Über Lebenskunst

Utopien nach der Krise
 
 
Suhrkamp Verlag AG
1. Auflage | erschienen am 15. Oktober 2011 | 389 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-75800-7 (ISBN)
 
Welthistorisch steht erstmalig nichts Geringeres als die Zukunftsfähigkeit unserer Zivilisation auf dem Spiel. Dennoch gelingt es uns nicht, vom Wissen um die Notwendigkeit einer ökologisch-kulturellen Revolution zum Handeln zu gelangen. Die Herausgeberinnen haben fünfzehn Autorinnen und Autoren aus Asien, Afrika, Europa, Australien und Ozeanien sowie den beiden Amerikas gebeten, die Zukunft aus einer kosmopolitischen Sicht zu entwerfen und damit die Lebenskunst nach Platon und Aristoteles für das 21. Jahrhundert zu aktualisieren. Denn wie wir uns die Zukunft im Zusammenhang mit Klimawandel, Artensterben und nachhaltigen Maßstäben vorstellen, vermögen momentan wohl allein die Literatur und der philosophische Essay zu ergründen. Die Anthologie »Über Lebenskunst« versammelt Texte, die sich programmatisch mit zukünftigen Lebensweisen unter den Bedingungen der ökologischen Krise in verschiedenen lokalen Kontexten auseinandersetzen. Mit Beiträgen u. a. von María Sonia Christoff (Argentinien), Louis-Philippe Dalembert (Haiti), Sema Kaygusuz (Türkei), Martha Nussbaum (USA), Michel Serres (Frankreich), Ngugi wa Thiong'o (Kenia), Abdourahman Waberi (Dschibuti), Alexis Wright (Australien) und Liao Yiwu (China).
1. Auflage
Deutsch
1,73 MB
978-3-518-75800-7 (9783518758007)
3518758004 (3518758004)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Katharina Narbutovič und Susanne Stemmler

Über Lebenskunst – ein Seiltanz über mannigfaltige Welten


Der bekannte türkische Schriftsteller Osman Şahin gab einmal folgende Begebenheit aus seinem Leben zum Besten: Als er als junger Mann seinen Militärdienst ableistete, nahm er an einem literarischen Wettbewerb teil – und gewann. Selig berichtete er seiner Mutter davon, einer einfachen Frau, die auf dem Lande lebte. Diese freute sich von Herzen mit ihrem Sohn und wünschte ihm, er möge auch Zweiter und Dritter werden. Erst später, als er, aus dem Wehrdienst entlassen, ins heimatliche Dorf zurückkehrte, seine Mutter unter einem Baum sitzend beim Apfelsortieren fand und sie fragte, ob es ihr denn gar nichts bedeute, dass er Erster geworden sei, erschloss sich ihm der Sinn ihrer Worte: »Seine Mutter nahm ein paar Äpfel in die Hände und hielt sie ihrem Sohn hin. ›Was soll ich denn nur mit dem ersten, schau doch, so nebeneinander sind es viel mehr.‹ Die Frau hat also die Welt sammelnd wahrgenommen, und nicht zählend. Weil sie nicht einzelne Äpfel sah, sondern reichen Segen.« Sema Kaygusuz hat diese Begebenheit aus dem Leben ihres Schriftstellerkollegen Osman Şahin gewählt, um mit dem anschaulichen Bild von der Mutter und ihrer sammelnden Weltwahrnehmung ihre Vorstellung einer zukünftigen Über Lebenskunst zu unterstreichen: Wir Menschen müssen anerkennen, »dass wir mit unserer Welt selbst nichts sind als eine lokale Variante, eine Welt unter Welten« (Clifford Geertz), neben der mit der gleichen Berechtigung die Welt der Tiere, die der Pflanzen oder auch die der Steine steht. Nicht hierarchisch dürfen wir denken, sagt Sema Kaygusuz, sondern wir müssen die gegebenen Welten in ihrer Mannigfaltigkeit zulassen, sie nebeneinander bestehen lassen. So lautet ihre Antwort auf die Bitte, die wir an 18 Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, Australien, Europa und den beiden Amerikas gerichtet haben: sich prospektiv und programmatisch mit den Formen einer Über Lebenskunst unter den Bedingungen der ökologischen Krise in verschiedenen lokalen Kontexten auseinanderzusetzen. Denn obwohl welthistorisch nichts Geringeres als die Zukunftsfähigkeit unserer Zivilisation auf dem Spiel steht, wie die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima es uns gerade erst vor Augen geführt hat, gelingt es uns nicht, vom Wissen um die Notwendigkeit einer ökologisch-kulturellen Revolution zum Handeln zu gelangen: Eine rechtzeitige Verabschiedung des Kyoto-Folgeprotokolls ist nicht gewährleistet, obwohl die bestehende Verpflichtungsperiode 2012 ausläuft – um nur ein Beispiel zu nennen. Und so setzt unsere literarisch-philosophische Anthologie an, wo naturwissenschaftliche Evidenz und politisches Handeln enden: bei der der Fiktion und dem Essay eigenen Imagination, Sinnlichkeit und Subjektivität, beim offenen Denken, das beiden eignet.

