Hard-boiled Wonderland und Das Ende der Welt

Roman
 
Haruki Murakami (Autor)
 
DuMont Buchverlag
1. Auflage | erschienen am 27. September 2011 | 506 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8321-8604-3 (ISBN)
 
Mit kühner Fantastik und Fabulierkunst verbindet Japans größter zeitgenössischer Romancier in seinem frühen und seit langem im Deutschen vergriffenen Roman zwei Welten, von denen die eine Hard-boiled Wonderland und die andere Das Ende der Welt heißt: "Hard-boiled Wonderland und Das Ende der Welt" erzählt im Wechsel der Kapitel und der Zeiten von zwei parallelen und wundersamen Reisen.

In einem futuristisch brutalen Tokyo der fernen Gegenwart, tobt ein Datenkrieg zwischen dem "System" der Kalkulatoren und einer Datenmafia, der "Fabrik" der Semioten. Ein genialer und greiser Professor hat durch ein sicheres Codierverfahren im Unterbewusstsein allen Datendiebstahl unmöglich gemacht. Der Held und Ich-Erzähler in "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" überlebt die Bearbeitung seines Gehirns, aber nach einem Überfall auf das unterirdische Geheimlabor des Professors ist der implantierte "Psychokern" wie eine Bombe im Hirn nicht mehr beherrschbar.

"Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" ist ein faszinierendes Leseabenteuer, rasant konstruiert zwischen den beiden Welten - einer realen an der Schwelle des Todes und einer anderen, zeitlos und zugleich seelenlos.
Annelie Ortmanns
Deutsch
3,43 MB
978-3-8321-8604-3 (9783832186043)
3832186042 (3832186042)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte über längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung im DuMont Buchverlag.

1  HARD-BOILED WONDERLAND


DER AUFZUG, GERÄUSCHLOSIGKEIT, LEIBESFÜLLE


Der Aufzug fuhr ungemein träge aufwärts. Jedenfalls vermutete ich, dass er sich aufwärts bewegte, genau wusste ich es nicht. Er fuhr so langsam, dass ich mein Richtungsgefühl verlor. Möglicherweise war es auch abwärts gegangen, oder er hatte sich überhaupt nicht bewegt. Den Zustand des Davor und des Danach im Kopf, entschied ich, dass es aufwärts gegangen sein musste. Das war alles. Eine bloße Vermutung, die jeder Grundlage entbehrte. Möglicherweise war er auch zwölf Stockwerke auf- und drei abwärts gefahren oder hatte einmal die Erde umrundet. Ich wusste es nicht.

Der Aufzug unterschied sich in allen nur denkbaren Punkten von dem in meinem Mietshaus, einem billigen Fahrstuhl von der Schlichtheit eines weiterentwickelten Flaschenzuges. Er unterschied sich so sehr, dass man kaum glauben mochte, dass es sich hier um eine zum selben Zweck gebaute, den gleichen Mechanismus besitzende und denselben Namen tragende maschinelle Vorrichtung handelte. Die beiden Fahrstühle waren so weit voneinander entfernt, wie man sich überhaupt nur vorstellen kann.

Punkt Nr. 1 betraf die Geräumigkeit. Der Aufzug, in dem ich mich befand, hatte etwa die Größe eines gemütlichen Büros. Wenn man einen Schreibtisch hineinstellte, einen Spind, einen Schrank und dazu eine Kochnische installierte, bliebe immer noch Platz. Drei Kamele und eine mittelgroße Palme hätten natürlich auch hineingepasst. Punkt Nr. 2 betraf die Sauberkeit. Der Aufzug war sauber wie ein nagelneuer Sarg. Die Wände und die Decke bestanden aus makellos glänzendem Edelstahl, der Boden war mit einem langflorigen, moosgrünen Teppich ausgelegt. Punkt Nr. 3: Es war erschreckend still. Als ich eingestiegen war, glitt lautlos – im wahrsten Sinne des Wortes: ohne jeden Laut – die Tür zu, und danach war nicht mehr das geringste Geräusch zu hören, sodass ich nicht sagen konnte, ob der Aufzug nun stillstand oder ob er sich bewegte. Tiefe Flüsse rauschen nicht.

