Kultur - Geschichte - Behinderung

Die eigensinnige Aneignung von Geschichte
 
 
ATHENA-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juni 2017
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89896-889-8 (ISBN)
 
Während der erste Band von »Kultur - Geschichte - Behinderung« die kulturwissenschaftliche Historisierung von Behinderung thematisiert, liegt der Schwerpunkt des zweiten Bandes auf bildungstheoretischen und didaktischen Perspektiven: An der Schnittstelle von Geschichtsdidaktik, Erziehungswissenschaft und Disability Studies fragen die Autor_innen nach Möglichkeiten der Vermittlung und Aneignung von Geschichte. Im Zentrum stehen dabei Menschen mit Benachteiligungen und Behinderungen und u. a. historische Bildungsangebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten: Wie müssen sich aktuelle fachwissenschaftliche und fachdidaktische Modelle der Geschichte verändern, um inklusiven Ansprüchen gerecht zu werden? Kann auf einem sehr basalen Niveau noch historisch gelernt werden? Mit welchen curricularen Konsequenzen ist die Berücksichtigung der Perspektive der Disability Studies im Geschichtsunterricht verbunden? Wie können Konzepte einer Geschichtsvermittlung aussehen, die konsequent die aktuellen, gesellschaftlichen Heterogenitäts- und Alteritätserfahrungen berücksichtigen? Und was bedeutet es überhaupt, sich Kultur und Geschichte eigensinnig anzueignen?
  • Deutsch
  • Oberhausen
  • |
  • Deutschland
  • 2,00 MB
978-3-89896-889-8 (9783898968898)
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  • Intro
  • Vorwort
  • I Eigensinn und Aneignung
  • Oliver Musenberg: Die eigensinnige Aneignung von Geschichte: Zur Einleitung
  • Thomas Lindenberger: Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand
  • Alexander Geimer: Aneignung aus medien-, wissens- und kultursoziologischer Perspektive
  • Thomas Hoffmann: Tätigkeit - Arbeit - Aneignung. Zum Aneignungsbegriff der Kulturhistorischen Schule
  • II Zwischen Sinn und Bedeutung
  • Udo Sierck: WIDERSPENSTIG
  • Simon Mckeown: The Cultural Representation of Disability
  • Michael Wagner: Über die Aneignung von Welt bei Menschen mit schwerer Behinderung - Konsequenzen für die Domäne >Geschichte<?
  • Bärbel Völkel: Historisches Lernen und schwere Beeinträchtigung - ein Oxymoron?
  • Sebastian Barsch & Christoph Kühberger: Historische Aneignungsprozesse zwischen Empirie und Theorie - Ein Beitrag zur subjektorientierten Geschichtsdidaktik für inklusives historisches Lernen
  • III »Behinderung« als Bildungsinhalt
  • Eva Göbel: Alterität und Differenz als Gegenstand historischer Bildungsangebote
  • David J. Connor & Jan Valle: Rescripting Crips: Reclaiming Disability History from a Disability Studies Perspective within Public School Curriculum
  • Erik Beck & Arne Timm: Der Umgang mit >Behinderung< und chronischer Krankheit im Mittelalter. Geschichtswissenschaftliche und -didaktische Perspektiven für den Schulunterricht
  • Sylvia Wolff: Deaf history (Geschichte der Gehörlosen) als interkulturelle Bildungsaufgabe des neuen Unterrichtsfaches Deutsche Gebärdensprache/Hörgeschädigtenkunde
  • Autorinnen und Autoren

Thomas Lindenberger


Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand[1]

»Eigen-Sinn: denoting willfulness, spontaneous self-will, a kind of self-affirmation, an act of (re)appropriating alienated social relations on and off the shop floor by self-assertive prankishness, demarcating a space of one's own. There is a disjunction between formalized politics and the prankish, stylized, misanthropic distancing from all constraints or incentives present in the everyday politics of Eigen-Sinn. In standard parlance, the word has pejorative overtones, referring to >obstreperous, obstinate< behavior, usually of children. The >discompounding< of writing it as Eigen-Sinn stresses its root signification of >one's own sense< own meaning. It is semantically linked to aneignen (appropriate, reappropriate, reclaim).«[2]

Aus Anlass der 1995 erscheinenden englischen Übersetzung der von ihm 1989 herausgegebenen Aufsatzsammlung »Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen«[3] erläuterte Alf Lüdtke in einem (in der deutschen Fassung nicht enthaltenen) Glossar einen sperrigen, in der Wissenschaftssprache bis dahin unbekannten Terminus: »Eigen-Sinn«. Seitdem ist dieses Wort auch in der internationalen Forschung zum Schlüsselbegriff für jene Forschungsrichtung in der deutschen Geschichtswissenschaft geworden, deren wichtigste Positionen in diesem Band unter dem Sammelbegriff »Alltagsgeschichte« vorgestellt wurden. Alf Lüdtke, seinerzeit am Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte tätig, hatte bereits 1986 vorgeschlagen, das Alltagswort »Eigensinn« zum genaueren Verständnis von Handlungen und Verhaltensweisen von Fabrikarbeitern zu verwenden.[4]

25 Jahre später kommt »Eigensinn« oder »Eigen-Sinn«[5] in einigen hundert deutschen Buchtiteln vor. Meist wird dabei auf die alltagssprachliche, dem Umgang mit uneinsichtigen Kindern entnommene und früher fast ausschließlich negative Bedeutung von »Eigensinn« abgehoben, allerdings mit Vorzeichenverkehrung. Heutzutage soll »Eigen-Sinn« meist Positives assoziieren, etwa wenn er dem (vermeintlich oder tatsächlich verhaltensgestörten) hochbegabten Kind zugeschrieben wird.[6] Musikbands[7] und Kunstpädagogen,[8] die »Eigensinn« für sich reklamieren, wollen Individualität und Ambiguität als Attribute von Kreativität signalisieren. Im Gegensatz dazu assoziierte das »eigen-sinnige Kind« früher eindeutig Negatives: Es war »verstockt«, verschloss sich den Erziehungsbemühungen Erwachsener, es machte »Probleme«.

Das alltagsgeschichtliche Konzept »Eigen-Sinn« lässt sich in seiner ursprünglichen Bestimmung gerade nicht auf das eine oder das andere reduzieren, und diese Uneindeutigkeit ist Teil seiner »Botschaft«. Es ist kein Zufall, sondern entspricht dem methodologischen Selbstverständnis von Alltagshistorikern, dass - vom Sonderfall des eingangs zitierten Glossar-Eintrags abgesehen - in der Forschungsliteratur keine Begriffsdefinition im herkömmlichen Sinne zu finden ist. Seine »Entdeckung« durch Alf Lüdtke knüpfte vielmehr gezielt an die im überlieferten Sprachgebrauch früherer Jahrhunderte auffindbaren Mehrdeutigkeiten an, und dabei soll es auch in diesem Artikel bleiben.

»Eigen-Sinn« - ein Kind der 1980er-Jahre


Das Unterfangen von Alf Lüdtke, Mitte der 1980er-Jahre einen solchen Terminus in die wissenschaftliche Debatte einzuführen, war Teil einer unter kritischen Intellektuellen der alten Bundesrepublik verbreiteten Suche nach neuen Begriffen und Denkweisen. Die in der Protestbewegung von 1968 an Universitäten heimisch gewordenen Spielarten des Marxismus hatten an Attraktivität und Glaubwürdigkeit eingebüßt. Zugleich konfrontierten die Neuen Sozialen Bewegungen die sich als gesellschaftskritisch verstehende Geschichtsschreibung mit neuen Fragehorizonten und Orientierungsbedürfnissen. Die diesen Bewegungen zuzurechnenden Geschichtswerkstätten stellten mit ihrer öffentlichen Kritik an der herkömmlichen Praxis von Geschichtswissenschaft eine gegen diese »Zunft« gerichtete außeruniversitäre Art von »Basisbewegung« dar.[9] Ihnen wie den an Alltagsgeschichte interessierten akademischen Historikern ging es darum, historische Fragestellungen im Hinblick auf einzelne konkrete Menschen und aus ihrer Perspektive heraus zu entwickeln. Was bis dahin gerade in Deutschland Historikergenerationen aller Couleur unhinterfragt praktiziert hatten, nämlich die pauschale Subsumtion der Handlungen und Motive der vielen Einzelnen unter »Großereignisse« Krieg und Revolution, Hyperinflation und Depression, Rationalisierung und technologische Revolution, Zusammenbruch und Wirtschaftswunder, erschien im Zeichen von »Mehr Demokratie wagen« und individueller Emanzipation zunehmend fragwürdig.

Das sollte aber nicht heißen, dass Marx' Diktum von den Menschen, die »ihre eigene Geschichte« machen, aber »nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«,[10] seine Gültigkeit verloren hatte, im Gegenteil. Umso dringender war zu fragen: Wie ist das Verhältnis von Individuen, Vergesellschaftung und Herrschaft in hochmodernen Industrie- und Klassengesellschaften auf der Ebene und aus der Sicht der vielen einzelnen Akteure zu fassen? Wie sind in der herkömmlichen Überlieferung »namenlos« gebliebene Arbeiter und Bauern, Dienstmägde und Straßenhändler, Prostituierte, Handwerksgesellen usw. historisch zu fassen, wie ihr Handeln und Nicht-Handeln als konkrete Forschungsgegenstände zu konzipieren?

Dem kapitalismuskritischen Klima der Nach-68er-Zeit entsprechend ging es zunächst um den männlichen Industriearbeiter und seine kollektive Existenzweise als »Klasse«, und das galt nun auch für den neuen Begriff des Eigen-Sinns. Man suchte dem emanzipatorischen Potenzial von Arbeiterbewegung, Arbeiterklasse und Arbeiterexistenz auf den Grund zu gehen. Im Zeichen der ernüchternden Einsicht in das »Ende der Arbeiterklasse« (André Gorz) und des ökonomischen wie intellektuell-moralischen Scheiterns des »ersten Arbeiter- und Bauernstaats in der deutschen Geschichte«[11] fiel die Bilanz dieser Suchbewegung im Rückblick betrachtet bescheiden aus. In gutem Hegel'schen Sinne einer dreifachen »Aufhebung« konnte das historiografische Konzept des »Eigen-Sinns« diesen post-marxistischen Entstehungszusammenhang hinter sich lassen, ohne dass es je einer Distanzierung von diesem Ursprung bedurft hätte. Wo immer es (zumindest im deutschsprachigen Kontext) um individuelle Verhaltensweisen und Handlungen in ihrer Bedeutung für Macht und Herrschaft, für Unterwerfung und Aufbegehren, für Mitmachen, Widerstehen oder Aussteigen gehen soll, bietet sich heute »Eigen-Sinn« als historiografisches Konzept an.

Wie es dazu kam, soll im Folgenden in drei Schritten erläutert werden: Am Anfang steht das Sprachumfeld der Aufklärung, in dem Alf Lüdtke »Eigen-Sinn« in jener Bedeutung vorgefunden hat, deren Aufgreifen ihm für seine Forschungen über die Bedürfnisse und Orientierungsmuster von Industriearbeitern so vielversprechend erschien. In einem zweiten Schritt gilt es, das in hohem Maße zeitgebundene Erkenntnisinteresse, mithin das, worum es Historikern und Historikerinnen bei der Ausarbeitung und Anwendung des Konzepts in der Zeit bis ca. 1990 politisch ging, zu rekonstruieren: Die bohrende und bis heute beunruhigende Frage galt der gerade auch bei Arbeitern vorherrschenden »Fügsamkeit in oktroyierte Ordnungen« (Max Weber), die sich vor allem im folgenschweren Ausbleiben von Arbeiter-Widerstand im Nationalsozialismus manifestiert hatte. Anhand des ab Mitte der 1990er-Jahre verstärkt einsetzenden Interesses an der Alltagsgeschichte der DDR wird es in einem dritten Schritt um einen der besonders erfolgreichen Transfers des Konzepts in neue Gegenstandsbereiche und um seine sukzessive Verbreitung in der allgemeinen historischen Forschung gehen.

Eigen-Sinn und Arbeit


Der Eintrag für »Eigensinn« in der 1859 erschienenen Folge des »Grimm'schen Wörterbuchs« lautet »animus difficilis, obstinatus« (ein schwieriger, störrischer Geist) oder als Bezeichnung für eine Person »difficilis homo« (ein schwieriger Mensch).[12] Worin genau das »Schwierige« besteht, bleibt dabei offen. Dieser Wörterbucheintrag ist noch eher wertneutral gehalten, da er offenkundig auf die konventionelle Verwendung dieses Terminus für jemanden, der als »schwierig« gilt, abzielt. »Meyers Konversations-Lexikon« von 1888 hingegen gibt eine klare Richtung an: Es geht um das Verhältnis von Vernunft und Un-Vernunft, um jemanden, der an eigenen Meinungen wider allen Argumenten festhält:

»Eigensinn, das hartnäckige Beharren bei einer Meinung oder einem Streben, trotzdem, daß durch einleuchtende Gründe das Irrige und Verkehrte derselben nachgewiesen ist, aus keinem andern Grund, als weil es die oder das eigne ist.«[13]

Dass ein solches Verhalten vom aufklärerischen Standpunkt lexikalischen Wissens her als negativ bewertet wurde, bedurfte keiner weiteren Begründung.

In den Quellen vor dieser ersten Blütezeit der unumschränkten Wissenschaftsgläubigkeit findet sich jedoch bei niemand Geringerem als Johann Wolfgang von Goethe »Eigensinn« auch in positiver Verwendung, nämlich als innere Kraft, als persönliches Beharrungsvermögen. In den »Wanderjahren« lässt er einen Hausbesitzer erzählen:

»Die Beharrlichkeit auf dem Besitz [.] gibt uns in manchen Fällen die größte Energie. Diesem Eigensinn bin ich die Rettung meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei mir flüchten und...

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