Eine Geschichte, die uns verbindet

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Mai 2021
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99806-2 (ISBN)
 

Eine Mutter fürchtet um ihre Tochter. Ein Schriftsteller kann sie retten. Doch dabei könnte er selbst alles verlieren

Als ihre Tochter aus der verschlossenen Wohnung in Brooklyn verschwindet, steht die bekannte Schriftstellerin Flora am Rande des Wahnsinns. Alle Spuren führen ins Leere. Flora hat das Gefühl, dass sie nur eine Figur in einem Spiel ist und jemand anderes über ihre Geschichte bestimmt. Aber wer? Um das herauszufinden, steigt Flora auf das Dach ihres Hauses und fordert das Schicksal heraus.

In Paris kann der französische Erfolgsschriftsteller Romain nicht glauben, was gerade in seinem Manuskript passiert: Seine Hauptfigur steht auf einem Dach und droht, sich das Leben zu nehmen. Er kann sie retten. Doch dafür muss er alles riskieren und könnte sogar sein eigenes Kind für immer verlieren.

Der neue mitreißende Roman des französischen Bestsellerautors Guillaume Musso!

"Eine Geschichte, die uns verbindet" ist so faszinierend wie "Das Papiermädchen" und so spannend wie "Das Mädchen aus Brooklyn"! 

weitere Ausgaben werden ermittelt

Guillaume Musso, 1974 in Antibes geboren, arbeitete als Dozent und Gymnasiallehrer. Über Nacht wurde er nicht nur zu einem der erfolgreichsten Gegenwartsautoren Frankreichs, sondern auch zu einem weltweiten Publikumsliebling. Seit zehn Jahren führt er das Ranking der meistgelesenen Autoren in Frankreich an. Seine Romane wurden in über 40 Sprachen übersetzt. In Deutschland ist Guillaume Musso mit seinen Büchern regelmäßig auf den SPIEGEL-Bestsellerlisten vertreten. Der Autor lebt in Paris und Antibes.

1 Versteckt

Die Geschichte, die sich direkt vor unserer Nase vollzieht, sollte eigentlich am klarsten sein, und doch ist sie am schwierigsten zu fassen.

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte[2]

1.

Brooklyn, Herbst 2010

Vor einem halben Jahr, am 12. April 2010, wurde meine dreijährige Tochter Carrie Conway entführt, als wir beide in meiner Wohnung in Williamsburg Verstecken spielten.

Es war ein schöner Nachmittag, hell und sonnig, wie New York im Frühling viele zu bieten hat. Getreu meiner Gewohnheit hatte ich Carrie zu Fuß von ihrer Vorschule abgeholt, der Montessori School am McCarren-Park. Auf dem Rückweg hatten wir bei Marcello's haltgemacht, um ein Früchtekompott und ein Cannolo, sizilianisches Gebäck mit Zitronenfüllung, zu kaufen. Während Carrie beides verspeiste, hüpfte sie fröhlich neben ihrem Buggy her.

Zu Hause, am Eingang des Lancaster Building, Berry Street 396, angekommen, schenkte der neue Portier, Trevor Fuller Jones, der erst seit knapp drei Wochen hier Dienst tat, Carrie einen Honig-Sesam-Lutscher, allerdings verbunden mit dem Versprechen Carries, nicht gleich alles aufzuessen. Dann meinte er, es sei doch ein großes Glück, eine Schriftstellerin als Mama zu haben, weil sie ihr sicher beim Zubettgehen schöne Geschichten erzählte. Lachend wies ich ihn darauf hin, dass er, um so etwas sagen zu können, wohl noch nie einen Blick in einen meiner Romane geworfen habe, was er auch zugab.

»Das stimmt, ich habe keine Zeit zum Lesen, Mrs Conway«, behauptete er.

»Sie nehmen sich nicht die Zeit, Trevor, das ist nicht dasselbe«, antwortete ich ihm, während sich die Aufzugtüren schlossen.

Wie es unser bewährtes Ritual verlangte, hob ich Carrie hoch, damit sie auf den Knopf für die sechste und oberste Etage drücken konnte. Die Kabine setzte sich mit einem metallischen Knarren in Bewegung, das uns beide inzwischen nicht mehr erschreckte. Das Lancaster war ein altes Gebäude in Gusseisen-Architektur, das gerade renoviert wurde. Ein unglaublicher Palast mit großen, von korinthischen Säulen umrahmten Fenstern. Früher hatte es einmal als Lager für eine Spielzeugfabrik gedient, die es seit Anfang der 1970er-Jahre nicht mehr gab. Aufgrund der Deindustrialisierung hatte das Gebäude beinahe dreißig Jahre lang leer gestanden, bis man es schließlich zum Wohnhaus umbaute, als es Mode wurde, in Brooklyn zu wohnen.

