Feuererwachen (Bd. 1)

 
 
Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2020
  • |
  • 496 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03880-123-8 (ISBN)
 
Annie und Lee waren Kinder, als eine blutige Revolution ihre Welt radikal veränderte. Inzwischen Teenager, nehmen sie beide an einem Auswahlverfahren teil, um Drachenreiter zu werden, obwohl ihre Herkunft unterschiedlicher nicht sein könnte. Annie kommt aus einer Familie von Leibeigenen, die durch das Drachenfeuer des alten Regimes getötet wurde; Lee ist der hochgeborene Sohn eines Drachenherrn, der bei der Revolution einen grausamen Tod fand. In der neuen Ordnung, die auf Leistung anstelle von Herkunft setzt, müssen beide ihren Weg finden. Doch dann droht ein Krieg, denn die alten Drachenherren wollen sich ihre Herrschaft zurückholen - und Annie und Lee werden zu schwerwiegenden Entscheidungen gezwungen .
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,54 MB
978-3-03880-123-8 (9783038801238)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Rosaria Munda wuchs im ländlichen North Carolina auf, wo sie auf Bäume kletterte, Harry Potter-Fanfiction las und sich selbst Latein beibrachte. Sie studierte Politische Theorie in Princeton und lebt heute mit ihrer Familie in Chicago. >Feuererwachen< ist ihr erster Fantasy-Roman.

1


Mitteilungen des Ministeriums


Neun Jahre später

Lee


Morgens fliegen wir am liebsten. Selbst heute, wenige Stunden vor dem Turnier, über der leeren Arena, die uns daran erinnert, dass wir bald zum allerersten Mal Tausende Zuschauer haben werden, ist es das pure Glück, die Stadt unter den Flügeln eines Drachen ausgebreitet zu sehen. Als wir eine enge Kurve fliegen, merke ich, dass Pallor eines seiner schwarzen, unergründlichen Augen auf mich gerichtet hat. Auf einmal strafft sich das Band zwischen uns, über das wir unsere Gefühle und Gedanken sonst nur lose teilen, wenn ich im Sattel sitze. Ja. Heute gilt es. Heute werden wir zeigen, was in uns steckt.

Doch dafür brauche ich einen klaren Kopf. Sanft entziehe ich mich Pallors fiebriger Vorfreude und konzentriere mich auf die Arena. Zwei weitere Drachenreiter fliegen mit uns, jeder auf einer der anderen beiden Rassen: Crissa und ihr Himmelsjäger schweben über uns, Cor und sein Sturmpfeil gleiten unter uns dahin und speien Asche auf die Ränge der Arena. Bei dieser Generalprobe sind nur die Anführer der drei Geschwader dabei.

Ich rufe gegen den Wind an. »Du lenkst sie zu tief, Cor!«

Cor schnaubt frustriert und zieht seine Drachin ein Stück höher. Wir haben die Choreografie der Eröffnungszeremonie schon zigmal mit Beamten des Ministeriums geprobt und jedes Mal kam die heikle Frage auf, wie wir die Macht der Sturmpfeil-Rasse demonstrieren sollen. Vor der Revolution haben die Drachen des Hauses Sturmpfeil - meiner Familie - die Dörfer im Umland terrorisiert, aber urprünglich waren sie auch der wichtigste Schutz unserer Insel gegen Angriffe aus der Luft.

»Es hieß doch, wir sollten weit unten feuern«, sagt Cor.

»Aber das ist zu weit unten. Es gefährdet die Zuschauer.«

Unsere Drachen sind Jungtiere, kaum größer als ein Pferd, und können noch kein Feuer spucken. Aber der Rauch, den sie ausstoßen, kann trotzdem zu Verbrennungen führen.

Crissa und ihr Himmelsjäger, dessen langer, schlanker hellblauer Körper mit dem Morgenhimmel verschmilzt, kreisen über uns. »Du willst die Leute doch beeindrucken, nicht grillen«, ruft sie zu Cor runter.

Cor winkt ab. »Ja, ja, schon gut.«

Unsere Flotte ist noch in Ausbildung - sowohl die Drachen als auch die Reiter. Die Drachenreiter der neuen Herrschaftsordnung werden nun Wächter genannt und sie sind niedriger Herkunft, einfache Bürger oder sogar ehemalige Leibeigene. Nicht länger die Söhne von Drachenherren.

