Schlaf

Erzählung
 
Haruki Murakami (Autor)
 
DuMont Buchverlag
1. Auflage | erschienen am 18. August 2011 | 80 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8321-8598-5 (ISBN)
 
Bildschön - mit Murakami durch die Nacht

'Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf.' So beginnt Haruki Murakamis Erzählung von einer Frau, die nachts kein Auge mehr zumacht. Aber es fühlt sich anders an als die quälende Schlaflosigkeit, die sie als Studentin erlebt hat: Jetzt ist sie auf zauberhafte Weise nicht mehr müde. 'Ich kann einfach nicht schlafen. Noch nicht einmal ein Nickerchen.'
Spätabends, wenn ihr Mann und ihr Sohn im Bett liegen, beginnt sie ein zweites Leben, und die Nächte sind bei Weitem aufregender als ihre gleichförmigen Tage - aber auch gefährlicher.
Die Illustratorin Kat Menschik hat den Zauber von Murakamis Erzählung in traumgleiche Bilder gebracht. Auch deshalb ist dieser durchgehend in Duotone (Nachtblau/Silber) gedruckte Band ein guter Grund, nachts wach zu bleiben.
Nora Bierich
Kat Menschik
Deutsch
20 | 20 farbige Abbildungen | 20 farb. Abb.
9,96 MB
978-3-8321-8598-5 (9783832185985)
3832185984 (3832185984)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte über längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung im DuMont Buchverlag.
Kat Menschik lebt als freie Illustratorin in Berlin und im Oderbruch. Ihre Zeichnungen erscheinen regelmäßig in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Für DuMont illustrierte sie Haruki Murakamis >Schlaf< (2009) sowie >Die Bäckereiüberfälle< (2012) und Ernst H. Gombrichs >Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser< (2011). Der immerwährende Kalender >Das Variable Kalendarium< erschien 2012.
Nora Bierich, geboren 1958, hat Philosophie und Japanologie studiert und lebt in Berlin. Neben Haruki Murakami übersetzte sie aus dem Japanischen Werke des Philosophen Kôjin Karatani und von Kenzaburô Ôe.
1

Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf.

Ich spreche nicht von Schlaflosigkeit. Mit Schlaflosigkeit kenne ich mich etwas aus. Als Studentin litt ich einmal an einer Art Schlaflosigkeit. Ich sage »Art«, weil ich mir nicht wirklich sicher bin, ob die Symptome mit dem übereinstimmen, was man allgemein als Schlaflosigkeit bezeichnet. Wäre ich zum Arzt gegangen, hätte sich vielleicht zumindest herausgestellt, ob es eine war oder nicht. Aber ich ging nicht. Zum Arzt zu gehen würde wahrscheinlich auch nichts nützen, dachte ich. Nicht, dass es irgendeinen Grund gab, das zu denken. Es war bloß eine Intuition. Es würde bestimmt nichts bringen. Deswegen ging ich nicht zum Arzt, und auch meiner Familie und meinen Freunden gegenüber schwieg ich die ganze Zeit. Hätte ich sie um Rat gefragt, hätten sie mich sicher zum Arzt geschickt.

Diese Art Schlaflosigkeit hielt ungefähr einen Monat an. In diesem Monat habe ich nicht ein Mal richtig geschlafen. Am Abend gehe ich ins Bett und will schlafen. Aber schon werde ich wie aus einem bedingten Reflex heraus wieder wach. Sosehr ich mich auch bemühe, ich kann nicht schlafen. Je bewusster ich einschlafen will, desto wacher werde ich. Ich versuche es mit Alkohol und Schlaftabletten, aber ohne Erfolg.

Mit der einsetzenden Morgendämmerung scheine ich endlich einzudösen. Aber man kann es nicht wirklich als Schlaf bezeichnen. Mit meinen Fingerspitzen berühre ich gleichsam den äußersten Rand des Schlafs. Doch sofort ist mein Bewusstsein zur Stelle. Ganz leicht schlummere ich ein. Aber mein Bewusstsein, nur durch eine dünne Wand getrennt, ist hellwach und kontrolliert mich. Während mein Körper schwankend durch die Morgendämmerung irrt, spürt er den Blick und den Atem meines Bewusstseins ständig neben sich. Ich bin ein sich nach Schlaf sehnender Körper und ein Bewusstsein, das wach bleiben will.

Diese halbe Schläfrigkeit hält den Tag über an. Die ganze Zeit ist mein Kopf wie benebelt. Ich kann den genauen Abstand zwischen den Dingen und ihre Masse nicht mehr erfassen, weiß nicht mehr, wie sie sich anfühlen. Und wie eine Welle überkommt mich in bestimmten Abständen die Schläfrigkeit. In der Bahn, an meinem Tisch in der Uni oder beim Abendessen nicke ich ein, ohne es zu merken. Jäh trennt sich das Bewusstsein von meinem Körper. Lautlos schwankt die Welt. Ich lasse alles Mögliche fallen. Bleistifte, Handtasche, Gabeln stürzen mit Getöse zu Boden. Am liebsten würde ich mich selbst dazulegen und tief schlafen. Aber es geht nicht. Die Wachheit steht ständig neben mir. Ständig spüre ich ihren kalten Schatten. Es ist mein eigener. Seltsam, denke ich schläfrig. Ich stehe in meinem eigenen Schatten. Halb schlafend laufe, esse und spreche ich. Aber sonderbarerweise schien niemand in meiner Umgebung etwas von meinem Grenzzustand zu merken. In diesem einen Monat habe ich sechs Kilo abgenommen. Trotzdem hat niemand in meiner Familie und keiner meiner Freunde etwas gemerkt. Ich lebte die ganze Zeit im Schlaf.

Ich lebte, während ich buchstäblich schlief. Wie bei einer Wasserleiche war jede Empfindung aus meinem Körper gewichen. Alles war dumpf und trübe. Der Zustand, in dem ich in dieser Welt lebte und existierte, war wie eine vage Halluzination. Bei einem Windstoß, glaubte ich, würde mein Körper bis ans Ende der Welt geweht, an einen Flecken am Ende der Welt, den ich nie gesehen und von dem ich nie gehört hatte. Ewig wären mein Körper und mein Bewusstsein voneinander getrennt. Ich wollte mich an etwas festklammern. Aber sosehr ich in meiner Umgebung Ausschau hielt, ich fand nichts, an dem ich mich hätte festhalten können.

Wenn es Abend wurde, überkam mich eine erbarmungslose Wachheit. Ich war ihr vollkommen ausgeliefert. Eine große Macht fesselte mich an ihren Grund. Diese Macht war so stark, dass mir nichts anderes übrig blieb, als gebannt auf den Morgen zu warten. Im Dunkel der Nacht standen meine Augen die ganze Zeit offen. Ich konnte kaum denken. Dem Ticken der Uhr lauschend, starrte ich unverwandt in die dunkler und dann wieder heller werdende Nacht.

Doch eines Tages war es vorbei. Ohne jede Vorankündigung, ohne jeden äußeren Anlass. Beim Frühstück fühlte ich plötzlich eine Schläfrigkeit, als würde ich in Ohnmacht fallen. Ohne ein Wort stand ich vom Stuhl auf. Mir ist, als hätte ich etwas vom Tisch gestoßen und als hätte jemand etwas gesagt. Aber ich erinnere mich an nichts. Wie taumelnd ging ich in mein Zimmer, kroch ohne mich auszuziehen ins Bett und schlief sofort ein. Ich schlief siebenundzwanzig Stunden wie ein Stein. Meine Mutter machte sich Sorgen und schüttelte mich mehrmals.

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