Das Leben in einem Atemzug

 
 
Antje Kunstmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. September 2018
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95614-274-1 (ISBN)
 
Was geschieht, wenn wir versuchen, das Leben, in dem wir zu Hause sind, für etwas Besseres zu verlassen? In fünf Schicksalen entfaltet sich in diesem Roman ein grandioses Panorama der modernen indischen Gesellschaft.
Neel Mukherjee erzählt in Das Leben in einem Atemzug von Menschen, die aufbrechen, ihr Zuhause verlassen, um für sich und ihre Familien ein besseres Leben zu erlangen. Da ist die Köchin in Mumbai, die in sechs Haushalten kocht; da ist der Mann, der mit seinem Tanzbär von Ort zu Ort zieht, da ist das Mädchen, das vor den Terroristen, die ihr Dorf bedrohen, in die Stadt flieht - sie alle erleben, was es bedeutet, nicht mehr im eigenen, vertrauten Umfeld zu sein. Ihre Schicksale erzählen von den Frösten der Freiheit, vom Fremd- und Alleinsein, von Armut und Arbeit. Aber auch von der Hoffnung und Glück. Ein atmosphärisch dichter Roman aus dem heutigen Indien, einer modernen Gesellschaft, in der die Schatten einer anderen noch deutlich spürbar sind. Leidenschaftlich und voller Empathie entfaltet sich in einem Reigen von Geschichten das unstillbare menschliche Streben nach einem anderen, besseren Leben.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Neel Mukherjee wurde 1970 in Kalkutta geboren und studierte Englische Literatur in Oxford und Cambridge. Er hat bisher zwei Romane veröffentlicht, A Life Apart (2010) für den er mit dem Writers Guildo of Great Britain Award ausgezeichnet wurde, und In Anderen Herzen (2016), der auf der Shortlist des Man Booker Prize stand und mit dem renommierten Encore Prize ausgezeichnet wurde. Er lebt in London.

EINS


 

ALS ER VERSUCHTE, die Rechnung zu prüfen, bevor er sie beglich - eine alte, ihm von seinem Vater eingeimpfte Angewohnheit, jede Rechnung kurz zu überfliegen, um sicherzugehen, dass er nicht übervorteilt worden war -, erkannte er, dass er die simple Aufgabe, die einzelnen Posten und die Steuer zu addieren, nicht mehr bewältigen konnte. Er stand an der Rezeption und versuchte es immer wieder. Dann holte er seine Brieftasche heraus und versuchte, die Rupien- und US-Dollar-Scheine zusammenzuzählen, die sich darin befanden; es gelang ihm nicht. Ein so elementares geistiges Vermögen wie das Zählen war ihm abhandengekommen. An den Rändern seines Gesichtsfelds konnte er schon eine kleine, wachsende Schar von Schaulustigen ausmachen. Die Nachricht hatte sich herumgesprochen. Da brach er zusammen und weinte um seinen Sohn.

Er hatte gezögert, mit dem Jungen gleich nach ihrer mittäglichen Besichtigung des Taj Mahal nach Fatehpur Sikri zu fahren; zwei bedeutende Mogul-Denkmäler an einem Nachmittag konnten übertrieben erscheinen. Andererseits, sagte er sich, war es eine Fahrt von nicht einmal einer Stunde, und es war gang und gäbe, die zwei Stätten an einem Tag abzuhaken. Sie konnten am späten Nachmittag wieder in ihrem Hotel in Agra sein, und nach einem kurzen Abend mit Fernsehen und Zimmerservice am folgenden Morgen ausgeruht nach Delhi aufbrechen. Der zweite Gedanke setzte sich durch.

