Corona-Krieger

Verschwörungsmythen und die Neuen Rechten
 
 
Das Neue Berlin (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. April 2021
  • |
  • 176 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-360-50179-0 (ISBN)
 
Verschwörungsmythen gibt es schon lange, aber die Coronakrise, "Hygiene-Demos" und das Internet haben ihnen noch einmal neuen Aufschwung verliehen. Einige von ihnen, etwa QAnon, gelangen auf Plattformen wie YouTube oder 4chan zu uns, andere verbreiten sich über die Sozialen Medien. Deutsche Initiativen wie die "Querdenker" spinnen sie weiter, und auch die AfD zeigt sich dafür anfällig. Die neue Popularität von Verschwörungsfantasien benutzen rechte Parteiideologen und Rechtsextremisten für ihren Kreuzzug gegen die Regierung, deren Coronapolitik sie als Einfallstor nutzen, um die demokratische Ordnung zu bekämpfen. Keiner kann ausschließen, dass ihr Protest nicht in Gewalt ausartet.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,85 MB
978-3-360-50179-0 (9783360501790)
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Annelie Naumann, geboren 1982, studierte Germanistik und Politikwissenschaften an der Universität Rostock. Sie beschäftigt sich seit 2015 als freie Reporterin unter anderem im Ressort Investigation und Reportage der "Welt" und "Welt am Sonntag" intensiv mit der rechtsextremen Szene, der AfD und der sogenannten Neuen Rechten.

Matthias Kamann, geboren 1961, studierte Germanistik und Europäischen Ethnologie in Marburg und Hamburg und wurde 1991 im Fach Neuere Deutsche Literatur promoviert. Nach Stationen beim Hessischen Rundfunk und dem Magazin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ist er seit 1999 Redakteur der "Welt" und "Welt am Sonntag" in Berlin, wo er heute als Politikredakteur mit Schwerpunkten auf der Berichterstattung über die AfD sowie Verkehrspolitik und Bioethik tätig ist.

MYTHEN IN ZEITEN DER PANDEMIE

Glauben und Wissen

Kaum ein Foto dürfte im Frühjahr 2020 so oft auf Facebook und WhatsApp geteilt worden sein wie dieses: ein Desinfektionsmittel mit dem Hinweis, es sei »wirksam gegen Coronavirus«. Als Datum steht auf dem Etikett »12/16«.8 Für viele, die dieses Foto verbreiteten, war es ein Beleg, dass Sars-CoV-2 schon seit längerer Zeit existierte. Folglich könne es keine gänzlich neue Bedrohung durch ein bisher unbekanntes Virus geben. Manche vermuteten deshalb, die Pandemie wäre von langer Hand vorbereitet worden.

Das Foto war echt. Doch Sars-CoV-2 gab es im Jahr 2016 noch nicht. Wohl aber die Familie der Coronaviren. Erste von ihnen wurden schon Mitte der sechziger Jahre nachgewiesen. Auf diese Virenfamilie bezog sich das Etikett auf dem Hygienespray. Das für die Pandemie verantwortliche Sars-CoV-2-Virus hingegen ist neu. Mittlerweile wissen das die meisten.

Doch im Frühjahr 2020 wurde jenes Foto mit dem Desinfektionsmittel aufgeregt verbreitet, weil es der zu dieser Zeit herrschenden Unsicherheit entsprach. Einige gingen sogar noch weiter. Jemand schickte uns das Foto mit dem Kommentar: »Hat gerade mein Kumpel in seinem Keller gefunden. Stand da schon ein paar Jahre.« Ob der Absender tatsächlich diesen Kumpel hatte oder ihn erfand, ist unklar. Erstaunlicherweise behauptete aber auch Pegida-Organisator Lutz Bachmann, Fotos dieser Flasche von einem »persönlichen Bekannten« erhalten zu haben. »Echtheit belegt!«, schrieb Bachmann im Februar dazu und verband dies gleich mit einer politischen Behauptung: »Das >hooooochgefährliche< neue Virus ist also schon ewig bekannt . sollte mit dem Hype vielleicht von anderen Sachen abgelenkt werden?«