Zudem fehlte der größte Teil jener Armaturen, die gemeinhin zur Grundausstattung eines Aufzuges gehören. Zunächst einmal fehlte das Paneel mit den diversen Knöpfen und Schaltern. Es gab weder Knöpfe für die einzelnen Etagen noch für die Schließfunktion der Tür noch eine Notstoppvorrichtung. Überhaupt alles fehlte. Ich kam mir reichlich hilflos vor. Und nicht nur die Schalter: Die Etagenleuchtanzeige fehlte, es fehlten die Hinweise zur Benutzung und zur zugelassenen Personenzahl, sogar das Metallschildchen mit dem Namen des Herstellers war nirgends zu entdecken. Unklar war auch, wo sich der Notausstieg befand. Ein regelrechter Sarg, ohne Zweifel. Eine baupolizeiliche Zulassung könnte dieser Aufzug nie und nimmer bekommen. Ein Aufzug hat die Merkmale eines Aufzugs zu tragen.

Während ich die vier Edelstahlwände taxierte, die so gar keinen Angriffspunkt boten, fielen mir die Bravourstücke Houdinis ein, die ich als Kind in einem Film gesehen hatte. Er ließ sich mehrfach mit Ketten und Stricken fesseln, in einen großen Koffer stecken, um den wiederum schwere Ketten gewickelt wurden, und mitsamt Koffer die Niagarafälle hinabstoßen oder in der Arktis unter Eis begraben. Nachdem ich einmal tief durchgeatmet haue, verglich ich kühl meine Lage mit der Houdinis. Für mich sprach, dass ich nicht gefesselt war, gegen mich, dass ich den Trick nicht kannte.

Nein, genau genommen kannte ich nicht nur nicht den Trick: Ich wusste ja nicht einmal, ob der Aufzug sich bewegte oder ob er stand. Ich räusperte mich. Das Räuspern klang allerdings irgendwie seltsam – nicht wie ein Räuspern. Nur ein merkwürdig dumpfes Klatschen war zu hören, wie von weichem Lehm, der an eine glatte Betonwand geworfen wird. Das sollte mein Räuspern gewesen sein? Vorsichtshalber räusperte ich mich noch einmal, aber das Ergebnis blieb sich gleich. Resigniert stellte ich das Räuspern ein.

Ziemlich lange stand ich einfach nur still da. Die Tür ging ewig nicht auf. Der Aufzug und ich verharrten ruhig wie ein Stillleben mit dem Titel »Mann im Aufzug«. Allmählich wurde ich unsicher.

Vielleicht war die Mechanik defekt, vielleicht hatte auch der Aufzugführer – vorausgesetzt natürlich, dass irgendwo jemand dieses Amtes existierte – einfach vergessen, dass ich mich in dem Kasten befand. Hin und wieder kommt es schon mal vor, dass jemand vergisst, dass ich existiere. Aber was auch der Fall sein mochte, letztendlich war ich in dieser Zelle aus Edelstahl eingeschlossen. Ich lauschte angestrengt, aber nicht das kleinste Geräusch drang an meine Ohren. Ich presste ein Ohr an eine der stählernen Wände, konnte aber auch so nichts hören. Nur der weiße Abdruck meines Ohres blieb zurück. Der Aufzug kam mir vor wie ein zum Zweck der Schallabsorption sondergefertigter Metallkasten. Versuchsweise pfiff ich Danny Boy, brachte aber nur etwas heraus, das sich anhörte wie das Seufzen eines Hundes mit fortgeschrittener Lungenentzündung.

Ich gab’s auf, lehnte mich an eine Wand und vertrieb mir die Zeit mit der Berechnung des Kleingeldes in meinen Hosentaschen. Für Leute meines Berufes ist das allerdings ein eher wichtiges Training, so wie Profiboxer dauernd Gummibälle in den Händen kneten. Also kein Zeitvertreib im eigentlichen Sinne. Stetig wiederholtes Tun allein ermöglicht den Ausgleich tendenzieller Ungleichgewichte.

Jedenfalls achte ich darauf, immer eine größere Menge Kleingeld in den Hosentaschen zu haben. In die rechte Tasche stecke ich 100- und 500-Yen-Stücke, in die linke Fünfziger und Zehner, 1- und 5-Yen-Stücke verstaue ich in den Hüfttaschen, benutze sie aber beim Rechnen grundsätzlich nicht. Ich stecke die Hände in die Hosentaschen und zähle mit der rechten den Betrag der 100- und 500-Yen-Münzen sowie parallel dazu mit der linken den der Fünfziger und Zehner.