Sobald wir das Apartment betraten, zog Carrie ihre kleinen Turnschuhe aus, um in ihre hellrosa Hausschuhe mit Bommeln zu schlüpfen. Sie folgte mir zur Stereoanlage, schaute zu, wie ich eine Schallplatte auflegte - das Klavierkonzert in G-Dur von Ravel - und den Tonabnehmer beim zweiten Satz aufsetzte. Vor Vorfreude auf die Musik, die gleich ertönen würde, klatschte sie in die Hände. Anschließend hing sie einige Minuten an meinem Rockzipfel, während sie wartete, bis ich die Wäsche fertig aufgehängt hatte, um mich dann zum Versteckspielen aufzufordern.

Es war mit Abstand ihr Lieblingsspiel. Ein Spiel, das eine große Faszination auf sie ausübte.

In ihrem ersten Lebensjahr beschränkte sich das Spiel »Kuckuck, wo bin ich« für Carrie darauf, ihre kleinen Hände mit gespreizten Fingern vor die Augen zu halten, sodass diese nur halb verdeckt waren. Ich verschwand für wenige Sekunden aus ihrem Blickfeld, bis mein Gesicht wie durch Zauberei wieder vor ihr auftauchte, woraufhin sie in lautes Lachen ausbrach. Mit der Zeit hatte sie schließlich das Prinzip, sich selbst zu verstecken, in ihr Spiel integriert. Sie verkroch sich hinter einem Vorhang oder unter einem niedrigen Tisch. Immer schaute jedoch ein Stück ihres Fußes, ein Ellenbogen oder ein nur halb angewinkeltes Bein heraus, um ihre Anwesenheit zu signalisieren. Gelegentlich, wenn sich das Spiel zu lange hinzog, wedelte sie sogar mit der Hand, damit ich sie schneller fand.

Je größer sie wurde, desto komplexer wurde das Spiel. Carrie hatte sich andere Zimmer der Wohnung erschlossen, was die Möglichkeiten vervielfachte: hinter einer Tür kauernd, zusammengerollt in der Badewanne, unter der Bettdecke verborgen, flach unter ihrem Bett liegend.

Auch die Regeln hatten sich verändert. Das Verstecken war inzwischen eine ernste Angelegenheit.

Bevor ich sie zu suchen begann, musste ich mich nun zur Wand drehen, die Augen schließen und laut und deutlich bis zwanzig zählen.

Genau das tat ich an diesem Nachmittag des zwölften April, während die Sonne hinter den Wolkenkratzern strahlte und die Wohnung in einem warmen, fast unwirklichen Licht badete.

»Nicht schummeln, Mummy!«, schimpfte sie, obwohl ich das Ritual genau befolgte.

Die Hände vor den Augen, begann ich in meinem Zimmer laut zu zählen, nicht zu langsam, nicht zu schnell.

»Eins, zwei, drei, vier, fünf .«

Ich erinnere mich genau an das gedämpfte Geräusch ihrer kleinen Schritte auf dem Parkett. Carrie hatte den Raum verlassen. Ich hörte, wie sie das Wohnzimmer durchquerte, den Eames-Sessel zur Seite schob, der vor der großen Glaswand thronte.

». sechs, sieben, acht, neun, zehn .«

Alles war gut. Meine Gedanken schweiften ab, getragen von den kristallklaren Klängen, die aus dem Wohnzimmer herüberkamen. Meine Lieblingsstelle in diesem Adagio. Der Dialog zwischen Englischhorn und Klavier.

». elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn .«

Eine lange dahinperlende musikalische Phrase, die mit einem sanften Regen verglichen worden war, gleichmäßig und ruhig.

». sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig.«

Augen auf.

2.

Ich öffnete die Augen und verließ den Raum.

»Achtung, aufgepasst, Mummy kommt!«

Ich ließ mich auf das Spiel ein. Lachend übernahm ich die Rolle, die sie von mir erwartete. Ich lief durch die Zimmer und kommentierte scherzend meine Versuche: »Unter den Kissen, keine Carrie . hinter dem Sofa, keine Carrie .«

Psychologen behaupten, dass Versteckspiele eine pädagogische Bedeutung haben: Sie sind eine Möglichkeit, das Kind auf positive Weise mit Trennung experimentieren zu lassen. Durch die Wiederholung dieser temporären und spielerischen Entfernung soll das Kind die Stärke der Bindung zu seinen Eltern erfahren. Um seine Wirkung zu entfalten, muss das Spiel nach einer echten Dramaturgie funktionieren und innerhalb kurzer Zeit eine breite Palette an Emotionen liefern: Aufregung, Erwartung und einen Hauch von Angst, die jedoch bald der Freude des Wiedersehens wichen.

Damit sich alle diese widersprüchlichen Gefühle entfalten können, muss das Vergnügen eine Weile andauern, und die Spannung darf nicht zu schnell aufgelöst werden. Natürlich wusste ich meistens, wo Carrie sich versteckt hatte, noch bevor ich die Augen wieder öffnete. Dieses Mal jedoch nicht. Und nach zwei oder drei ein wenig theatralischen Minuten beschloss ich, nicht länger so zu tun, als ob, sondern ich begann sie zu suchen. Wirklich zu suchen.

Auch wenn die Räumlichkeiten weitläufig sind - eine Art großer Glaswürfel mit zweihundert Quadratmetern in der Westecke des Gebäudes -, sind die Versteckmöglichkeiten dennoch nicht unbegrenzt. Ich hatte die Wohnung einige Monate zuvor gekauft und dafür meine gesamten Tantiemen investiert. Der Ansturm auf das zu Apartments umgebaute und sanierte alte Lancaster Building war groß gewesen, und obgleich die Arbeiten noch längst nicht abgeschlossen waren, war die Wohnung, die ich im Blick hatte, bereits die letzte, die noch zum Verkauf stand. Gleich bei der ersten Besichtigung hatte ich mich in das Ambiente verliebt, und um die Wohnung zu bekommen und möglichst schnell einziehen zu können, sogar akzeptiert, dem Bauträger ein Schmiergeld zu zahlen. Sofort nach dem Einzug hatte ich sämtliche Wände einreißen lassen, um ein Loft mit honigblondem Parkettboden und minimalistischer Einrichtung zu erhalten. Die letzten Male, als ich mit Carrie gespielt hatte, war es ihr gelungen, ausgeklügelte Verstecke zu finden: erfindungsreich war sie hinter den Wäschetrockner oder in den Besenschrank geschlüpft.

Geduldig, wenn auch inzwischen ein wenig ungehalten, suchte ich sie weiter in allen Ecken und Winkeln, hinter jedem Möbelstück. Dann begann ich von vorn. In meiner Hektik stieß ich gegen die Eichenkonsole, auf der die Schallplatten und der Plattenspieler standen. Dadurch sprang der Tonabnehmer aus der Rille, die Musik verstummte, und der Raum war in Stille getaucht.

In diesem Augenblick bekam ich ein flaues Gefühl im Magen.

»Es ist gut, mein Schätzchen, du hast gewonnen. Komm jetzt bitte aus deinem Versteck!«

Ich eilte in den Vorraum, um die verstärkte Eingangstür zu überprüfen: sie war doppelt abgeschlossen. Der Schlüssel, der an einem Bund hing, steckte im oberen Schloss, also außerhalb der Reichweite eines Kindes.

»Carrie! Komm aus deinem Versteck, habe ich gesagt, du hast gewonnen!«

Mit aller Vernunft, zu der ich fähig war, versuchte ich die Panik, die mich zu überwältigen drohte, unter Kontrolle zu halten. Carrie musste in der Wohnung sein. Da der Schlüssel im Schloss steckte, konnte die Tür auch mit einem Zweitschlüssel nicht von außen geöffnet werden. Die Fenster konnte man seit der Renovierung des Gebäudes nicht mehr öffnen. Also hatte weder Carrie die Wohnung verlassen, noch hatte jemand anderes sie betreten können.

»Carrie! Sag mir, wo du bist.«

Ich war außer Atem, als sei ich durch den halben Central Park gerannt. Auch wenn ich den Mund öffnete, um Luft zu holen, drang diese nicht bis in meine Lunge vor. Das ist doch unmöglich. Man kann nicht bei einem Versteckspiel in der Wohnung verschwinden. Es ist ein Spiel, das immer gut endet. Das Verschwinden ist eine symbolische und vorübergehende Inszenierung. Anders kann es...

"Der neue Roman des Erfolgsautors hat uns buchstäblich begeistert." Grazia

"Dieser Roman wird Sie verzaubern. Es ist ohne Zweifel eines der besten Bücher des Bestsellerautors, ein sehr persönliches Werk voller überraschender Wendungen. Guillaume Musso spielt mit dem sehr schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion, zwischen dem Imaginären, das direkt aus dem Kopf des Romanschriftstellers kommt, und der Realität, die ihn oft einholt. (...) Und das ist zutiefst beglückend." Cosmopolitan

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