Die Feuerheilerin

 
 
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  • 1. Auflage
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  • erschienen am 13. Januar 2017
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  • 400 Seiten
 
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978-3-8437-1404-4 (ISBN)
 
Oktober 1596: Das Antoniusfeuer breitet sich wie eine Epidemie aus. Auch die Heilerin Lovenita Metz, die mit ihrer Tochter zur Frankfurter Herbstmesse reist, ist besorgt. Auf der Messe trifft sie den sogenannten Propheten Albinus Mollerus, den Vater
ihrer Tochter, der die Ängste schürt, indem er den Weltuntergang voraussagt. Er beschuldigt Lovenita, für den Ausbruch des Antoniusfeuers verantwortlich zu sein. Da taucht der Stadtphysikus Johannes Lonitzer auf und verliebt sich unsterblich in Lovenita. Er ist erpicht, die wahre Ursache der Krankheit herauszufinden. Wird er es schaffen, die Bevölkerung zu retten, und können er und Lovenita glücklich werden?
1. Auflage
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 2,78 MB
978-3-8437-1404-4 (9783843714044)
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Ursula Neeb hat Geschichte studiert. Aus der eigentlich geplanten Doktorarbeit entstand später ihr erster Roman "Die Siechenmagd". Seitdem hat sie viele historische Romane veröffentlicht, unter anderem die "Hurenkönigin"-Reihe. Sie arbeitete außerdem beim Deutschen Filmmuseum und bei der FAZ. Heute lebt sie als Autorin mit ihren beiden Hunden in Seelenberg im Taunus.

Prolog


Graue Nebelschwaden hingen über den Flussauen des Rheins und dämpften alle Geräusche. Selbst der Nieselregen schwebte lautlos vom wolkenverhangenen Abendhimmel herab und hüllte alles in hauchdünne Schleier. Die Frau mit dem roten Kopftuch und dem bunten, orientalisch anmutenden Gewand, die am Flussufer Kräuter sammelte, hielt plötzlich inne und versank in der Betrachtung eines großen, kunstvoll gewebten Spinnennetzes, in dem die Regentropfen glitzerten. Violetta Metz, ihres Zeichens Heilerin und Wahrsagerin des Zigeunerclans der Kesselflicker, hatte einen Blick für die Schönheit der Natur. Versonnen betrachtete sie die wohlgenährte Kreuzspinne, die unbeweglich in dem filigranen Gebilde saß und auf Beute lauerte. Dein Tisch ist doch sowieso schon gut genug gedeckt, musst du dann auch noch die ganzen Glühwürmchen fressen, dachte Violetta ergrimmt und stellte mit Bedauern fest, dass sie in diesem Sommer, der den Namen weiß Gott nicht verdient hatte, noch kein einziges Glühwürmchen gesehen hatte. Die wundersamen Zaubertierchen, die Violettas Herz so erfreuten, muteten an wie ausgestorben. Selbst im dichten Ufergestrüpp, wo sich die kleinen Leuchtkäfer in der Dämmerung sonst besonders gerne tummelten, waren sie nicht auszumachen. Während Violettas Blick noch über das Dickicht schweifte, gewahrte sie mit einem Mal die Konturen einer Gestalt, die am Flussufer saß. Sie trat einen Schritt vor, um sich die Person genauer anzuschauen, und erkannte, dass es sich um eine junge Frau handelte, die einen Säugling auf dem Arm hielt. Sie weinte und starrte aufs Wasser. Bei ihrem Anblick wurde die Zigeunerin von einer plötzlichen Müdigkeit erfasst, die auf ihren Schultern lastete wie Blei - ein sicheres Zeichen für Violetta, dass sie Zugang zu der Seele eines Menschen hatte. Die Botschaft, die sie empfing, war jedoch kaum zu ertragen, denn die junge Frau wollte ihrem Leben ein Ende bereiten. Wie eine Schlafwandlerin ging Violetta auf die Frau zu, ließ sich neben ihr nieder und blickte sie unverwandt an. Die Tränen der jungen Mutter wurden immer verzweifelter, während sie die alterslose Frau mit den markanten, fremdländischen Gesichtszügen und dem farbigen Gewand ansah, die leise zu sprechen begann.