Normalerweise sind Menschen gut darin, glaubwürdige Informationen von unglaubwürdigen zu unterscheiden. Sie können bewerten, wie verlässlich die Quelle einer Information und wie plausibel letztere selbst ist. Wenn aber allgemeine Unsicherheit herrscht, in einer Pandemie zum Beispiel, dann übersteigen viele Informationen das Vorstellungsvermögen von uns Laien. Dann kommt es für viele sehr stark auf die Glaubwürdigkeit des Überbringers oder der Über­bringerin der Nachricht an. Menschen, denen wir uns nahe fühlen, glauben wir eher als Unbekannten, auch weil wir annehmen, dass Nahestehende nur das mit uns teilen, was sie selbst für glaubwürdig halten. Deshalb haben zu Anfang der Pandemie auch rational agierende Menschen vermeintlich nützliche Tipps wie die weiter­geleitet, dass längeres Luftanhalten als Corona-Test taugen oder reichliches Wassertrinken vor einer Erkrankung schützen könnte. Man vertraute ­diesen Ratschlägen, weil sie von vertrauten Personen kamen, hielt sie für wichtig, weil man Angst hatte, und schickte sie an andere. Manche Tipps aber waren tödlich: So starben 2020 nach dem Konsum von hoch­konzentriertem Alkohol zur vermeintlichen Desinfi­zierung des Körpers weltweit mindestens 800 Menschen.9

Angst macht empfänglich für alle möglichen Ratschläge und Erläuterungen, die das Beängstigende als weniger bedrohlich erscheinen lassen. Besonders attraktiv für manche können Erklärungen sein, nach denen es gar kein Bedrohung gebe. Hunderttausendfach geklickt und geteilt wurden vor allem im ersten Pandemiejahr Thesen des Arztes und ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Wodarg. Eine seiner frühen Kernaussagen lautete, dass das Coronavirus nicht gefährlicher als ein Grippe-Erreger sei.10 In einem Interview mit der rechtspopulistischen Publizistin und ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Herman bezeichnete Wodarg die Pandemie als »Hype«. Auf seiner Website forderte er, die »Panik« zu beenden. Später behauptete er, dass Impfungen gegen Corona zu Unfruchtbarkeit führen könnten.11 Wodargs Thesen wurden unter anderem von der Rechercheplattform Correctiv und von Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Berliner Charité, entkräftet. Auf Wodarg berufen sich Corona-Leugner*innen bis heute.

Seit Beginn der Pandemie rechnen sie die Zahl der Todesopfer herunter. Und zwar sehr oft aus einem konkreten Grund: Sie wollen die Bedrohung als gering erscheinen lassen. Tatsächlich aber wurde für das letzte Quartal 2020 in denjenigen Bundesländern, in denen es besonders viele Ansteckungen gab, eine deutliche Übersterblichkeit festgestellt. In Sachsen war die Sterblichkeit um 46 Prozent gegenüber den jeweiligen Vergleichszeiträumen der vorherigen vier Jahre gestiegen. In Brandenburg um 20 Prozent.12 Nach Berechnungen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock gingen den Menschen weltweit im ersten Pandemiejahr rund 20 Millionen Lebensjahre verloren. Sie starben also wegen Covid-19 wesentlich früher, als es nach der durchschnittlichen Lebenserwartung der Fall gewesen wäre. Die hohe Gesamtzahl ist nur dadurch zu erklären, dass eben auch zahlreiche jüngere Menschen starben, die noch sehr viele Lebensjahre vor sich gehabt hätten.13 Zwar gab es 2020 eine Zeit lang eine gewisse statistische Unsicherheit bei Aussagen darüber, dass Menschen an Covid-19 gestorben waren. Unter seriösen Mediziner*innen bestand aber nie ein Zweifel, dass die Krankheit die Hauptursache für Todesfälle nach einer Infektion war. Die statistische Unsicherheit war lediglich aufgebauscht worden. Dass die allermeisten Menschen tatsächlich an Covid-19 starben, ergab sich dann unter anderem aus mehr als 700 Obduktionen in Hamburg.14