Die Anerkennung des anderen als Ort von Erfahrung ist dabei ein zentrales Moment – auf ihr fußt das globale Anliegen dieses Buches. Unsere Wahrnehmung wird durch die Verschiedenartigkeit der Art und Weise, sich mit der Frage der Über Lebenskunst auseinanderzusetzen, neu bestimmt. Ohne Mitgefühl für den anderen wird es kein gemeinsames Überleben geben in einem »Welt-Körper« (Malek Alloula), der zwar ein Eigenleben führt, von dem aber das Leben der ganzen Menschheit abhängt. Die Rolle kultureller Traditionen, regionaler Deutungen von Wirklichkeit und ein neues kosmopolitisches Weltbewusstsein, das nicht an den Grenzen der eigenen Gesellschaft endet, wird derzeit kaum ausgelotet.

Ebenfalls noch längst nicht beantwortet ist die Frage nach dem »Wir« der Weltgesellschaft, den Akteuren. Allzu oft macht die Politik die Menschen zu Gefangenen des Jetzt, die nur von Augenblick zu Augenblick leben, ohne eine gemeinsame kreative Antwort entwerfen zu können.

Hier schließt sich die Suche nach einer Ethik an, die sich auf alle Lebewesen erstreckt. Die Einteilung in Menschen, Tiere, Pflanzen und Artefakte, in handelnde Subjekte und passive Objekte, wie sie die Moderne einführte, wurde spätestens durch die phänomenologischen Ansätze eines Maurice Merleau-Ponty in Frage gestellt. Sie stehen heute erneut zur Debatte, wenn es um die Rechte anderer Lebewesen, aber auch den Umgang mit Allgemeingütern wie Luft oder Wasser geht. Verantwortung zu übernehmen, eine Antwort zu geben, eine moralische Verpflichtung den Lebewesen gegenüber zu entwickeln, die wir für stumm halten, ja die wir selbst zum Schweigen gebracht haben – das ist mit Bruno Latour gesprochen dringlicher denn je: Jedes Ding und Wesen wird durch seine Beziehung zu den anderen Dingen und Wesen bestimmt, eben auch der Mensch, genauso wie ein Stein oder ein Baum. Nicht um eine Ausweitung der Moral auf neue Wesen geht es, sondern um die Abschaffung der Begrenzungen, die die Moderne zwischen Mensch und Tier, zwischen Lebendigem und Nicht-Lebendigem errichtet hat.

Michel Serres forderte bereits vor zwanzig Jahren, dass Gesellschaftsverträge durch Naturverträge ergänzt werden müssten. Eine nicht parasitäre, sondern eine alliierende Naturbeziehung sei die alles entscheidende Zukunftsaufgabe: »Die globale Geschichte tritt in die Natur ein und die globale Natur in die Geschichte« (Michel Serres). Da wir es infolge der fatalen Idee vom Eigentum und Besitz nur noch mit Restbeständen des kulturellen Konstruktes »Natur« zu tun haben, die wir der Monokultur opfern, stellt sich auch die Frage der Besitz- und Machtverhältnisse neu – alles dies sind Fragen, die weit über die ökologische hinausgehen und von den hier versammelten Autorinnen und Autoren aufgegriffen werden.