Wer so eine Berechnung noch nicht angestellt hat, wird es sich nur schwer vorstellen können, aber anfangs ist das eine recht mühsame Prozedur. Mit der rechten und der linken Hirnhemisphäre werden zwei völlig verschiedene Berechnungen durchgeführt, die zuletzt wie die Teile einer geborstenen Wassermelone zusammenzubringen sind. Ohne Üben gelingt das kaum.

Ob das rechte und das linke Hirn dabei wirklich getrennt arbeiten, weiß ich nicht genau. Hirnphysiologen würden das vermutlich ganz anders ausdrücken. Ich bin jedoch kein Hirnphysiologe, und in praxi habe ich den Eindruck, dass meine rechte und meine linke Hirnhemisphäre beim Rechnen tatsächlich getrennt arbeiten. Das Gefühl der Ermüdung nach dem Zählen scheint mir ebenfalls von ganz anderer Natur zu sein als das nach einer gewöhnlichen Berechnung. Der Einfachheit halber glaube ich deshalb, dass ich mit dem rechten Hirn die rechte und mit dem linken die linke Hosentasche berechne.

Ich halte mich für einen, der die Erscheinungen, Ereignisse und Dinge dieser Welt eher praktisch begreift. Nicht, weil ich praktisch veranlagt wäre – obwohl das, zugegeben, natürlich eine gewisse Rolle spielt –, sondern weil man in sehr vielen Fällen durch praktische Herangehensweise dem Wesen der Dinge besser auf die Spur kommt als durch orthodoxe Interpretation.

Welche Nachteile ergäben sich denn im Alltagsleben, wenn man beispielsweise die Erde nicht als Kugel, sondern als riesigen Kaffeetisch auffasste? Das ist natürlich ein ziemlich extremes Beispiel, und nicht alles und jedes lässt sich mir nichts, dir nichts auf diese Weise ummodeln. Gleichwohl ist Tatsache, dass sich durch die praktische Auffassung von der Erde als riesigem Kaffeetisch eine ganze Reihe trivialer Probleme, wie sie die Auffassung von der Erde als Kugel mit sich bringt – die Schwerkraft zum Beispiel, die Datumsgrenze, der Äquator und ähnliches nicht sonderlich nützliches Zeug – überzeugend beiseite wischen lassen. Wie oft im Leben hat denn der normale Mensch mit dem Äquator zu tun?

Deshalb bemühe ich mich, die Dinge immer möglichst praktisch zu betrachten. Ich bin der Ansicht, dass die Welt sich aus tausenderlei, um nicht zu sagen, aus einer Unendlichkeit von Möglichkeiten zusammensetzt. Und die Auswahl ist zu einem gewissen Grade den die Welt strukturierenden Individuen anheim gestellt. Die Welt ist ein aus kondensierten Möglichkeiten bestehender Kaffeetisch.

Parallel – um zum Ausgangspunkt zurückzukehren – mit der rechten und der linken Hand völlig verschiedene Berechnungen anzustellen ist beileibe nicht einfach. Auch ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich es beherrschte. Wenn man es aber einmal kann, wenn man, anders gesagt, den Trick einmal draufhat, geht man dieser Fähigkeit so leicht nicht wieder verlustig. Das ist wie beim Fahrradfahren oder Schwimmen. Was aber nicht heißt, dass man nicht der Übung bedürfte. Nur durch unablässiges Üben erzielt man Fortschritte und stilistisches Raffinement. Deshalb achte ich immer darauf, Kleingeld in den Hosentaschen zu haben, und wenn ich Muße habe, berechne ich es.

In meinen Hosentaschen befanden sich drei 500- und achtzehn 100-Yen-Stücke sowie sieben Fünfziger und sechzehn Zehner. Das ergab in der Summe 3810 Yen. Die Berechnung machte nicht die geringste Mühe. Bei solchen Beträgen ist das einfacher, als die Finger einer Hand abzuzählen. Zufrieden lehnte ich mich an die Wand aus Edelstahl und starrte auf die Tür. Sie öffnete sich immer noch nicht.

Warum der Aufzug dermaßen lange geschlossen blieb, war mir ein Rätsel. Nach kurzem Überlegen kam ich allerdings zu dem Schluss, dass sowohl die These des mechanischen...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen