Herr Freytag und Miss Kafka retten die Welt

Eine Heißluftballonräubergeschichte mit Schaf oder Das Abenteuer eines Räubers, der nichts stiehlt, und einer Gräfin, die keine ist
 
 
Periplaneta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Juni 2020
  • |
  • 186 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95996-141-7 (ISBN)
 
Am Stadtrand steht ein alter Wasserturm. Herr Freytag wohnt im zweiten Stock, im Keller der Hausmeister Scardanelli, mit dem er manchmal über die Welt oder die Poesie spricht, und unter dem Dach eine amerikanische Studentin, die kaum in Erscheinung tritt. Tagsüber sitzt Herr Freytag in seinem Antiquariat, liest in altehrwürdigen Klassikern von längst vergangenen Abenteuern, von Räubern und Gräfinnen, von Schätzen und ihren Bewahrern, während das wahre Leben eher an ihm vorbei zieht.
Doch das ändert sich schlagartig, als eines Abends die Amerikanerin wortwörtlich durch die Decke in sein Leben stürzt. Und das ist erst der Anfang, denn die junge Frau will die Welt retten. Gemeinsam mit Herrn Freytag.

Eine wahrlich schöne Geschichte über Erinnerungen und Erwartungen, über die Jugend und das Alter, über Träume und Einsamkeit, fremde Sprachen und vergessene Bücher.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 0,20 MB
978-3-95996-141-7 (9783959961417)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Philipp Multhaupt entstammt einer Familie mit reicher literarischer Tradition: Sein Urgroßvater, ein prominenter Tellerwäscher, spülte in jungen Jahren einmal Thomas Manns Bierglas. 1989 als Sohn eines lippischen Schäferehepaares geboren, entdeckte Multhaupt früh seine Liebe zum Schreiben und zum Wein. Nachdem er sich im Studentenleben der glamourösen 2010er Jahre die Hörner abgestoßen hatte, verlor er sein Herz an die Flamencotänzerin Gypsy Ginger und gab sein Dasein als Wanderpoet für eine gefestigte Existenz auf. Er verfasste zahllose bedeutende Werke und konnte sich fortan Butter aufs Brot leisten, ohne dafür fremder Leute Teller spülen zu müssen. Den Dritten Weltkrieg überlebte er im bleiversiegelten begehbaren Besenschrank einer Heidelberger Künstlerkommune, in feierlustiger Gesellschaft. Jahrzehnte später starb er im türkisch besetzten Wien an den Spätfolgen seines exzessiven Butterkonsums. Der Erfolg hatte dem zweifachen Nobelpreisträger zu Ruhm und Wohlstand verholfen, im Herzen aber blieb er stets Kommunist per Lippenbekenntnis. Seine letzten Worte verrät er nicht.

Das erste Kapitel


Stellt Herrn Freytag vor, den Helden dieser Geschichte; behandelt manches, worüber er Bescheid weiß, vieles, worüber er sich wundert, und ist überhaupt ganz verdächtig harmlos.

Der alte Wasserturm stand am Stadtrand von Mabonagrin, in der Nähe längst stillgelegter Eisenbahnschienen, die nach Gottweißwohin führte, und auch der Wasserturm war schon lange kein Wasserturm mehr, sondern ein Wohnturm. Herr Freytag wohnte im zweiten Stock und Scardanelli im Keller und unter dem Dach wohnte die Amerikanerin, aber man begegnete ihr nie, sodass sie in der Vorstellung ihrer Hausgenossen mehr Mondschein als Mensch blieb.

Herr Freytag und Scardanelli begegneten sich dagegen häufiger, und sie waren so etwas wie Freunde. In Scardanellis Fall verwunderte das nicht allzu sehr; für ihn war es einfacher, mit der ganzen Welt Freundschaft zu schließen, als sie in Freunde und Feinde einzuteilen und beständig abwägen zu müssen, wer nach neuesten Erkenntnissen zu welchem Lager gehörte.

