Engelsstern

 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2011
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1154-6 (ISBN)
 
Die 17-jährige Teagan ist alles andere als ein normales Mädchen. Furchtbare Albträume begleiten sie seit ihrer Kindheit. In ihrem Zimmer hausen bedrohliche Schatten. Manchmal hört sie ein Rascheln wie von Flügeln. Und dann wieder spürt sie eine schützende, lichte Wärme. Eines Tages wird ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt: Ihr Schutzengel Gerreth kommt auf die Erde, um ihr ihre Bestimmung mitzuteilen. Er trägt den Stern ihres Lebens auf seiner Handfläche - den Engelsstern ...
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • 1,66 MB
978-3-8387-1154-6 (9783838711546)
3838711548 (3838711548)
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KAPITEL 1


Da war es wieder.

Das Flattern. Die Flügel.

Ich kniff die Augen zusammen und beruhigte mich mit dem Gedanken, dass das hier auf keinen Fall real sein konnte. Ein Traum - wieder mal.

Aber da strich tatsächlich ein Luftzug über meine Haut, und eine Haarsträhne wehte über mein Gesicht. Die Luft war in Bewegung geraten. Mein Herz schlug schneller. Ich kämpfte gegen die aufsteigende Panik an und tat das einzig Mögliche.

Ich machte die Augen auf.

Langsam wurde ich wieder klar im Kopf. Ich sah den seltsamen langen Schatten an der Zimmerdecke nach und versuchte, mich an den Traum zu erinnern.

Es war ein Traum, oder? Ein Traum, der real wurde, sobald ich die Augen zumachte. Ein Traum, dem ich entkommen wollte, dem ich aber nachjagte, sobald meine Augen offen waren. Ich konnte immer noch fühlen, wie er mich angesehen hatte, mit Augen wie die Nacht, tiefschwarz und furchtlos, und mich beobachtete, während ich im Schlaf um friedlichere, normalere Träume kämpfte - aber jetzt war es vorbei. Ich war wach.

Für März war es heiß in meinem Zimmer. Der winzige Ventilator stand noch im Schrank und wartete auf den Sommer. Deshalb war ich überrascht, wie klamm meine Hand war, als ich durch meine langen, feuchten Haare strich, die sich eben noch sanft im Wind bewegt hatten. Ich hatte keine Ahnung, wie ich ins Bett gekommen war, aber da lag ich und zitterte, wie in so vielen Nächten davor.

An Schlaf war nicht mehr zu denken, also stand ich mühsam auf und schlurfte zu meinem Computer, der unabsichtlich die ganze Nacht lang angeblieben war.

Aus der Werbung starrten mich Kressetiere aus Ton an.

Kr . kr . kr . und Tschüss.

Ich hatte zwei Mails im Posteingang und klickte sie gähnend an. Die erste war ein Büchergutschein zum Ausdrucken.

»Zwanzig Prozent weniger lohnt sich«, murmelte ich verschlafen. Ein Blick auf mein überfülltes Bücherregal machte mich leicht verlegen. »Eins mehr, was soll's.«

Meine Mutter ist Bibliothekarin. Sie liegt mir seit Jahren in den Ohren, Bücher auszuleihen, anstatt dafür mein gutes Taschengeld auszugeben, aber es nützt nichts. Ich bin süchtig.

Ich klickte die nächste Mail an, und meine Nackenhaare stellten sich auf. Sie war von Brynn Hanson - die perfekte, puschelschwingende, selbst ernannte Königin der Carver Highschool. Leider war ich ihr erklärtes Lieblingsopfer. Mit bösen Vorahnungen machte ich die Mail auf.

Da stand nur ein Wort, aber das reichte, um mein Blut zum Kochen zu bringen.

Freak.

Ich las es noch mal. Und immer wieder, weil ich nicht fassen konnte, dass ihr Hass einen Weg in meinen Computer gefunden hatte - dass tatsächlich ich gemeint war. Ich klickte schnell auf »Löschen«, als würde ich einen ekligen Wurm loswerden wollen.

