Blinde Weide, schlafende Frau

Erzählungen
 
 
DuMont Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. August 2011
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8321-8601-2 (ISBN)
 
Murakamis zauberhaftes Universum: Treten Sie ein!

In seinen Erzählungen entfaltet sich Haruki Murakamis ganze Zauberkraft: Zwei verliebte Teenager betrachten im Zoo ein junges Känguru und entdecken in dessen Jugend sich selbst. Auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch streitet ein Mann mit dem Türhüter über das Passwort. Ein Rollstuhlfahrer verwickelt einen Touristen in die verstörende Auseinandersetzung über Messer und die geheime Mechanik von Familien. Ein Nachtwächter entwickelt nach der Begegnung mit einem Geist Scheu vor Spiegeln. Die Geschichten von Haruki Murakami sind erfüllt von Wundern und Absurditäten, die nach dem Lesen nicht mehr aus dem Kopf verschwinden. Zwischen Geschichtenerzählern, Ehebrechern und menschenfressenden Katzen eröffnen sich verborgene Welten.

Haruki Murakami, Kafka-Preisträger 2006, gewinnt aus scheinbar unbedeutenden, alltäglichen Winzigkeiten - geschmolzene Pralinen, ein Zootier, ein Ohrwurmwort - Einblicke in fremde Universen, die niemand kennt und die dennoch seltsam vertraut erscheinen. Wer Haruki Murakamis Storys liest, gleitet in rätselhafte, melancholische Träume, aus denen er verändert erwacht.
  • Deutsch
  • 2,96 MB
978-3-8321-8601-2 (9783832186012)
3832186018 (3832186018)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte über längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung im DuMont Buchverlag.
Ursula Gräfe, geboren 1956, hat in Frankfurt am Main Japanologie und Anglistik studiert. Aus dem Japanischen übersetzte sie u. a. den Nobelpreisträger Kenzaburo Oe, außerdem Yoko Ogawa und Hiromi Kawakami. Für DuMont überträgt sie die Romane Haruki Murakamis ins Deutsche.
Blinde Weide, schlafende Frau (S.11-12)

Als ich die Augen schloss, traf mich der Duft des Windes. Ein Maiwind, üppig wie eine Frucht, mit rauer Schale, weichem Fruchtfleisch und zahllosen Samenkörnchen. Das Fruchtfleisch barst in der Luft, die Samen prasselten wie milder Schrot auf meine bloßen Arme und hinterließen einen Anflug von Schmerz.
»Wie spät ist es?«, fragte mich mein Cousin. Er war etwa zwanzig Zentimeter kleiner als ich und musste zu mir aufschauen, wenn er mit mir sprach.
Ich sah auf die Uhr. »Zwanzig nach zehn.«
»Geht deine Uhr richtig?«, fragte er.
»Ich glaube schon.«
Er ergriff mein Handgelenk und schaute auf die Uhr. Seine schlanken glatten Finger waren erstaunlich stark. »War die teuer?«
»Nein, ziemlich billig«, sagte ich und warf erneut einen Blick auf den Fahrplan.
Keine Antwort.
Als ich meinen Cousin ansah, schaute er verlegen zu mir auf. Die weißen Zähne in seinem geöffneten Mund wirkten wie verkümmerte Knochen.
»Sie war ganz billig«, sagte ich noch einmal sehr deutlich und sah ihm dabei ins Gesicht. »Es ist eine billige Uhr, aber sie geht genau.«
Mein Cousin nickte wortlos.

Mein Cousin hört auf dem rechten Ohr nicht gut. Gleich als er in die Schule kam, wurde er von einem Baseball am Ohr getroffen, und seitdem ist sein Gehör geschädigt, aber normalerweise beeinträchtigt ihn das nicht. Er geht auf eine normale Schule und führt ein vollkommen normales Leben. Im Klassenzimmer sitzt er immer ganz rechts in der ersten Reihe, damit er das linke Ohr dem Lehrer zuwenden kann. Seine Noten sind gar nicht übel. Allerdings gibt es Zeiten, in denen er Geräusche relativ gut hört, und Zeiten, in denen das nicht so ist. Sie wechseln wie Ebbe und Flut. Und sehr selten, zweimal im Jahr vielleicht, hört er mit beiden Ohren so gut wie nichts mehr. Es ist, als würde die Stille in seinem rechten Ohr so tief, dass sie für das linke jedes Geräusch verschluckt. Dann kann er natürlich kein normales Leben mehr führen und muss für eine Weile der Schule fern bleiben. Auch die Ärzte können sich nicht erklären, warum das auftritt. Sie haben einen solchen Fall noch nie erlebt, also können sie nichts dagegen unternehmen.

»Eine Uhr geht nicht unbedingt genauer, nur weil sie teuer war«, sagte mein Cousin, wie um sich selbst davon zu überzeugen. »Ich hatte mal eine ziemlich teure Uhr, aber sie ging ständig vor oder nach. Die habe ich bekommen, als ich auf die Mittelschule kam, aber nach einem Jahr hab ich sie verloren. Seitdem komme ich ohne Uhr aus. Sie kaufen mir keine mehr.«
»Ist das nicht unpraktisch, ohne Uhr?«, fragte ich.
»Was?«, fragte mein Cousin.
»Ob das nicht unpraktisch ist, so ohne Uhr?«, wiederholte ich und sah ihn dabei an.
»Eigentlich nicht«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Ich wohne ja nicht allein irgendwo in den Bergen. Es gibt immer jemanden, den ich nach der Uhrzeit fragen kann.«
»Stimmt auch wieder«, sagte ich.
Für eine Weile schwiegen wir.
Mir war klar, dass ich nett zu ihm sein und mit ihm plaudern sollte, um ihn ein bisschen aufzulockern, bevor wir im Krankenhaus ankamen. Aber ich hatte ihn vor fünf Jahren zum letzten Mal gesehen; in diesen fünf Jahren war aus einem Neunjährigen ein Vierzehnjähriger geworden, und ich war nun nicht mehr zwanzig, sondern fünfundzwanzig. Diese Zeitspanne hatte so etwas wie eine unsichtbare Barriere zwischen uns errichtet, die schwer zu überwinden war. Selbst wenn ich versuchte, etwas Notwendiges zu sagen, kamen mir die richtigen Worte nicht über die Lippen. Und jedes Mal, wenn ich dazu ansetzte, etwas zu sagen, und es dann doch wieder verschluckte, sah mein Cousin ein wenig verstört zu mir auf, das linke Ohr kaum merklich in meine Richtung geneigt.

»Wie spät ist es jetzt?«, fragte er.
»Zehn Uhr neunundzwanzig«, antwortete ich.
Als der Bus endlich in Sicht kam, war es zehn Uhr zweiunddreißig.

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung dieser Web-Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok