Alles Neiße, Oder?

Meine Geschichten aus dem Osten
 
Petra Nadolny (Autor)
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 14. Oktober 2011 | 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0433-3 (ISBN)
 
Nacktbaden am Ostseestrand, Staatsbürgerkunde und Bückware - im Mecklenburg-Vorpommern der Sechzigerjahre gehört das zu einer ganz normalen Kindheit. Petra Nadolny träumt davon, als rasende Reporterin den Menschen von der Wahrheit zu berichten. Doch als sie die Fakten verbiegen soll, wird ihr klar, dass sie in diesem Land nicht mehr bleiben kann ... Heute weiß sie, wie schlimm, schön und seltsam das Leben in Honnis Wunderstaat war, und stellt fest: Was du drüben nicht hattest, brauchtest du auch nicht. Außer West-Jeans vielleicht. Oder echten Kaffee. Oder die Freiheit.
Luebbe Digital Ebook
1. Aufl. 2011
Deutsch
6,89 MB
978-3-8387-0433-3 (9783838704333)
3838704339 (3838704339)
weitere Ausgaben werden ermittelt

SCHWEIN GEHABT


Die DDR war natürlich kein Märchenland, sondern ziemlich real, und jeder, der dort gelebt hat, kann seine eigene Geschichte erzählen. Meine begann zu der Zeit, als Walter Ulbricht und Erich Honecker schon heimlich von der Mauer träumten und die ersten fabrikneuen Autos der Marke Trabant P50 über die holprigen Straßen tuckerten. Die VEB Chemiefaserkombinate hatten eine Kunstfaser entwickelt, die sie in Anlehnung an den Namen ihres Standortes Dederon tauften, und die dafür sorgte, dass seitdem alle weiblichen Erwachsenen meiner Umgebung in geblümten Kittelschürzen steckten.

Meine Familie mütterlicherseits hatte sich nach der Flucht aus Ostpreußen im östlichen Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt und versuchte in der kleinen Gemeinde Plötz heimisch zu werden. Opa hatte sich von seinem Nachbarn Theo gerade einen ausgedienten Pflugkarren besorgt. Und Oma war stolz, dass ihre Älteste so einen ordentlichen Abschluss als Lebensmittel-Fachverkäuferin hingelegt hatte und damit eine gesicherte Anstellung im Dorf konsum antreten konnte. Doch schon bald interessierte sich ihre Tochter nicht nur für Wurstaufschnitt und das Einräumen von Mehl und Zucker ins Verkaufsregal, sondern auch für einen jungen Mann aus dem Nachbarort, der sie beim Tanzen im Dorfgasthof wild über das Parkett gewirbelt hatte.

Die beiden waren sich ihrer Liebe schnell sicher, gaben sich nach kurzer Zeit das Jawort und zogen zu Oma und Opa ins Stübchen unter dem Dach.

Meine Mutter trug zu dieser Zeit am liebsten knielange Kleider mit Glockenrock, die Taille betont dünn und die Haare hochgesteckt wie Audrey Hepburn - nur blond. Mein Vater frisierte sich eine Haartolle wie der King of Rock 'n' Roll, hatte aber im Unterschied zu diesem, wie meine Mutter, helles Haar.

Eines Morgens beim gemeinsamen Frühstück in der bäuerlichen Wohnküche fiel meinem Opa etwas auf.

»Willst du mit dem Bauch die Tischplatte wegschieben, oder was wird das jetzt?«, fragte er seine Tochter und beäugte kritisch ihre anwachsende Körpermitte. Alle grinsten.

»Franzchen, Franzchen.« Oma schüttelte leicht den Kopf.

»Ach so, stimmt, bald noch ein Esser mehr!«, sagte er und lachte. Ich war, wie man so schön sagt, unterwegs.

Kurz vor meiner Geburt hatte die Familie dann die Idee, eines der im Sommer ausgiebig mit Kartoffeln und Schrot gemästeten Schweine zu schlachten. So ein Schlachtfest auf dem Land ist ein Gelage, bei dem alles, was Beine hat und auch nur im entferntesten Sinne dazugehört, dabei ist. Dabei sein muss, denn solche gemeinsamen Aktionen sind aufregender als Weihnachten und Ostern zusammen. Man hat etwas zu tun, und trotzdem ist es ein Fest.