»Wenn Claire das hört«, murmelte ich und überlegte, wie meine beste Freundin mit so was umgehen würde. Wahrscheinlich würde sie die Nachricht an Brynn zurückschicken und sie mit den eigenen Waffen schlagen.

Und ich? Ich hoffte einfach, dass die Nachricht für immer gelöscht war.

Mein lindgrüner iPod-Ständer zeigte 6:12 Uhr an. Ich stand auf, streckte mich und deckte die Augen mit den Händen ab, um nicht mein ansonsten völlig unmodernes Zimmer sehen zu müssen. Poster von Evanescence und Zeichnungen von Engeln hingen überall an den helllila Wänden, aber sonst gab es wenig Hoffnung. Ich zog die Bettdecke glatt, legte den zerlesenen Band von Der geheime Zirkel weg und machte mich für die Schule fertig. Claire würde sicher in Kürze in ihrem kleinen weißen Cabrio vor der Tür stehen und hupen. Der Schulbus kam nicht in Frage.

Erinnerungen an mein zweites Schuljahr kamen hoch. In dem Jahr hatte Brynn angefangen, mich zu quälen. Sie hatte sich über die Mütze lustig gemacht, die meine Tante Karen für mich gehäkelt hatte. Das und das Spiegelei auf Toast zum Frühstück hatten dazu geführt, dass ich Eddie Carmichaels neuen Pullover vollkotzte.

Kein guter Tag damals.

Heute nehme ich manchmal immer noch den Bus zur Schule. Und Brynn? Brynn hat zu ihrem sechzehnten Geburtstag letztes Jahr ein BMWZ3 Cabrio bekommen.

Ich hatte keine Ahnung, warum ich ganz oben auf ihrer Hassliste stand. Ich hatte von vielem keine Ahnung.

Ich strich mit dem Finger über den kleinen Silberrahmen auf der Kommode. Darin steckte das einzige Foto von meinem Vater, das ich besaß. Meine Eltern hatten nie geheiratet, und meine Mutter sprach niemals über ihn. Vielleicht hatte sie Angst, dass ich nach ihm fragen würde und wissen wollte, warum alles so war, wie es war. Er war einfach weg. Ende, aus. Andere Kinder hatten beide Eltern. Ich hatte Mom. Das lief gut. Wir wurden durch eine Art Gummiband zusammengehalten. Eben beste Freundinnen, dann wieder Mutter und Tochter. Am Ende verschränkte sie die Arme und grollte, ich rollte mit den Augen, und das Gummiband zog uns wieder zusammen.

Aber als ich älter wurde, habe ich mich ab und zu gefragt, ob sie vielleicht einsam ist. Mein nicht vorhandener Vater lebte als Geist, von dem nie gesprochen wurde, weiter in unseren vier Wänden. Natürlich sehnte ich mich danach, mich eines Tages zu verlieben, aber ich hatte auch Angst. Was wäre, wenn auch der Mann meines Herzens plötzlich einfach verschwinden würde?

»Ich habe dir heißes Wasser übrig gelassen, Schatz!«, rief meine Mutter.

Mom kam aus der Dusche. Wenn ich jetzt nicht in die Hufe käme, wäre meine Mitfahrgelegenheit weg, und ich müsste zu allem Übel auch noch eine Busfahrt durchleiden.

Als ich in der Schule ankam, tat mir vor lauter Stress der Kopf weh. Ich starrte eine halbe Ewigkeit tatenlos in meinen Spind und verfluchte Brynns Morgengruß und die schwarzen Augen aus meinem Traum.

»Hallooooooo? Was ist denn mit dir los? Du siehst ja aus wie ein Zombie«, sagte Claire, die auf einem Müsliriegel herumkaute.

»Hab Kopfschmerzen«, sagte ich leise und suchte weiter nach den Büchern für die erste Stunde.