»Du bist nicht allein, ich bin bei dir und werde dir helfen«, sagte Violetta besänftigend. »Dir geht es gut, und du wirst weiterleben!«

Über das verhärmte Gesicht der jungen Frau huschte ein Lächeln. »Mir geht es gut, und ich werde weiterleben«, wiederholte sie wie in Trance.

»Du musst weiterleben, weil dein Kind dich braucht, und du wirst weiterleben!«, befahl ihr die Zigeunerin mit fester Stimme.

»Ich werde weiterleben«, murmelte die Frau, »weil mein Kind mich braucht .« Doch unversehens verstummte sie und gab dann einen verzweifelten Aufschrei von sich, der Violetta durch Mark und Bein ging.

»Aber ich will nicht mehr leben!«, stammelte sie. »Das war schon immer so und wird sich auch niemals ändern.«

Violetta war schon vielen Schwermütigen begegnet, was in dieser düsteren, von Seuchen und Hungersnöten geprägten Zeit auch nicht erstaunlich war. Manches Mal war es ihr sogar gelungen, einen Gemütskranken von seiner Melancholie zu befreien - aber im Falle der jungen Mutter, und das spürte sie bis ins Innerste, standen ihre Chancen schlecht. Die Seele der Unglücklichen war einfach zu umnachtet, und der Schatten der Schwermut, der ihr Gemüt verdunkelte, war zu groß, als dass sie ihn hätte lichten und die Lebensgeister hätte wecken können. Unversehens lastete auch auf der Seele der Heilerin eine abgrundtiefe Traurigkeit, die sie zu überwältigen drohte. Violetta, die solche todtraurigen Momente schon erlebt hatte, in denen sie mit ihrer Gabe an Grenzen stieß und ohnmächtig erkennen musste, dass dem Kranken nicht mehr zu helfen war, schüttelte sich wie ein nasser Hund, um die Beklemmung loszuwerden und wieder Klarheit zu erlangen. Doch die erfahrene Heilerin mochte die Hoffnung nicht aufgeben, denn mitunter glomm selbst bei den vermeintlich aussichtslosen Fällen noch ein Fünkchen Lebenslicht im Innern - sollte es sich so verhalten, würde sie es entfachen, dachte Violetta entschlossen. Hier ging es eindeutig darum, zwei Leben zu retten, war doch das Geschick des Kindes untrennbar mit dem der Mutter verbunden. Sie sah die Schwermütige offen an, und aus ihren Augen sprach ein solches Mitgefühl, dass es der Unglücklichen unwillkürlich das Herz öffnete. Die junge Frau fühlte eine tiefe innere Ruhe und Entspannung, die sie auf wundersame Weise in die Lage versetzte, über ihre Drangsal zu sprechen, was ihr bisher in ihrem leidvollen Leben gänzlich unmöglich gewesen war.

»Dieser Fluch wurde mir schon in die Wiege gelegt«, erklärte die Gemütskranke leise. Violetta erkannte erstaunt, dass sie unter der Dreckkruste, die ihr Gesicht überzog, eigentlich sehr schön war. Sie war blutjung, die Zigeunerin schätzte sie auf höchstens siebzehn Jahre. Der von Schwermut verschleierte Blick der jungen Mutter wurde allmählich klarer. Sie stellte sich Violetta als Theresa Guth vor, die jüngste Tochter eines wohlhabenden Mainzer Kaufmanns.