Eine weitere Irreführung bestand in der Behauptung, dass Impfungen hochgefährlich seien. Den Fakt, dass einzelne Menschen starben, die in den Wochen zuvor eine Impfung erhalten hatten, nahmen manche zum Anlass, von »Opfern« der Injektionen zu sprechen. Die realen Zahlen sahen in Deutschland aber so aus: Ende Januar 2021 konstatierte das Paul-Ehrlich-Institut in einem Sicherheitsbericht, der sich auf mehr als 610000 Impfungen bezog, 325 Verdachtsfälle mit Nebenwirkungen oder Komplikationen. 51 davon waren schwer. Es gab sieben Todesfälle bei Patient*innen im Alter von 79 bis 93 Jahren. »Bisher gibt es in keinem der gemeldeten Fälle einen kausalen Zusammenhang zur Impfung«, sagte Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut. Wie ernst das Risiko von Nebenwirkungen tatsächlich genommen wurde, zeigte sich im März 2021, als mehrere europäische Regierungen, darunter die deutsche, nach Meldungen über einzelne Fälle von Hirnvenenthrombosen nach AstraZeneca-Verimpfungen die Benutzung dieses Vakzins aussetzten.15

Als haltlos erwiesen sich damit Behauptungen vor allem von Impfgegner*innen, dass mögliche Gefahren der Impfstoffe verdrängt und Meldungen darüber unterdrückt würden. Solche Behauptungen hatten nicht nur mit Angst und Unsicherheit zu tun, sondern oft auch mit ideologischen Absichten.

Verschwörung

Faktengestützte Richtigstellungen dringen aber nicht immer durch. Das liegt zum einen daran, dass spekulative Alarmmeldungen sehr viel Aufmerksamkeit erregen und sich daher rasend schnell ausbreiten. Dagegen kommt die nüchterne Darstellung der Tatsachen oft nicht mehr an. Zum anderen gibt es Menschen, die sich gegen sachliche Argumente regelrecht immunisiert haben. Nämlich durch die Überzeugung, dass offizielle Zahlen und wissenschaftliche Mehrheitsmeinungen grundsätzlich verfälscht würden - durch machtlüsterne und geldgierige Interessengruppen.

Bei einer Umfrage der Universität Konstanz unter Teilnehmer*innen einer dortigen Demonstration gegen die Schutzmaßnahmen hielten es im Oktober 2020 rund drei Viertel der Befragten für »gut vorstellbar«, dass »Gruppen von Wissenschaftlern manipulieren« würden, »um die Öffentlichkeit zu täuschen«. Fast genauso hoch war die Zustimmung zu der Unterstellung, dass »einflussreiche Geschäftsleute die Bevölkerung zwangs­impfen lassen« wollten.16 Zu ähnlichen Befunden kamen Soziolog*innen der Universität Basel.17 Sie werteten mehr als 1000 Fragebögen aus, die an Mitglieder von Telegram-Gruppen rund um die »Querdenken«-Bewegung verschickt worden waren. Da waren drei Viertel der Ansicht, die Regierung verschweige der Bevölkerung die Wahrheit. Nicht weniger als 94 Prozent stimmten der Aussage zu, dass »die Corona-Problematik von der Regierung dramatisiert oder übertrieben« würde. 61 Prozent der Befragten meinten, dass die Stiftung von Bill und Melinda Gates eine »Zwangsimpfung für die ganze Welt« wolle. Und knapp zwei Drittel hielten »Banken und Konzerne« für »die großen Profiteure der Corona-Krise«.

Hinter solchen Aussagen steckt ein mythisches Weltbild: Eine kleine Gruppe verfolge finstere Pläne, um sich selbst Reichtum sowie Macht zu sichern und den Rest der Menschheit zu unterdrücken. Errichtet werden damit simple Freund-Feind-Konstruktionen, nach deren Maßgabe der Zustand der ganzen Gesellschaft und weite Teile der Geschichte geordnet werden: Böse gegen Gute, Reiche gegen Arme, Bill Gates und die Pharmaindustrie gegen wehrlose »Versuchskaninchen«, kleine verlogene »Elite« gegen großes unschuldiges »Volk«.

Dass der US-Milliardär Bill Gates für das Aufkommen des Virus verantwortlich sei, gehörte zu den am häufigsten verbreiteten Verschwörungsmythen.18 »Gib ­Gates keine Chance«, war ein häufiges Plakat-Motiv bei Demonstrationen gegen die Schutzmaßnahmen. Dahinter steckte die Lüge, der Microsoft-Gründer hätte die Entwicklung des Virus finanziert, um dann an Impfkampagnen zu verdienen. Behauptet wurde, Gates hätte schon früher von der Pandemie gewusst. Ein Beleg dafür...

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