»Wir schlachten!«, rief mein Opa über den Hof, um auch den Nachbarn Bescheid zu geben. »Wochenende!« Auf unnötige Satzteile verzichtet der männliche Norddeutsche gern.

Diese Information reichte aus, damit sich die Sippe, Freunde und Bekannte an einem grauen Sonntagmorgen bei uns zusammenfanden. Zum einen in Erwartung auf das, was sich an Fleisch und Wurst alles mit nach Hause schleppen ließ, und zum anderen neugierig auf das, was meine Mutter seit gut neun Monaten mit sich herumschleppte.

»Is ja schon über«, sagte Omas Schwester Liesel zu meiner Mutter und beäugte deren Bauch ganz genau. Sie hatte recht: Seit ein paar Tagen hätte ich da sein müssen und als Stimmungskanone das Schlachtfest aufmischen sollen. So war es geplant. Ich machte es aber weiterhin spannend. Zur Frage, ob es ein Peter oder eine Petra werden würde, schloss man sogar Wetten ab.

»Aus Langeweile«, spielte Tante Liesel diesen Umstand in späteren Erzählungen herunter. Klar, sie hatte die Wette ja auch verloren.

Die ersten Strampler und Jäckchen warteten in neutralem Weiß in dem bereits seit Tagen gepackten Koffer. Ich genoss noch ein bisschen die Wärme im Bauch meiner Mutter, denn draußen sollte es jetzt kalt werden. Der Frost war bereits im Anmarsch, und den Schnee konnte mein Vater angeblich »schon riechen«.

Zum Schlachten hatte mein Opa den Eber Bruno ausgewählt. Bruno war das rosigste und fetteste unter den acht Schweinen aus dem Stall.

Mein Opa, mit seinen dunklen Brauen und Haaren und der sonnengegerbten Haut, glich vom Typ eher einem Andalusier als einem Ostpreußen. Er hatte ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden und klopfte Bruno auf den prallen Arsch. »Jo, du bist der Schönste, ne! Du kommst uf 'n Tisch!«

So wurde Bruno zu Wochenbeginn schon mal in einen kleinen Verschlag zum Fasten verbannt. Nicht wegen des In-sich-Gehens und Abschiednehmens, sondern schlicht zur Darmentleerung. Wurst im Naturdarm, noch dazu in dem des Schweins, das ist schließlich eine Delikatesse!

Mein Vater, Opa, Onkel Herbert und Nachbar Theo stießen in der Küche gut gelaunt mit ein paar Gläsern »selbst Aufgesetztem« an, bevor sie Bruno mit einigen Streicheleinheiten, aber bis an die Zähne bewaffnet mit Jagdgewehrkolben, Strick und Messer zum Schafott in den Vorgarten führten.

»Dat is nix für Frauen«, sagte Onkel Herbert und ließ die Haustür hinter sich zuknallen, damit sie ihre Ruhe hatten. Es reichte, wenn das Tier quiekte, da wollten sie nicht noch hören, wie das Weibsvolk die Schnapsrunden mitzählte.

Während die Männer Brunos Todesstoß fachgerecht vorbereiteten, waren meine weiblichen Verwandten mit ihrer Zwangsevakuierung in die warme Küche mehr als zufrieden. Sie schoben noch ein paar Holzscheite in den gusseisernen Ofen, genehmigten sich ein Likörchen und schwatzten über Gott und die Welt. Norddeutsche Frauen sind keinesfalls so wortkarg wie ihre Männer, vor allem dann nicht, wenn sie unter sich sind. Nebenbei holten sie Schüsseln, Töpfe und Gläser aus den Schränken, stellten den Fleischwolf auf und legten Messer, Gabeln, Löffel und Tüten voller Gewürze bereit: Majoran, Thymian, Lorbeer, Piment und Nelken würden bald ihr volles Aroma im Haus entfalten.