Als er gegenüber dem Fahrer seines Mietwagens einen Teil dieses Plans erwähnte, fasste der junge Mann (ziemlich langes Haar und goldene Halskette, goldenes Armband und klobige Uhr) es als verhüllten Befehl auf, die Sache in Rekordzeit hinter sich zu bringen. Er genoss die Gelegenheit, die staubige, mit Kratern übersäte Nebenstraße nach Fatehpur Sikri in einem Organe erschütternden Tempo entlangzufahren, gelegentlich, wenn ein Hindernis auftauchte, abrupt auf die Bremse zu steigen und dann ebenso unvermittelt wieder loszubrausen. Sie passierten eine Reihe von schäbigen Esslokalen, Teebuden, Zigaretten-und-Imbiss-Ständen am Straßenrand. Die größeren prunkten mit eigenen Schildern und Namen. Wie zu erwarten, gab es einen »Akbar«, »Shahjahan«, »Shahenshah«, eine »Jodha Bai«, sogar einen »Tansen«, der »100% VAGETARIAN« war. Davor hatte bereits ein Schild vor zu schnellem Fahren gewarnt: »Batter late than never«. Nicht zum ersten Mal wunderte er sich darüber, wie in einem von einer solch sinneverwirrenden Fülle von Schildern heimgesuchten Land deren Orthografie so uneinheitlich sein konnte. Eine Coca-Cola-Reklame zierte das Dach eines kleinen Ladens, Markenname und Werbeslogan in Hindi-Schrift.

»Coca-Cola«, sagte der Junge, der zwar nicht die Schrift, wohl aber das Markenzeichen, die universelle Welle, lesen konnte.

»Wir können eine trinken, wenn wir mit der Besichtigung fertig sind«, sagte er, in Gedanken mit der Frage beschäftigt, ob eine zusätzliche Anweisung an den Fahrer - etwas vom Gas zu gehen, damit dem Jungen nicht schlecht wurde - als mutwilliger Selbstwiderspruch aufgefasst werden könnte; solche Überlegungen machten ihm immer zu schaffen.

Der Junge wirkte zurückgenommen; den Schritt vom bloßen Erkennen der vertrauten Marke zum Verlangen danach vollzog er nicht. Normalerweise hätte er wie besessen die englisch geschriebenen Namen auf den Plakatwänden und an den Geschäften buchstabiert und zu lesen versucht. So dankbar er für die untypische Gemütsruhe seines Sohnes auch war, fragte er sich doch, ob er einem Sechsjährigen nicht vielleicht zu viel zumutete, wenn er ihn von einer historischen Stätte zur nächsten schleppte. Jetzt las er aus der Schweigsamkeit des Jungen so etwas wie höfliche Nachsicht heraus, den Versuch, ihm zu verstehen zu geben, dass diese Art von Tourismus zwar völlig außerhalb seiner Interessensphäre lag, er es aber dulden würde, dass sein Vater ihr frönte. Im Taj Mahal waren seine anfangs enthusiastischen, bald zur reinen Formsache heruntergebrannten Fragen - »Baba, was ist ein Moh-soh-lie-amm?«, »Liegt Mum-taz unter diesem Haus?«, »Lief sie da rum und machte irgendwas und redete, während Schädschi-hahn das über sie drüber gebaut hat?« - schließlich vollends verstummt. Hatte ihn Erstaunen zum Schweigen gebracht oder Langeweile? Er hatte versucht, die Aufmerksamkeit des Jungen mit Geschichten wachzuhalten, die die Vorstellungskraft des Jungen, wie er hoffte, beflügeln würden: »Siehst du, wie weiß das Gebäude ist? Weißt du, dass der Kaiser, der es hat bauen lassen, Shah Jahan, in Vollmondnächten auf der Terrasse Bankette veranstaltete, bei denen alles ganz weiß war? Das Mondlicht, die Kleider, die die Höflinge und Gäste trugen, die Blumen, das Essen - alles war weiß, damit es zum Weiß des Marmors und dem weißen Licht des Mondes passte.« Der Junge hatte genickt und die Information offenbar aufgenommen, hatte aber keine weitergehende Neugier gezeigt.

Jetzt fragte er sich, ob sein Sohn dieses ganze Gerede von Gräbern und ewiger Trauer und zum Andenken Verstorbener errichteter Bauten nicht als makaber, verstörend empfand. Sein Sohn war Amerikaner, er wuchs also ohne den Fundus von Geistergeschichten auf, die er selbst als Kind in Kalkutta erst, auf dem Schoß von Dienern und Tanten sitzend, gehört und später, als er etwas älter war, in Kinderbüchern gelesen hatte. Insofern konnte er sich nicht so recht vorstellen, was im Kopf des Kindes vor sich gehen mochte, wenn er von so Unerhörtem erfuhr wie von einer erdachten Realität, die unter der sichtbaren Welt existierte und ebenso lebendig wie die wirkliche war. Wenn sie in Fatehpur Sikri wären, nahm er sich vor, würde er sich ausschließlich auf historische Fakten beschränken.