Die Beziehungen, die Herr Freytag zu seinen Mitmenschen unterhielt, waren dagegen meist weder feindlicher noch freundlicher Natur, sondern spielten sich irgendwo dazwischen ab. Für die Menschen auf den Straßen der Stadt jedenfalls, denen in jedem belanglosen Gespräch, in jedem schwachen Händedruck der bedauerliche Makel des Wirklichseins anhaftete, hatte er nicht viel übrig. Herr Freytag war Inhaber der Buchhandlung Alter Kaiser, einem kleinen Laden in der Mabonagriner Altstadt, der sich über die Jahre schleichend in ein Antiquariat verwandelt hatte. Die Geschäfte gingen mäßig, was daran liegen mochte, dass Herr Freytag daran festhielt, das Sortiment nach seinen eigenen Vorlieben statt denen seiner Kunden zu gestalten. Er führte jetzt kaum noch zeitgenössische Literatur, weil er der unumstößlichen Überzeugung war, dass das Buch seine besseren Tage längst hinter sich hatte. Die Buchbinder der Gegenwart waren keine Künstler mehr, sie stellten leblose Gebrauchsgegenstände her, uniforme Pappeinbände unter hässlichen Schutzumschlägen und nach Chlor stinkende Taschenbuchquader, deren Rücken die sinnliche Rundung eines gebundenen Buches fehlte. Es gab keine Ledereinbände mehr und kaum noch solche aus Leinen, und es gab keine Ornamente. Herr Freytag vermisste die wirbelsäulenartigen Buchrücken mit ihren vorstehenden Bünden, er vermisste die goldgeprägten Titel, die Lesebändchen und die farbigen Schnitte, die marmorierten Vorsätze, die arabesken Pflanzenranken und geheimnisvollen Symbole auf Rücken und Einband, die ihm jedes alte Buch zum Zauberbuch gemacht hatten, als er noch Kind war.

Außerdem, da war er sich sicher, waren die alten Geschichten die besten; die, in denen es Gut und Böse noch gab, einen Anfang und ein Ende. Heutzutage nahmen es die Leute zu genau mit der Wirklichkeit, um gute Geschichtenerzähler sein zu können, und es gab keine Poeten mehr, nur noch Schriftsteller. Erfundene Romanhelden mussten sprechen wie im wirklichen Leben, sie durften nicht »Ach!« sagen oder »Weh mir!« Sie durften ihre Gewissensqualen nicht in Blankverse fassen, ihre Geliebte nicht mit einem Sommertag vergleichen oder über die grünäugige Eifersucht klagen. Sie durften keine wortgewaltigen Reden halten und keine leidenschaftlichen Liebeserklärungen machen, sie mussten stottern und stammeln und radebrechen wie jeder normale Mensch, und Herr Freytag verstand nicht, wozu man sie dann überhaupt erfinden musste. In seinen Laden jedenfalls ließ er solche fragwürdigen Helden nicht herein. In seinem Laden gab es Drachentöter und Balladensänger, da wurden Geschichten erzählt, die Sprache aus ihrem Alltagsgefängnis befreit - und wer eintrat, ließ die Wirklichkeit, überhaupt ein ganz albernes Wort, vor der Ladentür zurück.

Wenn man Freunde hat, weiß man einiges über sie, aber man weiß nicht alles, und manchmal ist das, was man weiß, nicht einmal das Wichtigste. Von Scardanelli wusste Herr Freytag drei Dinge. Dazu gehörte, dass der Hausmeister jeden Abend in seiner kleinen Kammer neben dem Heizkeller saß und Gedichte schrieb. Herr Freytag kannte keines dieser Gedichte, aber er fühlte sich geehrt genug, Kenntnis von ihnen zu haben. In einer Welt, in der das geschriebene Wort Hinweistafeln und Geschäftsbriefen vorbehalten war, waren Gedichte immer ein Geheimnis, und wen man über ein Geheimnis in Kenntnis setzte, dem zeigte man, dass man ihm vertraute und ihn wertschätzte.

Scardanelli hatte Herrn Freytag eines Abends im Hausflur eingeweiht, den er die Turmhalle zu nennen beharrte, obwohl es das Wort weder im Deutschen noch im Italienischen gab, aber vernünftige Einwände gegen seinen Gebrauch gab es schließlich ebensowenig, und hatte in solchen Fällen nicht schon Shakespeare, und sowieso, und überhaupt. Herr Freytag war gerade von der Arbeit gekommen und Scardanelli, in Ausübung seiner Hausmeisterpflichten (die natürlich vielmehr Turmhüterpflichten waren), hatte auf der obersten Stufe der Kellertreppe gestanden und ihn freundlich begrüßt. Scardanellis Begrüßungen endeten in der Regel auf ein Fragezeichen.

»Kennste du Schiller?«, hatte er gefragt. »Goethe? Conosci

Herr Freytag hatte genickt. »Gut sogar. Beinah persönlich.«

Ernst hatte Scardanelli sein Nicken erwidert, als seien sie gemeinsame Mitwisser einer literarischen Verschwörung. »Sono poeti. Wie sagt man auf Deutsch? Habe ich den ganze Tag überlegt, aber bin ich nicht eingefallen.«

»Dichter«, hatte Herr Freytag gesagt.