Durch den Lärmpegel auf dem Flur hatte ich eine Art Tunnelblick. Ob die Krankenschwester schon vor der ersten Stunde Patienten nimmt?

»Wieder zu lange am Computer gesessen? Es ist erwiesen, dass durch Google schwere neurologische Probleme in unserer Altersgruppe entstehen. Es sei denn .« Und schon hatte Claire ihr wissendes Zwinkern im Auge. »Hast du etwa im Chat einen Typen kennengelernt? Kennen wir ihn?«

Ich drehte mich langsam zu ihr um. Claire Myers und ich waren seit der dritten Klasse praktisch unzertrennlich, aber die Windungen ihres Gehirns waren mir immer noch ein Rätsel.

»Ich habe eine Hassmail von Brynn bekommen«, brummte ich, und meine Stimmung kippte noch mehr auf Weltuntergang.

Claire lehnte sich an den Spind und seufzte voller Mitgefühl.

»Schon wieder?«

»Ja. Wenigstens ein Mensch hat meinetwegen schlaflose Nächte.«

»Es ist zum Wohle der Menschheit.«

»Wie bitte?«

»Wenigstens lässt sie mich in Ruhe!« Claire grinste und kniff mich in den Arm. Sie musterte mich gründlich von oben bis unten und sagte dann sehr ernst: »Du brauchst einen Freund.«

Ich seufzte. Klar, gleich würde einer vom Himmel fallen.

»Jemanden, der dich vor der bösen Hexe hier beschützt.« Claire ließ ihren Blick über die Schülerschar schweifen.

Als ich gerade antworten wollte, hörte ich das wohlbekannte Klappern von Ledersandalen, die direkt hinter uns zum Stehen kamen.

»Ist meine Mail angekommen?« Brynn schnalzte mit der Zunge. Ihre Arme waren vor einer frisch gebügelten weißen Bluse verschränkt, die ordentlich in einem karierten Rock steckte. Ihre dunkelbraunen Augen glitzerten bösartig.

»Das hier ist keine Privatschule, falls du's noch nicht weißt«, informierte sie meine schlagfertige Freundin. »Ich fürchte, du hast dich auf dem Weg nach Saint Andrew's verlaufen.«

Brynn, höflich wie immer, zeigte uns den Stinkefinger, drehte sich auf dem Absatz um und klapperte davon.

»Was ist?« Claire schob sich ein Kaugummi in den Mund und entsorgte das Papier achtlos in meinem Spind. »Das hast du doch auch gedacht. Sie tut so, als geht sie auf irgendeine teure Privatschule und wir sind der Abschaum. Ignorier sie einfach, Teagan.«

Ich hörte Claires Stimme und war eigentlich völlig ihrer Meinung, aber stierte wie gebannt Brynn nach. Ich starrte auf das Ende des Gangs, wo Schüler in Taschen kramten, Spindtüren auf- und zumachten . lachten, schwatzten, redeten. Es war mir physisch nicht möglich, meine Augen abzuwenden, weil der Gang sich in einen dunklen, erdrückenden Tunnel verwandelt hatte. An dem einen Ende stand ich. Am anderen er.

Ist das möglich?

Ich fühlte seine schwarzen Augen auf mir wie in meinem Traum. Meine Haut überzog sich mit der altbekannten Gänsehaut. Wie versteinert stand ich hilflos auf dem Fleck, obwohl ich in die entgegengesetzte Richtung davonrennen wollte. Hinter der Gestalt ragten zwei Schatten auf, die so groß waren, dass ich selbst aus dieser Entfernung die lederartige Struktur der tiefgrauen Flügel im Neonlicht klar erkennen konnte.

Ich atmete tief durch. Claire nahm keine Notiz von dem traumähnlichen Eindringling am anderen Ende des Gangs. Niemand bemerkte ihn.

Ich machte instinktiv einen Schritt zurück. Er war...

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