Oder konnte es an dem furchtbaren Unfall liegen, den sie gestern, als sie bei ihrem Hotel ankamen, um ein Haar hätten mitansehen müssen? Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber, wurde ein riesiges Gebäude errichtet, und ein Bauarbeiter war offenbar gerade in dem Moment zu Tode gestürzt, als ihr Auto in die Hotelauffahrt einbog. Während sie in der Schlange von Fahrzeugen warteten, waren Menschen aus allen Richtungen angelaufen gekommen und hatten sich an einer Stelle versammelt, etwa zwanzig Meter von ihnen und den Autos entfernt. Irgendetwas an der Gehetztheit dieses Gewimmels und an dem unbeschreiblichen Getön, das von dem rasch anwachsenden Menschenpfropf ausging, einem gespannten Geräusch zwischen Summen und aufsässigem Murren, vermittelte augenblicklich die Gewissheit, dass ein Unglück geschehen war. Wie sonst wäre das Kind auf die Idee gekommen zu fragen: »Baba, guck, da rennen Leute. Was ist da los?« Und wie sonst hätte der Fahrer, glücklicherweise auf Hindi, antworten können: »Ein Mann ist gerade von dem Hochhaus runtergefallen, das sie da drüben am Bauen sind. Ein mazduur. War gleich tot, bechaara

Er hatte sich geweigert, das zu übersetzen. Er hatte versucht, seinen Sohn vom Fenster wegzuziehen, aber als sich die Autoschlange in Bewegung setzte und sie weiterfuhren, sah er durch eine zufällige Öffnung in der Traube von Menschen, die sich um den Tod gebildet hatte, für einen Sekundenbruchteil einen Fleck staubiger Erde, von der Farbe alten Schorfs, getränkt von dem Blut, das sie durstig aufgesogen hatte. Dann schloss sich der Spalt wieder, der Wagen kroch zollweise weiter, und die Vision war vorbei. Er sah, dass sein Sohn den Kopf wendete, um weiter auf die Stelle zu starren. Aber hatte der Junge die Erde wirklich so schwären sehen, oder hatte er es sich nur eingebildet? Ihn danach zu fragen war ausgeschlossen. Befürchtungen stürmten wie eine kopflose Herde heran: Hatte das Kind es gesehen? Würde es ihm schaden? Wie konnte er sich Gewissheit verschaffen, ohne den Jungen selbst auf den Gedanken zu bringen? Die ganze letzte Nacht lang war sein Bewusstsein von diesen bohrenden Fragen gequält worden, bis er schließlich eingeschlafen war.

Von der unnatürlichen Schweigsamkeit des Jungen wachgerufen, kehrten die Fragen jetzt wieder zurück. Als sie am Agra Gate ausstiegen, nachdem sie die Fahrzeit um ganze zehn Minuten verkürzt hatten, sah der Junge entschieden käsig aus, und er selbst spürte, dass sein Lunch aufbegehrte und sich irgendwo hinter seinem Brustbein verschanzt hatte. Der Fahrer grinste: Seine aufleuchtende Selbstzufriedenheit hatte genau den richtigen Hauch von Widersetzlichkeit.

Mehr als zwanzig in den akademischen Kreisen der amerikanischen Ostküste verlebte Jahre hatten ihn der jedem Inder angeborenen Fähigkeit beraubt, gemeinhin als Dienstboten geltende Leute wie Dreck zu behandeln, also schluckte er zusätzlich zu seinem Ärger auch noch die Absicht hinunter, dem Fahrer nahezulegen, es auf dem Rückweg gemächlicher angehen zu lassen, für den Fall, dass er seinen Ton nicht mäßigen konnte und seine Bitte als strikter Befehl ausgelegt werden würde. Stattdessen sagte er auf Hindi: »Wir bleiben nicht länger als eine Stunde.«

Der Fahrer sagte: »Okay, Sir«, und nickte energisch. »Ich bin dann...

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