheirateter Mütter, in der Betreuung von Ausländern und hilfsbedürftigen Menschen in aller Welt und vieles andere mehr.

Nichts davon hat sich an der Fassade ablesen lassen, ja, eigentlich bestand ein gewisser Gegensatz zwischen dem eher beängstigenden Äußeren und dem lebendigen Inneren. Nur der beherzte Schritt hinein, ausgelöst vielleicht durch die kleine Aufschrift am Eingang: "Diakonisches Werk", hat die erstaunliche Erkenntnis ermöglicht.

Diese beiden Erfahrungen, die von der Filmstadt und die vom Diakonischen Werk, liefern uns die Bilder, die uns helfen können, den heutigen Predigttext zu verstehen. Denn Paulus spricht auch von einem vordergründigen Schein und einer dahinterliegenden Wirklichkeit.

Die Fassade ist für ihn das Gesetz Mose, die Gesetze, die Mose von Gott auf steinernen Tafeln empfangen hatte. Diese Gesetze geben die Regeln, die äußeren Regeln für ein gottwohlgefälliges Leben, nicht nur die zehn Gebote, sondern die vielen Gesetze des Alten Testaments. Unter Verheißung von Lohn und Androhung von Strafe weisen sie festgelegte Wege. Sie sind wie eine große Stadt, in der alles seinen Platz hat, in der die Straßen und Wege vorgegeben sind. Wenn wir da hindurchgehen, uns alles ansehen, fragen wir uns vielleicht, was sich da hinter der Fassade verbirgt, hinter den grauen, eintönigen und den schönen, geschmückten Fassaden. Wir fragen uns vielleicht, warum die Straßen so verlaufen müssen und nicht anders, warum manche breit und andere so schmal sind, einige so verschlungen und andere so gerade und kurz sind.

Aber wie groß ist unsere Neugierde oder wie groß ist unser Mut zu hinterfragen? Eine Stadt, fertig gebaut - gibt sie uns bei manchem, was uns fragwürdig erscheint, nicht auch Sicherheit, ja, das Gefühl, dass alles seine Ordnung hat, auch wenn wir uns in der Ordnung manchmal eingeengt fühlen? Mit dem, was wir sehen, begnügen wir uns, geben wir uns zufrieden, damit finden wir uns ab, danach richten wir uns aus.

Paulus macht es den Israeliten zum Vorwurf, dass sie in dieser Weise mit den Gesetzen des Mose umgegangen seien. Er sagt: Ihr geht mit den Gesetzen um, als seien sie schon das Letzte, das Höchste. Ihr nehmt ihre Forderungen ernst und meint, damit sei es genug.

Diese Gesetze haben, so sagt Paulus, ihre unbestreitbare Bedeutung für unser Leben. Sie sind um unserer Schwächen willen nötig, sollen uns zwischen dem Rechten und dem Unrechten unterscheiden lehren und legen uns den erforderlichen Zwang auf, um ihren Forderungen nachzukommen.

Und weil sie von Gott gegebene Gesetze sind, sind sie auch von einem göttlichen Glanz umgeben. Aber sie sind noch nicht das Größte und Wichtigste, sind noch nicht das Letzte, was Gott uns zu sagen hat. Sie sind etwas Vorläufiges. Sie haben eine begrenzte Aufgabe.

Der in ihnen zum Ausdruck kommende Wille Gottes, den Menschen zu helfen, nimmt noch ganz andere Gestalt an, die wesentlicher, bedeutsamer ist, hinter der die Gesetze ihren Glanz verlieren, nämlich die Gestalt Jesus Christus. In ihm bringt sich Gott auf neue, endgültige Weise zum Ausdruck.

Das, so sagt Paulus, haben die Juden nicht erkannt. Mose hat sich in einer Decke verhüllt, damit niemand das Schwächerwerden seines Glanzes merken würde. Und bei der Verlesung des Alten Testaments liegt den Israeliten eine Decke auf ihren Herzen, sodass sie nicht merken, dass in Jesus Christus ein Größerer zu ihnen gekommen ist als in Mose.

Den Vorwurf, den Paulus hier an die Juden richtet, dürfen wir auch als an uns gerichtet verstehen. Auch wir sind geneigt, die äußeren Formen zu verherrlichen, die Gesetze, die traditionellen Verhaltensregeln: "Das gehört sich nicht!" Wir sind geneigt, uns an Äußerlichkeiten zu halten, weil sie sichtbar sind, berechenbar. Sie geben uns eine gewisse Sicherheit. Wir wissen, woran wir sind.

Und lieber nehmen wir die Zwänge der Gesetze, der überkommenen Verhaltensregeln auf uns, als dass wir sie hinterfragten und uns damit in eine Ungewissheit hineinbegäben. Wir geben uns mit den Fassaden zufrieden, weil sie uns den Eindruck einer in sich geschlossenen Welt bereits vermitteln. Wir halten es nicht für nötig - oder besser: "Wir wagen es nicht" -, hinter die Fassaden zu schauen, vielleicht aus der Angst heraus, der vielleicht unbewussten Angst heraus, hinter ihnen eine große Leere zu entdecken.

Es mag sein, dass diese Angst in uns steckt, dass, wenn wir zu viel hinterfragen, wir keine Antwort mehr bekommen werden, dass wir dann mit unseren Fragen allein bleiben und uns das mehr zu schaffen machen würde, als mit vorläufigen unvollkommenen Antworten zu leben. Die Angst, ins Leere zu stoßen, mag in uns stecken.

Aber an dieser Stelle hat Paulus uns etwas zu sagen. Er will uns Mut machen, uns die Decke von unseren Herzen nehmen zu lassen und weiter zu blicken als bis zur Fassade. Er will uns Mut machen, dahinter zu schauen; denn nicht gähnende beängstigende Leere werden wir finden, sondern einen Reichtum an Leben, eine neue große Freiheit, all das, was Jesus Christus für uns bereithält. Wenn wir eintreten, durch die Fassade hindurch ins Innere, dann wird sich uns eine weite Welt auftun des Verständnisses, der Annahme, der Versöhnung, der Vergebung, der Freude und Fröhlichkeit, der Barmherzigkeit, des Friedens, der Liebe.

Von draußen ist all das nicht zu erkennen, fast nur zu erahnen. Die äußeren Bedingungen unseres Lebens, die Gesetze und Ordnungen, sind so fad, dass es nur die Hoffnung ist, die uns nach mehr suchen lässt, die uns alles Vorläufige und Vorgegebene hinterfragen lässt.

Solche Hoffnung hat Paulus gehabt. Sie hat...

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