»Ah, si«, hatte Scardanelli entgegnet, zufrieden, das vergessene Wort zurückerobert zu haben. »Bin ich auch Dichter. Bin ich nicht gut wie Goethe, aber bin ich bald besser wie Schiller.«

Und er hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und war ohne ein weiteres Wort die Kellertreppe heruntergestiegen, um seinen Pflichten nachzukommen, der des Turmhüters oder der des Dichters, die in ihren grundlegenden Anforderungen dieselben sind. Er wohnte mietfrei und bezog ein bescheidenes Gehalt für die Instandhaltung des Turms, zu der sich die Grauerin auf ihre alten Tage nicht länger selbst befähigt sah. Als Herr Freytag vor einigen Jahren eingezogen war, war Scardanelli schon da gewesen. Was ihn und die Grauerin verband, wie ihr Abkommen einst zustande gekommen war, wusste er nicht; aber sie mussten wohl alte Bekannte sein, auch wenn Scardanelli um einiges jünger war als sie.

Das Dichterbekenntnis im Hausflur hatte Herr Freytag damals erst später am Abend in seiner ganzen Größe erfasst. Es war längst dunkel gewesen, die Amerikanerin im Zimmer über ihm hatte Musik gespielt und Herr Freytag hatte in seiner kleinen Wohnung beim Abendbrot gesessen, als es ihm plötzlich bedeutungsschwer aufgegangen war: Scardanelli war ein Poet.

»Ich möchte wissen«, hatte Herr Freytag laut ins Zimmer hineingesagt, denn in den vielen Jahren, in denen sonst niemand da gewesen war, hatte er die durchaus nicht ehrrührige Angewohnheit angenommen, mit sich selbst zu sprechen; »ich möchte wissen, was er wohl für Gedichte schreibt.«

Und seitdem versuchte er, es sich vorzustellen. Ganz vergeblich natürlich. Aber er fand solches Vergnügen daran, dass er seine Bemühungen nicht einstellen mochte. Fragen wollte er Scardanelli freilich nicht. Wenn sie sich unterhielten, dann niemals über sein Dichterhandwerk. Ein Dichter, fand Herr Freytag, soll dichten und nicht schwätzen, und er wollte Scardanelli nicht zu Verhaltensweisen verleiten, die seiner Poesie zum Nachteil gereichen konnten. Wenn sie sprachen, dann meist über ganz prosaische Dinge. Das Wetter zum Beispiel, oder was in der Zeitung stand, oder das tägliche Brot.

So hatte Herr Freytag die zweite Sache in Erfahrung gebracht, die er über Scardanelli wusste: Dass nämlich eine Hauptanforderung seines Berufes darin bestand, den ständig überfluteten Fußboden des Heizkellers einigermaßen trocken zu halten. Der Heizkessel leckte schon seit Jahren, aber die alte Grauerin konnte sich von ihrer kleinen Rente eine Reparatur nicht leisten, oder sie wollte nicht.

»Da muss man was tun«, sagte sie jedes Mal, wenn man sie auf den Missstand ansprach oder wenn sie ihn selbst zur Sprache brachte. »Aber das Geld muss ja da sein.« Und damit war das Thema erledigt. Wahrscheinlich hatte das Leck im Kessel sie über die Jahre mehr Geld gekostet als eine Reparatur. Aber sie war stur, die Grauerin, sie rechnete nach ihrer eigenen Mathematik, und Handwerker mochte sie sowieso nicht.

Dennoch blieb sie angesichts der finanziellen Notlage nicht untätig; sie spielte Lotto. Herr Freytag musste ihr jeden Montag einen Schein aus dem Tabakladen gegenüber vom Alten Kaiser mitbringen und gab ihn, nachdem sie ihn ausgefüllt hatte, am Dienstag wieder dort ab. Wo sie ihre Kreuze setzte, das unterlag strenger Geheimhaltung.

»Dass Sie mir ja nicht auf die Zahlen linsen, Herr Freytag!«, mahnte sie jeden Dienstagmorgen, und Herr Freytag linste nie auf die Zahlen; das wusste die Grauerin, und wenn sie auch offenes Misstrauen bekundete, im Stillen vertraute sie ihm. Gewonnen hatte sie noch nie etwas, aber davon ließ sie sich nicht entmutigen. Eine wie die Grauerin hoffte nicht auf ihr Glück, sie plante es, sie war sich sicher, dass sie eines Tages gewinnen musste, und dann würden bessere Zeiten anbrechen im Wasserturm, eine goldene Ära.

Solange allerdings diese Ära noch auf sich warten ließ, tropfte das Wasser langsam, aber stetig aus dem Kessel, verteilte sich über den Boden und musste in regelmäßigen Abständen mit einem Aufnehmer gebändigt werden, damit der Keller nicht überflutet wurde. Das zu verhindern lag in Scardanellis...

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