Die See erzählt von Seglerliebe

Hommage eines Skippers an seine große Liebe
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Juli 2021
  • |
  • 180 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7543-8092-5 (ISBN)
 
Skipper Hans hat sich mit Leib und Seele dem Segelsport verschrieben. Nach über 50 Jahren als Segler, Segellehrer und Skipper zieht er Bilanz, kramt in seinen alten Logbüchern, die über 40.000 Seemeilen akribisch dokumentieren, findet längst vergessene Episoden und Berichte von seinen Sturmfahrten, Flauten und traumhaften Abenden in den Häfen. Er erinnert sich an ungewöhnlich kuriose Begebenheiten, Freundschaften in den besuchten Häfen zwischen Rochester und Dubrovnik, aber auch an längst vergangene Affären, die nicht im Logbuch stehen. Vor allem seine Liebe zur See wird in vielen Geschichten deutlich.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 10,24 MB
978-3-7543-8092-5 (9783754380925)
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Der Autor , Jahrgang 1945, Dipl.-Ing. Maschinenbau und Dipl. Segellehrer ist ein Segler aus Leidenschaft. In über 40 Jahren Ausbildungstätigkeit hat er unzähligen Trainees die Liebe zum Wassersport und besonders zum Segeln nahe gebracht.

Rochester for Order


Es war eine jener Nächte, in denen man unbedingt allein sein möchte.

Seit über 50 Jahren segle ich, davon 25 Jahre als Skipper. In meinem wahrlich ereignisreichen Leben gab es nur wenige wirkliche Ruhepunkte. Es waren die Nächte auf See oder in den Hafenstädten, die ich allein und ohne schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kameraden, Freunden oder Trainees genießen konnte. Meist saßen wir ja gemeinsam in einer der Hafenkneipen, je nach Gegend ein Pub, eine Osteria oder eine Konoba und wir tobten uns mit unseren alten Geschichten bei Whisky, Bordeaux oder auch Slibowitz und gutem Essen aus. Die Sangesfreude meiner Crews war sprichwörtlich.

Und heute denke ich zurück an den Mai 1996. Ich sitze wie damals allein am Medway-River, im Rücken die Quais von Rochester in der Grafschaft Kent.

Rochester am Medway

Die wenigen Lichter funzeln vor sich hin, spiegeln sich im träge fließenden Medway, der heute am späten Abend dunkel und dickflüssig wie mein Stout aussieht. Den Krug hab´ ich mir drüben im "Medway Inn" füllen lassen, dort wo meine Mitsegler an der Theke stehen, Whisky trinkend und laut palavernd.

Heute brauche ich mal die Ruhe.

Vorgestern sind wir mit der Fähre nach einer fast zweitägigen Fahrt von Hamburg die Elbe runter, durch den Englischen Kanal nach Schottland in Harwich/Port eingetroffen. Ein Bus brachte uns nach Chatham, das liegt etwas südlicher als Rochester. Dort musterte ich auf dem russischen Viermaster "SEDOV" an. Gebucht hatte ich vor einem halben Jahr. Ich hatte das Privileg, eine Koje in einer 6er Kabine zu bekommen, die anderen Trainees in 12er Kabinen. Dieser imposante alte Großsegler, heute der schönste und größte noch segelnde Viermaster der Welt, hat eine Länge von 117,5 Metern und eine Masthöhe von 58 Metern.

Einmal noch Windjammer segeln, wie früher.

Es war im Jahr 1963. Mit fünf Monaten seemännischer Ausbildung auf dem Segelschulschiff der DDR, einer Schonerbrigg, begann mein Seglerleben. In den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts bin ich mit der "Towarischtsch", der "Krusenstern" und der "Dar Pomorza" gesegelt, ebenso mit der "Falken" und der "Gladan". Unvergessen diese Törns.

Und jetzt bin ich hier in Rochester.

Gestern früh fuhr ich mit der U-Bahn nach London, um die Gelegenheit zu nutzen, nochmal einige Sehenswürdigkeiten aufzusuchen. Zuerst Piccadilly Lane, dann die Towerbrigde und den Tower, zum Schluss noch die Nelson-Säule. Der Tag war interessant, aber auch ermüdend.

Heute habe ich mir das alte Marinearsenal von Rochester am Medway angesehen. Das war beindruckend und man versteht danach die maritime Geschichte Britanniens besser. Rochester ist eine Stadt und ehemalige City in der Grafschaft Kent mit etwa 24.000 Einwohnern. Diese kleine alte Stadt liegt an der letzten Furt des Flusses Medway vor seiner Mündung in die Themse, etwa 50 km von London entfernt. Neben vielen älteren Gebäuden stechen vor allem die Burg von Rochester und die Kathedrale hervor. Viele Gebäude aus der Innenstadt stammen aus dem 18. Jahrhundert, für mich wie ein Ausflug in die Geschichte des Mutterlandes der Schifffahrt. Und für den Spätnachmittag hatte ich mich mit der Crew im "Medway Inn" verabredet. Rainer spendierte eine Runde "London Porter". Von diesem Starkbier kannst du wirklich nur ein Glas trinken. Ist nicht mein Fall.

Ja, ab und zu ein Irish Stout, dass schmeckt mir besser und hilft auch. Heute aber haben wir uns hier beim "St. Austell" festgetrunken.

Bei mir meldet sich der Hunger. Die Karte ist gut, eigentlich untypisch für Kent.

Als Starter bestelle ich mir sechs King Prawns in Butter und Olivenöl gebacken mit Chillies, serviert mit heißem Krustenbrot. Hallo, das habe ich hier nicht erwartet, der Koch Ruby ist richtig gut. Als Hauptgang empfiehlt er mir dann Ruby´s Chicken Curry.

Danach bin ich satt und fast zufrieden mit der Welt, lasse mir meinen Krug mit schwarzem Stout füllen und gehe rüber zum Medway River. Da sitze ich nun und schaue über den Fluss, in Gedanken versunken und hätte beinahe den Kutter übersehen. Er kommt sicher von der Themse-Mündung und arbeitet sich mit dem dumpfen Klopfen seines Einzylinders den Medway aufwärts, auf dem Fluss die dunkle Linie des Kielwassers hinterlassend.

Ein kleines Schiffchen auf dem großen Wasser.

Ob der Fischer herüber schaut zu der Silhouette des einsamen Mannes, der hier im Dunkel unbeweglich auf den Stufen neben der Brücke sitzt?

Sicher nicht.

Wenn der Fang gut war, wird er zufrieden an der Zigarette oder der Pfeife ziehen und eine Mug mit heißem Tee schlürfen.

Ich schaue ihm hinterher, bis sein Hecklicht verlöscht. Die Männer auf diesen Schiffen sind aus dem harten Holz der Insel geschnitzt, sie wurden mit Salzwasser getauft, da auch ihre Väter schon mit diesen Schiffen das Meer vor der großen Insel befahren haben. Es ist ihr Leben seit Generationen, etwas anderes können sie sich nicht vorstellen. In diesen Minuten beneide ich sie.

Meine Vorfahren kamen von der Küste des baltischen Meeres, vielleicht Nachfahren der Wikinger.

Sie waren Händler und wurden sesshafte Bauern am großen Fluss Oder. Vielleicht ist meine Liebe zur Seefahrt ein spätes Aufflammen einer langen verschütteten Sehnsucht nach dieser einfachen klaren Tätigkeit eines Seemanns.

Vielleicht auch die Sehnsucht nach dem Kräftemessen mit der Urgewalt der Natur, bei der Intuität, Verlässlichkeit und Wissen Voraussetzung für einen erfolgreichen Broterwerb sind.

An Land bin ich selten zur Ruhe gekommen. Hast und unruhiger Schlaf waren mein Begleiter, jedes Mal bis zum nächsten Törn.