Bis auf mich, was aber außer mir niemand weiß.

Denn im Gefolge der Revolution kommt es einem Todesurteil gleich, von Drachengeblüt zu sein. Geboren wurde ich als Leo, Sohn von Leon, Drachenherr des Hauses Sturmpfeil und Drakarch des Fernen Hochlands - doch seit der Zeit im Waisenhaus heiße ich Lee. Nicht einmal der Erste Protektor, der mir das Leben gerettet und mich zwei Jahre später in das Wächterprogramm aufgenommen hat, ohne mich wiederzuerkennen, weiß Bescheid. Dass ein Spross des Hauses Sturmpfeil in das meritokratische Drachenreiter-Programm aufgenommen worden ist, welches doch alles ersetzen sollte, wofür seine Familie einst stand.

Ich weiß zwar, dass ich von Glück sagen kann, überhaupt noch lebendig und dem Waisenhaus entronnen zu sein, aber immer wieder kommen Erinnerungen an mein altes Leben in mir hoch. Vor allem jetzt, als Pallor und ich über der Palastarena kreisen, die zum allerersten Mal seit der Revolution für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Auch das alte Regime hat dort Turniere abgehalten. Turniere, bei denen ich meinem Vater zugejubelt und dabei von dem Tag geträumt habe, an dem ich seine Nachfolge antreten würde.

Ich beuge mich vor und stütze eine Hand auf Pallors silbergeschuppten Nacken, als er seine im Morgenlicht fast durchsichtig schimmernden Flügel zum Sturzflug anlegt. Pallor ist ein Aurelian, eine kleinere Rasse, die als umsichtig und gut steuerbar gilt, und die Formation der Aurelianer in der heutigen Zeremonie ist die einzige, die so komplex ist, dass sie von zwei Reitern angeführt werden muss. Ich kann zwar allein proben, aber eigentlich brauche ich dafür -

Annie. Da ist sie.

Aus der Höhlenöffnung am Fuß der Arena kommt ein weiterer Aurelian hervorgeschossen, eine bernsteinfarbene Drachin, auf der meine Sparringspartnerin reitet. Annie und ich haben während unserer gesamten Ausbildung miteinander trainiert, aber wir kennen uns sogar noch länger, aus dem Waisenhaus, in dem wir vor unserer Aufnahme in das Wächterprogramm gelebt haben.

Erinnerungen, die für ein ganzes Leben reichen - aber wir haben ziemlich viel Übung darin, nie darüber zu sprechen.

»Annie!«, ruft Crissa und winkt fröhlich. »Da bist du ja!«

»Ohne dich hat Lee hier draußen nichts auf die Reihe gekriegt«, sagt Cor.

Pallor und ich feuern einen Aschestrahl in seine Richtung. Cor weicht ihm prustend aus.

Annies Mundwinkel wandern in die Höhe, doch statt auf Cors Bemerkung zu antworten, fügt sie sich sofort nahtlos mir gegenüber in die Formation ein. Ihre Drachin, Aela, spiegelt jede von Pallors Bewegungen. Annies rotbrauner Zopf fällt ihr tief in den Rücken, ihr blasses, sommersprossiges Gesicht ist hoch konzentriert. Seit ich denken kann, finde ich Annie wunderschön, aber gesagt habe ich ihr das noch nie.

»Fangen wir von vorn an?«, schlage ich vor.

Die drei anderen sind einverstanden.

Wir richten uns gerade auf, als die Glocke zur vollen Stunde läutet. Die Arena unter uns, der Palast auf der einen und Pythos Feste auf ihrem Sockel aus Karstgestein auf der anderen Seite, die steilen Giebeldächer der Stadt, die Ebenen, die sich bis zur Küste erstrecken - einen Augenblick überwältigt mich der Wunsch, die Stadt und die gesamte Insel unter mir zu beschützen, ja zu besitzen. In meinem Kopf hallt der Eid wider, den wir abgelegt haben, als wir zu Wächtern ernannt wurden: Alles, was ich bin, gehört Callipolis. Ich gelobe bei den Flügeln meines Drachen, es zu bewahren .