Im Gegensatz zu natur- und sozialwissenschaftlichen Evidenzen bietet uns die Literatur Erzählungen an: Sie schafft eine Formensprache, Bilder, Erinnerungen, die oft von der Vergangenheit durchsetzt sind, und verarbeitet kontextgebundene Überlieferungen, die je nach Weltgegend unterschiedlich ausfallen. Literatur ist somit eine Überlebenswissenschaft, so Ottmar Ette, denn sie stellt nicht nur Lebenswissen zur Verfügung, sondern macht Lebensformen erfahrbar.

Die Texte, die wir zwischen Januar und Mai 2011 auf unsere Bitte erhielten, unterstreichen, dass die globale ökologische Krise, die Gefahren des Klimawandels und die Notwendigkeit einer ökologisch-kulturellen Revolution weltweit als ein überaus ernstes Problem wahrgenommen werden. Und doch haben die 18 Autorinnen und Autoren die Frage nach dem Überleben der Menschheit und der Zukunft des Planeten in entscheidender Hinsicht ergänzt: Um die Frage nach dem Überleben des Einzelnen in finsteren, repressiven, als katastrophisch empfundenen Zeiten – denn zu sehr sind die Menschen an vielen Orten der Erde mit existenziellen Überlebensfragen beschäftigt, müssen sie leben wie Vieh, nehmen Angstfaktoren ihnen die Luft zum Atmen. Wenn die Menschen wie in China, Russland, in Somalia oder auch im Nahen und Mittleren Osten »ums nackte Überleben kämpfen, haben sie keinen Sinn für Ökologie« (Michail Schischkin), dann wird ein Begriff wie »Umwelt« angesichts des nur hauchdünnen Spalts zwischen Überleben und Sterben als »luxuriös« (Amir Hassan Cheheltan) empfunden. Und ist es dem Einzelnen gelungen zu überleben, so stecken ihm die am eigenen Leib erfahrenen, von den Mitmenschen oder der Natur zugefügten Katastrophen tief als Trauma in den Knochen, ist sein weiteres Leben durch das Staunen über das Wunder geprägt, verschont worden zu sein, wird er oft genug zum Erzähler, wie eine Scheherazade unter umgekehrtem Vorzeichen (Malek Alloula, Nuruddin Farah, Ngũgĩ wa Thiong’o).

Die Reflektion des ›guten‹ Lebens, eine verschiedene Möglichkeiten eröffnende Lebenskunst (Wilhelm Schmid), die auf die antike Philosophie von Platon und Aristoteles zurückgeht, auch der Lebensbegriff selbst erfährt in den erbetenen Texten eine breite Auffächerung. Nicht selten reicht sie zeitlich zurück in die postkoloniale Geschichte und wirft Fragen nach der Deutungshoheit über die Erzählungen auf. Die Literatur eröffnet zudem eine andere Raum-Zeit-Dimension, die uns aus der Zeit heraushebt, zusätzliche Zeit spendet und uns in andere Räume versetzt. Die hier versammelten Texte situieren sich zunächst noch im Angesicht der Katastrophe und Krise, bevor sie Bilder für das Jetzt finden. Es sind Zustandsbeschreibungen, weniger die großen Zukunftsentwürfe – zu stark wirken die erfahrenen Traumata als Blaupause des Erzählens nach.

Es sind vor allem Autoren der westlichen Welt, die sich angesichts der heraufziehenden ökologischen Katastrophe nicht des Eindrucks erwehren können, dass wir uns auf einer »Wahnsinnsfahrt ins Nichts« (Sjón) befinden: »Alle Mann in die Rettungsboote« lautet der Alarmruf Serres’, der eine sofortige Einstellung des Kriegs der Menschen gegen den Planeten Erde verlangt: »Über unserem Horizont erhebt sich wie eine schwarze Sonne die Auslöschung der Menschheit. Es wird weder Sieger noch Besiegte geben – die ganze Welt wird ins Verderben stürzen. Keine Arche mehr, kein Noah.« Ihre Forderung lautet, dass die Menschheit unverzüglich eingreifen muss, und zwar jeder Einzelne: »Wenn man angesichts dessen, was der Welt...

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