Nein, auf Fischfang war ich nie, habe auch nur für kurze Zeit Güter transportiert (Trampfahrt), aber ich habe wohl über tausend Mal ein Schiff mit Trainees sicher von Hafen zu Hafen gebracht, bei jedem Wetter. Und ich bin überzeugt, dass dies die einzige Aufgabe eines Skippers ist. Dass ich dabei zukünftige Schiffsführer ausgebildet habe, versucht habe, in ihnen die Liebe zum Segeln zu wecken, anderen die Schönheit des Meeres zu zeigen, das war die Zugabe.

Und wenn ich am Ruder saß, die Crew in den Kojen lag, einen neuen Tag erwartend, wenn die Segel gut getrimmt das Schiff stetig vorantrieben, dann war ich zufrieden, wie der Fischer vorhin.

Ich denke an die Nächte auf der Adria, 26 Stunden von Zadar nach Dubrovnik oder viele Male nachts von Rab nach Cres, das waren Highlights.

Dreimal von Scarlino an Elba vorbei, um das Nordkap von Korsika nach Calvi an der Westküste von Korsika zu segeln, mit dem Glück, immer guten Wind zu haben, das

ist das wahre Leben.

Die Ostküste von Istrien auf dem Kvarner am 24.09.2004

Aber auch die Zufriedenheit, am 24.09.2004 ein Schiff sicher durch einen Orkan mit 65 kn Wind gebracht zu haben.

Nicht dass ich gefährliche Situationen brauche, im Gegenteil. Wer behauptet, das Risiko zu lieben, hat den Sinn seiner Aufgabe als Skipper nicht verstanden.

Der liebt auch das Meer nicht, der hasst es und will es besiegen, welch unmögliches Ansinnen.

Es wäre auch gegenüber den Trainees an Bord, die dem Skipper vertrauen, mehr als unfair. Dagegen fühle ich, nachts hier am Medway mit einem leeren Bierkrug sitzend, den Fluss vor mir wie ein lebendes Wesen, das sich langsam zum Meer wälzt.

Manchmal, wenn das Meer zornig ist, mein Schiff emporhebt, kurz abbremst und wieder beschleunigt, fühle ich Gleiches. Es bremst mich ab, nur um mir einen kurzen Blick hinunter in sein Inneres zu ermöglichen, spürt dann, wie ich es mit dem Ruderblatt streichle und gibt mir die Geschwindigkeit wieder, die ich zum Manövrieren brauche. Und so sind wir beide zufrieden, die See und ich.

Als ich das leise Knurren meines leeren Bierkruges höre, möchte ich mich sofort entschuldigen, habe ich doch die Zeit vergessen. Nach dem kurzen Weg zurück ins "Medway Inn" bestelle ich mir last Order noch ein Stout, so schwarz wie die Seele eines ehrlichen Seemanns. Drüben an der Bar entdecke ich Matthew Taylor, einen Freund aus Rochester, den ich auf einer früheren Reise nach Chatham kennengelernt habe.

"Schade, dass du so spät kommst", sagt er. Und als ich ihm berichte, dass ich auf der SEDOV in Chatham angemustert habe, bietet er mir die Verlängerung des Abends an. "Wenn du noch den gleichen Whisky trinkst wie vor zwei Jahren, dann kannst du bei mir übernachten." So geschieht es dann auch.

Wir haben uns viel zu erzählen, der Whisky schmeckt mit jedem Glas besser und draußen wird es langsam hell.

Jahre später besuchte mich Matthew in Thüringen und ich zeigte ihm meine Stadt, von der er begeistert war.

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg nach Chatham. Unterwegs trinke ich noch schnell einen doppelten Espresso im "La Toretta".

Dann liegt er vor mir, der Letzte der großen alten Windjammer.

Die Vier-Mast-Bark SEDOV wurde 1921 in Hamburg für die Reederei Laeiz gebaut, fuhr unter...

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