Heute werden acht Wächter in der Viertelfinalrunde des Turniers antreten, durch das der Befehlshaber der Luftflotte bestimmt werden soll. Nach wochenlangen Qualifikationsrunden haben Annie, Cor, Crissa und ich es unter die letzten acht geschafft.

Es ist das erste Mal seit der Revolution, dass Callipolis einen Ersten Reiter ernennt, einen der wenigen Titel, die es vom alten Regime übernommen hat. Die Drachen der Revolutionsflotte sind nun endlich alt genug und ihre Reiter ausreichend ausgebildet, um das seit der Revolution unbesetzte Amt anzustreben. Für die anderen Wächter sind die Turniere eine Gelegenheit, sich zu beweisen; für mich bedeuten sie noch viel mehr.

Denn Erster Reiter ist ein Titel, auf den ich schon vor der Revolution versessen war. Damit könnte ich all die Anerkennung, Macht und Achtung, die meine Familie innerhalb eines einzigen blutigen Monats verloren hat, als ich acht Jahre alt war, auf einen Schlag zurückerobern.

Erster Reiter.

Von unten wehen die letzten Glockentöne vom Uhrturm des Palasts herauf und reißen mich aus meinen Gedanken. »Wir sollten frühstücken gehen. Goran meinte, bis dahin hätte er die Turnieraufstellung fertig.«

Wir landen auf dem Horst, dem flachen Felsvorsprung in der Mitte der Arena, wo wir absitzen, unseren Drachen die Sättel abnehmen und sie in ihre Nester in den Höhlen unter uns entlassen. Zurück im Palast mischen wir uns unter die übrigen Wächter des Drachenkorps, insgesamt zweiunddreißig Mädchen und Jungen, die aus den Schlafsälen in das Refektorium des Konvents mit seinen nackten Steinwänden und hohen, schmalen Fenstern strömen. Das Frühstück besteht wie gewöhnlich aus leicht angebranntem Haferbrei. Obwohl wir theoretisch im Palast wohnen, sind wir in den Quartieren untergebracht, die vor der Revolution den Bediensteten vorbehalten waren.

»Ihr seid aber früh auf.«

Duck, Cors jüngerer Bruder, ist auf seiner Sitzbank zur Seite gerutscht, damit wir uns zu ihm und seinen Freunden an den Tisch setzen können. Duck und Cor haben die gleiche olivfarbene Haut und das gleiche gewellte Haar, aber vom Temperament her sind sie völlig verschieden: Cor zieht meistens ein mürrisches Gesicht, Duck hingegen lächelt gern und oft. Annie macht es sich neben Duck bequem. Sie sind beide sechzehn, ein Jahr jünger als die meisten von uns. Ihr Alter war die erste Gemeinsamkeit, die sie zusammengebracht hat, aber Freunde sind sie vor allem deshalb geworden, weil Duck sich von ihrer ernsten Art offenbar angespornt fühlt. Es ist nicht leicht, Annie ein Lächeln zu entlocken, und Duck hat das ziemlich gut drauf.

Er zieht seinen Löffel aus dem Haferbrei und deutet damit auf Annie. »Na, bereit für deinen großen Tag?«

Annie schnaubt, aber trotzdem steigt ihr eine leichte Röte ins Gesicht. Es ist der einzige Hinweis auf ihren Ehrgeiz, den sie sonst eher versteckt. Sie sitzt schon wieder ganz zusammengesunken da, wie immer, wenn sie zurück auf der Erde ist, als wollte sie möglichst wenig Platz beanspruchen. Das glatte Gegenteil zu ihrem Selbstbewusstsein in der Luft.

Crissa antwortet Duck in dem bestärkenden Ton, den sie immer anschlägt, wenn sie die Reiter ihres Geschwaders ermutigen will: »Es ist auch dein großer Tag.«

Duck hebt die Schultern und grinst breit. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.«

Wie wir vier hat Duck es ins Viertelfinale geschafft. Er wird seine Sache großartig machen - wenn er denn die Nerven behält. Und das hängt davon ab, gegen wen er antreten muss.

»Nervös, Dorian?«

Ich hätte es nicht beschreien dürfen....

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