Plötzlich drang Brunos Quieken durch die geschlossenen Fenster und Türen, durch Holz und Stein und Mark und Bein und direkt an meine zwar noch im Fruchtwasser befindlichen, aber anscheinend bereits funktionstüchtigen Ohren, sodass ich aufschreckte und einen Salto schlug, was meine Mutter eine tausendstel Sekunde später zu einem Schrei veranlasste.

»Kindchen, geht's los?«, fragte Oma besorgt. »Aber doch nicht jetzt!«

Tante Liesel wollte sogleich auf das bevorstehende Ereignis anstoßen. Sie goss nach. »Sach ich doch! Dat Kind kommt heute noch. Dat hab ich im Urin. Darauf Prost!«

»Nein, nein, das kommt nur vom Bücken«, sagte meine Mutter, die sich das Schlachtfest auf keinen Fall entgehen lassen wollte, und biss die Zähne zusammen.

Am Nachmittag zerlegte sie mit den anderen Frauen rosa Koteletts, half Bratenstücke zu portionieren, drehte saftiges Fleisch durch den Wolf, formte Hack, säuberte den Darm, um Fleisch, Blut und Leber hineinzupressen. Kurzum, es wurde alles, aber auch wirklich alles, was an so einem Schwein dran ist, in Wurst und Fleischportionen verwandelt, in Gläser gequetscht, gekocht, gebraten oder geliert. Der Winter konnte kommen. Und ich auch.

Es qualmte aus gusseisernen Töpfen und Pfannen, die Frauen schwitzten, und die Fenster waren mit Dunst beschlagen. Es roch im ganzen Haus nach Fleisch und scharfem Gewürz.

»Wenn es dat abkann«, sagte Tante Liesel und meinte mich, »wird's garantiert ein Junge.«

Von wegen!

Bruno war fast vollständig verarbeitet. Schweineblut tropfte auf den Fußboden und schlängelte sich als kleiner roter Bach am Tischbein vorbei, streifte den Haufen mit den Knochen und abrasierten Borsten, um sich in Richtung Schrank zu bewegen. Dazwischen hatten sich schmutzige Pfützen aus getautem Schnee angesammelt, den die Männer mit ihren Stiefeln hereinbrachten.

»Schön«, sagte meine Mutter und sah sich um. »Ich mach noch sauber, dann ist das Gröbste geschafft.« Sie holte einen Eimer Wasser und einen Feudel, kniete sich, so gut es ging, hin und besah sich den Schlamassel. Dann wurde sie auf einmal blass.

»Nee!«, rief sie und stöhnte auf.

»Wie nee?«, fragte Oma.

Ein Blick genügte, um zu verstehen, dass ihre Tochter, der bereits Schweißperlen auf der Stirn standen, nach der Arbeit doch nicht mitfeiern würde. Ich hatte genug. Ich wollte raus. Dieser Sauerei beizuwohnen schien mir so unmittelbar vor dem Start ins wirkliche Leben nicht angemessen.

Draußen begann es zu schneien. Dunkel war es auch schon. Wie sollten wir jetzt in die benachbarte Stadt kommen, wo das Krankenhaus war? Meinem Vater war klar, dass er die Sache in die Hand nehmen musste. Er rannte zu Familie Heiner, die die Poststelle verwaltete und damit auch das einzige Telefon im Dorf besaß. Es stand auf ihrer Eichen-Anrichte im Wohnzimmer, und mit dem Abheben des Hörers drückte Frau Heiner auf die große Stoppuhr. Fasse dich kurz!, stand auf dem grünen Gehäuse. Doch mein Vater brauchte einige Zeit, um den Taxifahrer zu überreden, seine hochschwangere Frau abzuholen. Dieser hatte bereits Feierabend gemacht und wollte bei dem schlechten Wetter nicht mehr raus. So bot meine Geburt den Anlass für das erste Tauschgeschäft meines Vaters: Ein Filet aus Brunos Hüfte beflügelte die Motivation des Chauffeurs. Ich habe es also einem Schwein zu verdanken, dass ich nicht in der Küche zur Welt kam!

In einem russischen Wolga wurden wir wenig später acht Kilometer über eine abenteuerliche Pflastersteinstraße mit vielen Schlaglöchern...

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