»Ich war ein sehr verschlossenes, zu Grübeleien neigendes Kind. Am fröhlichen Spiel anderer Kinder mochte ich kaum teilnehmen, ich hatte keine Freude an ihrem ausgelassenen Treiben. Die meiste Zeit stand ich unbeteiligt am Rande und zog mich in meine eigene Welt zurück. >Ihre Melancholie wird sich schon lichten, wenn sie einen Bräutigam hat<, pflegte meine Mutter immer zu sagen«, erklärte die junge Frau mit sarkastischem Auflachen. »Schön anzusehen, wie ich nun einmal war, fand sich auch bald ein Heiratskandidat aus begütertem Hause, der bei meinem Vater um meine Hand anhielt. Das war vor drei Jahren, ich war gerade dreizehn geworden .« Theresa seufzte. »Ich kannte Wolfgang, den Sohn eines reichen Mainzer Tuchhändlers, schon aus Kindertagen - und konnte diesen eitlen, selbstverliebten Gecken nicht ausstehen. Er sah zwar blendend aus und konnte sich gewählt ausdrücken, doch er hatte ein kaltes Herz, und für ihn zählten nur Geld und Erfolg, die er durch unsere Heirat zu mehren glaubte. Die Hochzeitsvorbereitungen liefen auf Hochtouren, als ich zum ersten Mal versuchte, mich selbst zu entleiben. Ich wollte mich auf dem Dachboden aufknüpfen - was jedoch leider fehlschlug.« Das Bedauern der jungen Frau war offenkundig. »Meine Familie bemühte sich daraufhin mit größter Diskretion um Hilfe und fand sie bei dem Dominikanerpater Aloisius aus Worms, der als einer der namhaftesten Exorzisten im ganzen Lande galt. Zunächst suchte der Pater mich mit salbungsvollen, trostreichen Predigten von meinen Obsessionen abzubringen, jedoch ohne den erhofften Erfolg. Ich dämmerte nur noch in dumpfer Apathie vor mich hin, was es den Menschen in meiner Umgebung unmöglich machte, normalen Umgang mit mir zu pflegen. Daraufhin unternahm Pater Aloisius mit mir eine Wallfahrt in die Eifel, zum Kloster des heiligen Cornelius, des Schutzpatrons der Gemütskranken und Fallsüchtigen, wo wir gemeinsam mit anderen Kranken vor dem Reliquienschrein des Heiligen beteten, gesegnete Corneliusbrote erhielten und geweihtes Wasser aus dem Trinkhorn des Heiligen tranken. Doch da auch das nichts nützte und mein Gemüt weiterhin umnachtet blieb, entschloss sich der Pater schließlich, eine Teufelsaustreibung an mir vorzunehmen. Diese war für mich um einiges schlimmer als meine Schwermut. Aber auch das half nichts.« Die Gesichtszüge der jungen Frau bebten. »Mein vortrefflicher Bräutigam war der Erste, der sich von mir abwandte, gefolgt von meiner Familie, die schweren Herzens akzeptierte, dass ihre wunderhübsche Tochter vollends zu den Sinneskranken gehörte«, erläuterte die junge Frau bitter. »Meine Eltern ließen mich aus der gesetzlichen Erbfolge streichen und verwahrten mich in einer abschließbaren Dachkammer. Meine Pflege und Versorgung überließen sie einer alten Magd, sie selbst gaben sich fortan nicht mehr mit mir ab. Daraufhin versuchte ich erneut, meinem unseligen Dasein ein Ende zu bereiten, und schlitzte mir mit der Kante eines Silberlöffels, den ich zuvor am Mauerwerk geschärft hatte, die Pulsadern auf. Dies war jedoch ebenso wenig von Erfolg gekrönt, denn die alte Hausmagd fand mich viel zu früh, in einer Blutlache, aber noch lebendig. Meine Familie steckte mich kurzerhand in den Mainzer Narrenturm, wie man es so macht mit Toren, die einem nur Verdruss bereiten. Das war vor gut zwei Jahren. Im Narrenturm gab ich mich vollends auf und wünschte mir nur noch den Tod. Etliche Male habe ich seither Hand an mich gelegt, doch die Turmwärter waren wachsam, und so wurde ich immer wieder ins Dasein zurückgezwungen.« Die junge Frau hielt inne und wischte sich die Tränen, die auf ihren schmutzverschmierten Wangen helle Schlieren hinterließen, aus den Augenwinkeln.

Die Zigeunerin legte ihr mitfühlend die Hand auf den Arm. »Wasch dir mal gründlich das Gesicht, mein Kind, du kannst ja vor Dreck kaum noch aus den Augen schauen«, sagte sie begütigend und bot der jungen Frau an, solange das Kleine zu halten.

»Die Wasserrationen im Narrenturm sind knapp bemessen und reichen gerade so, dass keiner der Narren verdurstet«, erläuterte Theresa, reichte den schlafenden Säugling behutsam an die Zigeunerin weiter und reinigte sich mit dem Flusswasser gründlich das Gesicht. Zum Vorschein kam ein Antlitz von elfenhafter Schönheit. Erst jetzt fiel Violetta auf, dass die junge Frau meergrüne Augen hatte. Es ist jammerschade um so ein junges, liebreizendes Geschöpf, ging es ihr durch den Sinn, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Ohne dass Violetta ihre Gedanken ausgesprochen hätte, knüpfte die...

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